Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Seite 3 20. Juli 1901 aller Völker dieses Reiches und dieses Landes. Im „Jüdischen Volksvereine" haben alle religiösen und nationalen Parteischattierungen des jüdischen Volkes Platz. Die Jüdische Volkspartei will nicht Partei sein, sie will daS ganze Judenthum erfassen. Stammes- und Glaubensbrüder! Es geht ein Geist der Einheit durch das Judenthum. Einander fremd gewordene Theile schließen sich zusammen. Die jüdische Solidarität hört auf eine Phrase zu sein, sie soll und wird zur Wahrheit werden! An uns aber ist es, alles zu thun, um unseren Bund zu festigen und durch werkthätige Arbeit das jüdische Volk groß und stark zu machcr. Darum ergeht der Ruf: „Inden, tretet massenhaft dem „Jüdischen Volksverei ne" bei! Cz er n owitz im Juli 1901. Reichsraths-Abgeordneter Dr. Benno Straucher, Präsident des „Jüdischen Volksvereines" in Czernowitz. Dr. Moyer Ebner, Jacob Gold, I. Leon K r a t t e r, E lias K a m p e l m a ch e r, Jacob K o z o w e r, Marcus Mittelmann«, E. H. M e l z e r, Moriz P i ck e r, Lazar Roth, Dr. Reisch, Dr. Mayer S ch i f t er, Moriz S t e ck e l, Dr. Jsak Schnürer, H. Trichter, S. Trebicz, Dr. N. Wender, Moriz Zentner. Chronik des Judenthmus. Inland. Wien. (Aus dem L a n d t a g.) Die Christlichsocialen versuchten durch ein abgefeimtes Stück die Bestimmungen des Heinmisrechtes illusorisch zu machen. Sie setzten nämlich ein Gesetz im Landtage durch, nach welchem die Gemeinde Wien berechtigt ist, eine Gebühr bis zur Höhe von 800 K dafür einzuheben, dass der betreffende Glückliche in Wim heimatsberechtigt wird. Eine Regierung, die dieses Gesetz zur Sanction vorlegt, würde sich als der reinste Sclave der schmutzigsten Parteiinteressen erweisen. Ueberdies verstößt dieses Gesetz gegen die klaren Bestimmungen des Reichsgesetzes. Die jüdischen Bürger sollteir aber endlich aus den krainpshaften Anstrengungen der Gegner einsehen, welchen Wert für sie das Heimatsrecht hat. Kierling. In unserer Sommerfrische wohnen sehr viele Inden. Es muss nun jeden national fühlenden Juden empören, wenn er jüdische Cultusbeamte, wie Herr Striks, gerade sich Samstag vor Tische bc aw aussuchen, um Kränzchen und Lustbarkeiten zu veranstalten. Wie soll religiöser Sinn gewahrt bleiben, wenn Cultnsbcamte selbst denselben missachten. Nachod. lJ s a a c Mautner.) Herr Jsaac Mautner, Chef des Hauses Jsaac Mautner und Sohn, verschied im 78. Lebensjahre zu Nachod, dem Stammsitze des Hauses, woselbst er im Jahre 1848 fein Haus begründete und dort die Banmwoll-Jndustrie einführte. An der Spitze des Hauses steht seit vielen Jahren der einzige Sohn des Verblichenen, Herr Commerzienrath Isidor v. Mautner, welcher nach den Intentionen des verklärten Vater, ein Helfer vieler Ariner und Nothleidender ist. Das Haus Mautner betreibt außer der Baumwoll- Leinen-, Seiden- und Halbwollauch Schafwallweberei, sowie die Färberei, Bleiche und Appretur zu Nachod, Schumburg bei Taimwald, Trattenbach in Nieder-Oesterreich, auch in Ungarn in Lipta-Roscnberg, Neutraer Comitat. Jnsgesammt arbeitet die Firma mit 3000 Webstühlen. Die Chefs sind durch schrieb er seine ersten hebräischen Artikel für die wichtigste progressistische Zeitschrift jener Epoche, die „Hachahav". Aber sein Herz, das ungewöhnlich warn: für die jüdische Sache schlug, zog ihn unwidefttehlich nach Palästina, welches