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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Date
1901-08-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag ftÖitbc. Nus der jüdischen Turner-Welt. Tnrnfahrtcn. Vermischtes. Für praktische Turnen. 16, Jahresbericht des Vereines zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender in Wien. Von der „Neuen Zeit" (Stuttgart, Tietz' Verlag) ist soeben das 46. Heft des 10. Jahrgangs erschienen. Nus dem Inhalt heben wir hervor: Der Opportunismus in der Praxis. Von Parvus. 1. Der Opportunismus imb die socialrevolutionäre Entwicklung. — Die deutschen Nrbeiterseeretariate. Von Hermann Müller. ■—■ Die landwirtschaftliche Entwicklung Dänemarks. Von 61. Bang. (Schluss.) — Zum Genernlstrike der Flaschenmacher. Von Herm. Fleitzner. — Literarische Rundschau: Nlfred Bock, Bodo Sickenberg. — Feuilleton: Wie die Heimat stirbt! Bilder aus dem Osten von Fritz skolvronnek. Von dem Volksthümlichcn Handbuch des österreichischen Rechtes von Dr. I n g lv e r und Dr. I. Rose n sind nunmehr die Hefte 18 bis 21 erschienen und ist hiemit der erste Band abgeschlossen. Derselbe hat einen Umfang von 656 Seiten und ist elegant gebunden zum Preise von K. 6.50 durch alle Buchhandlungen sowie vom Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Wien, 6. Bez., Gumpendorserstratze 18 zu beziehen. Das ganze Werk tvird 2 Bände oder 40 Hefte (je 25 H.) umfassen. Während der ersteBand dasVerfassungs- und Verwaltungsrecht ungemein anschaulich lind populär zur Darstellung brachte, tvird der zweite Baud das Civilrecht, das Handels- und Wcchselrecht, das Arbeiterrecht, das Strafrecht, das ganze Gerichtsverfahren lind das Verfahren außer Streitsachen in derselben leichtfasslichen und allgemeinverständlicheu Weise darstellen. Das Werk verdient in der That das Lob eines uitentbchrlichen BeratherS für jedermann. Predigten, Betrachtungen und Gebete des verstorbenen Rabbiners Dr. Benjamin R i p p u c r - Glogati, Berlin 1001. M. Zuelzer & Co. Ter Rippner ist einer der selbstäitdigskeli jüdischen Theologen, der gedankenreichsten uitd tvirkuitgsvollsten jüdischeit Kanzelredner der letzteit Jahrzehnte. Ein Kenner uub Schöpfer, verstand er es, das Gold der alten jüdischen Glaubensweisheit sinnreich einzuprägen nach den Anschanungcn der Oiegenwart und ihre Lehren dem Herzen und Verständitis seiner Zuhörer nahe zu bringen; Meister der Rede und Dialectik, erörterte er die Hoheit Probleme der Religioit, die ethischen und socialen Forderungen, die Tagesfragen, die das Jndenthum berühren, in tiefer und doch schlichter Weise; seine Predigten sind in seltener Weise zugleich durch Lebensweisheit und Jugendfrische gekennzeichnet, und hieraus erklärt sich der zauberhafte Eindruck, den sie auf seine Gemeinde ausgeübt haben. Sogleich als der Tod den Mund des begnadeten Predigers, leider zu früh, geschlossen, wurde von verschiedenen Seircn der Wunsch laut, es möchten die wertvollsten Predigten des Dr. Rippner ausgewählt und durch den Druck der breiteren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dieser Arbeit hat sich ein jüngerer Freund des Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. Jacob-Güttingen, in sehr dankenswerter Weise unterzogen. Er hat den nachgelassenen Schatz von Predigten gelichtet, 180 Predigten und