Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 23. August 1901 Seite 7 jetzt noch fähig, ein Feuer anzuzünden, das die beiden zu verzehren drohte? - Jentel sank wie betäubt auf einen Stuhl. Sie hatte für das, was in ihrer Seele vorgieng, weder Worte noch Thränen. Stumm fas; sie da, ein Bild des tiefftcu Scelenjcnnmers. Kein Wort, keine Thräne — das hatte Lob Frank nicht erwartet; er hatte zwar keine Ahnung davon, wie tief die Wunde fei, die er soeben geschlagen hatte. Er wusste nur, dass er seinem Weibe einen Vorwurf gemacht habe. O, ivenn es weiter nichts gewesen wäre, den hätte sie ertragen; aber er wusste nicht, dass er durch seinen Vorwurf sie in jene Stimmung zurückversetzte, in der sie selbst sich viel härter mit Vorwürfen plagte, er wusste nicht, dass sie darüber erschüttert sei, zu gewahren, sie habe ihren Mann gekränkt und er habe es ihr noch nicht vergessen; er schrieb ihren Seelenzustand auf Rechnung der Beleidigung, die er ihr erst jetzt durch den gemachten Vortvurf zugefügt. Aber so viel ist gewiss: Wenn er auch den wahren Seelenzustand seines Weibes in diesem Augenblicke nicht zu begreifen vermochte, so viel sah er, dass er unrecht gehandelt, und er bereute. Ihre Ergebung, wo er Kampf vermuthete, erweichte ihn. Gerne hätte er ihr nun alles zu Gefallen gethan, und ivenn er ihren Willen doch nicht sogleich vollzog, so geschah es nur darum, weil er es nicht ivagtc, ohne erst nochmals ihre Einwilligung zu einem Schritte zu haben, von welchem er sich sonderbarerweise die Frage stellte: Wer weist, ob es ihr auch jetzt noch recht ist? Sie zu fragen, ivagte er aber noch weniger. ES ivar in der ganzen Zeit, ivelche die beiden Gatten miteinander so glücklich verlebt hatten, nie ein derartiger Moment vorgckonunen. Kleine Plänkeleien, wie sie nirgends ausbleiben, die aber ebenso rasch, tvie sie durch dies oder jenes hervorgerrtfentverden, auch ihre Erledigung finden; aber diesmal tvar es anders — der Kampf hatte geendet nnd tvar doch nicht zu Ende. Sie hatten aufgehört zu sprechen, aber sie hatten sich nicht verständigt, das erstemal im Leben standen sich die beiden fremd gegenüber; es tvar ein Riss — ein tiefer Riss; — kann ein solcher jemals wieder gut gemacht werden? Freilich tvohl, wenn die beiden Menschen, die sich gestern noch liebend umfangen haben und heute da sitzen, jedes für sich, als ob sie sich nie gekannt hätten, wem: diese beiden Menschen die einzigen wären auf der tveiten Erde, dann käme eine Verständigung nie wieder zustande, und die einmal klaffende Wmtde bliebe unheilbar; denn an der Macht des Schweigens prallen alle guten Vorsätze ab. Aber-cs gibt eine Vermittlung, nur muss der Vermittler auch wirklich in der Mitte stehen, er muss beiden Seiten gleich nahe sein, er muss ihnen zeigen können und sie müssen es ihm glauben können, dass er auf beiden Seiten mit seinem Herzen gleich betheiligt ist. Und tvcr tväre dies mehr, als ein von den Eltern geliebtes Kind, ein fühlender Sohn oder eine zärtliche Tochter? Drum ist uns auch gar nicht bange, die beiden Gatten in jener trüben Stimmung, in der sie sich befinden, zu verlassen. Wir setzen auf Felix nufere Hoffnung. Ihm wird es gelingen, die bösen Geister, die, neidisch dem Glück der Menschen, in