Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 2× ep/1000754
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Wien, Freitag 30. August 19'M Seite 5 Nr. 35 Jüdische.« Volkshin:! europäische Sprachen gelehrt; es sind das hauptsächlich die Schulen der Waisen- und Erziekiungshäuser. Die Schulen der Amerikaner, Franziskaner und Jesutten fördern ihre Zöglinge am weitesten; sie bilden Kaufleute, Dragomane, Aerzte, Lehrer, Prediger aus. Die beiden Hochschulen in Beirut, eine von den Amerikanern, die andere von Jesuiten unterhalten und geleitet, sind fast nach Art der europäischen Hochschulen mir verschiedenen Facultäten eingerichtet. Die nationalen Schulen der in Palästina ansässigen Deutschen, der evangelischen Kirchengemeinschaften und der Tempelgesellschaft zählen nicht zu den eigentlich palästiuäischen Schulen, ihre Organisation entspricht ganz dem deutschen Schulwesen und die Lehrer sind Deutsche. Eine solche Schule befindet sich in Sarona, je zwei in Haifa, Jaffa und Jerusalem. Unter den palästinäischen Missionsschulen stehen die deutschen im Vordergründe in Bezug auf Leistungen. Der Verein vom heiligen -Grabe, der seinen Sitz in Köln hat, unterhält neben dem deutschen Hospiz in Jerusalem ein Mädchen-Internat und eine Tagesschule. Der evangelische Jerusalemverein, der seinen Sitz in Berlin hat, unterhält Schulen in Betlehem, Betschala, Hebron und Bet Sahur. Das Syrische Waisenhaus in Jerusalem für Knaben und wenige Mädchen (Internat) zählt 300 Schüler, die Kaiserswerther Mädchen-Waisenanstalt IM und das Waisenhaus in Bettehem40 Kinder. Durch die Eifersüchteleien der verschiedenen Neligions- und Confessionsgemeinschften werden die Schüler oft zu Fluchtversuchen veranlasst, weil die Flüchtlinge bei der Concurrenzschule immer bereitwillilg Aufnahme finden. Diese hässliche Erscheinung beeinträchtigt selbstredend die Erziehung, sie wird aber nicht aufhören, solange die Proselytenmacherei in Palästina ein Hauptfeld findet und durch Geschenke und andere gebotene Vortheile gepflegt wird. Smyrna, (j® i it angeblicher R.i tualmord in der Türkei.) Wir berichteten kürzlich über einen Process, der in Smyrna gegen 42 Personen stattfand, welche angeklagt waren, an den Unruhen gegen die Israeliten theilgenommen zu haben, die in Smyrna in der Osterzeit dieses Jahres aus Anlassdes angeblichen Verschwindens eines griechischen Knaben entstanden waren. Die Angeklagten leugneten jede Schuld; sie hätten sich an den Zusammenrottungen nicht betheiligt und wären nur durch Zufall verhaftet worden. Der Bericht des Commandanten Chefket Bey, der an der Spitze eines Batuillons entsendet wurde, um die Volksmassen zu zerstreuen, besagte, dass, als der Tumult seinen Höhepunkt erreicht hatte, plötzlich die Nachricht kam, der Knabe sei nicht von den Juden ermordet worden, sondern habe sich vor den Misshandlungen seiner Mutter und seines Bruders geflüchtet und sei, als er die Folgen seiner Flucht erfuhr, freiwillig zurückgekehrt. Der angebliche ermordete Knabe Anesti K o st u erschien bei der ersten Verhandlung als Zeuge. Dieselbe wurde auf acht Tage vertagt, und am >7. d. M. fand nun, wie uns berichtet wird, unter Vorsitz des Präsidenten M u st a p h a N e d i m Bey die Schlussverhandlung gegen die 42 Angeklagten statt. Zu derselben halte sich eine zahlreiche Menge eingefunden. Die Vertreter der Angeklagten bemühten sich, für ihre Clienten ein mildes Nrtheil zu erwirken. Der Gerichtshof sprach 29 Angeklagte scec und verurrhecktedie restlichen dreizehn zu je 71/a Monaten Gefängnis. Die jüdischen Ackerbaurolomen in Argentinien. II. B u e n o s - A l) r e S, Ende Juni. Schon in grauender Morgenfrühe wird es in der Ansiedlung von rollenden