Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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VL Schale! in Gien, ferner alle Knnnnctn»ikxpevittonen im LuSlande. MttzeL-NNMmer i« Wien 1« Heller. Ätmrtmllrrfimt; VIII/1, SchlösjrlgaRe U. AbonuementsprciS: Für Wien «. Oesterreich-Ungarn! Für daS gefammte Ausland iammr Francozustellung. sammt Francozilstellung. ♦- ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.- „ 4- „ 2 Luiizjährig . I Halbjährig . | Vierteljährig 0r. .. 4.50 2.25 Ur. 32 Wien. S. August 1901. rtjtfnNä»»* i* > «jaaiiaarr^itfwiTwinm «UM»!, III. Ilchrsang. Zwischen zwei Extremen. Auch in der Entwicklung eines Volkes gibt es Reber- MNgs- Epochen, gleichsam, als machte es einen Läuterungs- Process durch. Wenn die alte Lebensart ihren Wert verliert, die alten Ideale ihren Glanz einbüßen und derGlaube an die überlieferten guten Sitten schwindet, dann beginnt cs im Volke zu gähren, es lechzt nach etwas Neuem, neue Strömungen machen sich geltend, neue Ideen und Ideale tauchen auf und wollen verarbeitet werden. In solchen Fällen wird man von einem Extrem ins andere geworfen und fühlt sich von den neuen Ideen gleichsam berauscht. Und je extremer diese Ideen sind, desto fester hängt man an ihnen, wie unnatürlich und unhaltbar sie sein mögen, umso fester Hämmert man sich an sie, umso tiefer fassen sie Wurzel. Das Volk wird mehr oder minder lang von solcher Strömung mitgerissen, bis endlich ein Mittelweg gesunden wird, der die Gemüther allmählich beruhigt und sie zu einem festen sicheren Habt führt. Einen solchen Gährungsprocess macht jetzt unser Volk durch. Bei Völkern, die ein selbständiges politisches Leben führen, setzt eine solche Uebergangs-Epoche viel Blut ab. Die Gegner werden einfach weggefegt, die, welche sich der Strömung entgogenstellen, .müssen dies mit dem Leben bezahlen, wie es einst in Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts geschah. Wir Juden aber führen diese Kämpfe mit Wort und Schrift, mit Reden und Zeitungsartikeln. Aber jeder, der hiefür ein offenes Auge hat, erkennt die Schärfe dieses Kampfes auch iu dieser unblutigen Form, er sicht die stürmische Art dieser Gährtmg, auch wenn fie keine Revolutionen absetzt. Betrachten wir sie näher. Das Leben der Juden im Ghetto war ein g a n z e s, ein für sich abgeschlossenes, ans sich selbst gestelltes. Dem Charakter eines Verfolgten, gehassten und gehetzten Volkes entsprechend, lebte es in engen Räumen eingeschlossen. Jeder einzelne Jude, jede einzelne Gemeinde und alle Juden eines Landstriches fühlten sich als Glieder des jüdischen Volkskörpers, als Theilstücke eines Ganzen. Das religiöse Band genügte, um die Juden aller Länder zusammenZuhalteu, sie zu gegenseitiger Hilfeleistung und zu Opfern stets bereit zu halten. Da kan: die nette Zeit. Die Mauern des Ghettos fielen, die -Gleichberechtigung wird mit mehr oder weniger Aufrichtigkett proklamiert, neue Formen machen sich geltend, das weltliche Wissen verdrängt Allmählich den religiösen Glauben, das sogenannte allgemeine Menschenthmn die unbewusst gefügten nationalen Verbände. Es gähri im Volke Israel, eine Krisis tritt «in und man stürzt sich in die Assimilation, Assimilation bis zum Extrem, bis zur letzten Consequenz, bis zur „individuellen Löst! n g d e r j ü dischenFrag e", irnc man diplomatisch die Tatlfe genannt hat. So löste eilt Extrem das andere ab, das M 5 rtyrerthum die unfreiwillige Taufe. Aber dieses widerstrebt