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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-16 · 33 (16.8.1901) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
33 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seile 6 Wien, Freitag Gerechtigkeit und Menschlichkeit sollten ja stets die Leitsterne Ihrer Regierung sein, wo sind sie hingekommen? Es genügt nicht, wenn nur Sie selbst diesen Grundsätzen huldigen, auch bei Ihren Beamten müssten Sie dem Wahlspruch Geltung zu verschaffen wissen föimen: Humanitns suprema lex. D. j. G. Ghetto. (Fortsetzung und Schluss.) In einem Dialog mit dem Rabbiner Haezcr seht Rafael sein neues Ideal von Menschlichkeit auseinander. Die Physiognomie des alten Priesters ist so originell, so psychologisch wahr, dass man bei ihr einen Moment verweilen darf. Haezer ist, wie die Priester verschiedener Confessionen, die von der nordischen Literatur ans die Bühne gebracht worden, ein concilianter Mann. Er ist der Berather, an den man sich bei krisenhaften moralischen Anfällen wendet. Aber obgleich ihn der Alltor sympathisch gezeichnet hat, scheint cs doch, dass er Rafael, seinen Gegner, ihm gegenüber zn sehr hervorgehoben hat, so dass uns der Rabbiner im Ensemble ein wenig banal und nicht überzeugend genug erscheint. Ohne Zweifel ist Haezer ein guter Charakter und wird uns ohne moralischen Fehler, ja selbst — und wir sind den: Autor dankbar dafür — ohne körperliche Hässlichkeiten vorgeführt. Aber wir finden, dass er, zu viel gutmüthiger Aller ist, und er erinnert uns in dieser Beziehung ein wenig an die Figur des Rabbi David. Er zerbricht sich nicht den Kopf über das Daseinsproblem. Er huldigt einem seligen Optimismus, einem lachmden Vertrauen zu Gott und zu seiner Gerechtigkeit, wie auch zu seiner Gewalt gegenüber den Bösen. Er will lustig sein und verschiebt ernste Discussionen gerne auf morgen. „Lache frohen Herzens, nur das ist reine Wahrheit," ist einer seiner beliebten Aussprüche. Seine Conversation hat nichts Hervorragendes und er erzählt gewöhnlich Wunderbares vom Familienleben seiner Volksgenossen oder auch von ihrer berühmten Nüchternheit. Er hält sich natürlich krampfhaft an den Buchstaben des Dogmas und handelt nicht mit religiösen Vorschriften. Wir würden auch nicht gern das Gegentheil sehen. Trotzdem ist er nicht intolerant. Er lässt thun, was er schließlich nicht ändern kann, aber er hat eine religiöse Philosophie, welche sich den Bedürfnissen seiner Zeit anpasst, und jedenfalls ist er nicht so engherzig, wie die Leute von der Sorte eines Sachel. Er verabscheut den Zwang und würde es niemals Zulassen, dass man Rafael mit Gewalt an ein Mädchen verheiratet, für das er keine Neigung empfindet. Er fasst seinen Liberalismus in die Worte zusammen: „Wir steinigen niemanden mehr, wir marschieren vorwärts und nicht j zurück. Einstens wurde der rebellische Sohn vor die Stadtthore geführt und gesteinigt, jetzt darf man ihn nicht mehr! mit Steinen werfen." Wie sehr unterscheidet er sich von den? Rabbinern, welche den Renegaten Uriel Acosta verdammten! j Aber gegenüber Rafael erscheint seine Argumentation' sehr schwach; und das hat der Autor auch gewollt. Er sucht,! ihn in der Herde festzuhalten, besonders durch Erwägungen j des Familienbandes, dann auch, indem er ihn an Gott erj innert, an den der Sohn des Blinden nicht mehr glaubt, und welchem Haezer nicht beredt genug das Wort redet. Und dann wendet der junge Mann seine Angriffe gegen die falsche Richtung, in der man ihn bisher geleitet hat, gegen diese Jrrthümer und Vorurtheile, welche seinen Weg der Menschlichkeit zum Guten und Schönen gehemmt haben. Er will beitragen zur Zerstreuung dieser Jrrthümer, zur Ueberwindung dieser Vorurtheile. Er kämpft gegen das, was er die Lüge seiner Rasse, die Lüge seiner Religion nennt. Sie allein waren es, die die Menschheit gehindert haben, sich in einer einzigen Liebe zu umfangen. Sie