Fuhrwerken lebendig. Ich hebe den schtveren Sperrbalken auf, welcher die Thür meines Schlafzimmers gegen die Terrasse des schmucken Coheu'schen Prwathauses von innen sichert, heule mehr nur eine Reminiscenz der ersten gefährlichen Pionnierjahre. Da mittlerweite auch um den Besitz der Jewish Association herum andere, meist von Italienern besiedelte Colonien entstanden sind, haben sich die „Schwarzen", lvie die Russen von Moisesville die hier oben allerdings meist sehr bronzefarbigen Gauchos bezeichnen, so weil sie gefährliches und arbeitsscheues Gesindel ivaren, weiter nach dem Norden in die Wälder des Chaeo verzogen. Durch den sorgfältig gepflegten Nutztind Ziergarten des Verwaltungsgebäudes schretten tvir nach dem Hause des Herrn Fontana, in tvelchem sich auch die Burenux befinden, Nach kurzem Imbiss besteigen wir das Break, auf welchem tvir iii der Folge, mir einer Mittagspause, kreuz und quer durch die Eolouie bis zum Abend etiva 80 .Kilometer zurücklegeit. Auf gut gebahnten, mir ei nein der Verwaltung gehörigen auterikauischeu Wegpflug stets in gutem Zustaud erhaltenen breiten Landwegen rollt unser Fuhrirerk iti den frischen Morgen hineiin Zur Rechten lassen wir die kleine, aber gefällige Synagoge, über bereit Rtmdbogeurhiir in Hebräisch ttnd Spanisch ein Spruch ztir Nächstenliebe mahnt. Junen ist das Gebäude noch ziemlich schmucklos; mail sieht, dass die Coloitisten sich zti Luxusausgaben noch nicht entschließen lvollteti und ihre Betriebsilberschüsse vor der Hand lieber tu Kühen und Ltlzertiesainelt als in Teppichen mit» goldenem Zierrath entlegen. Hinter der Shltagoge, ein kleiiteres Backsreingebäude, ist das religiöse Bad uird daneben das stattlichste HanS in ganz Moisesville: die Hauptschtile der Colonie, neben welcher iwch zlvei lvenere Sectionsschtileu bestehen. Auch die Hauptschule, in welcher bereits in drei Classeu gleichzeitig 'unterrichtet lvird, hat eine baldige Erweiterung nüthig, deirn, lvie inir der erste Lehrer Leva, ein junger Mann mis Constnutiuopel lind, gleich allell Lehrerli der verschiedenen Colonien, von der Alliance Jsraelite ausgebildet und herausgeschickt, erzählte, erreicht die schulpflichtige Jugend voll Moisesville -bereits errva 200 Köpfe. Da die Kinder von den ersten Unterrichtsfahren an ein eorrectes Spanisch 31t lernen haben und zuhause um: Jargon hören, so lvurdeti die Lehrer aus den in der Türkei und Marokko ansässigen spatlisch sprechenden Juden ausgewählr, tiurer welchen bei der dein Jtiden eigeuthümlichen coilserpativen Pierät bis heute die Sprache des Latides sich erhalten har, das ihre Vorfahren so schitöde pertriebeil, sotveit sie nicht den Greueln der Inquisition zlim Opfer gefallen waren. Alls der Eolouie Maurieio werden tvir später marokkanische Lehrer fiirdeu. Abgesehen von den eben erwähnten öffentlichen und Verwaltungsgebäuden, zri denen noch das Haris des Arztes, des Apothekers und ein großer Lagerschuppen aus? Wellblech hinzuzureciineii ist, .zählt das heraitlvachsende Städtchen noch etiva ein Dtltzeltd Fassaden - häuser; der Rest der eentralelt Ansiedlnng besteht aus den je nach dem Fantilietizlilvachs erloeiterten, ursprünglich mit zlvei Wohnräunien atlsgesratteteu, in gebrailllteil Ziegeln erstellten Eolouistenhäliüchen, lvelche, gewöhnlich boit der Straße Snitcl] einen Vorgarten getrennt, unter Bäumen halb versteckt, rings hertlm verstreut siild. Noch einige lveitere ^-ectivlien der Colonie silld nach diesen! Dorfshstem angelegt; für die nellen Districte derselben ist aber dieses Shstent aufgegebeu lvordeu, und es lverdeu jetzt an dem Kreuzweg zrvischen je vier zusainmenstostendeu Eolvllisten-Losen die Häuser für die betreffenden Pier Familien angelegt, so