dem Lebensgeiste, der Leo Tolstoi. Von Prof. Dr. Th. Achelis, Bremen. II. Dieser Mensch wird sehr weit kommen und tiefe Spttren zurücklassen, schrieb Turgenjew von seinem Landsinann, mit dein er lange Zeit innig befreundet war, und den er itoch auf dem Sterbebette instätidigst anslchte, er möchte doch gegenüber aller Philanthropie nicht die Kunst vergessen. Diese Prophezeiung ist bekanntlich vollauf in Erfüllung gegangen, ja schon als viermtdzwanzigjähriger Jüngling (T. ist bekanntlich am 9. September 1828 geboren) begann er mit seiner schriftstellerischen Laufbahn. Auch auf ihn darf man das große Wort Goethes anwenden: Alle meine Dichtungen sind große Bruchstücke einer großen Confession. Ebenso früh regte sich in ihm jener cigenthümliche, unwiderstehliche Trieb eines bohrenden Forschens und Zweifelns, so dass er von sich erklärte: Meine Neigung zu abgezogenen Betrachtungen bildete in mir das Bewusstsein so natürlich ans, dass ich oft, wenn ich über die einfachste Sache nachzrdenken begann ,in einen endlosen Zirkel der Analysierung verfiel; ich dachte nicht -mehr über die Frage nach, die mich beschäftigte, ich dachte über das nach, worüber ich nachdachte tlstv. Diese krankhafte Sucht zum Grübeln erhielt erst im Laufe der Zeit durch ethische Probleme eine gewisse Gesundung unb Kräftigung, ganz hat sie sich.auch an dem Greise nicht verloren. Nach den üblichen uns innewohnt, und dos Volk sticht ttnd findet tteue Ideale, neue Lebensziele, und so entsteht in Deutschlattd — ein scheinbarer Widerspruch — die moderne Orthodoxie, in Russland und in Rumänien die Palästina-Bewegung, und endlich in Oesterreich der politische Zionismus. Wieder einmal finb wir bis zum Extrem, angelangt. Die Verhältnisse in Deutschland lassen wir diesmal außer Betracht, hiefür wird sich ein anderntal Gelegenheit geben, wir wollen hetlte nur die Bewegting in Russland und in Oesterreich näher ins Auge fassen. Die Assimilatioit in Russland gieng erstens von der Gleichberechtigung aus. Dort wollten die Juden die Gleichberechtigung durch die Assimilation an das russische Volk sozusagen verdienen. Wir müssen vorerst zeigen, dass wir Russen sein können, dass wir die Fähigkeit haben, die Gleichberechtigung auszuübcn. Sie assimilierten sich also und Hofften — aber anstatt der Gleichberechtigung kamen im Jahre 1881 die „Pogromen", Plünderung und Raub. Wirr und rathlos steht das jüdische Volk, es gährt in allen Schichten desselbett, uttd so taucht der Gedairke an P a - lästi n a auf! Ein neues Ideal, neue Wünsche und Ziele! Wer die jüdischen Zeittmgcn aus jener Zeit gelesen, wer die kleinen tmd großen Versäu mt Um g mttcmgesehen hat, dem saust noch heute in den Ohren der Ruf: „Fort von Europa! Fort mit dieser Civilifation! Hin nach Wett, in unser Land, ins jüdische Reich! Unbekannt mir den Verhältnissen des Landes, welches sie das ihrige nannten, unbekannt mit den Ansichten der türkischen Regierung, der das Land gehörte, begann matt das Volk mit hohen Phrasen zu benebeln und mit extremen Ideellen zu berauschen. Eine Masfen-Emigratiott auf der einen Seite und -ein strenges Verbot auf der anderen Seite waren die Folgen. Das hinderte jedoch nicht, dass die Gährtmg dieser Uebergangs-Epoche das Volk immer 'tiefer ergriff, dass einige kümmerliche Ctzlonien, welche drüben gegründet wurden, als der Grundstein des neuen jüdischen Reiches, dass die armselige Schule in Jaffa als der Kern der zukünftigen jüdischen Cnltur