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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Wien, Freitag Nr. :.*2 Jüdisches Volksblatt 0. August 10'4 Leite 5 ieboctj ans dieser Erfahrung die Lehre ziehen, dass der einseitige Öletreidevan, in Palästina ivenigstens, nicht geeignet ist, einen Landarbeiter vollständig zn ernähren. Trotzdem .hastineh vorzüglichen Weizenboden hat, genügte eine mittelmäßige Ernte nach Abzug aller nothioendigen Ausgaben nicht mehr, den Colonisten einen Nettoertrag von nur 750 Freszu sichern. Brief aus der Türkei. Seit einiger Zeit tritt in den Gemeinden der Türkei sehr deutlich eine Bewegung zuguilsten der Entlvicklung der türkischen und hebräischen Sprache zutage. Die Kehila von Smyrna, eine der blühendste» Metropolen des ottomanischen Judenthums, hat trotz der inneren Kämpfe, denen sie im letzten Jahre beinahe unterlegen wäre, die Führung in dieser Belvegung übernommen, welche sowohl in moralischer wie in materieller Hinsicht glückliche Erfolge für uns schassen lvird. Zlvei Gesellschaften wurden gegründet, um unsere Nationalsprache zu verbreiten. Die türkische Vereinigung ist soeben officiell bestätigt lvorden und die Präfectnr von Smyrna hat von der Negierung Instructionen erhalten, nach lvelchen sie der jungen Vereinigung in ihren schwierigen Versuchen ihre Hilfe angedeihen lassen soll. Es wurden Eonfereuzen abgehalten und Misrahi, Professor der türkischen Sprache an der Schule der Alliance in Smyrna hat vor kurzer Zeit einen interessanten Vortrag gehalten über die Geschichte der türkischen Juden und ihren Einfluss aus die Regierung der Sultane. Die Gesellschaft für die Entwicklung der hebräischen Sprache hat Abendcurse eröffnet, deren Leitung dem Professor Moses Havely anvertraut wurde. Dieser hält außerdem jeden Samstag Vorlesungen ab. Es wurde auch in der Presse eine lebhafte Campagne zur Belebung des jüdischen Gedankens eingeleitet. Ein Apostel der Feder in diesen Angelegenheiten ist G a d F r a n c o. Er appellierte an Ab. Davon, den Director des Seminars von Eonstantinovel und an den gelehrten Publicistcn F res c o, um für die jüdisch-ottomanische Jugend ein hebräisches und ein spagnolisches Organ zu schaffen. Ich hoffe, dass diese Herren ihre Mitarbeiterschaft bei diesem nützlichen Werke nicht versagen lverden. Dies über Smyrna, welches man für das Judenthum gestorben wähnte. Aber was soll ich von Salonichi sagen, welches im 10. Jahrhundert so viele jüdische Gelehrte zierten, wie Firmon, Fassy, Hakohen usw., und welches jetzt zu verkommen scheint? Die dortige jüdische Cultur ist gleich Null oder wenigstens fehlt nicht viel dazu. Trotzdem fehlte es nicht an lobenswerten Anstrengungen von Seiten der Vereinigung ehemaliger Schüler der Alliance für die 'Wiederbelebung des jüdischen Gedankens. Vor kurzer Zeit von dem Director der Knabenschule gegründet, hat sie monatliche Vorlesungen eingerichtet, deren letzte von Herrn Alphandery, dem Director der Hirsch'scheu Schule abgehalten wurde. Das alte Thessalonich sollte mächtige jüdische Gesellschaften haben, welche unserer unwissenden Jugend ihre Religion, ihre Geschichte vorfuhren sollten, um sie bekannt zu machen mit ihren Dichtern und Weisen, mit all den Marksteinen ihrer Religion und mit ihrer mehr als -40 Jahrhunderte alten Wissenschaft und