Betrachtungen ausgewählt, sie tcctlich geprüft, mit charakteristischen Ueberschriften versehen und nach ihrer Zugehörigkeit zu den Wochenabschnitten bezw. Festen zusammengestellt, endlich ein Vorwort vorausgeschickt, in dem er über seine Arbeit Rechenschaft ablegt und die Eigenart des Verfassers vortrefflich würdigt. Als einen besonders wertvollen Anhang hat der Herausgeber eine Anzahl mustergiltiger Gebete Rippners für Wochentage, Sabbathe und Feiertage hinzugefügt. Dr. Rippner wusste in seltener Weise den mannigfachen Gefühlen und Bewegungen des jüdischen Herzens nachzuspüren und Worte zu geben. Seine Gebete sind durch die Lauterkeit des Gedankens, die Innigkeit des Gefühls und die Vollendung des Ausdrucks ausgezeichnet und verdienen die weiteste Einführung in die Familien und Gemeinden. Diese Sammlung von tiefen und dabei populären und formvollendeten Predigten, Betrachtungen und Gebeten ist zugleich geeignet und unter diesem Gesichtspunkte angelegt, Lehrern und andern für das Predigtamt nicht vorgebildcten Männern, die namentlich in kleineren Gemeinden die Stelle des Predigers oft zu vertreten haben, als Hilfsbuch zu dienen, ferner den in unserem Vaterlande so zahlreich verstreuten kleinen jüdischen Gemeinschaften, die der Belehrung und Erbauung durch das Gotteswort gänzlich entbehren müssen, den Prediger zu ersetzen, schließlich ein Andachtsbuch der israelitischere Familie für geweihte Stunden und Tage zu werden und so eine schon lange empfundene und'oft bedauert Lücke in der jüdischen Predigt- und Gebet-Literatur auszufüllen. Das Buch ist mit dem Bilde des Verfassers geschmückt und vornehm ausgestattet und gebunden. Um die Anschaffung des Werkes den iveitesten Kreisen zu ermöglichen, ist der Preis auf nur 8 Mark bemessen. Ktimmen aus dem Mblirmm. Der moderne Zug in der Kunst, durch das Handwerk sich dem Volke mitzutheilen, wirkt auf das Handwerk ungemein belebend und erhebend ein. Man kann sich in dem Atelier Therese B u x - bäum, 2. Bez., Leopoldsgasse 30, überzeugen, mit welcher künstlerischen Feinheit die Monogramme und Stickereien auf den Brautausstattungen und Tapisserien ausgeführt sind. Wir laden alle Damen ein. sich durch einen Besuch im Atelier von der Schönheit und Neuheit der Muster zu überzeugen. Im Herrenmode-Geschäft Johann Hockl, 1. Bezirk, Herrengasse 4, ist die reichste Auswahl in sämmtlichen Facons von Cravatten zu finden. Herrenwäsche wird solidest ausgesiihrt. Passender Schnitt garantiert. Unter der großen Hitze leiden besonders die Großstädter. Die Chronik verzeichnet jeden Tag Hitzschläge. Zur Verhütung empfehlen wir die Benützung der Strombäder von Holzer an der Kronprinz Rudolf-Brücke. Sie sind bequem mit der Stadtbahn und der elektrischen Tramwah zu erreichen. Max Heller-Schuhe! Wir machen unsere Leser aus das Schuhgeschäft Heller, 0. Bez., Alserbachstratze 20, aufmerksam. Die Waren sind ebenso billig wie dauerhaft und solid. M Rundbakin, Fahrradhans. Das Rad ist heute kein Luxusgegcnstand mehr. Nich radfahren, heißt hinter seiner Zeit Zurückbleiben, denn Zeit ist Geld. Darrnn kaufe sich jeder ein Fahrrad bei M. Rundbakin, 0. Bez., Berggasse 3. Aufruf! Am 0. August d. I. brach im Hause eines armen Glaubensgenossen irr St. Leonhard, Bez. Mank, ein verheerendes Feuer aus. In wenigen Minuten stand das ganze Gebäude