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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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- 1 j - 'l 1 r j / , V * 1 ' i; 1 r! Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt hergesagr werden kann, cm dem die Kaufleuic ausnahmslos nicht mehr weiter wirtschaften werden können. Wir kennen Kaufleutc, bei welchen der Betrag, den sie alljährlich als Remuneration an ihre Kunden zur Vcrthcilung bringen müssen (sei cs auf die eine oder die andere Weise), bereits eine erschreckende Höhe erreicht hat und in den meisten Fällen die Höhe der Erwerbs- und Personaleinkommensteuer zusammengenommen übersteigt. So kann eö nicht mehr weiter fortgehen; auch hier muss endlich einmal Ordnung gemacht werden. Dass dieser Unfug mit der Rcmnnerationsverthcilung bisher so große Dimensionen annehmen konnte, ist zum größten Thcilc den Consumvcreinen aufs Kerbholz zu schreiben. Wir haben bereits in früheren Artikeln nachgewiesen.^dass sie sich diesen Luxus sehr leicht leisten konnten, indem sie keine Steuern bezahlen, was bei den Kanfleuten, die im Gcgentheil immer über Steuerdrangsalicrnngen zu klagen haben, doch nicht der Fall ist; aber die Sache lässt sich, so unangenehm sie auch manchem heute schon ist, ohne schillere Erschütterungen für den betreffenden Geschäftsinhaber nicht mehr ans der Dclt schaffen. Mitgcfangen, mitgehangcn. Aber nicht nur iipOesterrcich, sondern auch in andern Ländern macht diese Methode schule. Vergangenes Jahr wollte sich sogar hier in Wieit eine internationale Rabatt-Gesellschaft nicdcrlasscn und ganz Wien mit ihren Eonsummarken überschwemmen. Uebcr Einschreiten der betheiligten Genossenschaften und der medcrösterreichischcn Handelskammer wurde derselben jedoch die Aufnahme ihrer die hiesigen Steuerzahler schädigenden Thäligkcit untersagt. Es würde uns zu weit führen, an diesem Orre die Dhätigkcit solcher Rabatt-Gesellschaften des Näheren zu erörtern, doch so viel sei gesagt, dass für die Abnehmer solcher Eonsummarkcn nicht viel dabei hcrausgeschaut hätte; sic wären mit einem Worte gehörig hincingefallen, wenn da die Regierung nicht rechtzeitig ihr Veto eingelegt hätte- Mit solchen schwindelhaften Sachen darf man den durch Schaden heute schon gewitzten Leuten nicht mehr kommen. Jedoch in Deutschland und in England hat sich heute bereits ein System eingebürgert, das der Mühe wert ist, überall nachgcahmt zu werden; das sogenannte S p a r m a r k e n s y st e m; beu Vogel abgcschosscn auf seinem Gebiete dürfte unstreitig ein großes englisches Kaufhaus haben; dasselbe hat nämlich anstatt der bisher überall üblichen Remunerationen an die Kunden die Einführung getroffen, dass alle in den Acrkaufsgewölben des erwähnten Kaufhauses ihre Einkäufe besorgenden Parteien bei einer erstclassigcn Versicherungsgesellschaft in ihrer Wahl eine Versicherung auf Er- oder Ableben oder auch auf eine Altersrente cingehen können, wofür das Kaufhaus aus Eigenem die Prämien bezahlt; die Höhe der Rente richtet sich nach der Höhe des durch Consummarken nachzuweisenden Jahres-Consums und erreicht im Durchschnitte die Höhe des jährlichen Umsatzes. Und das sind nicht etwa Utopien, entsprungen dem wahnsinnigen Gehirn eines übergeschnapptcn Theoretikers, sondern