Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. :;o Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt -6. Juli l'JOl Seite 5 und an den frischen, leuchtenden Blumen. „Großvater! Vicfjt nicht ein moralischer (Gedanke darin, dass man blühende Blumen auf (Gräber Pflanzt V Sind sie nicht ein iLyinbol für das ewige, unvergängliche Leben?" Der Alte macht eine verneinende Hai^dbewegung. „Ja noch mehr," fährt der Junge fort, „ein religiöser (Gedanke ist es, der Gedanke an die Unsterblichkeit der Seele, an das Wiederallferftehen der Todten." Der Alte hat sich ausgerichtet und mit einem lächeln der Bewlmderung und der Freude erwidert er: „Was Dll gesprochen hast ist wahr. Es erinnert mich an eine Stelle im Talmud, in der erzählt wird, dass ein Gelehrter, aufgefordert, den Belveis für die Unsterblichkeit der Seele .',u bringeil, aufs Feld hinalisgieng mld auf die sprießenden Recke r deuteild, ausrief: „Ein,Störnd)cn wird nackt in die Erde gelegt urrb ein Baum mit vielen Bweigeu wächst hervor. Und soll der menschliche.Körper, der in die Erde gesenkt wird, keine Früchte tragend" Der Junge lächelte. „Der Beweis ist gerade ilicht zutreffend," sagte er, „aber, wenn mir unter Auferstehung der Leiber das Anferstehen des jüdischen Volkes verstehen, tuaut lvir öainit den Gedanken verbinden, dass unferc Nation noch einmal erlvachen wird, dann hat der Gedanke einen Siiln. Und, weißt Du, was mir jetzt einfällt § Dass der Brauch, am l>. Ab die Gräber zu besuchen, nichts anderes bedeutet als: Verzweifelt nicht an diesem Tage. Seht Euch die Gräber au nuten und daS blühende Gefilde oben, damit Ihr erkennt, dass auch Ihr eimilal das Volk wieder alifleben werden." Der Alte schüttelte das Haupt. „Siehst Dll," sagte er mit tiefem Ernst, „das ist der Scheideweg zwischen uns beiden, zwischen der alten Orthodoxie und der modernell Jugend. Für llils ist das Judenthunl nie gestorben und bedarf daher keiner Aliferstehung. Es lebt fort, welin mich uilter verschiedeileil Formen, und wird wciterlebeil, vielleicht in ganz neuer Form, bis einst Gott deil Messias zll uns senden lvird. Ihr aber nleint, dass die Juden jetzt tobt sind." „Im politischen Sinile gewiss," versetzte der andere. „Der Scheideweg zwischell uns liegt eben in dem Begriffe „Leben". Was Ihr lebendig heißt, ist für uns noch tobt und darum freuen wir uns, weim wir sehen, dass mlser Volk die Glieder reckt und erlvachen will." Der Alte ertviderte nichts mehr unb begann nachzu- ) innen. Tribüne. ZDiese Rubrik steht unseren P. T. Lesern zu gegenseitigem Meinungsaustausch offen, ohne dass sich die Redaction mit den in derselben geäußerten Ansichten solidarisch erklärt.) Freie Vereinigung Wiener Knnsieute. Erwerbs- und Wirtschaftsgenofserrschaft zur Errichtung von Warenhäusern (9t. G. m b. H). Das langsame, aber stetige Anwachsen der Consumbereine und Lcbensmittelmagazine, die uni einem unverzinslichen Capitale und einer organisierten Kundschaft gänzlich ohne Risico und fast ganz unbcsteuert ihre Geschäfte betreiben, die wie Pilze emporschieszenden, vom Grvßcapitale betriebenen Specialgeschäfte fnr alle möglichen Arrikel des täglichen Bedarfes, bedeuten schon lange eine empfindliche Concurrenz für den ganzen Kaufmannsstand, speciell der Lcbensmittelbranche; dazu kommen heute noch die sich stets verschärfenden Bestimmungen des Lebensmittel- und des Gewerbegesetzes, die in Aussicht gestellte Reformierung des Handelsgesetzes wji! Ungunsten der Unternehmer, das Gesetz über die Pensionsversicherung der in privaten Diensten stehenden