in Flammen, in welchem unser unglücklicher Glaubensbruder, der sich und seine Familie vom Hausierhandel mühsam ernährte, eine bescheidene Wohnstatt inne hatte. Hab und Gut des ohne sein Verschulden Verunglückten fiel den Flammen zum Opfer, so dass dieser Arme mit seiner bedauernswerten Familie, nunmehr obdachlos, dem Elend preisgegeben ist; da er seine geringe Habe nicht versichert hatte, so fehlen ihm selbst die geringsten Subsistenzmittel. Es ergeht daher an unsere opferwilligen (Glaubensgenossen die inständige Bitte, sie mögen dazu ihr Scherflein beitragen, um die bittere Noth der Unglücklichen zu lindern! Jeder Unterstützungsbeitrag hilft die Nothlage der Unglücklichen lindern und ihren Muth wieder aufrichten. Der jüdische Wohlthätigkeitssinn, der sich stets bewährt, tvenn es gilt, Unglücklichen beizustehen, wird zuversichtlich auch diesmal den Bemitleidenswerten seine Theilnahme nicht vorenthalten. Der Vergelter alles Guten und Edlen tvird es tausendfach lohnen l Der Vorstand. Gütige Spenden nimmt die wohllöbl. Redaction dieses Blattes entgegen I Jüdisches Votksblatt Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) „Paketel, ein Spass," sagt Rcb Perez Krummbein, welcher als „Roschetobl" (Vorsteher) den Vorsitz führt, „ein Spass, was das kosten tvird." „Ehn Ziber Onil" (Eine Gemeinde ist nicht arm) tröstet Mechol Pradcnik. (Sein Trost muss aber wenig einleuchtend befunden tvorden sein, dem: rückwärts unter den Stehenden ließ sich eine Stimme vernehmen, tvelche sagte: „Wenn man Mechol zuhört, möcht' man meinen, die Millionärs laufen hier nur so auf der Gass' herum, und die ganze Khille besteht aus nix, wie aus lauter Lob Franks! Und tvennjs die Khille doch nit bestreiten htttn?" »Muss mnn herumschiwrren in ganz Mahrclaud (Mähren)," sagte Bärl Lederer. „Reboine sckicl vilem! (Herr der Welt) die Jomoitvim (Feiertage) rücken heran, Rösch chodesch Ellcl*) steht'' *)_ Der Neumond vor dem jüdischen Neujahr.! der Thür'I Man kann doch die Jomim noroim (Bnßetage) nit ohne; Sehnt existieren." ' | „Du rcdt'st gar tvie ein Kind," sagte jetzt wieder Reb Perez \ wit selbstbewusster Ucbrlegenhcit. „Was meinst Du denn, man baut Dir du. eine Schul her, so mir nix Dir nix. Versteht sich. Speib' d'ranf, klebt es! Und warum nicht? Bärl meint, wenn er j ein paar Capitel Thillim mehr sagt und Gott bei die Fuß' antappt! (anpackt), komrnt Elic Nowi (der Prophet Elias) selber vom Himinel herunter und stellt ihm ein Bes Hamikdosch (heiligen Tempel) da her. Ich bet' Euch, Reboißes (meine Herren), verbringts mir nit die Zeit mit Narreschkeiten und red'ts nur, was ein Sinn hat und was sich reden lasst. Es werden noch mehr wie einmal die Blätter von die Bäum' hernnterfallen, bevor tvir tvieder unsere Schul werden dasteh'n haben. Auf „Nissim" (Wunder) kann man stch nicht verlasseil." „Bärl meint," sagte Gatvriele Stuffer, „eine Schul und sein Ladengetvölbel ist alles eins. Wenn es aber dazu kommt, und man macht fein „Stot" (Stätte) nur um ein Zoll zu klein, werd's Ihr ihn hören „Chai wekajom"*") schreien." **)Ein Sprichwort. „Chai wekajom" ist eine Stelle, die der Vorbctcr gewöhnlich mit erhöhter Stimme intoniert. „Derstnmm und derstick und derwarg (werd' erwürgt) mit sammt Dei' „Chower" (Ehrentitel). Führ' Deine Küh' in Stall und lass die Welt „mcnücheh" (in