Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IrJb artton: Tin/1, SchlStzrlgaffe UL Epr«chftmr»e»r Rn Wochentag«, von 4 btt 6 Uhr nachmittags, pafiadr^,! MWtfcheS «ottSblatt, Wie«. S,schd»,rdr« »egen verivLteter oder gar nicht nfoiatn jj uns dringend. — MmmfertvSe werbe« nicht llung «bitte» wir Postjpareaffen-Ront» »470S7. An das Rbmmement kann mau täglich eintretrn. Erlchemt jedcu Freitag unter Mtttvirkrmg der vom tüdimren Volks- Verein erivStzUrn Prefseommifston. Anfeeate itbernehmen die Firmen- I. Danneberg, M. Duke», Haasen» ftetn * Bögler, Rudolf Mofse, R. Oppelik, «. Pozfonyt, fL Schale! in Wien, fern« alle Rnnoncen-Erveditionen im RuSlande. Ginzel'Nrnumer in Wie« IS Heller. Administration r YIII/1, Schlötzelgasse 11. AbonnemeutSpreiS: Für Wie« tu Oesterreich«U»garn fammt Francozustellung. Gan-jLyrig LalbtLbria Bierteldäbrlg Sr. 8.— " 2.- Fttr baS gesmnmte Ausland fammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. v- „ 4.5« : 226 Ar. 37 Wir«, 13. September 1901. 111. Jahrgang. Allen Zreunden und Lesern entbietet zum! Jahreswechsel herzliche wünsche Die Aedaction. Abonnements-Einladung. Am l. Oktober beginnt ein neues Quartal und wir laden höflichst zum Bezüge des „I ü d i s ch e n V o l k sb l a t t" ein. Nach verbältnismäßig kurzer Zeit hat sich das „Jüdische V o l k s b l a t t" einer: großen Kreis von Lesern und Freunden geschaffen, so dass es heute wobl die verbreitetste jüdische Zeitung ist. Aber immer noch stehen große Massen des Judenthums abseits, theilnahmslos. fremd gegenüber dem eigenen Volke. Wer da wirbt, erfüllt ein tüchtiges Stück n a t i o - n a l e r A r b e i t. Immer breitere Schichten müssen für unsere B o l ks a r b e i t herangezogen werden; je größer die Zahl der Theilnehmer wird, desto rascher schreiten wir dem Ziel entgegen! Das „I ü d i s ch c V o l k s b l a t t" ist kein auf Gewinn ausgebendes Unternehmen. Es ist ein Agitat i o n s w e r? z e u g für die n a t i o n a l e E i n i g u,: g unseres arg geschmähten Volkes; es ist eine Waffe — wie sich erwiesen hat, wirksame Waffe — gegen unsere Feinde ringsumher. Darum kann und soll jeder Freund unseres Volkes das „Jüdische VolksblaLt" verbreiten helfen; jeder Leser, den er zuführt, ist bald eine Streitkraft für unsere heilige Sache. Juden, lest, verbreitet das „Jüdische Volksblatt"! Die Bezugsbedingungen sind am KopfedesBlatteser sichtlich; der Preis wurde absichtlich so niedrig gestellt, um das Blatt in alle Schichten des Volkes einzuführen. Für Zusendung von Adressen sind wir jedem Volksgenossen sehr dankbar; Probe- Exemplare tvcrden kostenlos versandt. Die Nedaction ruid Administration des „Jüdischen Rollr-Irlall" VIII. Schlötzelgasse Nr. 11. Rosch haschanah. Meinen Eltern. Durch die ersten rauhen Winde Lässt der Herbst die Blätter streu'n. Welke Wintereinzugsboten Rascheln.bis ans Beth Ha-Midrasch, Und erschauernd tret' ich ein. Weißgetünchte, kahle Wände, Matt die Scheiben, klein der Raum. Dunkelbärtige Gesichter Blicken fahl aus grauen Hüten, Und sie blicken wie im Traum. Träumend lauschen sie den Worten, Die der Greis zu schluchzen weiß . . . Wie ein weißes Höhenwölkchen Sehen sie den Rabbi schweben Segnend überm Beterkreis. Grauweiß hüllt ihn ein sein Talles, Sonne spielt im Silberrand — Also huldiget der Herbst ihm, Denn er ist ein lvahrer König Und die Seele ist sein Land . . . Plötzlich fährt ein Sturm durch alle, Laut ertönt das: „Jom haddin", Tag des Gott- und Selbstgerichtes! . . Sünden-Sühne, Reu' und Hoffnung Läutern klärend Herz und Sinn. Vom Tage. beim Abschied. „Es ende das Jahr mit seinen Flüchen, Es beginne ein Jahr mit seinem Segen." Die Zeit dauert ewig. Jede Secunde ist die Tochter der Vergangenheit und zugleich Trägerin der Zukunft, und so reichen einander in jedein Augenblicke Mutter, Tochter und Enkelin die