Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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WLM J*!!1 Nr. 34 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 23. August 1901 Seit“ 5 v schon Alt Lechnil des kommenden Lchnl-1 Da der Vcrivalter der Colonie. Herr Miquel Cohen, in Erdie erste Ciasse der Bürger- ' Wartung eines Familicil-Ereignisses zur Zeit meines Besuchs in c. ist es gelungen, dass johres tun 1. September a. schule unter Leitung tüchtiger Lehrkräfte eröffnet wird. Busser den im gesetrlichen Lehrpläne vorgeschriebenen Lehrgegenständen, lvorüber die Schüler staotsgiltige Zeugnisse bekommen, wird besondere Sorgfalt auf Pflege hebräischer .Kenntnisse verwendet tverden. Für Unterkunft auswärtiger Schüler bei mäßigen kosten lvird durch Namhaftmachung anständiger Familien gesorgt. Warschau. Im Jahre 1890 wohnten in der Gouvernementsstadt Shitomir 30 000 Inden und nur 18 000 Christen. Die Zahl der jüdischen Handwerker übersteigt daselbst sowohl absolut, als auch relativ die der christlichen ganz bedeutend. So zählt Shitomir 694 jüdische gegen 110 christliche Schneider, 11 jüdische und 13 christl. Kürschner, 17 Färber (0), 73 Schmiede (38), 20 Glaser (0), 29 Gerbers 13) nnd 29 Schornsteinfeger (29). Im ganzen zählt shitomir 1794 christliche nnd jüdische Handwerker, während die Juden entsprechend ihrer Zahl nur 2840 Handwerker zu stellen hätten. Dies hohe Bildungsbedürfnis unserer Glaubensgenossen tvird kümmerlich durch sieben Privatschulen mit 006 Schülern nnd Schülerinnen befriedigt. Außerdem gibt es eine Talmud-Thora mit 466 Schülern, die in dieser Armenschule auch ein Handwerk erlernen tonnen. Außerdem zählt die jüdische Gemeinde 71 Chedariin, „concessionierte" Melamdim, während die gewiss nach Hunderten, zählenden nichteoneessionierten heimlichen Melamdim natürlich in der Statistik nicht aufgeführt werden können. In den concessionierten Chedarim werden 983 Schüler unterrichtet. Paris. (F r a n z ö s i s ch e Juden und S o l - dato u w c s e n.) Bemerkenswerth ist die Thatsache, dass sich seit der Dreyfus-Affäre und deren Folgen die französischen jungen Leute jüdischer Abstammung immer in geringerer Zahl dem Militärwesen widmen. Höchst überraschend wäre es übrigens, wenn es sich anders verhielte, man braucht bloß zu bedenken, wie jüdische Officiere von ihren Collegen schief angesehen tverden. Und es können sich die Herren Antisemiten tvohl über diesen Erfolg freuen, immer mehr wird ihnen das Heer von dem abscheulichen Juden gereinigt Während in früheren Jahreil jedesmal fünfzehn bis zwan zig Juden in die Snint-Cyr-Schule eintraten, so meldete sich diesmal kaum ein einziger von unseren Glaubeir genossen zum Examen. Und wenn nicht in demselben Verhältnisse, doch geschieht es auch theiltveise so für die polytechnische Schule, die bekanntlich nicht nur Artillerieofficiere sondern auch Ingenieure bildet. Fast alle Juden, die es nicht zu einer Jngenieurstelle gebracht haben — und dazu gelangen bloß die allerersten Schüler — haben ihre Demission eingereicht, um keine Officiere zu tverden. Ob sie doch bei alledem stets recht haben und nicht vielmehr ihre Stelle und ihr Recht behaupten sollten, mag dahingestellt bleiben. Doch haben manche jüdische Officiere so sehr gelitten, dass mail es den jüngeren, die davon erfahren, kalim verargen kann, wenn sie verzagt zurücktreten! Die jüdischen Ackerbancolomen in Argentinien. i. Buenos-Ayres, Ende Juni. Die erste Hälfte der nicht ganz 000 Kilometer, welche wir Won Buenos-Ahres bis Moisesville znrückzulegen haben, verschlafen wir zum Glück in den bequemen amerikanischen Wagen des Nacht schncllzuges. Bon dieser größten Tiefebene der Erde, die wie ein ungeheures Längsthal zwischen den Anden