Ruhe), Du „Krawak" (Kuhi Händler) einer", donnerte Reb Bär seinem Vorredner ins Angesicht, und hierauf sich tvieder an Reb Perez tvendend, fuhr er fort: '■ „Du sagst, ich red' tvie ein Kind, mm lass mich die „Chochmes" (Weisheit) hören, die Du red'tst; sag' mir, wo ist Dein „Sechel" (Verstand) stecken geblieben, dass Reb Löb nit hier bei Kohl sitzt. Können!vir denn etwas anfangeil, wo mair Geld braucht, so lang' Reb Löb nit gesprochen hat?" „Zu dem „Sechel"," (Verstand) sagte Reb Perez beleidigt, „braucht mail kein „Moichel" (Gehirn). Wer ist deilil anders schuld daran, als Du, weiln Reb Löb nit hier sitzt. Ich darf mich ja gar nit trauen, ihn ciuznladen. Hast Du uit die ganze Khille „larmcricrt" (allarmierr) und gegen ihn „rebellionisch" (rebellisch) : gemacht?" j „Kegen Reb Löben?" fragte Reb Bär naiv. „Chaß wescholem" (Gott behüte); nur gegen den „Posche (Sünder)." i „Eilte feine „Amzoe" (Erfindung). Weißt Du dcnil nit: Vor ein „Ger" (Bekehrteil) soll mail fein „Goi" (Christen) schelten. Auf ben Sohn reit' er herum, ivas er karln, tmd wundert sich noch darüber, wenn es ben Vater verdrießt. Erst macht er die Welt voll, der Doetor hat die Khille versündigt und hernach will er habell, Reb Löb soll ihm das Geld eiltgcgeutragen. Ja, ja," seufzte der Roschekohl, „eine schwere Sache, auf die Art die Khille zu führen I" i Nachdem Löb Frank gefrühstückt hatte, blickte ihn Jentel fragend an und fcfjicn beobachten zu wollen, was er im Augeilblicke vor habe. Er begegnete diesem Blicke und er verstand ihn zu gut, als dass er nicht hätte dariil lesen fönnen, sie habe etwas auf dem Herzen. „Was geht vor?" fragte er deshalb, nicht ohile ein Gefühl der Bangigkeit durch die zirtcrnde Stimme zu berrathen. „Kohl sitzt!" sagte Jentel, und sie sagte dies mit mehr Nachdruck, als iiöthig gewesen wäre, hätte sie bei ihrer Mittheilmtg keine andere Absicht gehabt, als eben eine gkeichgiltige Khille-Neuigkeit zu erzähkcil. „Lass' sie sitzen!" sagte Löb Frank und lächelte etwas spöttisch, vermnthlich, lim unter der Mnske des Spottes einen ernstlichen Unwillen zu verbergen. „Lass' sie sitzen," wiederholte er. „Wahrscheinlich sind sie müd'." „Und Dli ivirst nicht zll Kohl geh'n?" fragte die gllte Frau, ohne in die satirische Stimmung, welche ihr Mann eiugeschlagen hatte, einzligehen. Diese Frage war mit solchem Ernst gestellt, dass auch er den Spass alifzligeben sich gezwungen fühlte; aber statt einer Antivort richtete er an sie die Gegenfrage: „Und haben sie denn schon ilach mir geschickt?" „Seit wann wartest, Du, bis mail Dich ruft?" fragte die Frau weiter. „Ich bin schon bei mehr als bei einer Kohlsitzung nicht gewesen," sagte er ausweichend. „Weiiil cs sich uin Sachen gehandelt hat, die feinen Wert haben. Denil ob man die Aepfeh und Nüssen an „Simchestoireh" (Fest der Gcsetzesfreude) von Köhls Hmis oder von der Weiberschul herunterwerfen sott, oder ob man in Schul mit'n Allfang Vvin „Datveneil" (Beten) ivarteil soll bis der Roschekohl koinrnt, dazu brallchen sie Dich nicht. Das könneil sie untereiuauder allein auch ausmachen. Aber tvenn es heißt, Geld hergcbcn — Du weißt ja, dass mnn eine neue Schul bauen soll — seit wann Haft Du Dich bei solcher Gelegenheit zurückgezogen? Dil red'st, als tvie wenn wir erst seit gestern beisammen mären und tvie wenn ich Dein gutes