dass jeder Baller den Acker direet an sein Gehöft anliegen hat und keine Zeit verliert, mn zum Arbeitsplätze zu gelangen. Wir kominen an einem alten Weizenfeld vorüber, lvetches soeben für die netie Aussaat lvieder hergerichtet lvird. Ein zehnjähriger Kunde teilkt den Sitzpfllig, denn schon von kteili auf lverdeu die Kinder zur Arbeit auf deru Acker angehalteu. Der Kindersegeii ist hier von eitler großen wirtschaftlichen Bedelttung; denn das Fortkomnren einer Familie richtet sich nach der Zahl der arbeitsfähigen Söhne llild Schlviegersöhne, lvelche in der Concession des Vaters initarbeitell. Alleinstehende Männer oder killdertose Ehepaare sind von so ausgedehliteiu Betriebe, lvie ihn die hiesigen Verhältnisse verlangen, ausgeschlossen, lind tonnen höchstens im Taglohu arbeiten. Es lverdeu denn auch sehr frühe und fast stets sehr srnchtbare Ehen ge,chlossen. Unser Fuhrinann Wölfle peNert auf zlvei große Futterschober los, in deren Nähe eilte Locomobile qualint und pustet. Sie treibt dre Maschine zum Ballenpressen der trockenen Luzerne. Wir sehen eine Weile zir, wie die amerikanische Maschine, deren Motor, beiläufig bemerkt, mit dem Heu selber geheizt wird, das lose Futter wurstartlg zu den kleiiteu, mit Draht zlisammcitgcschilürteit 00 Kilo schweren Ballen zusammcnpackt, lvie sie für deri Export, besonders nach Vrasilen und dem Capland, verlailgt werden. Das Trockenfutter von Moisesville ist auf dem hiesigelt Platze bereits eine bevorzugte Marke geworden, und da die Luzerne-Felder, soweit sie nicht zur Viehweide dienen, fünf bis sechsmal im Jahre geschnitten werden köuncit und unter Zufälligkeiten, wie Trockenheit, Heuschrecken nsiv. viel weniger als Getreide zu leiden haben, so ist die Luzerne-Cultur im steten Wachsthum begriffen, und die Verwaltung hält darauf, dass die neuen Colonisten von Anfang an einen Theil des frisch bestellten Landes der Luzerne widmen. Im letzten Jahre betrug die Ausfuhr von trockener Luzerne aus Moisesville au 6000 Touilcu. Hand in Hand mit der Ausdehnung des Luzerneanbaues ist auch die Viehzucht eine Hauptcinuahmequelle der Colonie getvordeil, llud uachdenl es in den ersten Jahren der Verwaltung ziemlich schwer geworden lvar, um die Colonisten von der Wichtigkeit einer Rasseuberbesserung des gewöhnlichen Campviehcs zu überzeugen, sind dieselben jetzt zum größten Theile selber schon Eigenthümer von feiner Kreuz-,icht zur Blutsverbesserung. Neben etwa 1500 Pferden und 1000 Arbeitsochseil besitzt die Colonie bereits über 2500 Milchkühe, von denen etiva ein Fünftel Halbblut sind, zu deren weiterer Veredlung 118 Zuchtstiere und 75 Hengste, zum größeren Theile Privatbesitz der Colonisten, gehalten werden. Die Mehrzahl der Aecker liegt bereits zlir Aussaat fertig da, und endlos dehnt sich die schwarze, glatt geeggte Fläckie. Nur' vereinzelt ist noch ein Bauer, die alten gewöhnlich lloch in den langen Kaftan gekleidet, mit Ackern beschäftigt. Auf dem Drahtzaun, der fast alle Felder einfriedigt, sitzt da und dort ein bunt gefleckter Carancho, eine Geierart voll Adlergröße, welche bei unscrm Nahen mit schwerfälligem Fluge sich daboiimachen. Sie werden, wie die weißen Möven, gern geduldet, da sie Ungeziefer des Bodens vertilgen, und mau sicht sie in ganzen Schwärmen hinter den: Pfluge in die fuifcücu Ackerfurchen sich stürzen. Die glatten, zugerichteteu Aecker und die jetzt im Winter meist.abgeweidetell Luzeriieselder lassen die ungeheure Ebene, wenn für dieselbe ciu Comperatib noch zulässig sein sollte, wouiöglich noch flacher als sonst erscheinen. All dein klaren, voil einem wolkenlosen Himmel überspannten Horizont, der nur ganz im Osten, in der Richtung liach dem dort verlaufenden Thale des