auf der einen und dem brasilianischen Küstengebirge auf der anderen Seite den ganzen füdamcrikanischen Continent, von den kahlen Geschiebeplateaus Patagoniens bis zu dem Randgebirge des Antillenmeeres, durch seht, ist ans den Antheil Argentiniens wohl das eintönigste, freilich ..auch das fruchbarste Stück, die Pampa, diese grasbedeckte Lößcbene, entfallen, deren uferloser Horizont erst weit im Norden in dem Dunkel der subtropischen Wälder des Chaos nntertancht. Was wir trotzdem von dieser Pampa am anderen Tage in den nur 31t langen Stunden dieser Fahrt noch zu Gesicht bekounnen, ist hier, in der inzwischen erreichten Provinz Santn Fe, besonders gegenwärtig, in den Wochen des Südlvinters, welcher alt Milde" freilich eher einem deutschen Frühling ähnelt, womöglich noch mvitotoner, als was ivir ln der Provinz Buenos-Ahres zu sehen gewohnt sind. Santa^Fee ist die Weizenprovinz par excetleuee, in welcher neben dem Schweizer, der Italiener den Getreidebatt gewissermaßen fabrikmäßig im großen betreibt, nnd wo deshalb die blassblaue Kimmlinie des Horizonts nicht einmal durch die schmalen dunklen Bänder der kleinen Etlkalhptttspflattzungelt unterbrochert wird, welche weiter im Südelt stets die Lage des darin versteckten Herrschaftshauses der Viehzuclsts-Estaiicia kennzeichnen. Wie auf hoher See schweift der Blick in die endlose Weite; in dem Gewoge der frisch gepflügten Ackerfurchen scheint da tntd dort ein ColonistenhäuSchen wie eine verlorene Bose zu schwimmen, nnd die einzige Abwechslung iit dieses einförmige Landschaftsbild bringt die Farbe des Bodens, auf welchem der braune Ton des charakteristischen Unkrauts brachliegender alter Weizenäcker mit den: silbergrau im Winde wallenden Hartgras des wilden Kamps, bcu schwarzen Schollen des soeben für die Allssaat zugerichteten Getreidefeldes und endlich die dunkelgrünen Flächen der Lnzernelviesen einander ablösen. Der sailtafecinische Cololtisations-Bezirk der von den: Baron Hirsch gegründeten „Jeivish Colonization Association" erstreckt sich als etwas mrsgezacktes Rechteck voll rund 40 Kilometer Länge bei 25 Kilometer Breite 311 beiden Seiten der nach dem früheren Besitzer des Laitdes benannten Station Palacios an der Vollbahn Rosario-Tncuman bis 311 der Station Moisesbille alt der östlichell, schmalspurigen Parallel-Linie; die Hauptansiedellnig liegt ziemlich .genau in der Mitte zwischen beiden Bahnen, von der verkehrsreicheren uild deshalb für unsere Reise beqllemerell Station Palacios etwa 15 Kilometer entfernt. Wir sind hier, auf dem 01. Brei irgend, bereits nahe an die Vegetationsgrenze gelangt, n>o die offene GraSpaiilpa allmählich in die Bllschvegetation nlld später die ausgedehnten, aber llicht itnterbvocljenen Wälder des Chaeo überzugehen beginnt. Der jungfräuliche Kamp ist bereits übersäer mit den zahllosen, meist verlassenen uild dann voll hohem Schopfgras mit nickenden Rispen überwachsenen Allleisrnhaufen, den sog. Tacnrns, welche die besten Ackerkrume enthalten llnd, da die Ameise Sumpfland 'verschmäht, hier als Merkmal besonders fruchtbaren Landes allgesehen werden. i Buenos-Ahres zurückgehalten wurde, so empfieng mich all der! (Station Herr Salomon Alexinitzcr, Mitglied des Gcmeindevorstailds uild zllgleich einer der ältesten Colonisten voll Moisesville. Ihm, solvie dein Bnreauchef Herr Fontana, iit dessen Familie ich freundliche Allfilahnle farld, verdanke ich mancherlei wertvolle Mitthcilungen über die Entwicklung der Colonie. Ich verlor meine Zeit llicht, während unser Break die gnterhaltencn breiten Landwege zwischen den fast ausilahmslos mit Draht eiilgezäniltell inid mit Paraiso-Bäuinen eingefassten Feldern dahinrollte, und als tvir bei sinkendem Abend unter dem hoch über die Straße