Literatur. Mercado — I. Covo, Professor in Serres. Ghetto. (Fortsetzung.) Raphael, der Sohn des habgierigen, sittenlosen Blinden, der junge Jude, tvelcher behauptet, es nicht mehr zu sein, ist ohne Zweifel eine gerade, edle Natur. Aber mit ihm fragen wir uns: „Wie können diese beiden Existenzen von Vater und Sohn, so weit, so rettungslos voneinander entfernt sein?" Und es scheint uns in der That, dass zwischen ihnen ein zu brüsker Gegensatz besteht, ein Gegensatz, der nicht genügend gerechtfertigt ist durch ihre Charaktere. Sachel sagte einmal sehr gut, dass er das Kind in eine Schule geschickt habe, lvo es Sprachen lernte, welche sein Vater nicht einmal dem Flamen nach kannte. Genügen aber diese philologischen Studien, um einen Charakter zu rechtfertige!:, der dem seiner Umgebung so überlegen ist, der mit den alten Vornrtheilen gebrochen hat, und der mit Begeisterung einer vielversprechenden Zukunft, einem socialen Glück entgegenstrebt? Woher hat Raphael seinen Gedantenreichthum? Es scheint da wirklich eine Lücke im Werdegang dieses Charakters vorznliegen, denn nichts rechtfertigt eine so erhabene Lebensauffassung bei dem Sohne eines wenig gewissenhaften und nur von Habsucht geleiteten Trödlers. Hierin schon zeigt uns der Sohn, wie anders seine Ideale beschaffen sind. „Arbeiten, einzig um zu besitzen, von früh bis abends nichts thnn, als Geld znsammenscharren, ich könnte es nichtI Das hieße dem Leben unrecht thnn, das hieße, auf Kosten seiner Mitmenschen zu lebenI" Wenn noch wenigstens dieses Geld immer auf anständige Weise erworben worden wäre! Aber es ekelt ihn, wenn er bedenkt, mit welchen Mitteln sein eigener Baker sein Bernwgen erworben hat. Seitdem er sich davon Rechenschaft geben kann, ist er in der schmerzlichen Lage, diesen blinden Vater nicht mehr lieben zu können, zu dem er früher so viel Zuneigung empfand. Er kann indessen den Greis nicht hassen, denn er betrachtet ihn gewisserinaßen als Product eines verhängnisvollen AtaviörnnS. Die Erziehung und die hasserfüllte Umgebung haben ihn zu dern gemacht, tvas er ist; aber er empfindet eine Art scheuen Mitleids für ihn und er würde ihn niemals irgend einen Einfluss ans sein Leben nehmen lassen. Er hat ihn thatsächlich den Fuß ans die Wage setzen und mit den Gewichten betrügen gesehen, tvährend die Käufer sich über die Ware beugten. Er sah den diebischen Fuß und die falschen Augen des Greises, und er sah ihn mit scheinbarer Absichtslosigkeit zivauzignial densetben Betrug wiederholen. Er sah ihn das so erworbene Geld liebkosen und täglich lügen und betrügen. Wie soll er ihn da als Vater ansehen, als seinen Vater! Es spielt sich zwischen Vater und Sohn eine schmerzlich bewegte Scene ab, in welcher Raphael einen geraden Sinn enthüllt, welcher es vorzieht, die Liebe eines entarteten Vaters zu opfern. Hier roie in vielen anderen Zügen seines Charakters gibt es Züge, welche uns an die tragische Größe gewisser Helden bei Ibsen erinnern, welche zwar schlnerzlich bewegt, aber ohne über die Hindernisse, ivelche sich ihnen entgegenthürrnen, zu straucheln, alle Stufen bis zum Gipfel emporklimmen. llnd tvie die Helden Ibsens, ist auch Raphael ein bischen kränklich; er hak ein düsteres Lachen, und obwohl noch jung, ivird er gereift und gepeinigt durch die Qualen des- Gedankens. Ten Bruch mit dem alten