die Resultate langjähriger Beobachtungen nüchtern denkender Kaufleute, die ein offenes Auge für die heutigen Bedürfnisse ihrer Mitmenschen haben und ihre Zeit verstehen. Diese Einführung muss da- Her sehr ernst genommen werden und verdient volle Beachtung. Was das erwähnte Kaufhaus anbetrifft, so hat sich diese Einführung bei dem praktischen Sinn der Engländer bisher glänzend bewährt und übt noch fortwährend eine anhaltend große Zugkraft aus. Eine hiesige vornehme Lebens- und Reuten-Versicheru*.gs- Gesellschaft, von der wir diese Darstellung haben, wäre nicht abgeneigt, dieses Experiment auch in Oesterreich zu probieren und hält auch den gegenwärtigen Zeitpunkt dafür nicht schlecht gewählt. 1 Die österreichische Regierung hat durch das Einbringen ihres bekannten Gesetz-Entwurfes — der jedoch vorläufig nur einer sehr cngbegrenzten Kategorie von Staatsbürgern zustatten kommen soll — die-Frage der Massenversicherung einmal ins Rollen? gebracht, und die Geister, die sic gerufen, wird sie nun nicht mehr los. Schon erheben die Reihen der von der Wohlthat des Pensionsgesetzes Ausgeschlossenen, allen voran die classenbewusste organisierte Arbeiterschaft^ ein gewaltiges Geschrei und ihre Stimme wird auch gehört werden müssen; die Negierung wird sich dann für die Dauer dieser nur. allzu berechtigten Forderung auch nicht mehr verschließen können .und zu einem entscheidenden Schritte ehestens Stellung zu nehmen gezwungen sein. ".. .Es ist überhaupt ein charakteristisches Zeichen aller monarchischen-Staatswesen, dass seine Bürger alles Heil nur vom Staate erwärten und selber für sich gar nichts thun wollen; das müssen wir uns, eben abzugewöhnen suchen; es gehr nicht an, den Staat immer als Melkkuh zu betrachten, und immer nur auf seine eigenen Interoffen bedacht zu sein; es muss sich einmal auch bei allen Staatsbürgern das Gefühl der Zusammengehörigkeit und auch die Ueberzeugung durchringen, dass der Staat denn doch nur ein Begriff und! keine Person ist, und dass die Interessen des einzelnen Menschen, Wie jeder einzelnen Berufsgruppe aufs innigste verknüpft sind mit! den Interessen anderer Menschen und anderer Berufsgruppen des-! selben ^taatsweseus, und dass die egoistische und rücksichtslose Bej tonung der Eigeninteressen immer zu Krankheiten im Gesammtj organismus führen müsste, die nicht nur die Existenz des anderen, z sondern schließlich auch die eigenen Interessen sowie das gesammte! Sraatswesen gefährden müssen. Aus nichts wird wieder nichts;! und ohne Prämieneinzahluug der zu Versichernden kann auch der sonst allmächige Staat keine Volksversicherung schaffen; die Kunst, aus dem Erdboden das nothwendigc Geld dafür zu stampfen, hat noch kein Staatsmann zuwege gebracht; der müsste noch geboren werden. Sollte sich aber das Verständnis für diesen vorher geschilderten neuen Versicherungszweig auch hierzulande Bahn brechen, was wir nicht im Geringsten bezweifeln ( denn bei aller Skepsis wird jeder und auch der Wiener etwas gerne nehmen, was ihn nichts kostet, umsomehr, wenn es eine Altersversorgung ist), so werden bald die Versicherungstechniker das Wor bekommen und die Lücke ausfüllcn, die die Regierung in ihrem engherzigen Gesetzentwürfe betreffend die Pensionsversicherung der in privaten Diensten und einiger