Parauaflusses an eineui Duuststreifeii ciu von der fernen Seeküste heraufziehendes Regeiiivetter vermutheu lässt, bezeichnen da und dort dunklere Schatten die Baumgruppeu, welche die Lage der Häuser der verschiedenen uetien Seetioneil der Colonie keunzeichuen. Die Nächstliegenden Gruppen werden von den im Jahre 1896 aus Grodno ailgckommcueu 60 Familien gebildet, deren Lehrjahre sich dank der von den ersten Ansiedlern gesammelten Erfahrungen bereits leichter gestalteten. Die Häuschen, durch einen Gemüse- oder Banmgarten von der Landstraße getrennt und voll einer Unzahl Geflügel aller Sorten umschwärnlt und umschnattert, sind zwar sehr einfach, aber reinlich, niid ihre Bewohner sehen zilsrieden und wohlgenährt aus. Auch alle Maurerarbeiten und die so nothwendigen Gewerbe des Schlossers. Zinnnermanns u. s. f. werden auf der Eolouie von russischeu Juden ausgeübt, und bei manchem Haus läfSt sieh au den freilich mitunter ettvas urwüchsig ausgefallenen Verzierungen der Feiisterbögen oder Gesimse auch der Wunsch nach äußerer Gefälligkeit erkennen. Denn trotzdem für jeden Colonisten von Anfang an die wirtschaftlichen Bedingungen die gleichen gewesen waren, haben sich doch, hauptsächlich infolge der Verschiedenheit der Fainilienverhältnisse, schon heute erhebliche Unterschiede im Wohlstände der einzelnen Ansiedler herangebildet. Einer der wohlhabendsten Colonisten von Moisesville z. B., der alte Malachowitsch, hat sein rasches Heraufkounncn wesentlich dem Umstande zu verdanken, dass er das Werk mit sieben erwachsenen Söhnen begann, von denen ihm leider in den ersten Jahren drei starben. Die vier stämmigen Burschen mit ihren sonnverbrannten Gesichtern, die wir am Feierabend vor ihrem Hause treffen, unterscheiden sich in nichts von irgend einem südländischen Colonisten, und nur der Alte mit dem eisgrauen Bart und dein breiten Tolstoi-Gesicht, der uns in der Wohnstube empfängt, hat noch die väterliche Tracht des langen Kaftans beibehalte?r. Wie lvir hören, besitzt die Familie bei 200 Hektaren Feld bereits einige 000 Stück Vieh; nicht weniger als 60 Hektar ihres Landes haben sie der Luzerne, zum Theil für die Viehweide, zum Theil für den Export von Trockenfutter gewidmet. Dabei ist der Viehstand des Malachowitsch noch nicht einmal der größte in der Colonie; Nothmann, der früher in Monigotes ansässig gewesen und von dort nach Moisesville übcrgcsiedelt ist, hat 700 Stück, Waxenberg über 400 Stück, u. s. f. Bereits ist Moisesville zu einem localen Viehmarkte geworden; alle 14 Tage, am Sonntag, kommen von Santa Fe und Santiago, soivie von den umliegenden Colonien, Fleischer und Viehhändler, mn ihren Bedarf an Schlachtvieh in Moisesville zu decken. Der große Besitz von an die 2600 Milchkühen sichert den Colon istcn außerdem eiue regelmäßige Einnahme von der Milch, lvelche im Sommer in einzelnen Fällen dem Ansiedler bis zu 120 Schilling im Monat abwirft. Es hat nämlich die Verwaltung mit einer schwediicheu Gesellschaft für Buttersabrication ein Abkonnnen dahin getroffen, dass dieselbe gegen Ueberlassung des erforderlichen Terrains auf den Colonien der Association die Maschinerien zur Entsahnung der Milch aufstellte und sich zur Abnahme der gesammteu von den Colonisten gelieferten Milch zu einem nach dem Buttergehalt berechneten Tarif berpflichtetc. Dass die Schweden auf ihreni Terrain Schweine halten, au welche die Magermilch verfüttert wird, mussten die Anhänger streng mosaischer Observanz des Geschäftes halber eben mit in den Kalls nehmen. Einzelne Colonisten besorgen das Fuhrgeschäft, um die Milch täglich anf besonders für die numerierten großen Milchkannen eingerichteten Wagen nach der Fabrik zu bringen. Das Conto jedes Colonisten