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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt 9. August 1901 Nr. 32 Wien, Freitag für gehalten wurden, nin „gutachtliche" Aeiißeiungcn angegangen werden sind. Wenn in dieser Hinsicht noch ein ^luetfeT bestand, so n'ird er setzt durch die Mitrbeilnngen des aiitisemikischen Moniteurs über das fainose Fair der Enquete beseitigt. Die Anfrage lautet: I. a) Giebt es nach Ihrer Ansicht Juden, die zu rituellen, religiösen oder sonstigen anderen Zlveckcu Menschenblut gebrauchen und darum den Ritiialmord oder den Blntmord begehend b) lind tvomit begründen Die Ihre Ansicht? 2. Wenn Die von der Wahrheit dieser Beschuldigung überzeugt sind, a> wodurch erklären Sie deren Berechtigung und welche Beiveggründe nehmen Die (seitens der Inden) mi? b) was Hallen Die für das geeignetste Mittel zur Ausrottuntl dieser entsetzlichen Verbrechen? Das Ergebnis bezeichnet die „ Staatsbürger-Zrg." mit ungeivohnter Bescheidenheit als „ein im großen und ganzen durchaus befriedigendes". Von 40 Befragten haben 04 geantwortet, darunter nur einer verneinend: Herr Gvmnaiialdireetor Wehnnann in Phritz. Zwei (Pros. Paul Förster-Friedenau und Prof. Schumacher Dtettin) haben es> abgelehnt, sich zu äußern.: drei (Hofprediger a. D. Dtöcker-Berlin, Sanitätsrarh Dr. Becker-Bederkesa, Dr. Lindström-Hainwver) erklärten, kein positiv sicheres öffentliches Urtheil abgeben zu können": fernere drei l Iufnzrarh Gröger-Schweidnitz, NeehtSaiNvalt Jacobson-Hambnrg und Dr. Dchiveebten-Dortinund> waren angeblich „krankheitshalber" bezw. „aus Mangel an Feit" nicht in der Lage, 5» anworten. Vier i Pfarrer Aä z. H., Prof. Dr. Dtefen-Leipzig, Schriftsteller H. L. Ebainberlain-Wien, Dchriftsreller Paul Dehn- Fnedena» > haben „die Möglichkeit und hohe Mahrscheinlichkeit, dass jüdische Ritual- oder Blntmörder epistieren", zugegeben. Unter den einundzwanzig, welche Frage 1 unbedingt bejaht haben, befinden sich: der ErEanonieus Rohling-Prag, Pfarrer Krösell- Ktoriu, Dr. Devin-Ueberlingen, Pfarrer Baltzer-Lerzloiv, Mcmmiuger-Würchmrg, Theod. Fritsch-Gautsch, OkeiehstagSabgeordneter Bindetvald-AilmerSdorf, Dr. Bachler-Berlin, Dr. Böckel-Friedenan, Mar Bertver-Dresden, Dr. Gicse-Bcrliii und Dr. Hentfchel- Deutfch-Deiffersdorff, also ztvölf Antiscmiten-Häuptlinge, welche seit Jahr und Tag die Blutlüge predigen, somit in eigener ^acbe plaidieren. Vier der ilinstren „Gutachter" haben mit bewundernswerrem Walirheitsmuth nicht einmal gelvagt, ihre A'amen zu nennen. Tie Uebrigeu sind homines ignotissimi; man lvird aber, ohne dass sie bisher bervortraten, nicht bezweifeln können, dass sie schon früher als in der Wolle gefärbte Antisemiten sich erprobt haben und deshalb würdig befunden wurden, ihr „Urtheil" abzugeben. Und dieses mir Ach und Krach zusammengcbrachte Ergebnis der mit lärmendem Tamtam angekündigten „Ilmfrage" nennt die Staatsoürger-Zrg." ein „durchaus befriedigendes" I Habeant sibil Jedes Wort der Commenrierung würde dieses, lvie die ganze Bluthetze überhaupt, nur pathologisch verständliche Gebaren bloß abschtvächen. Jnterssant ist es, dass der Pfarrer Kröscll-Kkoxiii sich tvieder an die Oeffentlichkeit wagt. Wie