Sachel verdeckt er durch seine Liebe zu einer Fremden, denn hier kann er seine Begriffe über die Ehe, als Einigung zweier Seelen, noch nicht vereinen mit dem Gedanken an eine Ehe, tvelche eine Lüge zur Grundlage hat. Sachel gedachte seinen Sohn mit Rebecca, der Tochter Arons zu bcchciraten, und wenn die beiden Väter sich auch über die Mitgift, welche ihnen die Hauptsache ist, stritten, so hätten sie sich doch zweifellos über diesen Punkt geeinigt. Aber Raphael ist nicht das lenkbare Kind, welches sich berheiraten lässt, er hat durchaus keine gelvöhnliche Seele, tvie seine Ahnen, und mit bitterer Ironie richtet er an das Mädchen, mit dem man ihn verheiraten will, folgende Worte: „Wieviel Geld bringst Du uns zu? Drei-, vier- oder fünftallsend Gulden? Wenn mein Vater mit dreitausend zufrieden ist, bin ich es auch; wenn er vier verlangt, verlange ich sie auch und ich verlange fünf, wenn inein Vater sie fordert. Ich bin gesund, trage mich gut und habe keine Fehler. Ich habe auch eine Seele, diese erhältst Du als Zugabe. Manchmal tränrnc ich auch, aber ich glaube nicht, dass man für Träume mehr zahlt." Jedenfalls hat Raphael keinen Augenblick daran gedacht, Rebecca zu heiraten, denn sein Herz gehört Rosa, der christlichen Dienerin seines Vaters, der Fremden. Die Idee ist bielleicht nicht sehr glücklich Vonseiten des Autors, diese Rosa zur Geliebten seines Helden zu machen. Sie ist gewiss ein gutes, ehrenhaftes Mädchen, aber rvir können uns sehr schwer vorstcllen, dass sie ihm seelisch gleichkommt, dass sie die geistigen Aspirationen Raphaels vorstellcn kann. Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass er ihretwegen der öffentlichen Meinung trotzen, seine eigenen Eltern verlassen wird und dass er mit ihr das Glück erreichen will, jenes Glück, welches alle Menschen erreichen lverden, an dem Tage, „lvo der Friede, rein und strahlend, das Ghetto, ivelches die Verfolger errichteten, und in welches sich die Juden eingeschlossen haben, wie in wohlverwahrte drohende Festungen". Raphael ist, wie wir sagten, ein Denker, ein Idealist, ja ein Utopist. Mehrmals im Verlaufe der Handlung gibt er seinen socialen und religiösen Ideen Ausdruck. Wir werden darauf zurückkommen uud wir werden uns fragen, ob nicht seine Lösung der Indenfrage selbst eine Utopie ist, welche Gefahren in sich birgt. (Schluss folgt.) E i n e I u b ilüu m s b e t r et d) t u u g von S. E m i t. Am 1. August 1661, also vor genau 460 Jahren, wurde in Oesterreich das Gesetz erlassen, dass den Juden das Betreten der Gasse nur gestattet sei, wenn sie durch einen gelben Fleck als Juden gekennzeichnet waren. Zuwiderhandelnde hatten den Verlust der Kleider uud Lcmdesverweisung zu gewärtigen. So wollte es das Gesetz vor 460 Jahren. Seither hat sich manches verändert, und auch der gelbe Fleck hat eine Umformung erfahren. Verschwunden aber ist er nicht. Freilich inuss er nicht an das Kleid angeheftet werden, aber jeder weiß, dass dem Juden in allen Lebenslagen, in allen Ständen der gelbe Fleck augesteckt wird, damit er als Zielscheibe diene für die giftigen Pfeile jedes Beliebiger!, dein Neid, Hass oder Dummheit die Waffe in die Hand gedrückt hat. Alte Chroniken erzählen Geschichten von herzzerreißender Possierlichkeit. So gab es Juden, die sich unter keinen Umstünden den Geboten des