ail zwei Stangen gespailnteil Drahte des Eiruw, dell ich zllerst für ein Telcphvil hatte mischen Ivollcn, in das religiöse Weichbild des eigentlichen Moisesville eillfnhren, wusste ich bereits, lvie viel ehrlichen Schlveiß, wie manches Opfer, aber auch welch anerkeimellswertes Maß vor moralischer Energie es gekostet hatte, um alleil Widerwärtigkeiteil der ersten Jahre zum Trotz auf diesenl kleinen jüdischen Herzogthlnn die tobte Einöde zu dem Lebcil einer thatkräftigen Caloilic zu erwecken, uild zwar mit Leuten, von denen der größere Theil zum erstenmale hier in Südamerika einen Ochsen geschirrt und den Pflug in die Furche gedrückt hatte. Es verdieilt als besonders bezeichllcilde Eillzelheit der hiesigen jüdischen Colvnisatioll hcrvorgehoben zu wcrdeil, dass Moisesville dem hochherzigen Unternehmen des Baron Hirsch zivar seine jetzige Existenz, aber ilicht seine Entstehung berdailkt. Jeiler Ukas Alexanders des Dritteil, welcher in Russland imr ben griechisch-orthodoxen Uilterthanen den Besitz von Land gestattete, veranlasstc im Jahre 1880 110 jüdische, in Podvlien ansässige Familien zur Auswandernng. Einer der vielen Aliswanderinlgs-Agcntcll, die danials für Argentinien Propaganda machten, verkaufte ihnen auf dein Papier Larld in der Provinz Buenos-Ahres, welches, nachdem die Ein Wanderer hier angelailgt, llicht zu den ausgemachten Bedingungen übergeben werden kann. Mitglieder der hiesigen israelitischen Gemeinde nahnlcil sich der Hintcrgallgencil an und vermittelten ihnen ben Ankauf von Land an der damals erst im Bau begriffenen Linie Rosario-Tnciimaii, wo sich beim mich 70 Familien ans der Höhe der Statioil Palacios, die übrigen 40 bei der folgenden Statioil Molligotes ailsiedelten. Zn jener Zeit bebcittctc diese Gegend in Santa Fe so ziemlich den ällßcrstcn Grenzposten gesicherter Verhältnisse; wenil and) keine Indianer-Einfälle aus dem Chaco bis hierher mehr zu befürchten tvareil, so bildete diese Grcnzregion de santafecinischcn Busches doch ben Tummelplatz sog. Gauchos malos, die ihre Gründe hatten, sich dem Bereich der Polizei der dichter be siedelten Districte zu entziehen. Erst nach monatelangen Vorhand lungcn setzteil die Russell es bei dem Landverläufer durch, dass die Auftheilung der zuerst erworbenell 10 000 Heetar nach ihrem Wunsche geschah und die Ansiedler in einem geschlossenen Dorfe beisammen wohnen durfteil, anstatt ilach Art der italienische>l Colonisteil, jeder auf seiilem Gehöft alleiil. Männer, deren Vorfahren durch eiil Jahrtausend hindurch in dumpfe Ghettos eingeschlossen gelveseil waren, nahmen muthig den Kampf mit der Wildnis auf lind brachen den harten Boden in Schollen, den bis dahin nur die Ameise lind die Bizcacha durchwühlt hatten. Der sauren Arbeit schien nach einem Jahre froher Lohn zu winken; schon stand die junge Saat ili zartem Grün, da schwirrten bon Norden her Wolken voll Heuschrecken herab lind vernichteten in einigen Stunden den Fleiß von Monaten . . . Von denl Landverkänfer wäre weder Hilfe, noch selbst nur entgegenkommende Nachsicht zu erivarien gewesen, uild es stand außer Zweifel, dass allen ehrlichen Anstrengungen des Anfangs zum Trotz die Colonie eingegangen wäre, häkle nicht die inzwischen gebildete Colonisations-Gesellschaft des Baron Hirsch die uligülistigen Contracte mit dem erstell Verkäufer abgelöst, durch liberalere Abmachungen, welche den Colonisten Zahlung in 20 Jahresraten gewährte, ersetzt ulld zugleich die der Hilfe Bedürftigstell bis zur ersteil guten Ernte mit Barmitteln lmterstützt. Doch noch waren die PrüMigsjahre der Colonie llicht vorüber. Die nelie Verwaltung musste selbst erst knien, wie man colonisicrt; sie begieng u. a. in der ersten Zeit den großen Fehler, die den Colonisten