allein haben Gott von der Erreichung jener Größe und Güte zurückgehalten, denn Gott ist nicht, sondern er wird, und zumal wird er werden durch den leuchtenden Marsch der Menschlichkeit dem Ideal entgegen, zu welchem sie hinweist. Im Grunde dieser Aussprüche Rafaels liegt sicherlich eine schöne Begeisterung für die Verbrüderung, aber welcher Pathos, welche Phrasen und wie viel Worte, wie der Rabbiner sagt, wie viel hohle Worte! Er wirft dem Priester die Erziehung vor, welche der Vater auf den Sohn überträgt, und welche trotz des thatsächlichen Verschwindens des Ghettos beibehalten wird. „Ihr habt mir verboten, am Tische eines Christen zu essen, am Sabbath Feuer anzurühren, eine Lampe anzuzünden oder einen Brief zu öffnen. Ihr habt eine gute Christin zu all diesen Verrichtungen. Als ich Kind lvar, habt Ihr keine anderen Kameraden um mich geduldet als Juden. Schließlich hat man mich in eine jüdische Schule gesteckt. Ein Jude hat mir den religiösen Unterricht ertheilt." Und das alles scheint ihm ungeheuerlich, das alles muss ihn zugrunde richten. O Juden, die Ihr durch Eure Kraft, durch Euren Muth, durch Euren Ruhm ein großes Volk wäret, Eure sociale Mission und Eure getrennte sociale Stellung sind vorüber! Kehret jetzt zurück in den Schoß der Menschlichkeit, gehet auf in ihr und unterscheidet Euch nicht mehr! Die religiösen Formen haben keine Lebensberechtigung, anstatt des alten lügnerischen, verdorben Volkes machen wir uns ein Volk, in dem man nicht mehr die Barrieren der künstlichen Confessionen kennt, sondern wo die Menschen einig sind im Streben nach Frieden, Recht und Barmherzigkeit. Und um diesen schönen Traum zu verwirklichen, um die Herrlichkeit seiner These, den Adel seiner Bestrebungen zu beweisen, um zu zeigen, wie fern ihm jedes religiöse Vorurtheil ist und wie entfernt die alltäglichen Begriffe vom reinen erhobenen Denken sind —- heiratet er' die christliche Jüdisches Volksblatt 16. August 1901 Nr. 33 Dienerin. Ein wenig kleinlich ist dieser Schluss, und schließlich beweist er gar nichts. Macht darum die Frage der Assinülation auch nur einen Schritt vorwärts? Ist diese Vermischung der Juden mit ihren Brüdern anderer Confessionen Unmöglich, wie Rafael behauptet, weil wir unseren Kindern durch jüdische Lehrer hebräischen Unterricht ertheilen ließen? Wir sehen nicht, woher anders er den hebräischen Unterricht geschöpft hätte. Rafael würde uns ohne Zweifel antworten, dass es bei seiner wiedergeschaffenen Menschlichkeit nichts derartiges mehr zu thun gäbe. Aber es scheint uns, dass sich die Juden in den meisten europäischen Staaten, obgleich sie oft durch Ueberbleibsel der Barbarei verhindert und entnmthigt wurden, nicht mehr viel in ihrer Lebens- und Handlungsweise von den anderen Menschen unterscheiden, und wenn man trotz allem solche Typen, wie den alten Sachel citiert, so sind sie eben eine niedrige, abscheuliche Ausnahme. Und wir s e h e n nicht ei n, warum die Herrschaft von R e ch t und B a r m h e r z i g k e i t, welche Rafael so herbeisehnt — und wir stehen in diesem Punkte auf seiner Seite — sich nicht im Schoße einer Menschlichkeit verwirklichen ließe, welche in verschiedene nebeneinander bestehende religiöse Secten eingetheilt ist. Der Pater Hyacinthe Loyson mit seiner packenden Beredsamkeit hat uns neulich diese Zusammenexistenz als möglich und als wünschenswert hingestellt, dort erzeugten die verschiedenen Bekenntnisse dennoch eine gemeinsame Verbrüderung. Ist denn diese Idee!der Vernichtung der verschiedenen Bekenntnisse überhaupt! zu verwirklichen? Ja, ist sie gar wünschenswert? Kann ein j Volk nicht groß und sehr gut sein, welches aus ursprünglich verschiedenen Elementen gebildet ist? Meister Anatol France drückt sich über diesen Gegenstand folgendermaßen aus: „Ich halte es für schlecht, dass inan in einem Lande Rassenunterschiede macht. Nicht die Nasse macht das Vaterland. > Es gibt