tnit der hebräischen Sprache im Bolksmunde angesehen wurde. Die Phrase erhielt immer stärkere Gewalt, Äe phantastischen Ideale breiteten sich immer mehr aus mtd überschritten sogar die russischen Grenzen, um die jungen Köpfe in Oesterreich zu berauschen. Bei einer kleinen Gruppe der jüdischen Studentenschaft in Wien fieng es an und bald erstanden auch hier die Schwärmer, welche, in etivas moderner Art, nur in Palästina ihr Heil sahen mtd allen zuriefen: „Hier in Europa, im Golus, haben wir nichts zu suchen, hier ist für uns alles verloren! Für uns gibt es uur noch eine Rettung: P a l ä st i u a"! Selbstverständlich nahm die Bewegtlng hier andere, mehr moderne Formet! an, aber der Uebergang von einem Extrem ins mtderc trat hier noch deutlicher mtd schärfer vor Angen. Ans einer Seite die AssimUanten, die von einem Judenthum, von einer jüdischen Nation nichts wissen wollten, auf der anderen Seite der politische Zionismus, der sich Reisen ins Ausland (bezeichnenderweise hat diesem Moralisten von schärfster Fassung Italien keine Bewunderung etngeflößt) begann er (1862 hatte er übrigens dem Junggesellenlebett entsagt) mit practischeit Reforitten ans dem väterlichen Gute, er richtete Schulen ein, die den Einzelnen einen fast unglaublich weitett Spielraum ließen — jeder setzte sich, wohin er lvollte, trieb, was ihm gefiel usw. Seine Erfolge waren, wie berichtet wird, durchschlagend, was tms einigermaßen unglaublich Vorkommen will, jedenfalls suchte Tolstoi seit dieser Zeit, während der er aber auch schon größere Romane schrieb (so „Krieg und Frieden"), den nnntittelbaren Verkehr mit dem gewöhnlichen Mann zu pflegen; denn es war ihm klar geworden, dass er nur auf diese Weise und tun durch die Wucht des persönlichen Beispiels etwas attsrichten könnte. Es ist bezeichnend, dass vielfach die Träger der höchsten sittlichen Ideale in feinen Erzählungen nicht die Vertreter des Adel finb, sondern Angehörige der niederen Volksschichten, deren Gefühl und Sinn noch unverbildet ist. Er wurde zunt Volksschriftsteller. verfasste eine Vien ge leicht verständlicher Broschüren, Kalender usw., um das geistige Niveau seiner Landsleute zu heben. Und als nun gar 1891 eine Hungersnoth ansgebrochen war, gründete er über 200 Volksküchen, fuhr trotz grimmiger Kälte vmt einem Dorf zum anderen tmd stichle überall die schlimmste Noth ztl lindern. Umgekehrt zeigt Tolstoi eine heftige Abneigung gegen alle Menschen, die nur kommen, um ihn atlszufragen oder ihm irgendwelche Ovation zu bereiten. So ließ er z. B. den bekannten Chauvinisten Paul Dereoulede, der ihn zu seinen Rcvancheidecn bekehren lvollte, ziemlich tutgnädig ablaufett. von Euwpa lossagt, der von einer gemeinsamen Action hier im Lande, von einer Judenschaft im „Ghetto" sich nichts verspricht. Inmitten solcher Wirrnisse mussten unbedingt Männer erstehen, welche, mit n ü chterne tu B erstand die Lage betrachtend, einen Mittelweg zwischen beiden Extremen einschlikgen. So entsteht der „culturclle Zioitisntus" mit „Slchad Haam" an der Spitze in Russland und d i e jüdisch-nationale Bewegung int Oesterr e i ch. (Ein zlvetter Artikel folgt.) Zur politischen Lüge in Oesterreich. Anterview mit dem Adgeordnetön Dr. Koudrla. In Mährett macht sich innerhalb der czcchischen Bevölkerung der Gegensatz zwischen den Jungczechen und der katholisch-natiottalen Partei innner mehr bemerkbar und trat auch bereits in der letzten Landtagssession deutlich hervor. Zttr