Kaisers fügen wollten und zu absonderlichen Mitteln griffen, aus dass man den gelben Fleck nicht sähe. Sie giengen knapp an der Wand, veranlassten ihre Schuldner, neben oder vor ihnen zu gehen unb gebrauchten ähnliche Behelfe, um den gelben Fleck zu verdecken. Doch all dies war nur von problematischem Werte. Eine einzige unvorsichtige Belvegung genügte, alle List Zuschanden zu machen. Dann leuchtete die Farbe umso beller hervor zum Spott und Schaden ihres Trägers. Dabei ist es interessant, zu beobachten, dass die gelbe Farbe an sich doch keineswegs etwas der Ehre Abträgliches ist. In China beispielsweise ist sie bloß den Mitgliedern des kaiserlichen Hofes zu tragen gestattet. nUd würde der Kaiser von China die Erlaubnis dazu geben, dass die europäischen Missionäre auf ihren Gewändern einen gelben Fleck tragen dürfen, dann könnten die europäischen Mächte wohl zufrieden sein. . Jedes Ding erhält erst durch die allgemeine Belvertung seinen Wert. Und wie mit dein gelben Flecke der Juden ist es auch mit jenem der Charaktereigenschaften, die den Juden eigenthümlich und gerade nur aus diesen! Grunde bei ihren Feinden so verhasst sind. Es soll hier nicht erörtert werden, wie sehr der Einfluss der Umgebung, die Verfolgung und Einengung ins Ghetto diese Charakterentwicklnng beeinslnsst haben. Aber Thatsache ist es, dass unseren Feinden des Zusammenhalten der Juden, die rege Auffassungsgabe, der kluge Geschäftssinn, die wissenschaftliche Befähigung, dass all diese Eigenschaften, die man sonst gewiss lobenswert, wenn nicht bewundernswürdig finden würde, bei den Juden als ebeuso viele Berdammungsgründe betrachtet lverden. Der gelbe Fleck gilt eben nur für die Juden als Schandiual, für die auderen aber i'4 er ein Eh reu flecken. Wenn deuuiach der gelbe Fleck in seiner brutalen Form verschwunden ist, darf der Jude keineswegs darüber frohlocken. Wohl lässt sich der eingesetzte Tuchflecken assiinilieren, indein inan ihn herausreißt oder die Farbe säuberlich wegwäscht. Doch „Jud bleibt Jud", ob er auch in possierlichen Wendungen, wie seine Vorfahren den Glaubensgenossen den Rücken zuwendet, um den gelben Fleck zu verbergen, oder zu demselben Zwecke sich in ein rein arisches Milieu begibt, llnd wenn beispielsweise der Herausgeber eines früher dreimal monatlich erscheinenden Kampfblattes nicht durch die bei den geistig regsanien Juden leider besonders häufig auftretende Nervosität jetzt am Schreiben verhindert wäre, könnte er doch den gelben Fleck, der ihm so oft willkonnnenen Anlass zu seinen Scherzen gab, ailch an diesen! Gedenktage nicht verleiignen. Der in der fortgesetzten Negation schwelgende Stil Daniel Spitzers, der Witz Saphirs, die Ironie Heines sind bei ihm, wenn auch in wesentlich abgeschwächter Form, deutlich zu erkennen. Und wenn man auch dein Inhalt anmerkte, welch verzweifelte Wendungen der talentierte Mann machte, mn den gelben Fleck zu verleugnen, in der Form, in dein scharfen lailgigen Spott, dein gründlichen talnnidischeii Stndimn der Annoncen nach verborgenem Inhalte. — aus alledem leuchtete uuverkeuubar der gelbe Fleck, die Eigenart des Zudeic, hervor. So sehen wir, dass dieses Kennzeichen den! Inden, fei er Zionist, sei er indifferent oder sogarApostat, anhaftet, wie ein Nessusgewand, das er nicht abstreifen kann. Ich habe inich ängstlich