kein Volk in Europa, welches nicht aus einer Masse! vermischter Nassen gebildet wäre. Gallien war, als Cäsar hinkam, von Kelten, Galliern und Jberiern bewohnt, welche sowohl dem Ursprünge als der Religion nach voneinander verschieden waren. In diese Menschenmischung brachten die Einwanderungen Germanen, Römer und Sarazenen, und das wurde ein heroisches, liebenswürdiges Volk, die Franzosen, welche die Gerechtigkeit, die Freiheit und die Philosophie vor Europa und der Welt auszeichnet." Um schließlich die Frage der Mischheirat zu beendigen, was sollen wir davon denken? Wir werden sie nächstens in einem Drama von Nordau beantwortet sehen, beachtenswert durch ein Nein. Wir wollen nicht sagen, dass wir in diesem Punkte ganz auf der Seite des großen Apostels des Zionismus stehen. Aber wir fürchten, dass die Heirat Rafaels ihn nicht, wie so viele andere, seine Fahnenflucht bedauern lassen wird; bei der geringsten Schwierigkeit, die in seiner Ehe Vorfällen wird, wird die Frau des Utopisten ihm das ins Gesicht werfen, was sie ihm in ihrer Verzweiflung sagte, als sie sich verrathen glaubte: „Du bist nicht mehr wert, wie die anderen, du hast mich erniedrigt, wie jene, du bist, wie jene, ein Jude." Eine historisch-jüdische Ausstellung in Rew-Hork. Schon Vor vielen Jahren hat der bekannte jüdische Mäcen Heiw M. S u l z ü e r g e r in Philadelphia den Gedanken angeregt, eine Ausstellung von Gegenständen, welche die Geschichte der Juden in Amerika berühren, zu veranstalten. Allein die jüdisch-englische Ausstellung, welche in London in: Jahre 1887 stattfand und viel Aussehen erregt hat, ließ die amerikanischen Juden mit ihrer Idee zurückhalten, um kein Fiasco zu erleiden. Auf Betreiben des „jüdisch-historischen Vereines" in Amerika ist in letzter Zeit viel Material, viele wichtige Documente und historische interessante Gegenstände gesammelt worden, so dass der Gedanke an eine historisch-jüdische Ausstellung wieder hervortrat, bis man endlich beschloss, eine solche Ausstellung im Winter 1901—1902 in New-Pork zu veranstalten. In der letzten Versammlung des oben genannten Vereines hat Dr. Z i r u s die Bedeutung einer solchen Ausstellung mit großer Wärme dargethan und Herr Josef Jacobs aus London, der die jüdische Ausstellung in London eingerichtet hat, las ein Memorandum vor, in welchem er den ganzen Plan der Ausstellung darlcgte. „Die Ausstellung," erklärte er, „wird all die zerstreuten Gegenstände in ein einheitliches Bild zusammenfassen und auch jene Nichtjuden, weiche sich mit der Geschichte unseres Laubes beschäftigen, werden hier viel willkommenes Material finden. Ferner Ivird die Ausstellung zeigen, dass die Juden keine Fremden hier sind, dass sie an der Entwicklung dieses Landes vor und nach der Revolution theilgenommen haben." Hierauf wurde ein Comitee mit der Ausführung der Vorarbeiten betraut. Das Comitee besteht ans 17 Männern, unter denen sich Sulzberger, Strauß, Jacob und ändere bedeutende Männer befinden. Bei der am 28. April d. I. stattgefundenen Versammlung erstattete Strauß den Bericht über das Resultat der bisherigen Thätigkeit des Eomitecs und erklärte, dass das angemeldete Material viel größer sei als ursprünglich erwartet wurde. Es wurde beschlossen, die Ausstellung in New-Pork zu veranstalten und eine neue Commission mit Herrn Zirus an der Spitze eingesetzt, um diese Ausstellung ins Leben zu rufen. Dieselbe Ivird im kommenden Winter bestimmt eröffnet werden. Bücher-Emlaus. „Revision des Socialismus." Von Dr. Alfred Nossig. Erster Vaud: „Das System des Socialismus". Erster Theil. Berlin-Bern. 1001. Akademischer Verlag für sociale Wissenschaften. Dr. John Edelhenn. XXXIX -f- 277.) Der Mensch ist dem Menschen doch immer am nächsten. Dieser Ueberzeugnng waren noch die Alten gewesen, indem sie zu sagen pftegten: „Oumo sum, humani nihil a me alienum puto,“— Der kühnste Denker, der mit Adlcrsflng des Geistes die