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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Date
1901-08-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Nr. 34 dich on, das-:- Die Partei in dein bisherigen Bezirke des Ndg. .Kryf, den die jnnezechische Partei angeblich nicht mehr randidieren werde, den (Glaser I. Sridek in Kanrim als Candidaten aufstellen werde. Gleichzeitig theilt das Blatt mit, die Leitung der jungezechischen Partei habe die Candidatur für Böhinisch-BroD dem Redacteur Joseph Miskovsky angeboten, derselbe hätte sie jedoch refnsiert. Bon der Agrarpartei soll hier der Bezirksobinann A'onotnp candidiert werden. Bielii?. ( i't b i s cf) o r T u r n b e r e i n.) Wie alljährlich veranstaltete ancb Heuer der hiesige „I ü d i s ch e T u r u v e r e i n" cu-eu Ausflug, an, dein sich alle Freunde desselheu zahlreich betheiligteu. Als Ausflugsort ivurde der Curort Ernsdorf gewählt. Tank dem Lbmaiin des Vereins, Herrn Direktor Goldberg und dem stets rührigen VerguügungScomitee gestaltete sich auch dieser Ausflug, wie alle von diesen) Vereine gebotenen Vergnügungen, zu einem sehr angeregten und nahm einen sehr animierten Verlauf. Bie dem Wettlaufen, -Springen und -Kngelwerfen trugen die Herren Kranz, Fischer und Silbiger Preise dabon. Gesangvorträge boten die Damen Goldmann, die sich um den Verein sehr verdient machen, ferner die Herren Polaezek, Löwy und Goldmann. Nächster Nachtansflug ist auf den Klimczok geplant. Oswiecim. (K a i s c r f e i e r.) Auf Anordnung des Cnltusvorsteher fand am 17. d. M. um 5 llhr nachmittags anlässlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers in der hiesigen großen Synagoge ein feierlicher Dank-Gotresdienst unter Zahlreicher Betheilignng des Publicums statt. Die Feier verlief einfach und würdig. Zum Schluss brachte ein tvoylgeschnlter Knaben-Chor unter Leitung des Cantors die österreichische Volks- Hymne recht rvirkungsvoll zum Vortrag. Die Synagoge tvar schwarzgelb beflaggt. Lemberg. Die Hausierer und Agenten hielten nochmals eine Versammlung behufs Protestes gegen die Abänderung der §§ 59 und 60 der Gewerbe-Ordnung und wurden von der Polizei in ihrem Vorhaben gehindert. Vielrederei nützt nichts. Vernünftigerweise hätte man an der Sammlung von Unterschriften zu arbeiten, was leider bisher verabsäumt wurde. Lemberg. (Zn den L a n d t a g s w a h l c n.) In einer Wählerversammlung zu Limanotva haben gestern der bisherige Landtags-Abgeordnete dieses Landgeineinden-Bezirkes, Graf Anton Wodzicti, Grundbesitzer Marszalkorvicz und Reichsraths-Abgeordneter Dr. Danielak ihre Candidatenreden gehalten. Bei der Probe- Abstimmung entsiched sich die Majorität für die Candidatur Marszalkotvirz.— In einer Wählerversammlnng in Pilzno, in welcher Pater Stojalowski und der Führer der polnischen Volkspartei Stapinski, sowie Dr. Winkowski hart aneinander geriethen, traten nicht weniger als acht Mandatsiverbcr auf. Der Candidat Stojalowskis. Landesansschutz-Secretär Dr. Bronislaus Dulemba, vermochte mit seinen Ausführungen die Versammlung nicht sonderlich zu erwärmen, wiewohl er für einen engeren Anschluss der bäuerlichen Landtags-Abgeordneten an die Volkspartei eintrat. Zu einer Probe- Abstimmung ist es nicht gekommen. Ter -Obmann der Pezirksvertretnng in Zolkiew, Thaddäus Ritter v. Srarzynski, hat auf eine Wiederwahl aus dem Zoltiewer