Angestellten, dessen Erhaltung dem Einzelnen fast ganz unmöglich sein wird, die gegenwärtig schon nahezu unerschwinglich hohen Steuern und sonstigen Abgaben (Brantweiusteuer, Biersteuer, Taxe für das Ausräumen ans die Gasse, Krankencassa usw. usw.), die selbstmörderische Concnrcenz, das Ueberbieten mit Remunerationen und andern Lockmitteln im Kampfe um die Kundschaft, der theurer gewordene Haushalt, die Erschwerung des Warenbezuges auf Credit, die Chicanierungen durch alle möglichen Behörden (Magistrat, Markteommissür, Finanzer uslv. usiv.), mit einem Worte, es ist nicht mehr zun: Existieren, fast mit Händen ist es zu greifen, dass der Kaufmannsstand in seiner heutigen Gestalt unaufhaltsam dem Ruine zueilt und dennoch liegt eine ungeheuere Summe noch unverbrauchter Energie aufgespeichert in diesem Stande, die nur noch der starken Hand wartet, entfesselt zu werden. Gelingt es nun auf irgend eine Weise, Leben in diese bisher todte Materie zu bringen, so ist mit einem Schlage die Situation eine ganz andere. Die Unsicherheit der Existenz, die wie ein Alp auf uns allen lastet, der Schecken vor den alten Tagen, wäre mit eincmmale von uns genommen. Und wer ist dieser Zauberer, diese starke Hand, tverdeu Sie fragen, welche dies alles im Handumdrehen bewerkstelligen könnte? Run denn, dieser Zauberer heißt Selbsthilfe, Orgamsation. Die Erkenntnis von der Unhaltbarkeit der heutigen Zustände beim Handelsgelvcrbe hat eine Anzahl tveiterblickender Kaufleute (darunter genaue Kenner des Genossenschaftstveseus) vor einiger Zeit veranlasst, dieser Frage näher zu treten. Das Resultat ist die Gründung der Genossenschaft „Freie Bereinigung Wiener Kaufleute, Erlverbs- und Wirtschafts-Genossenschaft zur Errichtuitg von Warenhäusern. r. G. m. b. H. Ursprünglich bestand bei den Gründern die Absicht, durch niedrige Betnessruig der Geschäftsanthcile (20 Kronen) den Beitritt zn der Genossenschaft allgemein zugänglich 311 machen; doch Habelt lins die Erfahrlingen, die wir bei der constitniereuden Generalversammlung mit dieser Einführung gemacht haben, sotvie der in jüngster Zeit rasch hintereinander erfolgte Zusalumenbrllch ans derselben Basis aufgebauter ganz bedeutender Cousumvereiue luld Prodnekib- Genossenschaften, die alle an dem nämlichen Geburtsfehler, der nnfähigell Leitung 'und dem Mangel einer geilügeildeil Autorität, zugrunde giengen, noch rechtzeitig eines Besseren belehrt. HandelS- Ullterneyirlnilgeri, die prosperieren wollen, verlangen eine energische, fachmänilische und vor allem eine stabile Leitung; der fortwährende Wechsel in den leitenden Personell muss selbst das gesündeste Unternehmen ili Bälde zugrunde richteil; aber auch lintergeordneten Organeli, die eine leitende Stellung inne IjaDen (Filialenleiter, Abtheilnngschcfs nstv. lislv.) nulss ein möglichst großer Spielranm zur llnbehiudert freien Bethärigung ihrer individuellen Anlagen gelassen und ihr Interesse mit dein des Institutes daueril in Einklang 311 bringen gesucht werden. Und gerade das so viel verlästerte österreichische Geuosseiiscbasrs-Gesetz bonr Jahre 1878 enthält eine Bestimmung (aus lvelche lvir im nächsten Artikel 311 sprechen lommen werden >, welche für unseren Fall geradezli Inte geschaffen ist und den ilebergailg vont Einzelbelrieb zur Genossenschaft wesentlich erleichtern dürfte; denn z» Experimentell, bei lvelcheil die ganze Eristeilz der Kanflente ans eine Karte gesetzt lut eben müsste, kann inan dieselben nicht verleite», das behalten lvir immer im Auge. Ist doch erst unlängst eines jener