Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 9. August 1901 Nr. 32 und Juden hört nämlich auf, sobald die Juden aufhören, sich mit den deutschliberalen Bestrebungen zu identificieren. Die Czechen, ohne Unterschied der Fraction, auch die national-radicalsten, wollen nichts als die Gleichberechtigung für sich mW räumen diese auch voll und ganz den Deutschen ein. An eine Unterdrückung anderer Nationen denkt gar keine ezechische Gruppe. Die verschiedenen czechischcn Fractionen, die „Katholisch-Nationalen", die Alt- und Jungczechen Mährens, finb in nationaler Richtung einig, unterscheiden sich jedoch voneinander durch das politische Glaubensbekenntnis. Die „Katholisch-Nationalen" fußen auf dem Boden des positiven Christenthums; die Jungczechen und theilweise auch die Altczechen sind mehr oder weniger religiös indifferent. Abweichend von den anderen Fractionen fortan die „Katholisch-Nat i onalen" für die katholischen Schulkinder katholische Schulen, für die protestantischen Schulkinder protestantische Schulen, für die jüdischen Schulkinder jüdische Schulen. Wenn der nationale Friede in Oesterreich im allgemeinen und zwischen Deutsche!: und Czechen iin besoirderen hergestellt ist, dann könnte auch in Oesterreich, wie in anderen Staaten eine politische Parteigruppierung an die Stelle der nationalen treten. Tann konnte vielleicht nach dem Vorbilde des Centrums in: Deutschen Reichstage auch eil: solches in Oesterreich entstehen. Das Gelingen des deutsch-czechischen Ausgleiches in Mähren würde vielfach auch den Ausgleich in Böhmen und in den anderen österreichischen Kronländern erleichtern. Die Chancen für den deutsch-czechischen Frieden in Mähren stehen gerade nicht ungünstig, wenn auch in manchen Punkten Differenzen bestehen. Wenn immer über die Sprachenfrage eine Einigung zwischen Deutschen und Czechen sich vollzogen hat, dann dürfte wohl für die Deutschen die föderalistische Umgestaltung der österreichischen Monarchie und speciell auch das böhmische Staatsrccht aufhören, ein Gegenstand der Furcht und des Schreckens zu sein. In dieser Richtung erstrebt das ezechische Volk die Vereinigung Böhmens, Mährens und Schlesiens mit einem Generallandtage; die gemeinsamen Angelegenheiten der ganzen österreichischen Monarchie mögen dann in einer Delegation behandelt werden. Die Perfectionierung des deutsch-czechischen Ausgleiches is: ja gerade im jetzigen Momente für Deutsche und Czechen gleich wünschenswert und nothwendig, da die Erneuerung des unparteiischen Ausgleiches in der nächsten Reichsrathssession zur Behandlung gelangt. Der deutsch-czechische Zwist hat ja das politische und wirtschaftliche Uebergewicht der Magyaren in der habsburgischen Monarchie zur Folge gehabt. Ein Ausgleich und Friede zwischen Deutschen und Czechen, den culturell fortgeschrittensten Völkern West- Oesterreichs, eine Föderalisierung der cislcithanischen Reichshälfte würde ja in lveiterer Consequenz die Uebermacht des Magyarenthums einzudämmen imstande sein, umsomehr als die Unzufriedenheit, die Forderung nach nationaler Gleichberechtigung und nach Umgestaltung dev Verfassung sich auch bei den Slaven, Rumänen und Deutschen in Croatien, Ungarn und Siebenbürgen bemerkbar macht. Aber die Entwicklung vollzieht sich in Oesterreich eben langsam, und es bedarf langer Kämpfe, bis in allen Theilen der Monarchie die Ueberzeugung zum Durchbruche Tolstoi ist seinem ganzen Wesen nach eine selbständige, ungemein energische Natur, ein Original nach allen Seiten sowohl in seinen Ansichten als in seinem Lebenswandel. Von tiefsten ethischen Motiven und Idealen geleitet, hat er erst in langem Kampfe mit sich selbst die Herrschaft übermächtige Regungen und Neigungen seines stürmischen Temperamentes errungen. Diesen ursprünglichen Zwiespalt hat ganz anschaulich einer seiner Landsleute, P. Sergejenko, so geschildert: In der Vereinigung von aufwallenden heftigen Jnstincten und seiner zartbesaiteten geistigen Constitution liegt die