dem freundlichen Hause sich niedergelassen haben, zu verscheuchen imb die Eltern vergessen zu machen, dass der Himmel ihres Glückes eine Stunde lang von düsterem Gewölle umlagert war. Wenn er nur bald nachhause käme, denn es ist schade um jeden Augenblick, den er versäumt. Aus .Khols Haus, wo inzwischen die Berathungen über den Neubau einer Synagoge gepflogen wurden, ohne zu einem entscheidenden Resultate zu führen, wusste man von der im Frank'schen Hause herrschenden Stimmung nichts; sie würden sonst, wäre ihnen diese bekannt gewesen, nicht so energisch in Berl Lederer gedrungen haben, sich zu Löb Frank als Deputierter zu begeben; und selbst wenn man geneigt lväre, der ehrbaren Versammlung ein solches Zartgefühl nicht znzutraucn, so steht doch jedenfalls fest, dass Berl Lederer selbst sich aris diesem Umstande den triftigsten und unwiderlegbarsten Grund zn seiner Weigerung abgeleitet hätte; denn so'viel konnte er ihnen doch zumuthcn, dass sic ihn nicht mit Gewalt in die Höhle des erzürnten Löwen hineinsticsten. Berl Lederer brachte aber, da ihm dieser Umstand unbekannt war, dem Andringcn der Gemeindemitgliedcr gegenüber lauter Weigersungsgründe vor, die in ihrer Logik so fadenscheinig waren, dass sie sofort als hohle Ansflüchte und leeres Versteckenspielcn erkannt ivurden und an dem festen Schild des allgemeinen Bolkstoillcns abprallten. Und brachten sie ihn endlich dahin? Fast hätten sie es durchgesetzt, aber ein Zwischenfall rettete ihn. Der Rabbiner, welcher von dem Gegenstand, um den cs sich handelt, in Kenntnis gesetzt lvorden, hielt es für seine Pflicht, den Berathnngen über eine ihn so nahe angehende Angelegenheit beiznwohnen, und er kam auf Khols Haus gerade in dem Augenblicke, als Berl Lederer den letzten Pfeil seines ohnmächtigen Geschosses abschnellte und eine Flut von Sprichwörtern, die passend und unpassend auf ihn bezogen, wiederhvlt den harten Mann gefügig zu machen versuchte. Als der Rabbiner eintrat, ersparten cs sich die Gemeindemitglieder, ihm ihre Ehrfurcht durch Aufstchen zu bezeigen; denn in der Hitze des lebendigen Wortgefechtes hatten sich ohnehin jene wenigen, die an dem länglichen Tische Platz. zn nehmen berechtigt waren, von ihren Sitzen längst erhoben. Die übrigen Mitglieder, die eigentlich keine Kholslente (Gemeinderäthc) waren, nahmen an der Versammlung ohnedies stehend theil. Sie bewiesen dem Ankommenden ihre Ehrenbezeigung eben dadurch, dass sie zu toben und zn poltern aufhörten. Beim Eintritt des Rabbi in die KholSstube trat eine feierliche Stille ein, und es sind gewiss nur Lästerzungen, ivelche behaupten wollen, dass diese weniger als ein Zeichen der Ehrfurcht gegen den geistlichen Seelenhirten, denn vielmehr als eine Folge der Spannung und Neugierde anzusehen sei; denn es tvar eine Seltenheit, dass der Rabbi auf Khols Haus kam; dies geschah immer nur bei sehr wichtigen Angelegenheiten und es wäre kein Wunder, wenn man neugierig gewesen wäre zu hören, was der gelehrte Mann in einer so praktischen Frage, wie die, woher man Geld nehmen sötte, für Rathschlägc zu erthcilen imstande sein würde. Der Roschekhol attein hatte noch eine Gelegenheit, dem Rabbi eine besondere Aufmerksamkeit zu erweisen, indem er ihm seinen Präsidentenplatz