unsere Leser sich entsinnen, hat vor mehreren Monaten Dr. Hirsch Hildesheimer den Herrn aufgefordert, den Beweis für seine Beschimpfungen des Judenthums und der Juden zu erbringen, tvidrigenfalls er sich „böswillig verleumderischer Unwahrheit" schuldig mache. Herr Krösell versuchte, mit einer nichtssagenden Erklärung auszuweichcn, und als Dr. Hildesheimer ihn abermals mit einer noch energischeren Kundgebung, die zudem in mehreren pommer'schen Tageszeitungen veröffentlicht wurde, herausforderte, verschanzte er sich hinter ein zur rechten Zeit eingetroffencs Verbot des Consistorinms, das ihm eine Fortsetzung seiner rednerischen und schriftstellerischen Thätigkeit untersagt habe. Tiefes „Verbot" hindert den Herrn Pfarrer, der den Vorwurf böswilliger Verleumdung ruhig hinnahm, nicht im Geringsten, jetzt mit der gleichen Bezichtigung hervorzutreten! Er hat damit zweifellos den Beweis erbracht, in der „Gutachter-Liste" des „germanischen Volkbundes" neben Ehren-Rohling an erster Stelle zu glänzen. Könitz. Unter dem Verdacht, an dem Versuch der Inbrandsetzung der hiesigen Synagoge am 4L. Juni v. I. betheiligt zu sein, ist nunmehr auch der Arbeiter Daenert verhaftet worden. . Aus dem gleichen Grunde wurde bereits vor acht Tagen der Barbierlehrling Gliede fesigenommen, der bei dem Verhör seinen Complicen genannt haben soll. Wie verlautet, ist die Behörde auch den Anstiftern zu dem Verbrechen auf der Spur und stehen fernere Verhasrungen bevor. Die Art, wie es nach mehr als dreizehnmonatlichen vergeblichen Nachforschungen gelang, die Thnter aufzufinden, ist nicht uninteressant. Wie Ihre Leser wissen, war in der Gerichtsverhandlung gegen den Privat-Detectiv Schiller auch davon die Rede gewesen, dass der Klempnergeselle Schlichter der Theilnahme an der Brandlegung des Synagogen-Schuppens verdächtigt ivurde. Letzterer fühlte sich durch eine dahingehende an den Processbericht angeknüpfie Bemerkung der „Ostdeutschen Tageszeitung" beleidigt, verlangte eine Berichtigung und wandte sich, als diese abgelehnt wurde, um die Aufnahme zu erzwingen, an die Polizei. Bei seiner Vernehmung verwickelte sich Schlichter in immer ärgere Widersprüche und, in die Enge getrieben, denuncierte er schließlich den Barbier-Lehrling Gliede, dessen Verhaftung daraufhin erfolgte. Man kann auf die weitere Entwicklung der Angelegenheit gespannt sein. Bekanntlich war von antisemitischer Seite die niederträchtige Lüge verbreitet worden, dass „die Juden selbst die Synagoge angezündet hätten, um sich als Opfer der antisemitischen Verhetzungen hinzustellcn und so den Verdacht, dass die Mordthat an Ernst Winter von Juden verübt wurde, zu entkräften." Es ist darum doppelt erfreulich, dass endlich Licht in die Angelegenheit kommt. Vielleicht wird die Eruierung der Anstifter auch über andere dunkle Punkte die ersehnte Aufklärung schaffen. — Wie vorauszusehen war, hat Herr Gustav Schiller gegen die Verurtheilung zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus Revision eingelegt. > Kissinge«. (I s r. K i u d e r h e i l st ä t t e n.) Der modernen ' Zeit mit ihrem auf das Praktische gerichteten Wohlthätigkeitssinn ist es Vorbehalten geblieben, auch innerhalb des