tiefe Tragik der Tolstoi'schen Persönlichkeit. Er war von Natur aus in jeder Beziehung der Typus des Uebermenschen, wie ihn Nietzsche sich gedacht hat. Einerseits ein unersättliches Trachten, Gewalt über die Menschen zu erlangen, anderseits ein nicht minder unersättlicher Eifer nach Reinheit und innerer Vervollkommnung. Wahrilch, Prometheus in Gestalt eines gebückten Arbeiters mit dem Tragrieinen um den Hals oder ein Cajus Marcius Coriolanus in der Kutte eines Klosterbruders wäre minder tragisch. Welch ein Vorwurf für einen Dramatiker, der zugleich ein feiner Psychologe ist! Nehmen wir alles in allem, so haben wir es mit einem der bedeutendsten Männer der Gegenwart und der Menschheit überhaupt zu ihun, wenn wir uns mit Tolstoi beschäftigen. Mik Graf Tolstoi hebräisch lernte. Das war im Jahre 1881. Die Plünderung der Juden durch den Pöbel in Elisawethgrad, Kiew, Odessa, Warschau, Balta usw. brachte nicht. nur die Juden in verzweifeltste Lage, sondern auch die russischen Denker blickten überrascht auf diese plötzlich und unerwartet hereingebrochenen Scenen. Hiezu kam noch die Haltung der Negierungsorgane und der judenfeindlichen Blätter, welche die Juden beschimpften und den Pöbel in Sch"^ nahmen. In jener Zeit wendete sich der bekannte russische Publicist S o r k i n an alle großen russischen Schriftsteller, dass sie gelangt, dass nur die unbedingte Gleichberechtigung aller Volksstämme im Zeichen der Autonomie und des Föderalismus zum Wohle und inneren Frieden sämmtlicher unter den: Scepter der Habsburger Vereinigtei: Länder und Nationalitäten führe. Die bei allen Volksstämmen, in allen Theilen des gefammten österreichischen Reiches vorhandene wirtschaftliche Noch, sowie die zunehmende Cultur werden die Volker einander näher bringen und zum endlichen nationalen Frieden in Oesterreich führen. Streiflichter aus Ungarn. Die Stimmung in der herrschenden liberalen Partei den Juden gegenüber wird am besten charakterisiert durch folgenden Ausspruch eines liberalen Abgeordneten. Als man ihn fragte: „Wer ist Antisemit?", antwortete dieser Brave: „Derjenige, der den Juden mehr Hasst, als man gerade muss." Man sieht, dass die liberale Partei in Ungarn ebenso liberal ist als in Oesterreich. Zur Illustrierung!vill ich Ihnen ein kleines Geschichtchen erzählen. Prof. Purjes in Klausenburg ist eine anerkannte Größe auf den: Gebiete der internen Medicin. Er strebte eine Berufung nach Pest an; dep Minister bedeutete ihm, dass zur Berufung an die Pester Universität in erster Linie der Taufschein nöthig sei, die wissenschaftliche Befähigung käme in zweiter Linie. Prof. Purjes beugte gehorsam sein Haupt und ließ sich taufen. Die Sache würbe aber ruchbar und ein Abgeordneter interpellierte in offener Sitzung den Cultusminister. Was that nun der weise Cultusminister? Er ließ den getauften Dr. Purjes in Klausenburg. So blieb Prof. Purjes der Klausenburger Universität erhalten. Judenhass ist auch die Ursache, dass eine solche Autorität auf chirurgischem Gebiete, wie Dr. Herczel nicht zum ordentlichen Professor ernannt wird. Prof. Dollinger und Prof. Rethy haben diese Ernennung verhindert; sie konnten aber nicht verhindern, dass das Sanatorium des Prof. Hercze einen immer größeren Ruf in der medicinischen Welt bekommt und dass Dr. Herczel für seine Verdienste in den erblichen ungarischen Adelsstand erhoben wurde. Es ist ein sehr betrübendes Zeichen, dass der Antisemitismus von Seiten der Universitätsprofessoren gefördert wird. Pros. A j t a y, der Sachverständige für gerichtliche Medicin, wird auf das rPogramm der Volkspartei candidieren; auch andere Namen werden genannt. Braucht es da weiterer Beweise? Die „Neutr. Zeitung" meldet interessante Candidaturen aus dem Neutraer Comitate. Dem Dr. Janics, Mitgliede der liberalen Partei, stellt sich Josef Emody, ein bekannter Agrarier, entgegen; auch den beiden Szulyovsky erstehen ernste Gegenkandidaten. In N.