höheren Regionen der Natur durchfliegt, kehrt immer doch von seiner müden Wandcrreise zu jenem Wesen zurück, das ihm auf Erden das nächste und inchtdestoweuiger räthselhafteste ist. Das Endziel seiner exotischen und esotischen Untersuchungsreise muss immer doch dem Ausgangspunkte sich nähern. Denn denkt der Brensch, tveil er Mensch ist, so muss er schließlich doch vom Menschen denken und von der menschlichen Gesellschaft. Plato, dieser Jdeenmensch, der von den Ideen lebte und von den Ideen gewissermaßen absorbiert wurde, hatte herab von der höchsten Stufenleiter der Jdeenlehre, nachdem er all die Ideen, die m der Metaphysik, Physik und Psychologie wurzeln, in genügender Weise begründet zu haben glaubte, wieder zum Menschen und zur menschlichen Gesellschaft einen Voltigiesprung gemacht. Nach Phädon, Timäus usw. schrieb er seine „Republik". Der große Peripathetiker von Stagira hat seinen Weg durch die Logik, Psychologie, Aesthetik und Naturgeschichte bis zur Pädagogik durchgcmacht. Beim Menschen angelangt, der ihm als höchster Zlveck der Schöpfung, die Centrale aller natürlichen Egenschaften war —- sieht er sich wie verpflichtet, seine „Ethiea et econumica* zu schreiben. Selbst Marx — der Kürze wegen solcher Sprung! —> hatte wahrscheinlich sich zuerst bei der haarspaltenden nussharten hegelianischen Philosophie abgcmüht, bis er schließlich zur materialistischen Geschäftsauffassung oder ökonomischen Materialismus sich Ivendete. August C o m t e hat daher mit Recht die S o c i o l o g i e, die Lehre von der menschlichen Gesellschaft, als Schwerpunkt der positiven Wissenschaften erklärt. Alfred Nossig hat nie diese Tour gemacht. Nossig hat nie die menschliche Gesellschaft auch nur eine Schussweite aus den Augen gclassen7 um in die höhere, übersinnlichte Welt metaphysischer Träumereien sich kühn zu versetzen- Er ist nicht von oben zur menschlichen Gesellschaft herabgestiegen, sondern hat in ihrer nächsten Nähe sie studiert. Seine früheren Schriften haben sich nicht mit jenen großen Problemen, die einst jeden denkenden Kopf beschäftigten, befasst, sondern sie bilden gewissermaßen die Vorstudien zu vorliegendem großangelegten Werke (Das. S- IX. I), und iver solche wichtige Vorstudien hinter sich hat, lässt sich leicht denken, bringt gewiss etivas Ordentliches zustande. Nossig hat auch mit gegenwärtiger Schrift etwas Ordentliches geleistet, und sein Werk, dessen erster Theil uns eben vorliegt, verspricht sowohl für Socialisten als Nicht-, ja sogar Antisocialisten, eine Quelle der Belehrung zn werden. Dieses Werk ivird dazu beitragen, manche orthodoxe Anhänger von ihren Dogmen zu befreien und manche Verdächtigungen und Vorurtheile betreffs der socialistischen Doctrin zu zerstreuen. Niemand wird die Nothwendigkeit einer Revision der socialistischen Doctrin bestreiten und trotz der bereits von Masaryk, Oppenheimer, Bernstein u. a. gemachten Versuche ist dennoch das Erscheinen der vorliegenden Schrift mit Freude zu begriißen. Nossigs „Revision" reiht sich nicht nur den vorangegangeuen Schriften dieser Art würdig an, sondern besitzt auch vor denselben einen Vorsprung. Nossig selbst rechtfertigt die Veröffentlichung seiner Schrift und legt die Berechtigung dieses Werkes trotz der vorangegangenen Versuche folgendermaßen klar: „Ohne der Kritik borzugreifen, habe ich doch zu erklären, warum ich das Vorliegende nicht für überholt erachte und es der Oeffentlichkeit übergebe. Eine gewissenhafte Prüfung der bisherigen revisionistischen Literatur hat mich zu dem Ergebnisse geführt, dass die betreffenden Arbeiten sich wohl in der Tendenz, nicht aber in ihrem wissenschaftlichen Charakter und in ihrem Plan mit der meinigen decken . . . Masaryk beschäftigt sich in seinem breiter angelegten Werke, gleich Woltmann, wie er erwähnt, hauptsächlich mit der — eigentlich ungeschriebenen — Philosophie Marxens; er fasst den Socialismus zu ausschließlich