Judenthums eine Reihe von Wohlfahrts-Einrichtungen zu schaffen, welche gemeinnützigen Zwecken dienen. Zu den segensreichsten Schöpfungen dieser Art gehören unstreitig die israelitischen Kinderheilstätteu, tvelche siechen Kindern — den armen unter ihnen unentgeltlich, den bemittelten gegen mäßige Bezahlung — ihre Pforten öffnen. Wiewohl erst jungen Darums, haben die bisher bestehenden jüdischen Kinderheilstätreu unendliche Wohlthaten, unendlichen Segen verbreitet; sie haben vielen Hunderten von Kindern, welche ohne die Wohlthaten solcher Anstalten elend und hilflos in der ersten Blüte des Lebens gleich den Blumen des Feldes dahinwelken würden, Heilung und. Genesung, Frohsinn und Lebensfrischc verschafft. Da mit den erschwerten Erwerbsverhälrnissen und den verschlechterten Lebensbedingungen die Zahl dieser hilfsbedürftigen Kinder stetig zunimmt, ist cs mit dovpelrer Freude zu begrüßen, tvenn diesem Bedürfnisse Rechnung getragen wird und die bereits vorhandenen Institute durch die Begründung eines neuen entlastet werden. Eine solche neue Anstalt wird auf Anregung des Herrn Dr. med. Münz-Nürnberg in dem durch seine schöne Lage und seine heilkräftigen Quellen ' gleich ausgezeichneten Bade Kissingen ins Leben gerufen. Zur Aufnahme von tranken, schwächlichen oder sonst in der Eutivicklung zu- , rückgebliebeuen Kindern beiderlei Geschlechts im Alter von 4—Kl Jahren bestimmt, wird die Heilstätte nach solchen Prineipien geleitet werden, dass sie, auf jüdisch-religiöser Grundlage fußend, Kindern! aus Familien aller religiösen Parteischattierungcn und aller Lau-. destheile einen gleich behaglichen und heimischen Aufenthalt bieten wird. DaS edle, humanitäre Werk rückt, dank des einmülhigen Zu-, sammenwirkeuS aller Kreise, seiner Vollendung näher. Es sind bereits größer? einmalige Beiträge, darunter allein die hochherzige Spende von iO.OOO Mark seitens eines edlen Wohlthäters in Fürth,' dem Unterin-hmen zugewandt worden. Ein Bauplatz in geeigneter Lage Kissin.gens ist für die Anstalt käuflich erlvorben worden. Es fehlen freilich noch bedeutende Summen, um den Bau, ein bleiben-! des Wahrzeichen jüdischen Wohlthärigkeitssinnes, in Angriff zu nehmen. Das murr dem bewährten Vorsitz der Herren D. Berg - . mann Fürth und Adolf S ch w a r;-Nürnberg stehende Eomitee, i das sich ans angesehenen Männern aller Landestheile zustuumen-! setzt, ivendet sich an den oft belvährten Wohlthätigkeitssinn edler! Menschenfreunde mit der Bitte, das hochherzige Werk durch Bewil-! ligung eines Beitrages zu unterstützen und mit begründen zil helfen. { Vlitf jeder Gabe ruht der Segen Gottes, ruht der Segen ans Kin- > dermund. Beiträge sind zu richten au die Adresse des Herrn Banquier Wilhelm O t t e n s o s e r - Nürnberg oder au Herrn Banquier A. L ö tv e n t h a l - Kissingen; etwaige Anfragen und Mittheilungen au Herrn Dr. med. M ü u z - Nürnberg. London. (D e r I a h r e s bericht d e r Angl o I e w i s h Association) bietet mancherlei JntercssauteS, leider wenig : Erfreuliches. Die Einnahmen sind gelvachsen, aber freilich nur durch . das Ergebnis einer besonderen Sammlung für die rumänischen! Juden, deren Resultat im Betrage von 55.000 Mart alles