gigantischeil Warenhäuser lvie sie Wahrzeichen zugleich und Erzeug,lis unserer gesellschaftlichen Bcrhältnisse siild, in die Brüche gegangen. Und dieses Unternehmen lvar init einem Eapitale von 21 Millionen Mark gegründet lvorden. Ueber diese» Fall, der thpisch für die heutigen leichtsinnigen Gründungen ist, müssen wir nnseren Lesern, die für solche Sachen das »öthige Berstäiidnis haben, etivas »lehr lilittheilen. Bor' kurzem machte die Rachricht von dem Zusammenbruche eines großen Berliner Warenhanses die Rlliide durch alle Blätter; die Nachricht ist seither ivohl denlentiert lvorden, aber das Missteaneit des Pliblicnnls gegen solche Gründungen, für die einmal ein Bedürfnis noch llicht überall borbandeil ist, ist eimnal wachgernfcn, und lvird anch nicht mehr so leicht 31t bannen sein; jedenfalls ist der so ungesunden Privatspemlatioii auf diesem Gebiete für längere Zeit yiilalls ein starker Riegel vorgeschoben wordcil, ,nld das ist im Interesse der kleineren Kauflente doch ilicht zu beklagen. Ein hiesiges Blatt machte zu diesem aufsehenerregenden Borfall folgende treffende Bemerkungen: „Man hat dad Entstehen solcher Warenhäuser oftmals beklagt, ja zu berhiudern gesucht, lvie denil ein Gesetz für ihre Besteuerung in Deutschland geplant ist, das ihre Neubegründuug wesentlich erschlveren, wenn nicht ganz mtmöglich machen soll. Der kleine Meister in ihrer Rahe ist nun einmal verloren; bei einem Preise seiner Erzerignissc, bei dem er schon Schaden hat, arbeiten diese Riesenunteruehmungcii noch mit hohem Nutzen; denn sie treten als Käufer auf dem Weltmärkte auf. Sie können jede Conjunctnr, die sich darbietet, bcilützeu, sie zählen uilter jenen Factoren mit, welche bei der Preisbildung bestinimeud wirken. Es gibt keine Gegenwehr gegen sie, und Unterwerfung zu leidlichen Bedingungen, die freilich die Aufgabe jeder Selbständigkeit erfordert, ist eigentlich das Klügste." Diese Ausführungen eines ganz nnbetheiligten Organes beweistll zur Genüge, dass wir mit unseren bisher geäußerten Ansichten (dass es hohe Zeit sei für die Kanflente, sich zn organisieren und selbst Warenhällser 31t gründen), ilicht allein steheil. Zu unserer Freude können lvir auch schon ronstatieren, dass die Kallfleute schon überall ihre höchst precäre Lage zu erkennen anfangen, und ill ihrer Angst, zwischen zwei Mühlsteinen (ben Constrmvereinen auf der einen und den großen Warenhäusern auf der ailderen Seite) zerrieben zu werden, vorläufig noch wie blind um sich schlagen und dabei Freund wie Fciild treffen, was wir wohl begreiflich finden, wenn wir auch die Abwehr in solcher Form nicht immer billigen können; aber einmal aus ihrer Lethargie aufgenittelt, wird der gesunde Sinn der Kanflente sie bald auf den richtigen Weg führen. Zu welchen Berzweiflungsausbrüchen der Kampf uns Dasein die sonst so besonnenen Kanflente bereits treibt, erhellt aus dem Nachstehenden. Die Kaufleute früher die größten Anhänger des Freihandels und einer liberalen Gewerbeordnung, sind über Nacht die cnragiertesten Prohibitionisten geworden. Es geht ihnen dabei so, wie den freien Amerikanern nlit ihrem Nationalpark; sie fallen beide von einem Extrem ins andere. Zuerst haben sich die Kaufleute llicht gerührt und die Consumbevereine und Warenhäuser sich ruhig ausdehnen lind über den Kopf wachsen lassen, und jetzt, wo ihnen der Boden unter den Füßen anfängt heiß zu werden, schreien sie Zeter und Mordio und können sich nicht genug thun in Pcohibirionsmaßregeln gegell die genannten Institute; dieser Bortmirf kann der, Svanflcnten nicht erspart bleiben; sie verlangen jetzt znbiel von der Regierung mrd wollen alles auf einmal haben und das wird schwer gehen. 