in öffentlichen Diensten Angestellten ans budgetären Gründen vorläufig offen lassen musste. . Im Motivenberichte des erwähnten Gesetzes begründet die Negierung das Einbringen ihres Entwurfes wie folgt: Das Problem der Alters- und Jnvaliditätsversorgung für Bcrufsarbciter im tvcitesten Sinne des Wortes auf das engste verknüpft mit der wissenschaftlich begründeten Lehre, dass der Lohn der Arheit dem Arbeiter außer einem, angemessenen Lebensunterhalte während der Arbeit auch die Mittel schaffen soll zur Bestreitung seines Daseins in den Zeiten, in welchen die Arbeitskraft in Abnahme begriffen oder gänzlich geschwunden ist. Das Einkommen aus der Arbeit selbst soll demnach schon die Alters- und Jnvaliditätsfürsorge wenigstens ermöglichen. Sehr richtig und sehr schön gesagt; aber wie tveit ist dieses Ziel noch von der Wirklichkeit; deshalb ist cs Sache des Volkes, selbst jede Äction zu unterstützen, die uns diesem edlen und erhabenen Ziele näher bringen kann. Das Problem der allgemeinen Altersversicherung ist eben nicht so leicht zu lösen und beschäftigt, schon lange die Staatsmänner und Denker aller Nationen; auch ivir haben uns vor mehr als 10 Jahren an anderer Stelle mit dieser Frage eingehend beschäftigt und sind dabei zu folgendem Resultate gelangt: Um allen Staatsangehörigen die Möglichkeit zu bieten, bei eingetretcner Arbeitsunfähigkeit oder erreichtem zu bestimmenden Lebensalter ihre übrige Lebenszeit sorgenlos zubringen zu können, sind zwei Wege offen. Entweder ist durch ein Gesetz zu bestimmen und der Staat hätte mit gutem Beispiele voranzugehen, dass jeder Arbeitnehmer bei constatierter Arbeitsunfähigkeit ohne Rücksicht auf seine Dienstzeit das zuletzt bezogene Gehalt von seinem letzten Arbeitgeber als Pension für die weitere Datier seines Lebens zu erhalten habe (eilt ihn und die davon Betroffenen in den: vollsten Maße ans sich nimmt, ivelche das Gesetz für solche Fälle gewährleisten müsste (das thtit der Staat eben nicht); oder der Staat nimmt die Altersversorgung nach allgemein zugänglichen Normen gleichfalls alleiit in die Hand. Analog der Postsparcassa könnte sich jeder Staatsangehörige durch sneccssives Sammeln entweder freiwillig oder durch Zwang bis zu seiner erklärten Invalidität ein schönes Siiminchen ersparen, umsomehr, als eine .Herausnahme auch nur des gerinsten Theiles des eingczahlten Capitalcs nicht gestattet werden müsste. Dieses bis dahin gesammelte Capital dürfte aber zur gegebenen Zeit nicht auf einmal erfolgt werden, sondern als Rente in einer zu bestimmenden Höhe, jedoch nicht unter dem Niveau des zuletzt iimegchabtcn Einkommens und müsste bei Jnvaliditätscrklärungcn sehr rigoros verfahren werden, damit mit diesen Bencficien kein Missbrauch getrieben werden könnte. Den Ausfall müsste der Reichssonds decken, wie beim auch die durch vorzeitige Todesfälle disponibel werdenden Beträge demselben zufnllen, und der Pensionsgcnuss nur auf den Vcrsicherteit oder dessen Witwe zu beschränken sein würde. Bei letzterer erlischt im Wicderverchelichungsfalle das Pensionsrecht. Auch dürften Pensionisten, da sie ohnedies int vollen Bezüge ihrer Gebüren steheit, keine tvie imnter geartete Nebenbeschäftigung betreiben. (Aus der Broschüre des Verfassers: Das Ei des Colnmbus oder Die Lösung der