wird dabei nach Menge und Bnttergchalt der abgelieferten Milch, unter Entuaünle von der Verivaltnng der Association in Buenos Ayres eoittrotierter Proben, in der peiulichstel! Weise geführt. Die Verwaltung zahlt dabei sogar noch eine Prämie für hohen Buttergehatt, lim ili ihrer väterlichen Weise den Eifer der Colonisten zur Verbessertlug des Viehschlags der Milchkühe auzusporuen. Rechnet mqu zu dieser Einunhrne von Milch noch den Ertrag der fast niemnls versagenden Luzerne, so kann dank dieser gemischten, nicht auf den Körnerbau allein beschränkten Wirtschaft ein Cokonist der Jewish Association beute den Ertrag seines Weizens oder Leinsaat qewisserluaßeu als Sttperdivideude betrachten, welche er nach Deckung aller seiner Kosten atnb der Abzahlung an die Verwaltung zu dem Aukans von mutet» Vieh oder zum Erwerb von neuem Land für die Söhne oder Schwiegersöhne verwenden kann. Aus Russland. (Original-Correspondenz des „Jüdischen Volksblatt".) St. Petersburg, Mitte August 1901. Der Wiederbeginn des Unterrichtes in den öffentlichen Schulen steht vor der Thür, und die „jüdische Frage" bezüglich d-r Aufnahme jüdischer Schüler in die Mittel- und Hochschulen wird wieder aetnell. Bekanntlich lauten die ministeriellen Forderungen vom Jahre 1887 bezüglich der Aufnahme von Juden in die Universitäteil, die bis jetzt offieiell aufrecht blieben, folgendermaßen: Die Aufnahme von Juden in den beiden Hauptstädten Petersburg und Moskau bleibt auf 3 Percent, in den südrussischen Universitäten auf 10 Percent, in allen änderen Universitäten ans 5 Percent beschränkt. Auch für die russischen Mittelschulen wurde nach Maßgabe der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Gouvernements ein bestimmter Percentsatz festgesetzt. In diesem Jahre wussten jedoch mehrere Zeitungen, die allerdings keinen officiellen Charakter tragen, von Neuen Beschränkungen zu berichten, die in der jüdischen Bevölkerung Beunruhigung yervocriefen. So berichteten die „Nowosti", dass auf Befehl des neuen Ministers für Volksaufklärung von nun ab in die höheren technischen Schulen jüdische Hörer bloß bis 2 Percent, während in die Petersburger Polytechnik überhaupt keine Inden zugelassen werden. Die St. Petersburger „Wiedomosti" wussten zu berichten, dass der Satz von 3 Percent auf alle Universitäten ausgedehnt wird, während in die Moskauer Universität keine Inden mehr ausgenommen werden. Die „Rnsskaja Wiedomosti" giengen noch weiter und berichteten, dass auch für die Gymnasien die Aufnahme jüdischer Schüler auf 2 Percent beschränkt bleiben wird. Solche und ähnliche Nachrichten brachten die nach Bildung strebende jüdische Bevölkerung nahezu zur Verzweiflung. Die „Budostschnostj^ (ein jüdisches Wochenblatt) bemerken hierzu: Die Aufstellung dieser Percentsätze stimmt nicht ganz. Die Juden in Russland bilden ungefähr 20 Perceut der güvzett Bevölkerung. Hierzu kommt noch der Umstand, dass viele Schulen und Lehranstalten den Juden von jeher nicht zugänglich sind, wie die Cadetten- und höheren Militärschulen, sowie die Erziehungsanstalt für Adelige. Es hat sich mehrfach in der Praxis gezeigt, dass ein Mittelsatz von 5 Percent für die jüdische Bevölkerung nicht ausreicht, wie die große Anzahl jener Schüler beweist, welche nach abgelegter Maturitätsprüfung keine Aufnahme in die Universitäten finden konnten, und wenn der Percentsatz gar auf 2 Percent für die Mittelschulen und auf 3 Percent für die Universitäten herabgesetzt werden sollte, dann würde das Missverhältnis zwischen dem Bildungsbedürfnis der jüdische» Bevölkerung und den ihr aufgelegten Beschränkungen ein noch auffallenderes werden. Doch hat man es, wie gesagt, vorläufig bloß mit Zeitungsnachrichten ohne