er als sein wahres Vaterland ansah. Er ließ sich dort nieder und gründete eine Zeitung den„Hazewi" und eine Zeitschrift die „Hashkafa", die einzigen, welche in Jerusalem existieren. Obwohl er einen großen Leserkreis hat, hat er doch nur eine einzige Mitarbeiterin, seine geistreiche und tapfere Gemahlin. Er verfolgte sein Werk der nationalen Wiedergeburt, indem er vor allem die hebräische Sprache als Umgangssprache in seiner Familie wieder, aufleben ließ; ein Beispiel, welches imAnfange für einelltopie erklärt wurde, dann aber in einer stets zunehmendenAnzahl vonFamilienNachahmung fand. Das hervorragendste Werk Beu-Jehoudas ist das große Wörterbuch, welches fast beendigt ist, und in welchem er das für die hebräische Sprache zu schaffen suchte, was Sittrc für die französische Sprache geleistet hat, ein Verzeichnis aller Worte aus der alten und modernen Sprache in historischer Folge mit Beispielen von allen Schriftstellern, geistlichen sowohl wie weltlichen. Die Veröffentlichung dieses Werkes wird in der wissenschaftlichen Welt Epoche machen. Es wird auch in praktischer Hinsicht für das zeitgenössische Judenthum ein Ereignis sein, da die Juden jetzt vor die Alternative gestellt sind, e n t w e d e r a l s Volk oder wenigstens als Rasse wieder aufzuleben oder in den anderen Völkern a u f z u - g e h e n, ohne eine Spur zurückzulassen, wie einstens die zehn gefangenen Stämme in Assyrien. Abgesehen vom Blute, welches das Grnndelement einer Rasse bildet, und welches fast immer, selbst bei den Juden, gemischt ist, kennzeichnen eine Rasse hauptsächlich drei Dinge: die Religion, der Wohnort und die Sprache. Ben Jehouda beschäftigt sich nicht mit der Religion; das ist die schwache Seite seines Werkes und das ist der Hauptpunkt, in welchem ich nicht seiner Meinung bin. Es ist ja wahr, er hat sich ans dein jüdischen Nationalismus eine ihre.Humanität den vielen tausenden ihrerArbeiter und ihres Bcamtenstandes gegenüber rühmlichst bekannt. Zum 70. Geburtstage des leider zu früh verblichenen Chefs wurde ein Ltrbeiter-Unterstützungsfonds aus privaten Mitteln ins Leben gerufen. Die Wohlfahrtscinrichtnngen auf den Mautner'schen Fabriken sind rühmlichst bekannt. Herr Jsaac Mautner lvar durch Seine Majestät mehrfach decoriert. Auch war derselbe Ehrenbürger der Stadt Schumbürg usw. nstv. Alle, welche zeitlebens Gelegenheit hatten, diesem bescheidenen, edlen Charakter näherzutreten, bewunderten seinen Fleiß. Dem nun zu seinen. Vätern eingekehrten Großindustriellen wird jeder, der ihn kannte, ein ehrendes Andenken bewahren. Friede und Segen seiner Asche. Ernestine Wilhelm. Czernowitz. (Aus dein Landtage.) Herr Abgeordneter Dr. Strauchcr, Obnmnn des „Jüdischen Volksvereins", interpellierte den Landespräsidentcn Baron Bonrgignon wegen der neuerlichen Passplackereien, denen die jüdische): Reisenden in Russland ausgesetzt sind. Der Landespräsident erklärte in seiner Antwort, dass auf Einschreiten der österreichischen Negierung die durch nichts gerechtfertigten Verordnungen aufgehoben worden seien. Budapest. (Nene K n a b e u - B ü r g c r s ch u l e.) Die hiesige israelitische Religionsgemeinde, die erst vor kurzer Zeit ein neues Heim für arme Waisen geschaffen, hat in Verbindung mit diesem auch eine andere hervorragende Institution ins Leben gerufen. Auf Vorschlag des Präsidenten der Waisencommission Jacob