ist, lvas unsere englischen Glaubensgenossen für die Hissaction zugunsten unfererZverfolgteu Brüder in Rumänien aufgebracht haben, lind au diesen Sammlungen waren nicht bloß die Inden Englands, sondern mich die aller seiner Colonieu, sogar auch niauche Christen betheiligt. So ivurde in Südafrika trotz des Krieges beinahe der dritte Theil dieser Summe gespendet, und zivar in Kapstadt ssso Mark, in Gudtshorn 1250 Mark, in Johannesburg 8800, in Prätoria 2000, in ^Ltandarton 1100, in Boksburg 950 Mart usw. Recht Anerkennenswertes leistete auch der Zweigverein der A. I. A. in Hongkong, der außer seinem regelmäßigen Beitrag von 1500 Mark noch fernere 2000 Marl für die rumänischen Inden sandte; dagegen brachte London nur circa 00.000 Mark zusammen, ivovon zudem fünf Personen allein ein Drittel gaben. Als Cnriosum mag erivähnt werden, dass der gesammte Beitrag der English Zionist Federation, die so viel Geschrei gemacht hat, nur 42 Mark betrug I Außer diesem SpecialfondS beliefen sich die Gesammt-Einnahlnen der Gesellschaft auf 8904,14,11 Lstr., d. h. rund 80.000 Mart, denen Ausgaben in Höhe von 4177,8,11 Lstr. (84.000 Mk.) gegeiiüberstandeu, so dass sich ein Deficit ergab. Unter den Einnahmen sind nur 27.000 Mark regelmäßige Beiträge, ferner 18.000 Mark Zuschuss von Lord Rothschild für die Mädchenschule in Jerusalem, der Oieft Geschenke. Poil-den Ansgeben kommen 00.000 Mark auf die Subventionen für Dchulen, 10.000 Mark auf Gehälter. Die Zahl der Zweigvereine beträgt 88, davon 18 in Großbritannien, in Indien, 14 in den anderen Colonieu und befreundeten Ländern. In den von der Gesellschafr unterstützten oder erhaltenen Schulen werden insgesannnt 9185 .Kinder (5954 Knaben, 8281 Mädchen) unterrichtet. Die Vertreter der A. I. A. haben gemeinsam mit denen der Board of Depnties an den König von England gelegentlich seiner Thronbesteigung eine Deputation entsandt, welche den liebenswürdigsten Empfang fand. Dem Schah von Persien wurde bei seiner Anwesenheit in London eine Adresse der beiden Körperschaften überreicht, in der er an seine Versprechungen in Bezug aus günstigere Behandlung seiner jüdischen Uiiterthaneii erinnert lvnrde. In der Thal ist die Negierung des Schah, als vor enigen Monaten in Teheran abermals Excesse gegen unsere Glaubensgenossen vorkamen, thatträstig eingeschritten und hat den Geschädigten einen Schadenersatz von 20.000 Mark, den Aermsten außerdem noch eine Unterstützung ans seiner Privatschatulle überweisen lassen. Nicht uninteressant ist die Thatsachc, dass der englische Botschafter, bei den Schritten, welche er in dieser Angelegenheit bei dem Minister des Auswärtigen unternahm, die Unterstützung des türkischen Gesandten fand, der so den Vertretern der christlichen Großmächte eine Lehre in der Toleranz erthcilte. Der Bericht der A. I. A. lvird vervollständigt durch ein Protokoll der Generalversammlung vom 8. Juli und ein Verzeichnis der Mitglieder und Spenden. Mit Recht hob der Vorsitzende, Herr Claude G. Montefiore, die Geringfügigkeit der der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Summen, welche zu der Aufgabe, der sie dienen sollen und zu der Leistungsfähigkeit der englisch redenden Juden