officielle Bestätigung zu thun. Uebrigeus kommen aus Odessa und Moskau gar entgegengesetzte Nachrichten. Die Odessaer Blätter berichten fast einstimmig, dass in dortigen Universitätskreisen von neuen Beschränkungen bezüglich der Aufnahme von jüdischen Hörern nichts bekannt ist, und in der That heißt es in der für das zu eröffnende Schuljahr erlassenen Kundmachung des Rectorates ausdrücklich, dass auch in diesem Jahre die Aufnahme jüdischer Hörer bis zu 10 Percent erfolgen werde. Auch aus Moskau wird Aehuliches berichtet. In der Kundmachung der dortigen Univerfität heißt es angeblich: „Auf Befehl des Ministers für Volksaufklürung ist die Zahl der aufzunehmenden jüdischen Hörer auf 3 Percent beschränke" (also nach dem alten Satze vom Jahre 1887); dagegen berichten Minsk er Lvcalblätter, dass der Direewr des dortigen Gymnasiums eine Kundmachung erlaffen hat, in der es heißt: >,Aüf Befehl des Wilnaer Schulcuratoriums werden im Schuljahre 1901/02 gar keine Inden in das diesige Gymnasium ausgenommen werden." Aus allem ist zu ersehen, dass in der Schulfrage eine unruhige Stimmung platzgegriffen hat, und es ist nicht zu verwundern, wenn in jüdischen Kceisen die Errichtung von Schulen auf eigenen Kosten, insbesondere von Handelsschulen, geplant wird. Aber auch solchen Schulen, die mit jüdischem Gelde errichtet werden sollen, weigert sich die Regierung, das Oeffent« lichkeitsrecht zu ertheilen, wenn nicht ein gewisser Pereentsatz eingeführt wird, wie der Fall aus Wilna beweist: Noch vor zuiei Jahren beschloffen dortige Kaufleute, eine Handelsschule auf eigene Kosten ins Leben zu rufen, und bestimmten in den Statuten, dass jüdische Schüler bis zur Hälfte zugelaffen werden sollen. Es vergiengen seitdem zwei Jahre, ohne dass der Plan irgendwelche greifbare Gestalt erhielt. Endlich wurden neue Statuten ausgearbeitet, und der Passus bezüglich der Aufnahme von Juden lautete, dass die Christen die Hälfte der Plätze einnehmen werden, während der Juden keine Erwähnung geschah. Aber auch dieses neue Statut fand in Petersburg keine Besrätigüng, so dass erst ein dritter Entwurf vorgelegt würde, doäch diesem neuen Entwürfe soll die Zahl der Juden nicht mehr als die Hälfte der verfügbaren Plätze ausmacheu, sondern der jeweiligen Anzahl der christlichen Schüler gleich bleiben. Mit Recht wehrte sich jedoch die jüdische Bevölkerung dagegen, denn da die Zahl der jüdischen Kaufleute in Wilna 89 Percent beträgt, so würde sich nur eine geringe Anzahl von christlichen Schülern zur Aufnahme melben, da denselben noch überdies andere Schulen zur Verfügung stehen, und so wurde das neue Statut zurückgewiesen. Die Sache ist also noch lange nicht erledigt, und mittlerweile haben auch die Juden von Minsk, Bialystok und anderer Städte die Einrichtung von Handelsschulen beschloffen und werden zweifellos dieselben Erfahrungen machen, wie die Juden von Wilna. So ist mit dem Schulwesen in Russland bestellt. Hazofe. Bücher-Einlauf. Von der „Neuen Zeit" (Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 47. Heft des 19. Jahrganges erschienen. Ans dem Inhalte hebe« n?ir hervor: Elsaß-Lothringen und das Reich. Von Georg Weilt. — Was ist der ökonomische Materialismus? Von Dr. Casimir v. Kelles- Krauz. — Der Opportunismus in der Praxis. Von ParvuS. 2. Der Opportunismus und die Doctrin.^ — Der Einigungscongress der amerikanischen Socialisten in Indianapolis. Bon Jlllius Vahlteich. — Literarische Rundschau: Haushaltungsrechnungen Nürnberger Arbeiter. — Feuilleton: Wie die Heimat stirbt! Bilder aus dem Osten von Fritz Skowronek. (Fortsetzung.) „Das freie Wort", Frankfurter Halbmonatsschrift für Fortschritt auf alle» Gebieten des geistigen Lebens. Herausgegeben von