zugewiesenen Ackerloseauf den für amerikanische Verhältnisse einfach lächerlichen Umfang von 25 Hectar zu beschränken uild die Ansiedelung durch Zuschnb einer zu großen Menge zum Theil wenig geeigneten Menschenmaterials zu überfüllen. Die Colonie, welche dabei noch unter dem häufigen Wechsel der Verwaltung lirt, machte so wenig Fortschritte, dass im Jahre 1890 der damalige Vertreter des Baron Hirsch, Colonel Goldsmith, die Colonie allen Ernstes anfheben wollte, uild nur angesichts des entschiedenen Widerstandes der ersten Ansiedler sich damit begnügte, die von der Association selber dorthin gebrachten, sowie 22 der in Mpnigotcs gegen die Schwierigkeiten ihrer ungünstigen privaten Contraete ankämpsenden Familien nach der Provinz Entre Rios hinüber zu verpflanzen, wo die Gesellschaft mittlerweile große Landcomplexe erworben hatte. Es ist der beste Beweis für den ernsten Willen, welcher die Colonisten beseelte, dass sich die Mehrzahl derselben von allen diesen Widerwärtigreiten der ersten Jahre nicht abschrecken ließ, sondern mit zäher Energie das einmal begonnene Werk fort- Colonisten nicht nur die Abzahlungen an die Gesellschaft ohne Mühe leisteten, sondern sich bereits zu einem bedeutenden Wohlstand hernlifgcarbeitet haben. Eingeseudet. Socraldemokraiie und Aaufmaimrstand. In der Coilsinnhalle des Herrn Moriz Deutsch, 10. B., Pantzergasse 2, entstand am Sonntag den 17. August, IO1/.. Uhr vormittags, durch einen unglücklichen Zufall ein Kellerfener, welches leicht größere Dimensionen hätte annehmen können, da reichlich Nahnmg iir das gefräßige Element vorhanden war, und bis zum Erscheinen der sofort avisierten Feuerwehr (der Fcuerautomat befindet sich gegenüber dem Thatorte nnd lvnrde von einem berittenen Wachmanne, der zufälligerweise die Strecke passierte, sofort in Anwendung gebracht), mehr als eine halbe Stunde vergieng, während welcher Zeit das schreckliche Element ungestört wüthen konnte; ein Ereignis, welches trotz aller Vorsichtmahregeln überall eintreien kann. Die Abendblätter vom 17. d. M. brachten denn auch darüber wlgende von der Polizei-Correspondenz herausgegebene überall völlig gleichlautende Notiz: „Brand in Döbling. Heute vormittags brach im Keller der Consumwarenhalle des Herrn Moriz Deutsch in Döbling, Pcmtzergasse Nr. 2, ein großes Feuer aus. Der Lehrbursche der Firma war in den Keller gegangen, um Spiritus zu holen. Er hantierte jedoch mit dem Lichte so unvorsichtig, dass das Spiritusfass explodierte. Der Lehrbursche erlitt Brandlvunden im Gesichte; er hatte jedoch noch die Kraft, die Kellerstiege hinanfzulanfen. Schließlich brach er nsammen. Die Feuerwehrleute mussten mit Rauchmasken in den Keller eindringeu und hatten mehrere Stunden zu thun, um da§ Feuer vollständig zu dämpfen." Auch die übrigen Tagesblätter, die ohne Abendblatt erscheinen, brachten am anderen Tage diese Feuermeldrmg mit demselben Texte. Nur die so sittenstrenge und wahrheitsliebende „Arbeiter-Zeitung", die sich bekanntlich einbildet, das Gras wachsen zu hören, glaubte ein ilebriges thun und eine Ansnahme machen zu müssen. Die „Arbeiter-Zeitung" hat sich durch ihre sinnlosen und blöden Schimpfereien über die Kanflente bei denselben ohnehin schon um den ganzen Credit gebracht, und ihre unverschämte Notiz vom 18. d. M. über das erwähnte Kellerfeiler wird ihr bei allen anständigen Menschen den letzten Rest geben. Sie beschuldigt darin den betreffenden Geschäftsinhaber direct des sträflichen Leichtsinns und hetzt ihm die Behörden ans den Hals (doch ein sehr löbliches und echt socialdcmokratisches Beginnen), nnd dies, nach ihrem eigenen Geständnis, ohne die näheren Einzelheiten des Brandes auch nur im geringsten zu kennen; das ist doch der Gipfel von