Herz nicht besser fenneu möcht'. Sei mir „moide" (gestehe), ineiit Kind," saugte sie sanft flüsternd, als ob sie es hätte vermeiden tvollell, durch laute Redetl i(ju vor sich selbst ztt beschämell, aber mit Zärtlichkeit tind fretindlichein Lächeln, „dass Dtl ganz gerit zu Kohl geh'n nlöchtcst und dass Dich nur ettvas znrückhält." „Nu, tvenn Dti'S dtirchans tvissen willst, ja," sagte er. „Aber alles ans der Welt muss ein „Szoff" (Ende) haben. Ich sag' Dir, »lein Kind, ein gtites Herz kann auch atifhöreu . . ." „Zn schlagen," ergänzte die Frau rasch. „Aber niemals kaitn es atishöreil gut zu sein. Uild Du magst reben, was Du willst, sch keuil' Dich doch besser. — Nimm' Deinen Hut, uild folg' mir, und geh' zu Kohl." „Ich laitu nicht."! „Und tvarum nicht?"! „Sie treibeits gar zu arg." „Und das Gered' knrm Dich getiierctl?" „Ja, und Dich beküinitlert es im Stillen auch, tvenn Dn's noch so sehr vor mir versteckst. Ich kenn' Dich auch besser, als Du Dich selber kennst." Hieririit hatte Löb Fraitk ganz recht, deitn in Wahrheit that es der Mutter lveh, ihren Sohn, ben sie nicht nur zärtlich liebte, sondern als eine höhere Erschcinnng unter den gewöhnlichen Menschen, mit denen er nmgieng, verehrte, vernnglimpfeii zil sehen. Die bösen Zungen fanden rasch den Weg zu ihr, und es gab gefällige und dienstbeflissene Letite genrig in der Khille, tvelche jede Behauptung Bert Lederers über Felix bis an ihr Ohr zu bringen Ivnssten. So tvar ihr dentt auch die von Bcrl Lederer aufgestellte Meinung, dass Felix durch seine „Schlechtigkeiten" die Khille versündigt, nnb dass 23. August 1901 Nr. 34 um* durch ihn die Schul „eittgefalleit" sei, nicht uubekatntt geblieben. Aber dieses „Gerede" wirkte, obwohl es ihr, wie Löb Frank ganz richtig bcnierkt hakte, geheimen Kummer verursachte, doch auf sie in ganz anderer Weise als ans ihit. Ans dem Grunde sich von der „Khille" in dem Monu'ntc, tvo man ihrer am meisten bedarf, znrückznziehcn, das kam ihr gar niclit in den Sinn; deshalb entgegncte sie ihrem Maime auf seine Bemerkung: „Wenn man mich beleidigt, mein Kind, so verzeih' ich eö, und wenn ich meinem Feinde Gutes thnn kann, so ihn' ich es; das ist meiite Rache." „Siehst Dt, denn aber nicht ein," fragte Löb Frank, „dass ich sie in ihrem Aberglauben noch bestärke, tvenit ich freitvillig hiitgehe und ihnen aus der Noth helfe? Was werden sie dann sagen? Lachen werden sie sich die Haut voll; Löb Frank thnt Buße für sein' Sohn, Iverden sie sagen. Er weiß ganz gut, dass sei' Sohn die Khille versündigt, darnm kommt er und bringt Geld als Sühnopfer, mit sich mit Gott anszngleichcn. Wir haben gctvusst, er tvird kommen, sein Gewissen tvird ihin nicht Ruhe lassen. Seht ctz, tvird Berl Lederer seinen Trumpf im „Rädel" ansspielen, der weiß auch gut bei sich, warum er die Hand so tief in sein' Gcldsack hincinsteckt. Ich sag' Dir, mein Kind, ich mnss den Leuten einmal tueisen, tvcr ich bin. Reden können sie, bis ihnen die Gall heransgeht, aber dann sollen sie sich auch umsehen, wer die Khille tveiterführcn wird." „Das ist keine Red'," sagte Jentel, „und das kann auch gar nicht Dein Ernst sein." „Es ist mein Ernst, und ich mach' mich nicht zum Gespött', dass die Leut' mit'u Finger nach mir tveisen," erwiderte Löb Frank in gereiztem Tone. „Was Du besorgst, ist eine Kinderei. Wenn Du zu