1. Die Abänderung der §§ 59 und 60 der G.-O.; 2. die gänzliche Abschaffung des Hausierhandels; 8. Die Eindämmung der Consumvereine; 4. den Befähigungsnachweis auch beim Handelsgewerbe; 6. lind last not least, denn mit dem Essen kommt der Appetit, die Einschränknllg der Gewerbcbewilligungen auf den Localbedarf. Wer da gescheit hat, welch gewaltige Kämpfe nur die Durchbringullg der §§ 59 und 60 G.-O. innerhalb und außerhalb des Parlaments gekostet hat, und welcher Kampf noch im Herrenhaus zu bestehen sein wird, bis dieses Gesetz (welches nebenbei bemerkt, an der heutigen Lage der ansässigen Kauflente auch nicht ein Jota verbessern lvird), endlich einmal in Kraft tretetl könnett wird, der wird erst ermessen können, was es heißt, noch weitere vier Vorlagen voil so einschneidender Wichtigkeit wie die genannten im österreichischetl Parlamente ans die Tagesordltung zu brillgeil. Mit cineni dieser Pnllkte, dem Berlangetl nach dein Befahignngsliachweis, hat es überhaupt seine eigene Bewandtnis. Da schreibt uns ein Freund, einer der Führer dieser Bewegung: „Ich kenne Ihre Abneigung gegell den Befähigungsnachweis beim Handetsgewcrbe, weil Sie sich davon keine materielle Besserung der Lage der Angehörigeil des Handelsstandcs versprechen, unb bin mir auch vollständig bewusst, dass wir mit diesem Verlangen ans starken Widerstand bei allen Parteien — mit Ausnahme vielleicht der Christlich-Socialen — stoßen werden, und dass es taum möglich sein dürste, bei der heutigen Zusammensetzung des Reichsrathes mit diesem Berlangetl thatsächlich auch durchzudringen. Da aber bei den handwerksmäßigen Gewerben im Grunde genommen ja auch keilt Befähigungsnachweis existiert, sondern nur die Berechtigung, mlf Grund eines Lehrzcugnisses und des erbrachten Nach- IveiseS einer mehrjährigen Thätigkeit als Gehilfe das erlernte Gewerbe allch als Meister selbständig ansübcn zu dürfen, so tonnte man ja alich beim Haildelsgewerbe die Einführung eines derartigen Berechtigullgs-Nachweises limsomehr beantragen, als ja doch der Kaufmann, der an (Steuern im Verhältnisse zu anderen Gewerbetreibenden mehr als genügend 31t leisten hat, keinerlei wie immer geartete Nachlässe genießt, eine liothwendige Mittelspersoit zwischen Prodncenten mtd Consumellteil, wie die Sachen beute iVfu'u. nun einmal ist, Mld überdies, was auch ins Gewichk fällt, ohne die geringste Entlohllung auf eigenes Risieo und Gefahr die Siaatscoilsumstclier, sowie den Zoll (es toilimt oft vor, dass eine bereits verzollte oder mit der staatlichen Consnnlstener belegte Ware verdirbt und mit dem Werte der Ware auch der dafür ansgelegte Zoll bezw. die Coilslinlsttmer für deil Kaufmann mit verlorett geht) von den einzellten Consumenten eiuznheben hat, ztlmiltdest deitselbeit wirtschaftlichen Wert im Sraatsganzen für sich ill Anspruch zu nehmell berechtigt ist, als etwa legend ein Schuster, Schneider, Wirt uslv. usw., womit wir aber durchaus nicht gesagt haben wollten, dass die Angehörigeil der geitannteil Stäilde keine ehrenwerken Männer seien. Wir werdetl in einem nächsteil Artikel über Zlveck lind Ziel der „Freien Bereinignllg Wiener Kauflente" zu sprechen kommen und bei dieser Gelcgenheik den Nachweis zu erbringcil stichelt, dass alle hellte an deil Staat gestellten Fordernngetl oer Katlflellte im Nahtnen dieser Geltossetlschaft in absehbarer Zeit viel eher in Erfnttnug gebracht werden können, als mif dem lattgen