socialen Frage. Leipzig 1890. Literarische Anstalt August Schulze.) Bis der Gesetzentwurf der Regierung auf die Tagesordnung des Parlaments gelangen wird, werden wir mehr über diese Frage sprechen. Wir schließen nun unsere Ausführungen mit einem Appell au das Publicum, sich nicht allein auf die Regierung zu verlassen (denn gar so groß kann ja selbst im günstigsten Falle die Rente nicht werden, die einem der heutige Staat zumisst, dagegen spricht ja schon die Erfahrung), sondern das Gute überall zu nehmen, wo cs zu finden ist, und seine Macht als Consumcut dahin zu benützen, dass es die Geschäftsleute, wo es seine Einkäufe besorgt, veranlasst, unsere Action zu unterstützen, welche die Einführung des englischen Sparmarkcnsystems in Wien und ganz Oesterreich sich zum Ziele gesetzt hat. Vielleicht ist es dann eher möglich, das so schlvierigc Problem der Altersversorgung einer gedeihlichen Lösung näher zu bringen und das so viel angefeindete Capital einmal Zwecken dienstbar gemacht zu sehen, die alles eher denn ausbeuterische genannt werden können. Der Capitalismus im Dienste der Humanität. Eine herrliche Perspective fürwahr. D. j. G. Bücher-Einlaus. ra-nya .pbin j-iaaaT nntpan aia XfiöDinn» rva JHXVKtf mx ns*a ,rrns*- jran ipvtb dj> rmiaai ensen “inoa rvaa ,K"aan .pan to-nepna ' ♦"jjrva a^a-n v-na .jsas'op b bw Der hermeneutische Syllogismus in der talmudischen Literatur. Ein Beitrag zur Geschichte der Logik im Morgenlande. Von Reetor Prof. Dr. Adolf Schwarz. Vorangehend zum 8. Jahresbericht der. Jsr.-Theologischen. Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1900/1901. (Wien 1901. 102 S.) Die alte talmudische Literatur, tvelche den orthodoxen Rabbinern alten Schlages als heilig galt und als eine Quelle zur Auffindung und genauen Formulierung der Gebote und Verbote diente, wurde erst in neuerer Zeit/zum Gegenstand kritischer Forschung gemacht. Man studiert heute den Talmud als Geschichtsquelle, iim den Geist und die Denkungsart der alten Rabbiner und das Wesen der Halacha und der Halachisten kennen zu lernen. Dieser Unterschiedzwischen einst und jetzt zeigt sich besonders deutlick, in den Commentcrren und Bemerkungen der Rabbiner alten Systems und den modernen Ausgaben talmudiseher Tractate. Während es jenen einzig und allein /.um die praktischen Resultate zu thun war (rTOft1? PD^n) die sie mit ihrem zu formulieren suchten, beschäftigen Kch. Hie Modernen mit Textkritik, mit der Vergleichung der verschiedenen Ausgaben und Handschriften, die auf den Bibliotheken vorhanden sind, um die richtige Lesart festziistellen. Natürlich gab es in beiden Lagern geniale Köpfe, denen es mit tiefem Forscherblick gelang, einzelne Dunkelheiten zu erhellen, so dass jeder von feinem Standpunkte aus Ueüerraschendcs darbot, und anderseits fanden sich hüben und drüben genug mittelmäßige Geister, die, ohne besondere Originalität, dennoch durch ihr anhaltendes Studium der talmudischen Forschung Nutzen bringen. Eines der ältesten talmudischen Werke, die Thossefta, fand jetzt in Dr. A. Schwarz einen Auditor und Commentator, der ihr nach beiden Richtungen gerecht zu werden suchte. Schon bor einigen Jahren gab er die Thossefta zu mit einer großen Einleitung heraus, welche in Fachkreisen großen Anklang gefunden hat, da er die