inklüglichem Missverhältnis stehen, hervor. London. Unter dem Prvtectoratc einer philanthropischen Gesellschaft, bei welcher der Londoner Oberrabbiner, Rev. H. Adler, als Ehrenmitglied thätig ist, hat sich ein „Fabrik-Arbeiter i n n e n - F e r i e n f o n d s" gebildet, welcher schon seit vorigem Jahre den Zweck verfolgt, der armen Arbeiterinnen-Classe die Mittel zu einer physischen Erholung während einiger Ferieuwochen zu bieten. Diese Mädchen, sagt der betreffende Aufruf, sind unsere eigenen Schwestern und Töchter, welche die Mütter der nächsten Generation werden sollen. Ihre Erholung und Arbeitsruhe ist ebenso dringend, ja fast dringender, als unsere eigene. Viele dieser jungen Geschöpfe schnappen bloß nach ein wenig Luft, die ihnen nicht zutheil werden kann, wenn wir ihnen nicht helfen. Die Kerkerthüren dieser Riesenstadt zu öffnen, in welcher diese Mädchen durch die wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Cibilisation jahraus, jahrein, nuausgesetzt zurückgehalten werden, ist nur ein Gebot der Nächstenliebe und Religion und wirtschaftlich ebenso heilsam, als sittlich gerecht, denn Gott hat die Welt nicht für die Reichen allein schön gemacht. Odessa. (Wozu Karobkagelder gut sin dl) Die schwere Steuer auf Fleisch und Licht, welche die russischen Juden neben den allgemeinen Steuern noch zu entrichten haben, werden angeblich zur Bestreitung von ausschließlich jüdischen Ausgaben erhoben. Thatsächlich jedoch geizen die Behörden mit jeder Kopeke, die sie aus dem Ertrage dieser „Judensteuer" für jüdische Ztvecke bewilligen sollen. Dagegen find sie stets bestrebt, das jüdische Geld auf Unternehmungen auszugebcn, die, wie Schulen, zu welchen die Juden nur im geringen Matze zngelassen werden, nichts weniger als jüdisch sind. In der letzten Zeit wurden sogar aus den Karobkageldern Summen für Chausseebauten entnommen. Am schlimmsten hat es jedoch der Pristaw von Shmerinka, einer großen Station der russischen Südwestbahnen, getrieben. Dieser brauchte zur Ilebertvachung des friedlichen Städtchens durchaus vier neue Gendarnien, und da die Negierung ihm die dazu erforderlichen Summen nicht betvilligen tvollte, so kam er auf die sonderbare Idee, das Geld aus den Karobkabeträgen zu entnehmen. Aber selbst die Karobkagelder sind nicht ganz herrenloses Gut, da ihre Verwendung die Erlaubnis der jüdischen Gemeinde erfordert, tvelche deni Herrn Pristaw uuerwarteterweise nicht zuwillen war und die Erklärung abgab, dass die Besoldung von vier Gendarmen keine speeifisch jüdische Angelegenheit sei. Wütheud ob dieses unerwarteren Widerstandes wandte sich der Pristaw um Rath au seinen Vorgesetzten, den Gouverneur, der ihm nahe legte, sich an die Vorstände der Synagogen zu tuenden. Aber auch diese erwiesen sich obstinat, und dem Herrn Pristaw blieb nichts weiter übrig, als zu einem in Russland unerhörten Mittel seine Zuflucht zu nehmen. Er veranstaltete nämlich eine allgemeine Volksabstimmung. Seine Polizisten wanderteu von Haus zu Haus und erkundigten sich bei jedem jüdischen Eintvohuer von Shmerinka, was er über diese Frage denke. Auf diesem demokratischen Wege eines Votums des Volkes gelang es dem Pristatv, aus den Karobkageldern 