Landgcmeiuden-Bezirke, tvo von Seite der Ruthcnen Reichsraths- Abgeordnerer Tr. Korol candidiert, verzichtet. Im Städtebczirke Bochnia-Wadowiee hat die Stojalolvsti-Gruppe ihren Anhänger Wengrzyn^dem bisherigen Abgeordneten Dr. Mais cntgcgengestellt. Im Jteu-Sandccer Landgemcindenbezirke ist ein Wahlkampf zwischen dem bisherigen Abgeordneten Stanislaus Potoczek (polnischer Bauernbund) und dem Gemeindevorsteher von Krynica, Joseph Znamirowski (polnische Volkspartei), zu erwarten. Der „Gazeia Narodowa" zufolge sind die Wahlmännerwahlen . in Lopatyn (Brodyer Landgemeinden-Bezirk) zugunsten der Polen ausgefallen, so daß die Wiederwahl des bisherigen Abgeordneten Barwinski, des Führers der ruthenischen Secessionisten, unmöglich erscheint. Eine Wählerversammlung in Wieliezka hat trotz der zwischen den Anhängern der polnischen Volkspariei und den Partisanen Stojalowskis zutage getretenen Differenzen Dr. Mikolajski (polnische Volksparrei) einstimmig als Candidaten aufgestellt, welcher es als nothwendig Gezeichnete, dem Bauernstand in seiner Nothlage beizustehen. Eine Wählerversammlung in Saybusch hat für die dortigen Landgemeinden die von P. Stojalowski empfohlene Candidatur des Tuchfabriranren Bogucki abgelehnt und das Mandat dem Bauer Sanetra angeboten, welcher dem P. Stojalowski unter Zustimmung der anwesenden bisherigen Gesinnungsgenossen des geistlichen Demagogen „unehrliches Vorgehen" vorwarf. Eine Wählerversammlung in Gorliee hat unter lebhaftem Beifalle die Candidattir des Pfarrers Kielar (polnische Volkspartei) für den dortigen Landgemeinden-Bezirl acceptiert. In Lemberg hat sich ein Bürger-Comitee gebildet, welches unter der Dewise: Los von der herrschenden clericalen Partei! ein Zusammengehen mit den unabhängigen Demokraten und mit der polnischen Volkspartei beschloss. Reichsraths-Abgeordneter Breiter kündigt an, dass er im Lemberger Landgemeinden-Bezirke gegen den bisherigen Abgeordneten Merrrnowicz candidiere. In Tarnow hat eine von polnischen Bauern besuchte Wählerversammlung beschlossen, die Wiederwahl des bisherigen Abgeordneten Fürsten Sangnszko im dortigen Landgemeinden-Bezirke zu bekämpfen und für die Candidattir des Kleingrundbesitzers Stanis ans Tyrka einzntreten. Dem „Slowo Polskie" zufolge wird von den Stauchten das Mandat der Stadt Neu-Sandec dem Vice-Präsidenten des. Landesansschussrarhes Dr. BobrzynSki an Stelle DunajetoSkis, der nicht mehr candidiert. angeboten werden. Fm Landgeuieindenbezirke Neu-Sandec tritt der NeichSraths- Abgeordnete Tr. Danielak als Gegencandidat des bisherigen Vertreters dieses Wahlbezirkes, Stanislaus Potoczek, auf. Eine Wählerversammlung in Jaroslau ertheilte dem bisherigen Abgeordneten Fürsten Georg Czartoryski ein Vertrauensvotum. Der Fürst wurde anfgcfordert, sich um die Wiederwahl im Faroslaner Landgemeinde nbezirke zu bewerbe)!. In den Landgemeinden Kolbnszowa wurde dem Anhänger Stojalowskis, dem Bauer Lis, von einer bäuerlichen Wählergrnppe der Pfarrer Markiewicz als Candidat entgegengestelli. In den Landgemeinden Myslenice, tvo der bisherige Abgeordnete Srediniawsk) (polnische Volkspartei) nicht mehr candidiert, bewirbt sich Fürst Kasimir LubomirSki um daS Mandat. DaS polnische Bezirks-Wahlcomitee in Ropczyce hat für den Landgemeinden-Bezirk den Freiherrn v. Chrisriani als Candidaten aufgestellt. Fki den Neuinarkter Landgemeinden