Jltforntatton unserer Leser geben wir im wesentlichsten die- Anschattungen der Wortführer beider Gruppetr hier wieder. Bott jtmgczechischer Seite bringen wir ein Interview mit dem Lattdtagsabgeordneten Dr. Perek und im Nachfolgenden wird das Programm der katholisch-nationafcn Partei der Czechen, deren Ansichten über die politische Lage in Oesterreich, ihre Stellung zu den übrigen Fraetiottcn, solvie zur Judenfrage beleuchtet. In einer längeren Ilttterreduitg äußerte sich nämlich diesbezüglich der mährische Landtagsabgeordnete Dr. Koudcka einem unserer Mitarbeiter gegenüber folgendermaßen:. Die katholisch-nationale Partei der Czechen ist eine nnttonale und katholische und vertritt programmatisch detr Standpunkt, dass den nationalen Bedürfnissen des czechischen Volkes ebenso Genüge geleistet werden nttiss, wie den katholisch-religtösctt. Die katholisch-nationale Partei Mährens will aber keineswegs eine Pricsterherrschaft oder eine nationale VergÄvaltigung der Deutschen; fie ist tolerant in jeglicher Hinsicht, in natiortaler, wie in religiöser. Sie unterscheidet sich insbefondcrs dadurch von den deutschen „Christlich-Socialen", dass sie den Rassenatttisemitismus verwirft. . Die Gegnerschaft der Czechen gegen die Juden ist darauf zurückzufnhrett, dass sich die Juden, trotzdem sie eine selbständige kltationalttät bilden, immer und überall als Deutsche bekennen und bei allen Wahlen für die deutschlibevalen Candidateit stimmen. Damit schädigen die Juden iticht nur die Czechen, sondern auch sich selbst, indetn sie die Czechen ztt ihren politischen Gegnern machen und den politischen Antisemitismus erzeugen, der jedoch nicht mit dem deutschen Rassenantisemitismtis zu verwechselit ist. Der Gegensatz zwischen Czechen Was seine Werke anlangt, so interessiert ihn zunächst sehr der Stoff als solcher, und auch in dieser Beziehung lässt sich jedesmal eilt unmittelbarer Zusanuttenhang mit persönlichen Erlebnissen feststellen. Der tragische Schluss in seinem Rontane „Anna Kärenina" zmn Beispiel verdankt einer Katastrophe in der Nähe seines Gutes seine Entstehung — ursprünglich dachte er nicht daran, die Heldin sterben ztt lassen. Die eigentliche Verarbeitung des Materiales zieht sich nicht selten lange hin; immer wird wieder geändert und gefeilt, so dass das Mannscript, ztl dessen Erwerb sich übrigens sofort die berühntiesteit Verleger des Inmtd Auslandes drängen, höchst buntscheckig aussieht. Der schärfste Kritiker ist aber feine Gattin, die im -übrigen während der cigcntlichcit Arbeitszeit (zwischen neun und drei Uhr) alle Besucher von ihnt fernztchalten weiß. Danebcn lverden körperliche Uebnngen, wie schon früher aitgedeutei, nicht veritachlässigt; der Gras ist ein leidenschaftlicher Reiter und hat noch in seinen alten Tagen manches wilde Pferd gebändigt. Daneben wird geradelt, gebadet oder auch die anstrengende Feldarbeit verrichtet, im Winter Schlittschuh gelaufen, tlsw. Ettdlich bleibt eine sehr ausgedehnte Correspondenz zu erledigen, worin dem Vater die älteste Tochter Tatjana eifrig zur Hand geht. Atrs allen Welttheilen und Ländern gehen ihnt nämlich Briefe, Anfragen verschiedenster Art zu, bald and) lebhafte Sympatbiebezeugungen, dann wieder pessimistische Anklagen. Tazti kommt noch, dass nach altem Herkommen die Umschläge der cinlanfenden Schrifistiicke sorgfältig mitverwahrt werden. So verfließt der Tag, in dent jede Minute ausgenutzt wird, sei es zur Arbeit, sei es zttr Erholung.