750 Rubel zur Besoldung von zwei neuen Gendarmen zu erhalten. Die noch fehlenden zwei hofft er im nächsten Jahre auf demselben Wege umso eher zu erhalten, als er bei seinem neuen Verfahren vergessen hat, die „geheime Abstimmmig" zu proelamieren. Wilna. (Treibjagden auf jüdische H a n d w e r - k e r.) Das Fehlen jedweder Organisation zur Abwehr antisemitischer Uebergriffe in Russland kommt Keinem Staude so theuer zu stehen, als den armen jüdischen Arbeitern, tvelche im Schweiße ihres Angesichts sich ihr kärgliches Brot verdienen müssen. Nicht nur darf sich jeder noch so untergeordnete Beamte gegen diese Aermsten derAnnen, die sich vor einer Uniform iuS Mausloch verkriechen, die beliebigsten Aiisschreitimgen erlauben; auch Leute, tvelche nicht den geringsten Beamteucharakter haben, gestatten sich ungestraft allerlei Ungesetzlichkeiten gegen sie. Namentlich sind es die Zünfte, tvelche seit einiger Zeit mit großem Erfolge versuchen, die jüdischen Arbeiter zu maltraitieren und ihnen den letzten Groschen ansznpressen. Zu diesem Zwecke begibt sich der Obermeister einer Zunft auf die Polizei, lässt sich von dieser einige Gendarmen geben, um mit^Hilfe derselben bei armen jüdischen Arbeitern, welche vielleülit mit Hilfe einer Näh- oder Sirickmaschine sich selbst und die Jbrigen zu ernähren trachten, Haiissilchuiigen abzuhalteii. Wehe dem armen Juden, der mit seiner Maschine bei der Arbeit ertappt lvird. Sofort tvird ein Protokoll aiifgeiioinmen und der „Verbrecher" als zunftlofer Handwerker in eine hohe Strafe qc iwiiimen. Natürlich tvird aus das Corpus delicti, d. y. das porgefiiiideue Haiidwerkszcilg oder die auf Abzahlung genommene und noch lange nicht bezahlre Maschine beschlagnahmt, und der arme jüdische Arbeiter ist nur froh, wenn er mit dem Obermeister privaim aceordiereii und gegen eine sofortige Hinterlegung einer seine Mittet bei weitem übersteigenden Sunnne seine einzige Ernährerin, die Maschine, tvieder zliriickerhatten tänii. Das so erpresste Geld tvird. nachdem der Pristatv und die Gendarmen ihre Proente davon erhalten haben, nach altem Gebrauch der russischen Zünfte sofort in Wodka angelegt. Die Zünftler trinken Scbnavs und lachen über Der jüdische Arbeiter weiß nicht, dass in Russland jedermav.u, und Der jüdistbe Arbeiter weiß nicht, dass in Russland, und wäre er selbst ein Jude, sich durch seine ehrliche Arbeit ernähret! darf, ohne erst dazu den Obermeister der Zünfte um Erlaubnis fragen zu müssen. Der Zuiiftztoang beginnt erst bei Haudtverkeru, die mit drei Gehilfen arbeiten, nicht aber schon bei Lenren, die allein oder mit Hilfe ihrer Failiitieuaiigehörigen ficli ernähren. Konstantinopel. (Detto publique.) Ter Sultan hat, nach den Meldniigen der politischen Tagesblätter, mit auffallender Energie gegen die Veite publique Stellung genommen. Er erklärte, dass die Veite publique eine türkische Jnstitiltion sei, und dass ihr Verwaltuiigsrnth ohne Zustiminmig der türtiscbeil Behörden keine Beschlüsse fassen dürfe. Diese Meldung ist, tvie bemerkt, auffallend, lveil die türkische Negierung bisher die Helte publique anerkannt und sich jeglicher Jiigercnz auf ihre Bestlilnssfassiing enthalten hat. Die Verlvaltung