Kohl gehst und Dich dort, tvie man cs von Dir gewöhnt ist, und wie Du selbst cs gewöhnt bist, bis hundert Jahr als ein Mann zeigst, so wird kein' Menschen einfallen, Dir einen falschen Grund unterzulegen. Mau keimt Deine guten Eigenschaften und tveiß, dass Du bei keiner Gelegenheit, tvo die Khille ettvas braucht, Dich als ein Geizkrageu zeigst. Man muss das Gute thnn ohne Rücksicht; und tvenn der Mensch immer hin und her überlegen wollt', bevor er ettvas Gutes thut, möcht' nie in der Welt etwas Gutes zustande kommen. Das Gute muss man thnn mit dem Herzen, und nicht mit dem Kopf. Sieh' Felix an. Er hätt' doch, scheint mir, mehr Ursach' als Du, über die Leut' erzürnt zu sein, und hast Du schon ein bös' Wort über seine Lippen kommen gehört? Und wenn man ihn um zwölf Uhr bei Nacht aufweckt und zu einem Kranken ruft, fragt er da erst viel, wer cs ist, und tvcnn es Berl Lederer selber wäre, glaubst Dil, Felix möcht' das Herz haben, ihn liegen zu lassen' in seinem Schmerz?" „Felix ist ein Arzt," sagte Löb Frank, „ein Arzt hat die Pflicht, zu heilen." „Ganz recht," fuhr die Frau tvcitcr fort. „Ist aber nicht jeder Mensch ein Arzt? Gibt es nicht noch andere Krankheiten außer Fieber und Typhus und Lungeusncht? Gibt es nicht Krankheiten, für die wieder ein anderer als ein studierter Doctor der Arzt ist? Ein Mensch, der kein 6Mb hat und iu Noth lebt, ist der nicht auch ein Kranker, ist er nicht mehr als krank? Steht nicht geschrieben: Ein Armer ist tvie ein Todter? Und tver ist für ihn der Arzt? Wer ist cs? Nicht der Reiche, der wohlthätig ist? Und wirst Du mir sagen, dass eine Khille ohne Schul und ohne Geld, sich eine zu bauen, vielleicht nicht krank ist? Und tvcr soll der Arzt sein, wer anders als Du? Ist das nicht auch Deine Pflicht?" Dieses Argument brachte Löb Frank ein wenig aus der Fassung, denn er fand hieraus kein Wort der Erwiderung. Jentel nahm sein Schweigen als ein Zugeständnis, imb int freudigen Gefühle ihres Sieges gicng sic hin, holte Stock und Hut und überreichte zärtlich lächelnd beides dem geliebten Manne.. Er aber schob beides sachte von sich mit den Worten: „Ich kann nicht." „Löb!" sagte Jentel und ihre Miene zeigte in diesem Augenblick einen selten an ihr zu gewahrenden Ausdruck von Strenge, „Löb, mach' mich nicht erzürnt!" Löb Frank schwieg. „Löb!" Ividerholte Jentel, und dieses Löb klang ganz anders als das sonst gewöhnliche „Mein Kind," tvomit sic ihren Gatten anzuredeu sich gewöhnt hatte. „Löb! Verbitter mir tncht mein Leben!" Hierauf sprach Löb Frank: „Jetzt hör' mich an, tvas ich Dir sagen werd!. Du tveißt, dass ich in allen Punkten thu', was Du willst. Du weißt, dass ich ohne Dein Wissen nichts unternehm' und nichts unterlass'; ich hab's auch noch uidjt bereut, Gott behüte, im Gegenthcil, Du bist gescheit und tveißt, was zu thuu tmd tvas zu lassen ist. Ich Hab' Dir aber eilte Sach' nachgegebeu, welche von allen jetzigen Misshelligreiten in der Khille die Ursach' geworden ist." Bei diesem Wort hielt er ein wenig iuue und schaute seinem Weibe ins Olcsicht, und er sah in diesem Momente ein paar Augen auf sich gerichtet, die wie flamineude Sterite leuchteteit. Er vermochte den fragend-ahncndeu Blick kaum zu ertragen und schon hätte er lieber tvieder znri'ickgenvntmen, lvas er eben gesprochen hatte; ja, er tväre vielleicht, hätte