bemüht, die aus den Ereignissen der Gegenwart und der Vergangenheit logisch folgernden Conclusionen zu ziehen, so dass mir der Leser gewiss beipflichten ivird, wenn ich stricte behaupte, die bisherigen Ausführungen könnten in jedem antiseinitischen Blatte stehen, sofern die Möglichkeit bestünde, ein solches siir kühl überlegende Personen zu schreiben und nicht für jenen Lcsepöbel, den! nur mit blutrünstigen Schlagworten gedient ist. Welche Schlussfolgerung muss aber der Jude aus diesen Lehren ziehen? Es gibt nur eine vernünftige Erwägung. In den Zeiten, da der gelbe Fleck nicht wie heute bloß als ein wesentliches Symbol, sondern in greifbarer Stofflichkeit bestand, da machte sich nur jener Jude doppelt verhasst und lächerlich, der ihn zu verdecken trachtete. So darf auch heute der Jude sein Judenthum nicht zu verstecken suchen. In seiner „Utopia" schildert Thomas Morus ein Land, in welchem den Geächteten goldener Schmuck als Zeichen der Schande umgehängt wird. Hätte Morus jedoch den Gedanken weiter gesponnen, so wäre er gewiss darauf gekommen, dass ein solcher Zustand nicht lange bestehen kann, wenn die auf solche Weise Ausgestoßcnen den Werl des Goldes einmal erkennen. Denn Gold ist keineswegs ein böses Metall, erst die Menschen haben es schlecht gemacht. Gar köstliche Geräthe lassen sich ans ihin bereiten. Wie lange wird es wohl noch dailern, bis die Juden sich und ihren Feinden die Ueberzeugung beibringen werden, dass der „gelbe Fleck" aus gediegenem Gold besteht und dass die „jüdischen" Eigenschaften keineswegs immer verächtlicher Statur sind? Tribüne. Wastenvers:cherung durch Eunjummarlmt an stelle der Reclame. Der Kampf um die Kundschaft treibt seltene Blüten uud hat heute allerorten bereits Dimensionen angenommen, die jeder Beschreibung spotten. Millionen werden alljährlich dem Moloch Reclame geopfert, ohne einen anderen volkswirtschaftlichen Zweck zu haben, als sich gegenseitig die Kundschaft abzujagcn. Legion ist heute die Zahl jener Unternehmungen, welche ihren Erwerb darin suchen und auch finden, ans dem Gebiete der Reclame immer etwas Neues zu bringen; kein Kaufmann ist heute mehr imstande, sein Geschäft zu machen, wenn er nicht dafür genügend Reclame machen kann. Bei einzelnen größeren Unternehmungen (Kathreiners Kneipp-Malz-Kafsee, Fränck usw.) betragen die Ausgaben für Reclame jährlich mehrere hunderttausend Gulden. Eine förmliche Industrie hat sich ans diesem Gebiete seit langem entivickelt; man sieht oft künstlich ansgestattete Placate, wo das Stück auf eine Krone und darüber zu stehen kommt; und solche Placate werden oft in Tausenden von Exemplaren hinausgegeben, ohne irgendwelche Beachtung zu finden, und die Geschäfsleute damit förmlich überschwemmt. Unsummen werden ans diese Weise jährlich verschleudert. Wer da nicht mitthun kann, der ist von Haus aus schon verloren. Es ist eine schiefe Ebene, auf welche die Entlvicklung der Reelame die Handeltreibenden aller Kategorien gedrängt hat, auf der cs jetzt kein Halt mehr gibt. Und das gilt nicht etwa nur von den großen Unternehmungen; auch der allerkleinste Händler ist heute in den Strudel mit hineingerissen worden, aus dem er nun nicht mehr heraus kann, und muss nolens voiens dem Moloch Reclame ebenfalls seinen obolns entrichten. Selbredend bewegen sich seine Ausgaben für diesen