als Marxismus ans und begnügt sich in dcr Kritik der eigentlich socialpolitischen Thcile der Doctrin mit silbjectiven Meinungsäußerungen . . - Oppenheimers revisionistische Bestrebungen haben sich auf ein Gebiet — allerdings hochwichtiges — beschränkt; jedoch selbst da haben sie keineslvegs zu unanfechtbaren Ergebnissen geführt. Bernsteins Schriften berühren im Gegentheil fast alle Gebiete: es sind zum Theil kritische Streiszüge, zum Theil Polemiken, welche neben ihrem — apostatischen — Werte unleugbar auch einen großen wissenschaftlichen Wert besitzen, aber einen systematischen Umbau der socialistischen Doctrin nicht anstreben. So bleibt denn, wie viele fruchtbare Keime auch geworfen sein, wie viele kritische Strahlen von Hellen Köpfen ausgegangeu sein mögen, die Aufgabe der systematischen Zusammenfassung, dcr Kritik ittib des Ausbaues der socialistischen Doctrin bis heute unerledigt." Also die Coincidenz wissenschaftlicher Untersuchungen war kein Grund zur Unterlassung, ionbetn zur Veröffentlichung vorliegender Schrift. In seiner Einleitung fragt der Verfasser: Was ist Socialismus? Die Beantwortung dieser Frage wird durch den Umstand erschwert, dass der Socialismus von den verschiedenen Bekeuuern der Doetrin in verschiedener Weise aufgefasst wird. Hauptsächlich lassen sich zivei Auffassungen, die voltsivirtschaftlich-socialpolitische imb philo-, sophische und allgemein-culturelle, unterscheiden. Nach der philosophischen Auffassung ist der Socialismus „Die Synthese aller fortschrittlichen Bestrebungen der kämpfenden Menschheit" (Malon), „die mit klarem Bewusstsein und voller Erkenntnis ans alle Gebiete menschlicher Thätigkeit angeivandte Wissenschaft" (Bebel). Viel kürzer lässt sich die volkswirtschaftlich-socialpolitische Auffassung definieren: „Das Eintreten des Proletariats für die Umgestaltung des Staates und der Gemeinde, für die Socialisiernng des Capitals und Organisation der Arbeit." Allein Nossig scheint diese Definition für den hier in Betracht konnnenden wichtigsten svcialpvlitischen Theil ungenügend und sucht er daher dieselbe folgendermaßen zn modificicrcn: „Der Socialismus ist die Kritik der bestehenden socialen Organisation und der Entwurf einer neuen." Und diese Kritik will Nsosig in borliegendein Werke unter Wahrung eines vollkounnen niiabhäiigigcn Standpunktes und nach objcctiber Würdigung und authentischer Darstellung in genügender Weise üben. Inwieweit dies dem Verfasser gelungen, möge sich der geehrte Leser selbst überzeugen. Der Raum erlaubt uns hier nicht, ans alle Einzelheiten dieses reichhaltigen Werkes näher eiuzugehe». Nur gesagt inusS iverdeu, dass Nossigs „Nevisiou" durch die Klarheit uud Gemeinverständlichkeit der Ausdruckswcise!vie Objektivität dcr Darstellung vor alleu voraugegaugeneu revisiouistischeu Schriften dcr Vorrang gebürt. Wie alles in der Welt au Uubollkommenheit leidet, hat auch die Nossig'sche Schrift einige gelvichtige Mängel, anfzuweisen. So sind beispielsweise sehr viel namhafte svcialistische Schriftsteller der GcgeiNvart, die nach Thnnlicht'eit verloertet werden sollten« ganz unberücksichtigt geblieben. Die Erörterung des Einflusses des beweglichen Eigenthnms aufs unbewegliche hat etivas breiter behandelt zn iverden verdient. Die Erläuterung der Smith'schen Theorie und ihr Einflllss ans die Manchestcrpartei, lvie auch die Kritik über die Marx'sche Concentrationstheorie leiden an erkenntlicher Einseitigkeit. Mit besonderem Fleiße ist das Lvhngesetz behandelt; dies ist auch der einzige Artikel, in welchem auch die englischcu Socialisten und Natioualökonoinen nähere Berücksichtigung fanden. Von diesen Mängel» abgesehen, verspricht das Werk so- Ivohl fürAnhänger als Gegner des Socialismus wichtig und interessant zu sei», und ioir können nur mit Spannung den Iveiteren Erscheiinnigeu eutgegensehen. S. M e i s e l s.

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