Hände, und rasch wandelt, die Gegenwart in Vergangenheit, ohne einen Augenblick zu verweilen. Der Mensch jedoch schafft Grenzen selbst in der ewig fliehenden, nimmer rastenden Zeit. Er versucht es, den Athen: anzuhalten, um einer: Blick zu werfen auf die Vergangenheit, welche ihm als Erinnerung zurückbleibt und auf die Zukunft, welche ihn: als Hoffnung vorschwebt. Ein solcher Augenblick des Verweilens ist der Tag des Neujahrs, der Tag, an welchem wir vom alten Jahr Abschied nehmen und das neue begriißer:. Es liegt ein tiefer Sinn darin, dass unsere Weisen diesen Tag als Tag der Buße bestimmt haben. Es ist mehr ein Tag der Abrechnung als der Freude, mehr in seelischer als ein körperlicher Gedenktag, mehr für den Geist als für das Fleisch bestinnnt. Mit den: Spruch: „Es gibt nicht einen Tag, an welchem die Angst nicht großer ist als im vorigen Sein", haben unsere Väter richtig das. Dasein unseres Volkes gekennzeichnet. Die trostlose Vergangenheit bietet nicht minder trostlose Aussichten für die Zukunft. Ein neues Jahr kann uns schwerlich neuen Trost und Müth einflößen, und der Tag von Rosch-Haschanah ist nicht geeignet, ein voller Frendentag zu fei::. Das Jahr 5061, von dein wir jetzt Abschied nehmen, war an: wenigsten geeignet, uns Zuversicht zu bieten und uns mit neuen Hoffnungen zu erfüllen. Das alte Gespenst, das Blutmürchen, ist plötzlich wieder auferstanden. Die Bestätigung des Todesurtheils über Leopold H i l s n er hat ihm neue Nahrung zugeführt, und selbst im liberalen Ungari: nimmt es Dimensionen an, dass die Wiener Antisemiten geneigt sind, sich mit den: verhassten „Juda-Pest" auszusöhnen und den Krieg gegen das Magyaren-Land einzustellen. England will seine Pforten schließen vor unseren armen Vri'ldern, welche Brot suchen, und die französische Republik geht daran, die Rechte der Juden in Algier zu schmäler,: und das Gesetz Cremieux aufzuheben. Rumänien und Russland kann man ohne jeden Commentar zu dieser Liste stellen, denn hier wird ein förmilcher Vernichtungskrieg gegen die Juden geführt, und ein nicht minder schrecklicher Kampf nüt ökonomischen Mitteln geht in Galizien Meine Seele hängt am Sange, Zagend zucken Kinn und Mund. Längst verschollene Gefühle, Zitterperlen aus der Kindheit, Regen sich an: tiefsten Grund. Will nicht fragen, wie und weshalb — Selig, tuen zu rühren mag Seines Volkes ernste Sammlung Und die alte Neujahrsweise — Schweigend segne ich den Tag . . . Und au: Heimweg seh ich sinnend Südwärts zieh',: die Sängerschar Und die falben Blätter fallen, Müde Wintereinzngsboten-, Doch in: Herzen frühlingt's gar. Ke lese. Marek S ch erlag. Zwischen Himmel und Erde. (Eine Neujahrs-Plauderei.) Was ist im Zuge? Plötzlich werde ich von vielen unbekannten Personen aufs höflichste begrüßt. Von aller, Seiten nicken Köpfe mir zu, einige sprechen „sich freundlich an und in allen Gassen der Wiener Leopoldstadt werde ich umschmeichelt, umworben. In Galizien, soviel ich mich erinnere, ist es fast sprichwörtlich geworden: Wenn du plötzlich auf der Gasse angesprochen und warn: begrüßt wirst, so wisse: Wahlen stehen bevor, Wahlen in der: Cultns- oder in den Gemeinderath oder gar in den Landtag oder Reichsrath. In der Zeit, da mein deine Stimme brcnlcht, wird man mit dir plötzlich höflich. So ist es dort — was ist aber hier? vor sich. Selbst in Italien, den: Lande, in dem die Inden den geringsten Theil der Bevölkerung ausrnachen und wo die Assimilation an: weitesten fortgeschritten ist, machen sich antisemitische Symptome bemerkbar. So sind die Gaben beschaffen, die das verflossene Jahr bei seinem Abschied zurücklässt. Dürfen wir danach günstigere Aussichten für die Zukunft hegen? Unser NlNljahrsfcst ist ein Tag der Buße und der Sühne, des Jnsichgehens und der Abrechnung, und so n:öge es an diesem Tage gesagt sein: Wir selbst