haben mehrere Wählerversaminlunge» beschlossen, die Candidatur des Grundbesitzers Nekncki lpol))ische Volksparrei) zu unterstützen. Das polnische Bezirks-Wahlcomitee in Bobrka hat für die dortigen Landgemeinden den Gutsbesitzer Grafen Stanislaus Mycielski als Gegencandidaten des Rurhencn Nomancznk aufgestellt. Eine Wähler- Versammlung in Grodek hat die Candidatur des Pfarrers Strntynski für den Landgemeinden-Bezirk acceptiert. Fn den Landgemeinden KroSno ist der Gegencandidat des Führers der polnischen Volkspartei Stapinski, der Gutsbesitzer Ritter v. Trzeciesli. Eine Wählerversainmlnng in Trembowla entschied sich für die Candidatur des Grafen Georg Baivorotvski im dortigen Landgemeinden-Bezirke. Die Wahtinännerlvahtei) im Landgemeinden-Bezirke Brzezany, welchen bisher Ritter v. Szeliski vertrat, sind zugunsten des polnischen Candidaten, des Bezirksobinannes Ritter v. TraczetvSki, ausgefallen. Die Aahlmännerliste der Rtithenen, welche den Bauer Starnch candidierten, blieb in der Minorität. Fn) Landgemeinden- Bezirke Limanotva ist nach dem Ausfälle der Wahlmännertvahlen an der Wiederwahl des bisherigen Abg. Grafen Anton Wodzicti nicht mehr zu ztveifeln. Fn mehreren Ortschaften des Drohobyczer Landgcmcinden-Bezirks ist die für den bisherigen Abg. Ochrvmo- Ivicz günstige Wahlmännertiste dnrchgedrnnge». Die Candidattir des Rutheiieii Ochrymowicz, welcher sich den' rnthenischen Secessio - ntlfo) int Landtage )licht angeschlossen hat, wird von den Polen lmterstiitzt. Fn den Taropoler Landgemeinden hat die Wahlmännerlvahl ei» zweifelhaftes Resultat ergeben; daselbst stehen sich der bisherige Abgeordnete BczirtSobinann Graf Korytowski ttiid der rnthenischc Bauer Hermatink gegenüber. Wie dom „Dziennik Polski" berichtet wird, sind die Wahlinännerivahlcn in Kopczynce zugunsten der Polen ausgefallen. Die ruthenischen Urwähler verliefen tmtcr Protest das Wahllocal. , Deut „Dilo" ztifolge ist auch in Sokal, dessen Landgemeinden- Bezirk bisher der Sceessionist Wachnianin vertrat, die polnische Wahlmänncrliste durchgedrunget). Bon 1!'0 Stimntberechtigten betheiligten sich ntkr 18 an der Wahl der Wahlntänner. Die Swjalolvski-Gruppe beröffentlicht bereits ihren Wahlaufruf. Der bisherige Abgeordnete der Stadt Lemberg, Romanotvicz, hat den Minister Dr. Pientak, den Bürgermeister Dr. Malacholvski und den Vicc-Bnrgermeister Michnlski, welche ebenfalls die Landeshauptstadt im Landtage vertraten, bcttachrichtigt, dass er die Absicht habe, mtt 27. d. Bk. itit Lcmberger Rathhaussaale den Wählern seinen Rechenschaftsbericht zti erstatten. Minister Pictttak tvird sich brieflich mn die Wiederwahl beivorben. Die Ruthencti haben bisher in 34 ostgnlizischen Landgeineniden-Bczirken Candidaten aufgestellt. Seitelts der polnischen Volkspartei treten in den tvestgalizischen Landgeineinden 21 Mandatswerber auf, denen 10 Anhänger der StojalowSki-Gruppe gcgenübersteheu. F» Dobczyee (Wicliczkaer Landgemeinden) fittb drei Wahlmännerwahlen zugunsten deS bort der polnischen Volkspartei anfstellte» Candidaten Dr. Mikolajski atisgefallen. In den Ztoczoiver Landgemeinden candidiert neuerdings der Obmann des Polen- Clubs Ritter v. Jaworski, dessen ruthenischer Liegencandidat der ehemalige Reichsraths-Abgeordnete P. Taniaczkicwicz ist. In deu Landgenteinden Rtidki bewirbt sich polnischerseits nin das Mandat an Stelle des