Deutsch wird mir Anfang des nächsten Schuljahres im Waiscnhause (Stadtwäldchcnallee) eine Knaben-Bürgcrschule mit dem Waisenhaus- Dircctor Bela Czajägi als Dircctor eröffnet werden. Die Leitung der schon früher bestandenen Volksschule ist dem Waisenhausdirector Iah. Hcrzka anvcrtrant. Beide Schulen, Bürger- und Volksschule, sind öffentlich, ihre Zeugnisse staatsgiltig und werden sich den übrigen jüdischen Mittelschulen lvürdig anreihen. Budapest. (D er i s r a e l i t i s ch e L a n d c s - L e h r c r - Der c i n) hielt seine Generalversammlung. Nach der Eröffnungsrede des Präsidenten Julius Kornfeld, der einen Rückblick auf die Thätigkeit des Vereins in den jüngstverflossenen drei Jahren warf, hielt der Director der Bajaer Bürgerschule, Jacob Erdös, einen Vortrag über „die ungarisch-jüdische Schule im Dienste der Confession und der Nation". Er lenkte die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf ben bedauerlichen Umstand, dass das Judenthum trotz seiner sprichwörtlichen Wohlthätigkeit seine Schulen nicht genug unterstützt. Nach dem Vorträge Erdös' erörterte der Debrecziner Director Sigmund Kuthy die ungarisch-jüdische Lehrbüchcrliteratur mit besonderer Rücksicht aus die Editionen des Vereins. Die Thätigkeit des Vereins in den letzten drei Jahren würdigte hierauf Secretär Jacob Hajnal. Aus seinem Bericht geht hervor, dass der Verein über ein Vermögen von 180 000 K. verfügt und jährlich 80 000 Kronen cinnimmt. Davon werden jährlich etwa 40 000 K. verausgabt. Die Zahl der Mitglieder beträgt 800. Nach Zurkenntnisnahmc des Berichtes wurde aus den Namen Sigmunnd Ofner eine Stiftung im Betrage von 2800 K. errichtet. Die Szanto'sche literarische Stiftung lvurde Bernhard Mandl zugcurtheilt, der aber zugunsten Joseph Nagys und Simon Löwis auf den Preis verzichtete. Nachdem die Generalversammlung noch Moriz Löwh, den hochherzigen Stifter von 100 000 K. für Cultivieruug des Bibclstudiums, ltnb Prof. Moriz Nethy zu Ehrenmitgliedern gewählt hatte, lvurde die Mvdification der Statuten berathcn- Budapest. (Dem Berichte der Pest er Chewrn Kadischa), der ein Spiegelbild der segensreichen Wirksamkeit derselben bietet, entnehmen wir folgende Daten. Zunächst gedenkt er des Verlustes, den der Verein durch das Ableben des Baron Sigmund Schosberger und des Ausschussmitgliedes I. Pfeiffer erlitten hat. (Präsident Ehrlich weilte damals noch 'unter den Lebenden). Das vom Heiligen Verein erhaltene Siechenhaus, welches derzeit (33 Bewohner hat, verursachte einen Kostenaufwand von 40 166 K., der separate Siechenhausfonds beträgt 180 830 K. Das 19 842 K. betragende Gebnrungsdeficit deckt die Chelvrcr. Für die Versehung der in den öffentlichen Spitälern danicderliegenden Kranken mit ritueller Kost wurden 1719 K. verausgabt. Die für Armenuuterstützung verausgabte Summe beträgt 85 999 K. Durch den Verein wurden insgesammt 2584 Todte beerdigt. Die Leichenbestattungsgebüren wurden nur in 704 Fällen entrichtet, in 1844 Fällen erfolgte die Beerdigung kostenlos, wodurch 61 ,00 K. Ausgaben erwuchsen. Air verschämte Anne, an erkrankte Vereinsmitglieder edle rührende Religion gemocht, er Hot sie zu einem Heiligthum ausgebildet, er Hot für sie Armut und Gefangenschaft erduldet. Dennoch sieht er nicht, dass diese ethische Religion mehr als unvollkommen ist, wenn man sie von Gott getrennt hat, welcher die jüdische Seele