Halacha erläuterte und die Texte nach bcrschieoencn Ausgaben und Handschriften genauer feststellte, tvas auch'von der uuiimchr borliegcuden Thossefta zu ,4 *7 1 N" gesagt werden kann. Dr. Schwarz geht überall dem aus dem Wege, desto gründlicher ist seine Bearbeitung der Halacha. Statt kühne Hypothesen über einzelne Lesarten aufzubauen, zieht er es bor, sie alle zu verzeichnen und bietet nebenbei manche treffende Richtigstellung. Ausführlich auf diese Ausgaben einzugchen» würde über den Nahmen einer kurzen Besprechung hinausgehen. Mau kann im allgemeinen sagen, dass Dr. Schwarz neben außerordentlichem Fleiß eine gründliche Kenntnis der ganzen talmudischen Literatur aufweist iiild, cs ist nicht überflüssig zu bemerken, dass der Commentar in einem wohlthuenden, rein hebräisch-rabbünscheu Stil abgcfasst ist, welcher ebenso klar wie fließend ist, tvas bei modernen Rabbinern nicht gerade häufig anzutreffen ist. Es ist nachgerade üblich getvorden, talmudische Abhandlungen und Commentare zur Mischua deutsch zu schreiben, und unverständlich und schwerfällig zu werden, wenn es sich darum handelt, etwas hebräisch anszudrücken. Dr. Schwarz führt eine schöne, verständliche Sprache, tind das muss zu seinem Lobe ausdrücklich hervorgehoben lverdeu. * Auch das zweite Werk von Dr. Schtvarz, welches dem Berichte der Jsrael-Theolog. Lehranstalt vorangeht, ist eine streng talmudische Abhandlung. Sie behandelt eine der 13 Midoth, welche die Talmudistcn der Auslegung der Bibel zugrunde legten, llnd zwar die schwierigste, die „Qual Wachomer". Auch auf diesein biete ist Dr. Schwarz kein Neuling. Im Jahre 1897 hat er in einem größeren Band, ebenfalls dem Berichte jenes Jahres vorangehend, bic „n HP n —j T i" behandelt und hier wie dort bietet er Er schöpfendes. Beide Arbeiten sind gründlich und enthalten gut be gründete Anschauungen. Dr. Schtvarz, der gründliche Kenner der talmudischen Literatur, tveiß zu jeder Frage Neues, oft lieber raschendes zil sagen, und cs bleibt nur zu bedauern, dass er nicht auch diese beiden Abhandlungen hebräisch geschrieben hat, denn beide könnten und sollen ein dankbares Lcsepublicum in den Kreijen der orthodoxen Talmudisteu finden, und diesen ist die deutsche Sprache leider nicht verständlich. Wohl ist das erste Werk über die „n Vtt? n *11 i" einer hebräischen Uebersetzung erschienen. Aber der Ucbcrsctzer hat ans llcbereifer, überall den biblischen Stil 9. August 1901 Nr. 32 ö", wahn'ii, sehr oft den Sinn der Worte verstümmelt. Der rabbiuisthe ^til, wie ihn Dr. Schtvarz selbst in seinen Ausgaben der Thossefta angewendet hat, wäre entsprechender gewesen. Wünschenswert tvarc, wenn der Rector Dr. Schtvarz mit gutem Beispiele Aufsatz nicht unwillkommen sein. R. A. B. Generationen und ihre Bilder. Essay von Grethe Meisel- Hess. Verlag von Dr. John Edelheim, Berlin. Grethe Meisel-Hess, bekannt durch eine Anzahl non Novellen, die in der Wiener Wochenschrift „Dokumente der Frauen" erschienen, will in der vorliegenden Schrift in kurzen, knappen Zügen die Ideen, die die heutige Moderne beherrschen, und die Väter dieser Ideen schildern. Sic sagt, dass nach Goethe eine Reihe von Generationen kamen, Jnng-Deutschland, die organisch mit der Goethe'schen Gedankenwelt verbunden waren. Es bedurfte erst des Auftretens