Irrwege durch das österreichische Parlameitt. D. j. G. Die ungarische Agrarpartei. Zwischen dem Hochadel und zwischen dem Landadel — den Bttiidschuhadel llicht ansgerrominen — hat es immer eilte geistige Verwandtschaft gegeben. Im Sintte des alten ungarischen Staatsrechtes waren sie die einzigen tmd gleichberechtigtetl Repräsentanten der heiligen Stefanskrone. DaS Bürgerthrim galt gar nichts oder nur sehr lveuig. Derjenige Adelige, welcher bloß sieben Zwetschkenbännle sein eigen itaniilc, galt so viel als der Repräsentailt eitler königlichen Freiftadt, in welcher das eigentliche Bürgerthum, die Haildelsleute, die Gewerbetreibendeil lind die (tzclchrtcn wohllten. Alles was nicht adelig lvar, zählte gar nichts, war ntisera vlebs, und einen größeren Einfluss besaß der fiedelnde Zigetiner. Mit dein Jahre 1848 ivard es anders. Die dainatige Gesetzgebung erklärte sämintliche Bürger dieses Staates zu gleichberechtigten Mitgliedern der heil. Stefanskroitc; in dem Jahre 1867 wurde die Eiilancipation der Inden ausgesprochen, später wurden die gricchiscb nicht nnirten Cnlte beider Nativiialitäteii recipiert und die jüilgsten kirchenpolitischeil Gesetze brachteil auch die Reception des jüdischcil Religionsbekcniltnisscs, und damit war der im Jahre 1848 begonitene giganlische Bau der Rechtsgleichheit vollcridet. Dem bürgcrlicheii Eleinente wurden tmnter neue Gebiete productiver Thätigkeit erschlossen und den Ilebcrgang von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft hatte eben dieses Element zu allererst am raschesten begriffen, währeiiddem der Adel itoch immer an den Erinneruiigeii einer nicht immer glorreichen Bcrgangenheit zehrte, in Unthätigkeit verharrte und die letzten Reste einstiger bedeutender Berinögeii aufbrauchte. Selbstverständlich wlirde die Geiltrtz sliccessive in den Hintergrund gedrängt. An dem comnlerciellen und gewerblichen Leben sich zu betheiligcn, war noch inniler als ignobcl angesehen; inr Stande der Advocaten, Aerzte, Techniker zeigte sich ein starkes Vordringen des bürgerlichen Elementes; dasselbe Element begann anch die Aemterfähigkeit ans der Theorie in die Praxis zn übersetzen; immer enger mtd begrenzter ward das Terrain für die Gentry und da bekam nun der Clerus und der mit dem Clerus politisch verbündete Hochadel Angst, dass zufole der nattirgemäß um sich greifenden Depossedierung des Landadels die Aufmerksamkeit desselben auf das immense Kirchenbermögen, ans die ins Ablwrme angewachsenen Majorate und Fideicommisse gelenkt werden könnte, und um dieser Gefahr borzubeugcn, erfand man deil „uttgarischen Agrarismns" mit stiller Tendenz gegen die I n b c u. Wir wolleil durchaus nicht darail zweifeln, dass Emödy, als er sich ztl den Priltcipien der Agrarier zu bekennen begann, noch ernstlich daran glaubte, dass Agrarier und Liberalismus sich miteinander gut vertragen und dass er detnnach in gutem Glauben handelte, als er sich dieser Richtung anschloss, deitn trotz seines agrarischen Programmes feinten wir ihn für einen mehr aufrichtigen und mehr ehrlichen Liberalen als viele mtdere, die zunt Inventar der liberalen Partei gehöreil; seit Jahr lind Tag hingegeil hätten ihm auch diesbezüglich die Augen geöffnet werden inüssen und es hätte zu seiner Aufklärung genügt, sich umznschauen in Deutschland, in dem Lande, wo die Agrarfrage zuerst als politisches Programm erltloorfen wtrrde, welche Letlte es sind, die den agrarischen Heerbann ausmachen. Die Agrarfrage wird noch zwei Phasen dnrchmachen, allein sie wird nicht dort endeil, wohin die