-Tapolcsany beabsichtigt Graf Apponyi Gyula, der Sohn des Hofmarschalls, zu candidieren. Der bisherige Gegencandidat Szulyovskys, der Waisenvormund Lelkes Sziya tritt zugunsten desGrafen Apponyi von der Candidatur zurück. Es ist höchst bezeichnend für die Struktur der politischen Parteien, dass Lelkes zwar für die V o l k s p a r t e i candidierte, nichtsdestoweniger seinen Anhang dem Grafen Apponyi übergibt. Im Verboer Bezirk candidiert Paul Mesko. So zweideutig die Rolle ist, die Ugron spielt, so zweideutig ist auch das Programm seiner Partei. Er laviert immer zwischen einem politischen Radicalismus extremster Richtung und einem reactionärenKatholicismus conservativster Observanz; er erfreut sich daher der Patronanz des Wieihre gewichtige Stimme zur Aufklärung des Volkes erheben mögen. Turgenjew und Tolstoi zählten damals zu den ersten Wortführern der russischen Literatur und an sie trat Sorkin in erster Reihe heran. Turgenjew erklärte, dass er sich mit Publicistik nie beschäftigt habe, versprach jedoch einen Roman zu schreiben, der die jüdische Frage zum Gegenstände haben wird, was jedoch bekanntlich nicht geschah. T o l st o i wieder bemerkte, er könne über die Judenfrage sich nicht äußern, bis er nicht die hebräische Sprache erlernt habe, um die jüdischen Bücher im Original lesen zu können. Und so erschien eines Tages der Graf bei dem Moskauer Rabbiner S. Minor und bat ihn um Namhaftmachung eines Lehrers für hebräische Sprache und Literatur, indem er ihm gleichzeitig den Zweck mittheilte. Vergebens erklärte ihm der Rabbiner, dass die Bibel und die alte hebräische Liter'atur mit der Judenfrage unserer Zeit nichts zu thun hat. Tolstoi beharrte auf seinem Standpunkt, und Rabbiner Minor selbst übernahm den Unterricht. Ueber den Fortgang dieses Unterrichtes äußerte sich später der Rabbiner gegenüber dem deutscheil Schriftsteller Löwenfeld folgendermaßen: „Ort und Zeit waren nicht genau bestimmt. Manchmal kam der Graf zu mir, ein anderesmal fuhr ich zu ihm hinaus. Ich unterrichtete ihn in Sprache und Grammatik. Die Bibel lasen wir vom Anfang der Genesis bis zu Jesaias, jedoch wurden viele Capitel, welche für ihn kein Interesse hatten, weggelassen. Der Graf Pflegte mich über die Erklärung des Talmuds zu manchen Stellen zu befragen, was ich ihm auch mittheilte. Der Unterricht dauerte gewöhnlich eine halbe Stunde, während welcher Zeit der Graf ein sehr verständiger und aufmerksamer Schüler war. Dann Pflegte er von mir mündliche Vorträge aus dem Talmud zu verlangen, über talnmdische Ansichten, über Moral und Sitten, über Welt und Lebensauffassung usw. Tolstoi vernahm alles mit großer Aufmerksamkeit und machte sich zuweilen Notizen." Der Zweck dieses Unterrichtes ist jedoch bekanntlich nicht erfüllt worden, ein Buch über die Judenfrage hat Tolstoi nicht geschrieben. B. ner „Vaterland" ebenso wie der Prager „Politik" und des Pariser „Jntransigeant", des Organs Rocheforts. Andererseits braucht die Partei jüdische Stimmen; zu diesem Zwecke ist in: Ugronclub ein Renominierjude Samu Visontai; ferner candidiert die Partei in aussichtslosen Bezirken natürlich, die Juden Dr. Gal Jenö, und Szymeyr Vilmos, den Viccprüsidenten des Budapester Demokratenclnbs. Wir hoffen, dass sie dadurch niemandem Sand in die Augen streuen wird und jeder Jude sich bewusst sein wird, dass^ Ugron der getreueste Schleppträger des Clericalismus ist und nur auf den Augenblick wartet, wo er sich den Antisemitismus offen in die Arme stürzen kann. Die liberale Partei hat einen weiteren Abfall zu verzeichnen: Graf Alexander Karolyi candidiert als Agrarier im Günser Comitate und verlangt auf seinen: Programme u. a. ein Verbot der Einwanderung der galizischen Juden. Der Antisemitismus zieht in'Ungarn immer weitere Kreise; symptomatisch war in dieser Beziehung die Gründling der „Christlichen Schneidergewerkschaft" in Budapest, symptomatisch war auch der Unverstand, dass ein Jude Geschäftsräume an die Gesellschaft vermietete und jüdische Großhändler Waren an sie