anbot. „Nabboihai" (meine Herren) — begann der Rabbi — „vor allem sehen Sie sich. Das Sitzen macht den Menschen ruhig und er kann dabei schon gar nicht so aufgeregt itnö leidenschaftlich werden, wie wenn er steht. Denn die Ruhe vom „Guf" (Körper) bringt auch die Ruhe von dem Geist mit sich. Man sagt auch in der Gasse: Khol sitzt, und nicht: Khol steht — und das mit Recht. Hier aber, tvie ich leider sehe, mit Unrecht. Dies klang wie ein Vorwurf und der Roschekhol, der sonst auf Acuszcrlichkeit hielt, erachtete es als seine Pflicht, den Vorwurf von sich abzuwälzen, deshalb setzte er mit wenigen Worten auseinander, was die Aufregung der Gemüther verursacht habe. — Auf diese Art — schloss er seinen Bericht — weist ich gar nicht, ob wir noch werden die „Szchieh" erleben, ein neues Gotteshaus zu bauen. Nachdem er geendet hatte, ergriff der Rabbi das Wort. Es handelte sich im Momente für den wackeren Mann mehr darum, die Gemüther zu beschwichtigen und Friede und Ruhe herzustelleip als um den Zweck, weshalb eigentlich gestritten worden war und deshalb begann er: „Wenn der Herr das Haus nicht baut, mühen sich die Bcuilcnte vergebens." An diesen Text knüpfte der gelehrte Redner einige exegetische und moralische Betrachtungen und kam zu folgendem Schlüsse: Unter diesen Bauleuten sind also nicht nur der Maurer und der Polier, der Zimmermann und der Ziegeldecker verstanden, unter diesen Bauleuten sind alle diejenigen mit einbezogen, ivelche den Bau bewerkstckligen, sei cs durch Geldspenden oder durch der Hände Arbeit. „Schemborchhu" will aber beu Thron seiner Herrlichkeit nur da aufrichten, wo Friede ist unter den Menschen. Wenn er soll können sagen: „Ich ivohne unter ihnen," so muss er wissen, dass ihm sein Haus auch in Frieden und Eintracht ist erbaut worden. „Kein Friede" — sagt der Herr — „mit den Frevlern", aber es heitzt auch wieder: „Friede, Friede mit dem Nahen und mit dem Fernen", und das ist der Sinn von den Bauleuten, die sich vergebens bemühen. Wenn sie untereinander uneins sind, dann geht es mit dem Bau wie dein Migdal von Baioel. Wie bei dem babylonischen Thurm thut Gott ihre Sprache, d. h. ihre Gesinnungen noch mehr verwirren und der Bau kann nicht zustande kommen; aber wo Eintracht ist und Freude, da ist Gott, gelobt sei er, selber der Baumeister, und was er baut, das steht fest, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Bei dieser Stelle, wo der Rabbiner den Herrn in bildlicher Weise einen Baumeister nannte, rutschte Bärl Lederer ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, lächelte still vergnügt in sich hinein und brummte etwas in den Bart, was eine kleine Störung hervorbrachte. Bärl konnte sich nicht enthalten, seinen Nachbar an dem Rock zu zupfen, und, wenn auch nur leise, die Bemerkung zu machen, dass er Rab Sawel Kornmehl schon früher gesagt habe, dass Gott der beste Baumeister ist, und jetzt sagt es der „Row" auch, und dass er doch recht habe, obwohl er kein Gelehrter sei, so wisse er doch, dass die Schul gar nit „eingefallen" wär, wenn der Sünder die Khille nit versündigt hätte. Der Redner blickte auf Rab Bär und alles wieder stille; er fuhr also fort: „Raboistai"! — wenn wir also ein Haus bauen wollen, in dem Gott wohnen soll, so müssen