Niedertracht. Wenn sich die Verfichcrungs-Gesettschafk, bei welcher der Beschädigte versichert war, diese Notiz bei der „Arbeiter-Zeitung" bestellt hätte, so könnte sie nicht anders lauten. Hier der Wortlaut derselben: „Sträflicher Leichtsinn eines Kaufmannes. Der 15jährige Kaufmannslchrling Karl Führer trat gestern mittags in den Keller seines Dienstortes, 10. Vez., Pantzergassc Nr. 2, um eine Flasche Spiritus zu füllen. Als er ein Streichholz entzündete, entstand eine Explosion, und Führer erlitt schwere Brandwunden im Gesichte. Die Nettiingsgesellschaft brachte ihn in das Allgemeine Krankenhaus. — Warum der Kaufmann, dessen Name discret verschwiegen wird, nicht den armen Jungen anhielt, eine geschlossene Laterne zu verwenden, wissen wir nicht. Hoffentlich legt die Untersuchung diesen Umstand klar." llnd nun einige Worte über das Ereignis selbst: Der Geschäftsinhaber Herr Moriz Deutsch, der seinem Geschäfte selbst vorsteht und sich in demselben 17 bis 18 Stunden täglich schindet, ist seit einigen Jahren durch die fortwährende Ueberanstrengung und den Raubbau, den er mit seiner Gesundheit zu treiben gezwungen ist, kopfleidend geworden (die Berufskrankheit der Kanflente), nnd sucht alljährlich Linderung in der Kaltwasserheilanstalt des Professor Wintcrnitz in Kaltenleutgeben; so weilte er auch Heuer draußen, und war zur Zeit, als das Unglück zuhause geschah, im Geschäfte gar nicht anwesend; seine resolute Frau war es, die, als der verzweifelte Bursche mit schreckensbleichem Angesichte und mit zahllosen Brandwunden im Gesichte nnd an den Händen bedeckt, ins Geschäft stürmte und nur noch das eine Wort „Feuer" stammeln konnte, die Geistesgegenwart nicht verlor, sondern das Geschäft sofort sperren ließ und aus der rasch angesammelten Menge und den Hausleuten die Feuerwehr avisieren und den Burschen, der schrecklich aussah, zum nächsten Arzt führen ließ, der leider nicht anwesend war. Feuerwehr und Rettungsgesellschafi trafen fast zn gleicher Zeit, etwa eine halbe Stunde nach dem Geschehnisse, am Unglücksorte ein, und gelang es noch in kurzer Zeit bei aufopfernder Thätigkcit den Brand zn loealisieren. Der Bursche selbst war keinen Moment bewusstlos gewesen, da die Hausleute sich mit demselben beschäftigten und alle für solche Fälle bekannten und erdenklichen Hausmittel bis zum Eintreffen der Rettungsgesellschaft bei ihm in Anwendung brachten- Nach dem Ausspruche der Aerzte dürste er auch mit dem bloßen Schrecken davonkommen. Die vollständige Heilung wird voraussichtlich nicht mehr als 8 Tage in Anspruch nehmen und auch keine dauernden Folgen für den Venmglückten hinterlasscn; somit ist der Unfall für den schuldlosen Burschen, der allgemein beliebt ist, noch ziemlich glimpflich abgelaufen. Anders das angerichtete Unglück selbst. Der Keller war, wie es bei solchen Geschäften im Sommer überall der Fall ist, voll mit ätherischen Oelen, Essenzen, Fettwaren usw., lauter leicht brennbaren Sachen; was nun vom Brande verschont blieb, ist bei den Rettungsarbeiten durch die Feuerwehr ruiniert worden. Der Keller wurde bis über die Knie unter Wasser gesetzt, welches dann wieder ausgepumpt wurde; der Schade, den der 'Geschäftsinhaber durch den Brand erleidet, übertrifft bet weitem die Höhe der Versicherungssumme (3000 Kronen). Das Unglück entstand dadurch, dass der Bursch, gerade als er beim Spiritusablassen war llvozu er, da der Keller hell genug ist, kein Licht braucht), auf ein Zündhölzel getreten ist, imd durch das plötzliche Krachen desselben ereschreckt, beit Schlauch, den er eben in der Hand hielt, und der den Spiritus in die Flaschen leitete, aus der Hand gleiten ließ, und das Unglück war fertig. Ob ihm das Zündholz selbst aus der Tasche fiel oder ob eines am