eines Viergestirnes, D arwin- Zola-Jbsen-Nietzsche, um eine neue Generation zu schaffen, die andere Voraussetzungen, andere Ziele hat als die klassische Periode.. Die Voraussetzungen dieser Generation sind die Freiheit des Individuums und das Streben nach Natürlichkeit, ihr Ziel,, nach Meisel-Hess, eine Versöhnung des Ideellen mi tdem Reellen,. des Individualismus mit dem Socialismus. Grethe Hess weiß ihre Ansichten in lebhaftem, überzeugungstreuem Stil vorzutragen; sie kann uns aber nicht darüber tauschen, dass ihr Scharfblick sie verlässt, sobald sie das ethische Gebiet verlässt und auf die Raffen- und Nationalitätenfrage zu sprechen kommt. Es ist ganz falsch, dass heute die nationalen Schranken gelockert werden, es ist falsch, dass die Naturwissenschaft eine Kreuzung der Raffen befiehlt. Wahr ist vielmehr, dass die Rassenungemischtheit nicht nur „im Grotesken gipfelnde Popanzmerkmale" — die ja manchem mit der Verfasserin unangenehm sein mögen — hervorgebracht hat, sondern diese Nassenungemischtheit schafft auch die Voraussetzung zum Entstehen solcher Genies, wie sie Meisel-Hess als Bilder der heutigen Generation annimmr. Die wahre, moderne Jugend ist nicht zu finden im Lager derer, denen die Welt und ihre Probleme in ethischen Spielereien aufgeht, sondern im Lager derer, die ihre Kraft der nationalen Entwicklung, dem ungestörten Sichausleben, der Vertiefung ihres Volkes weihen. L. S. „Jüdisches Gefühl" Nr. 23. Zeitschrift für die Jugend. Erscheint alle 14 Tage. Bezugspreise: mit Postzusendung 4 Kr. jährlich, 2 Kr. halbjährlich. Deutschland 4 Mark jährlich, 2 Mark halbjährlich. — Russland 2 Rubel jährlich. Balkanstaaten 5 Francs jährlich. Einzelnummern 15 Heller. Rednclion: Smeökagasse 7,1. St. — Administration: Myslikgasse 14 n. Manuscripce werden nicht zurückgestellt. Inhalt: Jeremias Klage. — Hofmeister. — Perlen. — Hanna. — Der Zehnte. — Sprechsaal. — Lustige Ecke. — Räthsel und Aufgaben. Die „Documente der Frauen" bringen für den Monat August, ein Doppelheft, das eine Reihe ausgezeichneter Beiträge enthält. Einer unserer tüchtigsten praktischen Juristen, Dr. Wilhelm Pappenhcim, bespricht iu einem Aufsatze: „Der Schutz des ungeborencn unehelichen Kindes" die juristische Möglichkeit der Frau, die sich, als Mutter eines unehelichen Kindes fühlt, ihre Lebenserhaltung, lvährcnd der schwersten Zeit durch den Vater des Kindes gesetzlich, zu sichern. „Eine Lehrerin" bespricht das neue nicderösterreichische Lehrcrpensiousgesctz .und die Ehebcschränkungen, welche die antisemitischen Abgeordneten, zum Glücke vergebens, iu dieses Gesetz» eiuschmüggcln wölltcn. Uebcr einen neuen Fraucnröman von'Karl Federn plaudert in'-fesselnder, crnst-anmuthigcr Weise W. Fred.. Hochinteressant sind die „Aufzeichnungen einer Krankenschwester",. Tagcbuchblätter der Schwester M. Da jedes Wort dieser ergreifenden Aufzeichnungen wahres Leben ist, musste der volle Nameder Schtocster verschwiegen werden. Diese Aufzeichnungen sind ein anfschlussgebendes, erschütterndes Document. Eine Fülle von, Norizen aus der Frauenbewegung schließt sich an den sachlichen Theil und eine brillante, satirische Skizze „Aus dem Alltagsleben" des^ berühmten Russen Gljeb Uspenski bildet das Ende des inhaltsreichen Doppelheftes. Die „Documente der