er jetzt noch die freie Wahl gehabt, lieber freiwillig zu Khol gegangcit, als dass er weiter geredet hätte- Aber das Wort sraitd nid)t mehr in seiner Kraft. Das gesprochette Wort ist eilt abgesandter Pfeil, dessen Latlf tticht mehr vom Absender abhüngt, tvenn er die den Bogen spauttende Schnur verlassen hat; das Wort, das den Lippen eutfloheu, kanit nicht mehr zurückgebracht werden. Einhalt tmd schweigen aber konttte er ebcttsotvcuig, das fühlte er, denn er hotte ja eben in Jcntels Augen gesehen; er ntnsste fortsetzen. Freilich that er dies mit einem erneuten Zugeständnis, aber dieses enthielt öift, denn er sagte: „Ich Hab' keine Ren', dass Felix studiert hat, und dass er getvorden ist, was er heute ist; aber dass er es getvorden ist, tvar Dein Werk, tveil es Dciit Wille lvar. Denn Du lvolltest ans ihm kein' Dorfgeh'r machen, tvie ich einer bin. Nun muss inait sich auch die Folgen von einem Schritt, den man gemacht hat, gefallen lasseit, und mnn muss schtvimmeit löniten, lvenit man hinter sich einmal die Brücke abgebrvcheit hat. Felix ist richtig kein Dorfgeh'r getvorden, aber das musst Du zngestehen, er ist auch keilt Jud', tvie man's bei uns versteht. Und tvas die Letit' reden und was Berl Lederer sagt, thnt mir freilich lveh, aber sie habeit nicht in allem unrecht. Das ist es, tvas mich hittdert, und deshalb sage ich Dir jetzt ganz bestimmt: Hör' ans, tveiter in mich zu dringelt, ich tverd' Dir diesmal tticht ttachgebett. Diesmal ist tttätt Wille fest und ich geh' dnvon nicht ab." Diese Atiseitiattdcrsetzting brachte auf Jetttcl den etttgegengesetzten Eindruck hervor von demjenigen, tvelchen Löb Frank erlvartct hatte; deitn, obtvohl er sie crtnnhnte, mit ihrem weiteren Drängen von ihm abzulassen, verintithete er doch noch, stärkere Attgriffe zu findeu, und er lvar auch umsomehr gefasst, jeden weiteren Versuch tapfer zurückzuschlageit. Er hatte sich mm einmal in eine zornige Stiminnng hineingeredet, und fast tväre es ihm lieb getveseit, in der Festung, in lvelcher er sich verschanzte, weitere Angriffe zrt crfahrelt. Er sagte sich dies ztvnr nicht mit dürren Worten, aber er hatte ein lebendiges Gefühl dabon im Herzen. Er fühlte, dass er durch erneuerte Angriffe zur Befestiglmg seines Bollivertes desto mehr berechtigt sei. Jentel lvar geschlageti, besiegt. Das Wort, das nun seit langer Zeit ans ihrem Gedächtnis entschwunden lvar und sie nicht mehr fürchteit machte, tvie einst, da Felix noch als K>mbe im elterlichen Hanse lebte, das Wort „Dvrfgeher" lvar gesprochen und hat sie niedergeschmettert. So hatte sie sich dantnls doch vor keinem leeren Schatten gefürchtet, tvar es Fein leerer, unbegründeter Vorwurf, mit dem sie beinahe dreizehn Jahre ihre Seele belastet hatte; tvar ihr Mann in jener Stunde, da sie für das Kiitd, lvelches sie unter ihrem Herzen getragen, den dcntschen Namen Felix erzlvungen, doch von ihr beleidigt tvorden, und hat er diese Kll'änknng nicht vergessen bis auf den heutigen Tag? Hat er nur aus Schomntg geschlviegcn, und ist seinem Innern jetzt, in einem nnbeivachten Moment, im Zornesntlsbrnche, das Wort entschlüpft, lvelches so lange zurückgehalten in feinem Herzen lebendig blieb? War der Funke unter der Asche der Eriiinernngen und Lcbenseindrücke nicht verlöscht und

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