verkauften. Der Schluss war, dass hie Gesellschaft trotz Unterstützung von Seiten der Geistlichkeit und des Adels jämmerlich verkrachte; die jüdischen Lieferanten waren die Betrogenen. Vielleicht öffnet dies den ungarischen Juden die Augen, dass das einzige Mittel gegen den Antisemitismus die Organisation der Juden sei, zuerst auf wirthschaftlichem, dann auf politischem Gebiete. Dieser Stimungsbericht wäre unvollständig, wenn er nicht die antisemitische Strömung unter der christlichen Studentenschaft erwähnte. Die näheren Vorgänge sind aus den politischen Tagesblätter:: bekannt; die Strömung hat zur Einsetzung eines ständigen Comitees der christlichen Studentenschaft geführt. Bemerkenswert ist, dass die protetantische und speciell die calvinistische Studentenschaft sich ablehnend gegen die „modernen Kreuzritter" verhält; die Debrecziner Rechts-Facultät hat einen offenen Brief erlassen, in dem sie gegen die Intoleranz der Budapester katholischen Studenten Protestiert. Zum Schlüsse muss ich Ihnen den Tod eines sehr begabten jüdischen Bildhauers melden. Josef Engel wurde in Satoralja-Ujhely als Sohn armer Eltern geboren und genoss seine erste Ausbildung in der Pressburger Jeschiba. Dort entdeckte man sein Talent und Engel ließ sich nach manchen Kunst- und Irrfahrten in London nieder. Sein Hauptwerk war „Der Kampf der zwei Amazonen gegen die Argonauten". L. S. Vom Tage. Ein wirklicher Freimaurer. Unsere Enthüllung aus Freimaurerkreisen hat nicht verfehlt, überall Aufsehen zu erregen; daher sah sich schließlich ein Freimaurer, der jetzt zufällig nicht in der Sommerfrische weilt, veranlasst, den: Leibblatte der Wiener Maurer, der Bloch'schen Wochenschrift, eine Berichtigung zuzusenden. Er constatiert vor allem, dass es innerhalb der Logen verschiedene Sorten von Menschen gäbe, wirkliche Freimaurer und — nichtwirkliche. Wir sind ihm für dieses Zugeständnis sehr dankbar; denn obwohl es den Profanen schon lange bekannt war, dass innerhalb des Bundes sehr viele Streber, die auf den: Rücken der Brüder vorwärts zu kommen hoffen, seien und sehr wenige wirkliche Freimaurer, so ist doch diese Constatierung aus competentem Munde sehr wertvoll. Was nun den citiertcn Ausspruch eines Freimaurers betrifft, so ist der Redaction Name und Adresse desselben bekannt. Wir erwarten, dass der betreffende wirkliche Freimaurer nun feinen Zweifel an der Wahrheit der betreffenden Notiz berichtigen wird; thut er das nicht, so bleibt er zwar ein wirklicher Freimaurer, aber auch wirklich ein u n a n st ä n d ig c r Mensch. Freilich gehört die ganze geistige Beschränktheit dieses Freimaurers dazu, um dem Ausspruche den „grcgorigianischen" Sinn unterzulegen; der betreffende Bruder bezweifelt schon deshalb nicht das Menschenthum der Juden, weil er s e l b st Jude ist, sondern er meinte, dass Freimaurer keine. Institute und Gesellschaften unterstützen, die confessionell sind. Damit können sich Katholiken und Prote- 'tanten zufrieden geben; wir Jude:: aber müssen, eingedenk des Umstandes, das °/io derWiener Freimaurer Juden sind, energisch gegen diese Formel protestieren. Diese reichen Juden müssen endlich zur Einsicht kommen, dass die Unterstützung ihrer arn:en Stammesgenosse:: kein Gegenstai:d der WoHltHätigkeit ist, sondern eine sociale Pflicht. Der neue Curs des l. potttisch-jüdischen Vereines „Schoruer Marl" in Hemberg. Von Dr. Rüben Vierer. (Fortsetzung.) Ehe wir zur weiteren Besprechung der politischen Verhältnisse unserer Brüder in Lemberg, beziehungsw-ise in Galizien fortschreiten, erachten wir es als geboten, zunächst ein Bild der Juden unter sich zu entwerfen, dieselben am heimischen Herde zu treffen, gleichsam am Webstuhle jener Vergangenheit vor mehr als drei Decennien, aus welcher heraus die Dringlichkeit der Errichtung jenes Schutz- und Abwehrvereines „Schomer Israel" erhellen dürfte, der erst in der neuesten Zeit, wenn auch unter anderem Namen, einer allgemeinen Wertschätzung und Verbreitung entgegengeht.