Frauen" sind zum Preise von 3 Kronen vierteljährlich, die einzelne Nummer für 00 Heller in allen Buchhandlungen und in der Administration, Wien, 6. Bezirk, Magdalcuenstrahe 12, zu haben. Von der „Neuen Zeit" (Stuttgart, Dich' Verlag) ist soeben das 14. Heft des 19. Jahrgangs erschienen. Ans dem Inhalt heben >vir hervor: Aus Briefen von Engels an Marx. — Die Heilstätteuvewcgung. Von Friedrich Müller. — Pariser Theater. Von Dr. Felieie Nössig. — Der Kampf um die Volksschule iu -Oesterreich. Von Jrmin. (Schluss.) — Die Jahresberichte der bayerischen Fabrik- und Gewerbcinspcctoren. Von Helene Simon. — Literarische Rundschau: Mannerchöre. Verlag von I. Günther, Dresden. Dr. Oskar Stillich, Die Spiellvarenhausiudustrie des Meininger Oberlandes. — Notizen: Die Eiukommeusberhältnisse Kopenhagens. — Feuilleton: Zum Gedächtnis Wilhelm Liebknechts. Von Robert Schweichcl. (Fortsetzung.) Berühmte isr. Männer und Frauen in der Culturgeschichte der Menschheit, Lebens- und Charakterbilder aus Vergangenheit, und Gegenwart. Von Dr. Adolf Kohut. Heft 13—18. 5. Jahresbericht des Vereines zur Ausspeisung mittell. israel. Mädchen in Prag. Mittheilnngen des israel. Lnndeslehrervereins in Böhmen. Abraham Kohn im Lichte der Geschichtsforschung Historische Studie von Gotthilf Kohn. Zamarstyuolv bei Lemberg. Im Selbstverläge des Verfassers. 1898. Grotz-Octav, 339 Seiten. Es gibt Leute, welche geboren werden, ihr kurzes Leben unter- Widerwärtigkeiteü zu fristen, wenn auch hie und da glückliche Stunden ihnen entgegenlächcln, Unheil alles durchquert. Zu dieser Species Menschen gehörte auch der 1800—7 als Sohn eines böhmischen Hausierers geborene Abraham Kohn. Als „erster moderner- Prediger" in Lemberg war er seines Amtes Ivürdig. Er war ein berühmter Redner, ein Mann des WissensI Allein in einer Zeit und Stadt, wo Frömmigkeit, Religiosität mit Fanatismus verbunden loderten, die Juden Lembergs weder von Fortschritt noch von Bildung wissen wollten, ja das moderne Studium und profanes Wissen als ein ausrottender Feind der Religion Israels angesehen wurde,, darf cs nicht wundernehmen, dass die Kohn'schen Ideen gefährlich schienen und man ihnen entgegcnkämpftc. Judas Religion schien ihnen in Gefahr und so entstanden uolens bolcns Parteien contra Kohn. Jakob Herz Bernstein, Hersch Ornstein, Meier Münz und Ettinger waren geschworene Feiiidc Kohns. An der Spitze der Fortschrittsgemeinde in Lemberg standen damals seit 1842 Dr. Immanuel Blumenfeld, Dr. Leo Kalischcr, Dr. Oswald Menkes, Dr. Baruch Nappaport und Markus Dubs. Kohn als Assimilant wolltedas Judenthum assimilieren und suchte reformatorische Ideen einzuimpfen. Und doch war er Rabbiner, er sollte Heger und Pfleger des nationalen Judcnthums werden, die Religion Israels befestigen und streng religiös sein! Dies that und war aber Abraham Kohn entschieden nicht! Der Parteihader ist ein gefährlicher Rathgeber — und als „alle" Bemühungen der orthodoxen Juden Lembergs. Kohns Ideen zu Hannen nutzlos sich erwiesen, griffen sie zu einem wahnwitzigen greuelhasten Mittel. Kohn und seine Familie Ivurden am 0. September 1848 von einem Goldarueiter Pilpel vergiftet. — Doch tont coinpmuh-e e’est tout pmiomier —> lassen wir die Todten in Ruh! II

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