tragen keinen geringen Theil der Schuld an unserer Lage. Wir selbst haben unsere Fahne ans der Hand fallen lassen, wir haben sie mit Absicht fortgeworfen, habe,: mit Absicht unsere heiligsten nationalen Gefühle unterdrückt, haben fremde Masken uns angelegt, um auf fremden Bällen tanzen zu können, und wie die zehn Tage vom Neujahrstage bis zum Versöhnungstage „Tage dev R ü ck k e h r" heißen, so mögen wir diese Tage benützen, um uns mit den: Vibelworte zuzurufen: Kehre zurück Israel! Gehe in dich und kehre zurück zu nationalen: Selbstbewusstsein und zu Deiner nationalen Würde. Suche deine Hilfe in dir selbst, dann lvixst du mit neuer Zuversicht erfüllt werden, deine Hoffnungen werden sich erweitern und du wirst sicherer und stolzer auf deine Zukunft blicken können. Asemitismus. Zur Landtagswahlbewegung in Böhmen. Es ist traurig und beschämend, wie die deutschliberale Partei stirbt. Anstatt in offenem Wahlkampfe zu fallen, zieht sie sich ohne Gegenwehr aus einem Wahlbezirk nach den: anderen zurück, und ihre Führer biedern sich mit sanfter Z:,dringlichkeit der Deutschen Volkspartei an. Man will eine goldene Brücke für die Ueberläufer bauen; zu diesem Zwecke Hai sich der Wahlaufruf der Fortschrittspartei, der im übrigen säst- und kraftlos lvie gewöhnlich war, über die Judenfrage gründlich — ausgeschwiegen. Symptomatisch ist in dieser Beziehung die neue Tendenz der „Tetschen-Bodenbacher Zeitung", die bisher deutschliberal war. Der Schriftleiter dieses Blattes hat in richtiger Erkenntnis, dass es seinen: Blatte an Cultur fehle, ein Stück g a l i z i s ch e r Cultur nach Böhmen transportiert; der Asemitismus, diese Erfindung einiger Halluntischer Schlachzizen, soll das deutsche Volk in Böhme,: reiten. Natürlich glaubt der geehrte Schriftleiter selbst nicht daran, aber er hofft, nachdem mit der Fortschrittspartei kein Geschäft mehr zu machen ist, seine eigene Tasche zu retten. Jedenfalls keine Wahlen, übrigens bin ich auch kein Wähler. Doch halt, jetzt fällt mir ein: Es ist vor den „hohen Feiertagen", die Zeit, da sich alle Schankloeale — selbst antisemitische — und mancher Salon in Bethäuser verwandeln und die „Gottesdienst-Arrangeure", welche wissen, dass man in den Tempel nur um schweres Geld hineingelangen kann, winken Dir überall zu: „Hereinspaziert! Nur 2—3 Gulden, ein schönes Local, ein wunderbarer Vorbeter, alle Bequemlichkeiten, nur hereinspaziert!" Hier Menschendienst — hier Gottesdienst! Hier Vertreter auf Erden und hier Vertreter des Hinnnels! Und wahrlich! Wie viele Parallelen lassen sich zwischei: beide,: ziehen! Es handelt sich ja in beiden Fällen :m, Abgesandte, um Vertreter. Der Chase,: in der Synagoge heißt ja auch „der Gesandte von der Masse" ,(-vn^ n.ibttf)/ cl‘ $ der Vorbeter für Gott, der Abgeordnete ist der Vorbeter für das Gesetz. Für den ersteren ist vorgeschrieben: Er muss eine schöne Stinnne und einen schönen Vortrag haben, er muss in seiner Gemeinde beliebt sein, und das sind ja auch die angepriesenen und angebotene,: Eigenschaften bei einer Wahl. Ja, auch Wahlreden werden in Synagogen gehalten und dafür zur Compensatio:: Gottesdienste in Wahllocalen. Gestern wurde beispielsweise in einem bestimmten Gasthauslocale eine antisemitische Wählerversammlung abgehalten. auf der über die Juden weidlich geschimpft wurde, und heute versammelt sich in demselben Locale ^as jüdische Volk und legt das offene Bekenntnis ab: „Wir haben gesündigt, tvir haben Verbrechen begangen!" Allerdings keine Verbrechen von jener Art, von der gestern die Rede war. Die gestrige Wählerversannnlnng ist durch viel klingende Mittel zustande gebracht worden und alich heute verkündet der Vorbeter: „Fasten, Beten und Geld (Almosen) zerstören die Gesereth." Freilich ist das Beten und das Geldspende,: -von ganz anderer Art. Und doch! Wir Inden sind nach