der türkischen Staatsschnld besteht seit dem Jahre 1881, in tvelchem Jahre sie durch das berühmte Ätuharem-Decret eingesetzt wurde. Sie hat bisher radellos functioniert uiw lvurde nie durch die türkischeii Behörden in ihrer Thätigkeit behindert. Die Pforte hat auch zwei Vertreter in der Schiildverwaltung, einen Regieruligs-Commlsfär und einen Vertreter der Obligatwiieu-Besitzer. Es ist aber richtig, dass die vette publique freiwillig bou der Türkei eingesetzt ivurde, da ihre Constituieruiig die Vorbedingmig für das Arrangement der türkischen Finaiizcii war. Wenn jedoch jetzt die verbrieften R e ch t e de r v e fc t e p u b 1 i q u o. t e - geudwie geschmälert und die Freiheit ihrer Eutschließuiigeu behindert werden sollten, so würde das dem türkischen Credit inehr schaden, als daraus Nutzen gezogen iverdeu toimte. Allerdings scheint im Uildiz-Kiosk die fremdenfeiudtiche Stimmung die Oberhand zu haben, tvie auch aus dem jüngsten Erlasse des SuttanS hervorgeht, dass in türtischeu Häusern christliche Erzieherinnen nicht verwendet werden dürfen. Es bleibt immerhin der genaue Teyt des vom Sultan erlafseiicu Decrers abzurvarteii, bevor man tveitergeheude Folgerungen aus dieser Meldung zieht. _ Smyrna. (Ein angeb li ch er R i u a l m o r d in der Türkei.) Die „Nachrichen aus dem Orient" veröffentlichten folgenden Bericht aus Smyrna: Vor einem Gerichtshöfe unter Vorsitz des Müstapha Nedim Efendi fand hier der Process gegen 42 Personen statt, die augetlagt sind, an den Unruhen gegen die Israeliten theilgeiivmmeii zu haben, die in Smyrna in der Osterzeit dieses Jahres aus Anlass des angeblichen Verschwindens eines griechischen Knaben entstanden lvaren. Zehn Advocaten (Türken, Griechen und Armenier) übernahmen freiwillig die Vertheidigung der Angeklagten. Der Anklage tvar zu entnehmen, dass zur Osterzeit ein Kind verschwunden sei. Aus diesem Anlasse hatten sich zahlreiche Personen bei der Pholinuskirche zusmnmengerottet, um das Judenquartier anzugreifeu. Die einen, begannen Sturm zu läuten, während die anderen die Equipage des Metropoliten aufhielteii und denselben beschimpften, weil er sich nicht an ihre Spitze stellen wollte. Tie Angeklagten leugnen jede Schuld; sie hätten sich an den Zusammenrotluiigen nicht betheiligt und wären nur durch Zufall verhaftet worden. Der Bericht des Commandanten Chefket Bey, der an der Spitze eines Bataillons entsendet wurde, um die Volksmassen zu zerstreuen, besagt, dass, als der Tilmult seinen Höhepunkt erreicht hatte, plötzlich die Nachricht kam, der Knabe sei nicht von den Juden ennordet worden, sondern habe sich vor den Mifshandlungen seiner Mutter und seines Bruders geflüchtet und sei, als er erfahren, welche Folgen seine Flucht habe, freiwillig zurückgekehrt. Die Volksmenge hätte sich dann sofort mit Hochrufen auf den Sultan zerstreut. Der angeblich ennordete Knabe Anesti Kostu erscheint als Zeuge. Er ist 14 Jahre alt und Lehrling im Hause Xenopulos. Er gibt an, dass ein gewisser Wilhelm einen Brief voller Anklagen gegen ihn an seinen Chef geschrieben habe. Er hätte sich gefürchtet, vor ihm zu erscheinen, und hätte sich zu Fuß nach dem Dorfe Burla begeben. Dort habe er von einem