bisherigen Abg. Dr. Faklinski Stattislatis Bat, rnthenischerscits der Radicalc Pawlisz. Das Stadtivahleomitee , in Biala beschloss, für die Wiederwahl des bisherigen Abg. Dr. Binder einzntreten. Fn den Gryboiver Landgemeinde)) hat Graf, Bobroivski, tvelchem nachgewiesen wtirde, dass er noch kein passives Wahlrecht besitze, auf die Candidatur, für die bisher stark agitiert wtirde, verzichtet. In dct) Landgemeinden Chodorow ist, wie die „Gazeta Narodotva" berichtet, infolge der Stimmenenthaltung der die Majorität bildenden j ü d i s ch e » Wähler die ruthcnische Wahlmämterliste durchgedriiiigen. Für die Landgemeinden Bohorodczany hat das politische Bezirks-Wahlcomitee den Gutsbesitzer Heinrich b. Potworowskr als Candidaten aufgestellt. Von Seite der Nlithenen bewirbt sich daselbst der Bauer Barabasz tnn das Mandat. Den Blättern zufolge ist die Wiederwahl des bisherigen Abgeordnete!) Bczirksobinannes v. Sala in der Stadt Brody gesichert, nachdem Handelskammer-Sccretär Dr. Rittet die Candidattir abgelehttt hat. Das polnische Orts-Wahlcomitec in Gorliee hat für den Städtebezirk Faslo den Gorlicer Bürgerineister Biechonski zum Candi- , batet) ttominiert. Lemberq. (Umbau des jüdischen Waisenhauses.) Die löbliche Redaction dieses Blattes wird gestatten, dass! unsere Gemeinde-Institutionen, von der Vifierlinie des „Schotner! Israel" betrachtet, einer Besprechung unterzogen werden. Wir folgen hierbei dem erhabenen Ausspruche Rabis, welcher lautet: nbyöbn na in ,n-Tir:y N'B 82 nr.« pKi önan bsriDn -ison bsi |ti»i n«n py Der Jude soll dreien Dingen seine Aufmerksamkeit zuwenden, damit er nicht in den Bereich des Fehlens gerath. „Erkenne, wer höher über Dir ist, ein sehendes Auge, ein vernehmendes Auge, und alle Deine Thaten. werden in ein Buch geschrieben." Das Vermeiden der Fehler nicht bloß der Einzelperson, sondern, und das wollen wir in den Aufsätzen hervorheben, das Nichtverfallen in Verstöße gegen das Interesse einer Gesammtheit B—-I kann nur durch die Kritik, durch das geschärfte publicistische'Auge und das publicistische Ohr erzielt werden. Wir wollen heute dem jüdischen Waisenhause in Lemberg unsere Aufmerksamkeitzuwenden. Es sind kaum 8 Jahre verstrichen, seit der Lemberger Eultusvorstand aus dem Erlöse der R o s e n st e i n'schen Mädchenwaisenhaus-Stistung und des ihr seit 1842 gehörigen Waisenhauses in der Sonnengasse, ein neues wahrhaft großartiges Knaben- und Müdchenheim in einem, wenn zwar nicht entzückend,*) aber sanitär gut gelegenen Stadtheile erbauen ließ und mit allem Comfort ausstattete. Das Waisenhaus umgibt ein hübscher Blumengarten, an der Front ein hügeliger Hain mit uralten Linden, Akazien und Fruchtbäumen. Dieses neue Heim für 46 Waisenknaben und 16 Mädchen wurde, wenn ich nicht irre, mit dem Besuche Sr. Majestät des Kaisers beglückt, und knüpft sich auch die Erhebmtg des Herrn Schntelke H o r o w i tz, des derzeitigen Cultuspräsidetlten, itt den Adelstand an diesen feierlichen Moment. Allein der „Schomer Israel' ließ sich von den äußeren Reizen nicht beirren und wies auf die Uebelstände im Baue selbst hin, aus die Feuchtigkeit der Wände, und rieth auf sofortigen Umbau. Man sprach dazumal von mala fides seitens des „Schomer Israel". Heute nach kaum achtjährigem Bestände musste Abhilfe geschaffen werden, sollte nicht das ganze schöne Heim so vieler Waisen dem völligen