Budgettitel in bescheideneren Grenzen und auch in anderen praktischeren Formen, wie bei den größeren Unternehmungen; aber sie thnn ihm mehr weh als jenen, und nicht selten ist es sein Ruin. Betrachten tvir einmal, welcher Art die Reclame beim Kleinhandel ist. Sie äußert sich dort vorwiegend in Form von Geschenken. Selbst der kleiste Greißler gibt heute bei einem Bareinkaufe aus Gepflogenheit ein paar Zuckerl für die Kinder, wie er sagt; zu Ostern erhalten die Kunden nach altem Herkommen ihren Osterflecken und zu Allerheiligen ihren Heiligenstritzel. Wehe demjenigen, der sich da ausschlietzen wollte! Sein Local würde gemieden werden wie die Pest. Und erst die Weihnachts- und Neujahrsgeschenke l Jeder Kaufmann wird uns zugeüen müssen, dass das die unangenehmste Zeit im ganzen Jahre für ihn ist. Viel kann man bei dem heutigen Verdienste nicht geben, und vor den Kopf stoßen will man, schon der Concurrenz wegen, die Kundschaft auch nicht. Es ist wirklich keine beneidenswerte Situation, in welcher sich der Kaufmann um diese Zeit befindet. Während sich andere Leute auf das Neujahr freuen, weil es ihnen Geschenke trägt, fürchtet der Kaufmann das Neujahr wie das höllische Feuer; bringt es ihm doch nichts wie Unannehmlichkeiten und eine Menge Geldanslagen; und bei alledem verliert er regelmäßig beim Jahreswechsel einen Theil seiner besten Kundschaften; das ist einmal heute nicht mehr anders. Gehen wir weiter. In vielen Geschäften hat sich jetzt der Modus eingebürgert, den stabilen Kunden auch unter dem Jahre Remunerationen in Gestalr von Haushaltungsgegenständen, als da snrd: Geschirr, Kaffeemühlen, Schuhe, Uhren, Ketten, Ringe u. dgl. zu verabreichen. In manchen Geschäften hat-sich wieder ein anderes System entwickelt. Da wird marktschreierisch angepriesen, jeder zehnte oder fünfzehnte Laib Brot, jedes fünfzehnte oder zwanzigste Viertel Kaffee, jeder zwanzigste Liter Petroleum ist gratis usw. usrv. Der „Oesterreichische Kaufmann", Prag 2., hat sogar einen Preis von 700 Kronen ausgesetzt für die beste Idee, die möglichst vielen Kaufleuten nützen kann, und es ist schauderhaft, zu hören, was die Leute für Gedanken aushecken können. Eine kleine Blutenlese wollen wir hier vorsühren. Da schreibt einer, dass er Wertpapiere ankanft und ansspielen lässt und die Spielnummern gratis an seine Kunden vertheilt. Ein anderer hat zur Hebung des Consnms ein kostenloses Sparsystem durch Errichtung einer Reftitutionscassa zur Einführung gebracht, in welche ec selbst 2 bis 5 Procent (in progressiver Steigerung) von dem eingekauften Betrage für seine Kunden einzahlt und alljährlich zum Jahresschlüsse zur Bertheilung bringt. Wieder ein anderergibt sogar den ganzen Betrag für die eingekaufte Ware von einem Tage eines jeden Monates an seine Kunden zurück. Kurzum,, einer will den anderen überbieten; das sind aber sehr ungesunde rmd unhaltbare Zustände, die förmlich nach einem einheitlichen System schreien. Ader bei alledem ist noch immer ein Ende nicht abznfehen. Der Egoismus der Massen ist nun einmal geweckt und kann auch gar nicht mehr cingedämmt tverden. Das Regieronto des Kanfniannes schwillt immer mehr an, das leosulnierende Publicum wird immer anspruchsvoller, so dass mir mathematischer. Sicherheit der Tag vor-

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