wir erst Frieden haben: in der Khille. Seid gegen einander nicht in Zorn und thut j niemanden zwingen zu einer Sache, die er nicht freiwillig thut. | Wenn Rab Löb Frank auch nicht hier sitzt unter uns, wir kennen ■ ihn, und wissen was er für ein mildthätiger Mann ist, und was er für ein gutes Herz hat. Wir wissen auch, was Jentel für eine verj ehrungswürdige Frau ist, und wir können überzeugt sein, dass sie sich nicht werden von der Gemeinde ausschliesten. Wenn es aber! nothlvendig ist, zu ihm zu schicken, weil man glaubt, dass er sich! beleidigt fühlt, und ivenn es nothwendig ist, einen anderen Gcsand- ' ten zu wählen, so biete ich, um allen weiteren Misshelligkeiten ein Ende zu machen, mich selbst an, als Gesandten; ich werde selbst hingeh'n, und ich hoffe, nicht vergebens. (Fortsetzung folgt.) Israelitischer Bethaus-Verein Brigittenau I. Classe Kronen 200.— 130.— 80. 40. Anmeldungen bei dem Vereins-Qbmanne Herrn Herman Eltbogen, XX., Rafaelgasse 12. Coois *Frühwirth Photograph Wien, XVI., Peyerlgasse 5. Aufnahmen von Architekturen, Oelgemälden, sowie von kunstgewerblichen Photographien. — Künstlerische Portraits in jedem Format und in jeder Ausführung. -.- Ansichts-Postkarten in Lichtdruck. =-== Schönste Ausführung und billigste Preise. Erster Wiener Jüdischer Turnverein WIEN. ... Tumabexxde finden statt: für Herren: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag von 71/H—9; für Damen: Mittwoch, Samstag von 67,— 8*/,. In unserem Verlage erschien: Gesäuge y. Börries Freih. Y. Münchhausen mit Zeichnungen von E« M, Lilien« Preis in Original-Einband Preis der numerierten W einhandlung Robert Wien Kellerei: XVI., Grundsteingasse 34 Lagerund Verkauf von nur echten Natunveinen in Flaschen und Gebinden. Lager von echt franz. Cognac, CuDa-und Jamaica-Rum. 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Die Genossenschaft hat ihren Sit/, in Wien und bezweckt: a) bei ihren Mitgliedern, durch Entgegennahme von Einlagen, welche verzinst werden, und de > Anspruch auf Gewährung von Darlehen, erhöhten Sinn für Sparsamkeit und Cupitnlsammluug anzuregen; h) d> i, Mitgliedern entsprechende, lei-ht rückzahlbare Darlehen zur Förderung ihres Erwerbes oder zur Verbesserung inrer wirts« hal tliehen Lage zu verschallen. Genossenschaftsfonds.. § H. Der Fonds der Genossenschaften wird gebildet: a) aus den von den Mitgliedern zu zahlenden Geschäftseinlagen; h) aus dem Reservefonds; «) aus dem von der Direction zu beschaffenden Betriebsfonds. Derselbe kann durch Aufnahme von Spareinlagen beschafft werden; d) ans freiwilligen, nicht rückzahlbaren, einmaligen B-dträgen, welche der Genossenschaft, ■ von welcher Seite innm r, zur Verfügung gestellt werden. Personen oder Gesellschaften, weiche solche Redräee leisten, sind nicht Mitglieder der Genossenschaft und besitzen weder Rechte noch Pflichten in derselben. Geschäftsantheile der Mitglieder. § 4-. Der Geschäftsantheil jedes Mitgliedes wird auf einen Betrag von 100 Kr. festgesetzt. Das Kreditinstitut für jüdische Gewerbetreibende und Beamte, r. G. m. b. H., Wien, II., Leopoldsgasse Nr. 49 übernimmt Spareinlagen zu 4 Percent mit 14tägiger, zu 4Va Percent mit monatlicher, zu 5 Percent mit dreimonatlicher Kündigung. bas birectorium.