Ruin entgegengehen. Allein unsere Lemberger jüdische Gemeinde, welche erst eine so großartige Borstandsresidenz aufgebaut har, konnte für diese Sache nichts lhun. Da erstand diesem Institute ein Netter aus der Mitte des Cultusvorstandes in der Person seines Vicepräsidenten Herrn Dr. Simon S ch a s s. Dieser spendete 80.000 fl. zum Zwecke der Restaurierung dieses so gefährdeten Theiles. Das Waisenhaus wird somit aus einem Gemeinde- und einem Dr. Schaf f'schen Theile bestehen. Wie schön auch diese Hilfe ist, ist doch schade um diese Summe, die wohl anderen Zwecken zugute komnie» konnte, wie dem dringenden Umbau der jüdischen Schule, der Erbauung eines Arbeitshauses, Volksküche u. s. tv. Bei dieser Gelegenheit wollen wir etwas über die Verwaltung und den Geist dieses Waisenhauses der Oesfentlichkeit anvertrauen. Dis Verwaltung untersteht dem Cultusvorstande beziehungsweise einer Cultnscaths-Section, an deren Spitze der genannte Herr Dr. Simon Schaff steht. Die übrigen Cornmissionsmitglieder find Neulinge und werden sich erst zu bewahren haben. Neben dieser aus Männern bestehenden Commission wirkt eine Frau, einzig in ihrer Art. die so ganz prädestiniert erscheint, diesen unglücklichen Kindern eine Mutter, dem Hause eine treue, aufopferungsvolle, von echt jüdischem Geiste beseelte Verwalterin zu sein. Diese Frau aus edlem jüdischem Hause, die Kenntnis jüdischer Lehre und jüdischen Lebens und moderne Bildung in sich vereint, ersetzt vollständig eine Damengarde aus sechs oder acht „Damen"; sie kennt keine Ruh' und Raft, sobald es sich um ihre Kinder handelt. Es ist dies Frau Dr. Schass. Unter ihrer Aegide, dank auch dem nunmehr herrschenden national-jüdischen und zionistischen Geiste, erhalten die Zöglinge eine jüdische Erziehung und liturgische Schulung. Alle Knaben versammeln sich *) Der Stadttheil Janowrrstraße, in welchen unser Waisenhaus hingebaut, beherbergt zwei große Friedhöfe, den jüdischen und den christlichen — Stoff genug um die Kinder an ihr Unglück täglich zu erinnern. 23. August 1901 zum Morgen- und Abendgebete, verrichten oft unter ihrem eigenen Knaben-Chasan den Gottesdienst und das Kadisch-Gebet. Zwei jüdische Lehrer ertheilen den Knaben Unterricht im Hebräischen, bereiten sie vor zur Hafthorah und Alia, während die Mädchen das Hebräischlesen und die Gebete lernen. Auf 5kaschruth im Haushalte wird strengstens gesehen. Ebenso werden die hygienisch-jüdischen Maßnahmen, wie das Waschen der Hände vor und nach dem Speisen, wie die allgemein hygienischen Grundsätze, Baden, Lüften, Körperüburtg, eingehalten. Gehen wir zum Erziehungssystom über. Daran berheiligen sich zunächst Hauslehrer und Hauslehrerinnen, welche ihre ganze Zeit den Zöglingen widmen, mit ihnen speisen, neben ihnen schlafen, unt denselben in ihrem Thun und Lassen beihilslich zu sein und deren Fortgang zu überwachen, lieber diesetn Personale gibt es eine Leitung in der Person des Lehrer-Ehepaares Teilet van m. Wie sehr unser Standpunkt, der national-jüdische und conservative, j von dent des betreffenden Lehrerpaares, das seinen assintilatorischen j Drill nicht los werden kann, abiveicht, so muss es nt an ihm zugute halten, dass es ihn) gelingt, die Erziehung der Kindee unbeeinflusst von ihrem Fühlen und Denken zu lassen. Zum Lobe j dieser Erzieher sei ferner zugegeben, dass sie in ihrer Behandlung! der Waisen