gewissen Halepa erfahren, welche Folgen seine Flucht habe, und er sei deshalb zurückgekehrt. Die als Zeugen vorgcladenen Polizisten schildern ziemlich übereinstimmend die Vorgänge, wollen aber in den Angeklagten die Ruhestörer nicht erkennen. Die Verhandlung wurde auf acht Tage vertagt. Jerusalem. Die drohende Gefahr der Dürre ist aügeweudet. Regengüsse, welche mehrere Tage hindurch audauerteu, haben die Erde getränkt. Im letzten Winter tvar, wie auch im vorhergehenden Jahre, sehr wenig Regen gefallen, und die Befürchtungen mussten umso größere sein, weil im heißen Palästina vom Monat Mai ab bis zum November kein Regen mehr zu fallen pflegt. Darum herrscht größte Verlegenheit im Sommer, wenn zur Wiuteczeit der Boden nicht gründlich durchgetränkt und in Stadt und Land die Cifterneii nicht nüt ausreichendem Vorrath versehen sind. Die drohende Dürre dieses Jahres ist zum guten Theile abgewendet. Sehr alte Leute wissen sich nicht zu erinueru, dass über die Mitte Mai hinaus noch Regen gefallen iväre. Dieses Jahr ist es geschehen, und das Volk in Stadt und Land, sowie das Wild des Feldes in Schluchten und Wald athmet erleichtert auf, lveil die Noth gehoben ist. — Das „S h r i s ch e Waisenhaus" in Jerusalem versendet seinen vierzigsten Jahresbericht. Danach konnte die Anstalt, in der 200 Kinder erzogen toerden, nicht weniger als 215.000 Mk. verailsgaben, denen nur 11.000 Mk. aus eigenen Einnahmen, der Rest aus jährlichen Beiträgen der europäischen Freunde fließt. Wie tleiii nehmen sich neben diesen Niefeuleistungen die so mühsam gesammelten Gelder für das deutsch-israelitische Waisenhaus aus! Interessant ist, dass die Cotouie des deutsch-syrischen Waisenhauses in Bir Salem, obwohl nur 11 Personen, darunter drei Waisen, aus derselben leben, auch in diesem Jahre, dem achten ihres Bestehens, einen Zuschuss erfordert hat, der diesmal 48.826,24 Mk. betrug. Zweierlei können tvir Juden aus dem Berichte dieser Auftakt lernen: Zunächst, tvie gering im Verhältnis zu den Ausgaben und den möglichen Erfolgen unsere Austveudungen für Palästina überhaupt und speeiell für die dortige Waisenpslege sind, vor allem aber, tvie nur durch geduldige Arbeit, die »licht nach sofortigen Ergebnissen fragt, tvirklich Ersprießliches erreicht lverden kann. — Die C o l o n i e K a st i » e h, tvelche bekanntlich im Jahre 1890 von den vereinigten Chotvetoe-Zion-Vereiiten begründet wurde und seit zwei Jahren als selbständig galt, ist infolge der vorjährigen mittelmätzigerl Ernte wieder in Bedrängnis gerathen. Die Vrutto-Einnahmen sind von 40.000 Frcs. im Vorjahre aus 28.000 Fres. gesunken. Davon giftigen ab 5500 Fres. für die Aussaat, 10.600 Frcs. für die Eriiähnlug von 22 Ochsengespaniieu und 26 Pferden, 5000 Fres. für (tzeineinde-Alisgaben, wie Lehrer, Wächter ustv., und 0000 Frcs. für den Zehnten. Zur Ernährung der 22 Colonisteii-Familien, welche aus 15.000 Frcs. veranschlagt tvird, verbleiben dennmch nur noch 1000 Frcs. übrig. Das Odefsaer Comitee, tvelches die weitere Fürsorge für die Bauern von Kastineh überliommeu hat, lvird den Fehlbetrag deckelt. Die Freunde der Colouisation Palästinas werden

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