Unglücksorte schon gelegen hatte, konnte natürlich nicht mehr ermittelt werden; beides war möglich. Rauchrequisiten wurden weder bei dem Burschen selbst, noch auf dem Thatorte vorgefunden, weshalb auch die Annahme, dass der Bursche möglicherweise an diesem gefährlichen Orte geraucht und dadurch das Unglück selbst verschuldet habe, nicht stichhältig ist. Der Vollständigkeit halber bringen wir noch das Ergebnis der an Ort nnd Stelle durch die behördliche Commission im Beisein der Gattin des Beschädigten gepflogenen Erhebungen. Vor allem wurde constatiert, dass die vorgeschriebene Sicherheitslatecne noch vollständig intact am Thatorte vorgefunden wurde; desgleichen überzeugte sich die behördliche Commission, dass der Keller bei geöffnetem Fenster so licht ist, dass alle Arbeiten und auch das Spiritnsfülleii in demselben auch ohne Beleuchtung (sofern die Arbeit bei Tage gemacht wird) vorgenommen werden können. Dass diese gefährlichen Kellerarbeiten auf strenge Weisung des Geschäftsinhabers jederzeit auch bei Tage gemacht tverden, wird zur Genüge durch den Umstand erwiesen, dass es 10'/- Uhr vormittags war, als' das Unglück geschah. Das Geschäft besteht schon zwölf Jahre, und es ist, da dieser geschilderte Vorgang bisher noch immer eingehalten wurde, auch noch nie etwas passiert. Wir sind auf speciellen Wunsch des uns befreundeten Beschädigten mit Absicht so ausführlich geworden. Ans dem Sachverhalte ergibt sich (und wir haben keinen Grund, in die Worte des Einsenders Zweifel zu setzen), dass der geschilderte Unfall in keiner Weise auf eine sträfliche Unterlassung irgendeiner der handelnden Personen zurückzuführen ist, und nur die ganz besondere Gehässigkeit der „Arbeiter-Zeitung" gegen alles, was sich Unternehmer nennt, gehört dazu, ohne Kenntnis der Sachlage schon von Haus ans ein Verschulden zu constatiercn und dem schuldlosen Unternehmer in die Schuhe schieben zn wollen. Das ist die vielgepriesene socialdemokratische Gerechtigkeitsliebe. Auch in Bezug ans die Behandlung unseres Personales brauchen ivir Geschäftsleute uns von der „Arbeiter-Zeitung" keine Vorschriften machen zu lassen. Kehre jeder vor seiner eigenen Thürl So viel uns bekannt ist, sind die Parvenüs in der „Arbeiter- Zeitung" als Unternehmer noch brutaler und protzenhafter als die von ihnen stets angefeindeten eingefleischtesten Capitalisten. Ihre Zeitungsausträger wissen wenigstens ein Lied davon zu singen- Wir hätten dazu geschwiegen, weil uns die Sache doch nichts angeht; aber die „Arbeiter-Zeitung" wird einmal zn frech und fordert uns immer aufs neue heraus. Es ist berechtigte Defensive, die uns die Feder in die Hand zwingt. Als der bekannte französische Socialistenführer Professor Jaures in seiner VertheidigungSrede für den ivegen Belcidigllug des Präsidenten der Republik angeklagterr Journalisten nnd nachmaligen Abgeordneten Gerank Richard vom Vorsitzenden des Gerichtshofes wegen seiner Ausfälle gegen das damalige Staatsoberhaupt Casimicr Perier (er verglich das Haus des Präsidenten mit einem öffentlichen Freudenhaus) zurechtgelviesen wurde, antwortete er: „Ich stelle das Haus des Präsidenterr mit einem öffentlichen Freudenhause nicht in eine Linie, nein, ich stelle eS unter dasselbe." Auch wir müsien der „Arbeiter-Zeitung" endlich einmal zurufen: „Sie stellen daS „Deutsche Volksblatt" immer als einen Ausbund der Niedertracht und der Verlogenheit hin; nun denn, wir stellen die „Arbeiter-Zeitung" nicht einmal neben das „Deutsche Volksblatt"; nein, wir stellen es unter dasselbe." D. j. G. Bücher-Einl»«s. Jüdische Tunr-Zeitung, herausgegeben vom Jüdischen Turnverein „Bar Kochba" (Berlin). Inhaltsverzeichnis: Hallenturnen und „Freilichtturrierei". Bon M. Zider. An die Vereins-Bor-