ihre Herzenssaiten aus den Elternton zu stimmen i wissen. Frau Direktor T e i t e l b a u nt, welche selbst kinderlos ist, ersetzt sich diesen Mangel mit der Fürsorge für die Waisen, welche sie in geradezu mütterlicher Weise unentgeltlich ausübt. Schließlich wollet) wir noch kurz über den eingefühcten Handsertigkeirs-Unterricht sprechen. Wir können in den) Nahmen eines Artikels nicht die Frage: was ans den Waisenkindern zu machen sei, tvie sie vor leiblicher uttd geistiger Nolh, vor der Ver-! elendung zu schützet) seien, erörtern; wir überlassen das einer anssührlicheren Arbeit. Hier sei nur Folgendes tnitgethellt: Frau Fanny Stroh, der gute Geist dieses Waisenhauses, sühn die Mädchen ein m das Kunststickereifach, in dem auch mehrere Mädchen tstnsgezeichnetes leiste» und ihr Brot, dank diesem Fache,! nach Austrittaus üent so traulichen, ihnen dieEltern ersehenden Heim j erwerben. Fertter erlernet) die Mädchen Sessel- und Korbflechterei.; Schließlich werden die Mädchen der höheren Classen angehalten, | in der Küche tharig zu seiu. Auch in andere Erwerbszweige j werden sie eingeführt. Dies über die Mädchen, j Die Knaben ihrerseits werden ebenfalls der 5korb- und ■ Sesselflechterei zugewendet. Wichtiger als das erscheint mir die , Beschäftigung mir Musik. Viele Zöglinge gehen nach Absolvierung! der Normalclassen zur Militärkapelle, wv sie es in kurzer Zeit zum Musikseldivebel bringen. Wir würden es gerne sehet), wenn oer Vorstand mehr Vocalmusik cultivieren ließe, da die Blasinstrurnenle die Lungen so junger Kinder stark in Anspruch nehmen. Die Frage, oo wir mit alle)!) und jedem in der Erziehung der Kinder einverstanden sind, möchte ich uiit einer gewissen Einschränkung beatttworten. Wohl werden die Kinder religiös — nicht aber national im Sinne der modernen jüdischen Richtutlg — erzogen. Wir wollen das itt der Erziehung unseres Volkes Versauntte wieder gut uachholen.! Lemberg. (Die Armut Galizietts.) Die Ausweise über die Ergebnisse der Personaleirtkomutensteuer itt Galizien bieten ein trauriges Bild der galizisctien Armut. In ganz Galizien mit seinen 7'/< Millionen Einwohner!) gibt es nur 05 000 Personen, die personaleinkommenstetlerpflichtig finb, daS heißt ein Einkommen von mehr als 1200 Kronen haben. Nur 05 000 Personen ersreueu sich somit in Galizier) eines Einkommens, das sich über das Niveau des Existelizmitttmums erhebt. Vol) diesen sind es wieder 52 588 Personen, die auf der unterste)) Stufe dieses Einkommens stehen, indem sie ein Einkommen von 1200 bis 3000 Kronen haben, während nur 12 412 Personen ein Eittkommen von mehr als 8000 Kronen aufweisen. Hiebon haben 9041 Personen ein Jahreseinkommen von 8000 bis 7200 Kronen, 2219 Personen ein JahreScinkommen bot) 7200 bis 12 000 Krotten und nur 1405 Personen ein Fahreseinkommen von tnchr als 12 000 Kronen. Gatiz Galizien, das den vierte)! Theil der Bevölkerung Oesterreichs enthält, besitzt demnach nur 1405 Personen, die wohlhabend genannt werden können. Unter diesen 1405 Anserwählten befinden sich riatürlich alle Latiftindienbesitzer, alle Besitzer der Petroleumgruben, alle Großhändler, BanquierS und Großeapitalisteu, bie Galizien besitzt. Wien allein zählt 8870 Personen mit einem Einkommen von mehr als 12 000 Kronen, Prag 1121 solcher Personen, Triest 549, Graz 020, Brünn 499 und Lcinberg bloß 875. In ganz Galizien gibt es 187 Personen, die ein Einkonnnen von 40 000 bis 100 000 fronen aufweisen, nur 88 Personen mit einem Einkommen von 100 000 bis 200 000 Kronen und 8 Personen mit einem Einkommen von mehr als 200 000 .Kronen. Galizien besitzt also insgesarnmt 178 Personen, die im. landläufigen Siiine als Millionäre bezeichnet tvcrden können. Von diesen 178 Günstiingen des Schicksals befinden sich 48 in Lemberg. 