Führer es gewollt. Die Frage wird rwch größere Dimensiolten annehmett; es werden sich noch viele um das agrarische Programm scharen, allein dann endlich wird man darauf Hinweisen, dass die Kirche überhaupt keine Felder braucht, deun „ihr Reich ist nicht von dieser Welt" und endlich wird man es herausfinden, dass die großen Majorate und Fideicontmisse — also dieser große Complex gebundenen Besitzes nicht nur überflüssig, sondern eine eminente Gefahr bildet, und dass eine Parcellierung dieser mehr als ein Drittel des gesammten uttgarischen Bodenbesitzes ausmachendett Complexe eine volkswirtschaftliche Nothweildigkeit ist. Wird man aus diesen ungeheueren Domänen Mittelwitschaften von 200—300 Jochen machen, diese Wirtschaften an die Gentry als amorrisierbare Kaufobjccte oder Pachtgüter vergeben, so wird auch die Agrarfrage gelöst sein. Eine andere Lösung nild ein anderer gntaetiger Verlauf der Agrarfrage ist nicht denkbar. Noch zweier Ilmstände wollen wir für heute Erwähnuug thmr. Ein geistiger Führer der Agrarpartei Herr Emödy erilntert sich auch der Rutheneti, welche die „aus der Fremde eingebrocheiien Piraten schoil vor den Pfülg spannen im Icamen des allmächtigen Geldes". Nun, verehrter Herr Emödy, mit etwas mehr Objectibität und mit weniger Agrarisnms hätteil Sie auch diesbezüglich der Wahrheit näher kommen köiliicil. Die Nnthencn sind herabgekotnmen, weil sie an Arbeitsscheu und Trilnksucht leiben und sie von den Latifundien des Grafetl Schönborn nahezu erdrosselt wurden. Bor 50 Jahrell blieb so einem ruthcnischen Bauern 7« Session; im Erbtheilungswege wurde dies bis auf einige schmale Streifen Landes zerstückelt. Für die ackerbautreibende Bevölkerung war fein Land, kein Wald vorhanden, so ergaben sich — mangels anhaltender Thätigkeit — die Letlte dem Trunk ltnd dem Nichtsthun. Die großen Patrioten thaten nichts als schölte Reden halten, bis endlich der Staat eingriff ulld vor allem einen größeren Complex botn Grasen Schöne boril erwarb und Banerilwirtschaften etablierte, welche er unter staatliche Controle stellte. Da habet! Sic dasjenige, was wir von der Neconstruierung der Gentry gesagt haben; will man ihr aufhelfen, lnuss man die Latifundien zurstückeln, der Kirche die Felder mit Geld ablösen. so >vie es mit den Regalien geschah. Ob die Feudalen und Klericalen mit eine solchen Lösung der Argarfrage einbersrallden wären, wagen wir ernstlich zu bezweifelt!; allein es wird und muss dahiu kommeu uttd es wird den Herrschaften so ergehen wie Goethes Zauberlehrling: „Die Geister, die ich gerufen, ich werd' sie nimmer los". Was nun das Einströmen der galizischen Judetr betrifft — diese versteht doch Herr v. Emödy unter den „Piraten", so haben lvir hieratlf bezüglich auch einiges ztl bemerketl. Die ungarische Judenheii ist durchaus nicht entzückt von der Eillwandernng des galizi scheu jüdischetl Eletnettts, weil jene Leute ebenso arm sind wie der rnthenische Bauer — weil sie an die ohnehin stark in Anspruch genonullene Mitldthätigkeit der besser situierten Glaubensgenossen erhöhte Ansprüche stellen, und das NkUsstnelend der jüdischen Bevölkerung in den Comitaten Marmaros, Ung, Saros, Zemplen. Bcreg und Ilgocsa noch steigern. Wir kennen die dortigen jüdischen Verhältnisse der Inden genauer als Herr Emödy und wir können ihm sagen, dass das Judenelend dorr weselitlich größer ist. als das Etetld unter den ruthenischen Bauern. Die dortigen Jubeu nehmen es mit ben ritualen Speisegesetzen und mit dem Arbeitsverbot au Feiertagen sehr strenge; er Hai nur fünf Tage in der