18 in Slrakan, 2 in Kolomea, 2 in Tarnotv und 1 in Przemysl, während sich der Rest auf das ganze flache Land vertheilt. München. Unlängst begierig der „Verein Jüdischer S t u d e n t c u" an der Universität München seine Semesterschlussveranstaltnng, zu der sich eine stattliche Zahl von Gästen eingefunden hatte. Unter anderen bemerkten wir die Herren Rabbiner Dr. Werner, Dr. Finkelscherer, den Vorstand der Bne-Brith-Loge tt. s. f. Zuerst tvurde begeistert das Farbenlied nugestimmt. Hierauf begrüßte der zweite Chargierte, cand. ntath. Lebermamt, im Namen der Verbindung die Gäste; er führte etwa aus, dass fast alle großen Ideen, besonders der Gedanke der Freiheit, ihren Ucsprtrng in der akad. Jugend suche und dass dieselbe in jugendlicher Begeisterung an der Realisierung solcher idealen Ziele stets tüchtig mitgearbeitet hat. Auch für die jüdischen Studenten sei die Zeit gekommen, ihre Stammesgenossen von dem Hass und der allgemeinen Anfeindung befreien zu helfen. Zmn Schlüsse bat er die Gäste, an diesem Ziele kräftig mitzutvirken. Hierauf ergriff der erste Chargierte, sttld. med. Sichel, das Wort und gab in kurzer Rede einen Bericht über die Leistungen der Verbindung im verflossenen Semester. Dieses Resümee zeigte einen recht erfreulichen Fortschritt der Verbindung auf der von ihr beschrittenen Bahn. Durch reichen Beifall gaben die Anwesenden ihre Zufriedenheit mit der Seinesterarbeit kund. Die Festessttmniung erreichte ihren Höhepunkt, als cand. med. Rück in herrlichen, schwtlngvollen Worten die Tendenzen des Vereins darlegte. Er betonte, dass der „V. I. St." zum Zwecke, des Zusammenschlusses aller jüd. Studenten begründet lvorden sei, die sich bewusst als Inden fühlen, die sich ihres Fudenthuniö nicht schämen; hob Herbor, dass die Verbindung ihr Hauptziel ans die Erhaltung jüdisckien Wesens und jüdischen Geistes richte. Er betvies die Norhlvendigteit eines Zusaiirmengehelis aller jüdischen Stndenteii in diesem großen Streben, indem er auf den Druck von außen und den FndifserentiSlnus im eigenen Lager, als den größten Feind der tvestenropäischen Juden himvies. Langanhaltender Beifall lohnte den Redner für seine Anssührnngen und in der gehobenen Stiininung ergriff Herr Rabbiner Dr. Finkelscherer das Wort, um seine und alter Antvesenden Sympathien dem Vereine auszudrücken. Gast Herr cand. jur. Friedberg drückte im Namen der erschienenen Akademiker der Verbindung seinen Dank aus; cand. cheni. Behrrnanu dankte im Namen des Verbandes Jüdischer Studierender an den Hochschulen zu München. Noch lange wechselten fröhliche CommerSlieder mit Musikborträgen, und die MtternachtSstunde tvar längst verstrichen, als der officielle Theil geschlossen und die Fidelität eröffnet wurde, lvelche die Festtheilttehmer noch lange in froher Stimmurcg beisammen hielt. Berbo. (N c u e jüdisch e B ü r gH' r sch u l e.) Dern eifrigen Bemühen des Herrn Rabbiners Samuel Reich

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