schuf. Von Gott, welcher die Geschichte des Stammes von den Patriarchen bis zu den Propheten leitete und dessen großes Mitglied — lassen Sie mich dies hier anssprechen — was man auch über seine Person und über seine Mission sagen mag, Jesus von Nazareth war. Von Gott endlich, welcher diesem Stamme so viele Helden gab, van den Makkabäern bis zu den Märtyrern der Inquisition. An dem Tage, an welchem Israel seinen Gott verleugnet oder auch nur vergessen hat, wird es keine Existenzberechtigung mehr haben; und was vom Gottesvolk noch übrig bleibt, wird die Schlacke vom Erze dieses Volkes sein. Was die Heimat anbelangt, so ist diese F r a g e h e u t e n i ch t d i s c u t a b e l. Ben Jehouda ist ein treuer llnterthan des Sultans und er denkt nicht daran, wie Josua, sein Vaterland mit dem Schwert in der Hand zurückzuerobern. Es bleibt noch die Nationalsprache. Ben Jehouda ist überzeugt, dass sie die jüdische Seele in sich birgt und d a s s s i e a l l e i )i d e m j ü d i s ch e n V o l k e a l s V a t e rlanddienen kann. Die hebräische Sprache ist eine todte Sprache, er hat sich die wunderbare Aufgabe gestellt, sie wiederzubeleben. Für mich, der ich, wie Sie, Herr Director, wissen, mit ganfzer Seele Christ bin, für mich ist eben mein Christenthum der Grund, dass ich mich für alles, was das vergangene und gegenwärtige Israel betrifft, leidenschaftlich interessiere. Ich singe mit dem schönen Psalm Tobias „Jerusalem, Gottesstadt, Du wirst in glänzendem Lichte efttrahlen," und ich füge Tobias hinzu: „Gesegnet seien diejenigen, welche an Deinem Wiederaufbau arbeiten! Schmach über die, welche Dich zerstören wollen!" Hyaeinthe Loyson. wurden ,0 923 K. verweilt, der Gesammrbedars für Krankenpflege und Ariueuuiucrstützung betrug 1-18 087 K. Spenden sind 9487 K., für das SieckienhanS 8297 K. eingefchlosseu. Zur Erhaltung des Spitals der israelitischen Cnltnsgemeiudc wurden 48 000 K., zur Erhaltung des Adele Brody-Lpitals 10 000 K. beigetragen. Die Gesannnteinnahincn der Cheivra Kadisckia betrugen im vorigen Jnbre 47!) 321 st, die Ausgaben 465 243 K. und verblieb ein Nebcrschuss von 13 078 K. Die außerordentlichen Einnahmen (hauptsächlich durch Aufnahme von neuen Mitgliedern) betrugen 218 430 K. Ploska. (A n t i s e in i t i s ch e Buben als Schulleiter.) In der „schönen" Bukowina, >vo die Antisemiten ihren Hass gegen die Juden immer zu verhehlen pflegten, weilsie des Juden stets bedurften, nimmt schon jetzt der Antisemitismus die Maske vom Gesichte und gibt dem Hasse öffentlich Ausdruck. Im Herbste des vergangenen Jahres bat ein hiesiger Jude, Chaim Birkenfeld, den -Lchnlleiter, da derselbe keine jüdischen Kinder in der Schule duldete, doch sein Kind auzuuehmeu, da er vor Armut keinen Hauslehrer aufnchmcn könne. Herr Ottilo Elsholz besann sich nicht lange und sagte kurz: „Ich nehme keine jüdischen Kinder an!" Am 3. d- M. gieug Chaim Birkenfeld zum Schulleiter, ihn zu bitten, dass er ihn nicht bestrafen soll, weil er das Kind nicht zur Prüfung stellen konnte. Herr Ottilo Elsholz vergaß sich in seinem Eifer so, dass er sich als Schulbub mit einem seiner Mitschüler zu schlagen glaubte, und versetzte deni krüppelhaften Juden einen solchen Stoss, dass er mit der ganzen Länge seines Körpers den Fußboden in der Schule maß. Ploska. (Ein Urthcil.) Sehr viel Aufsehen macht in Gurahumora ein in Suczawa verfasstes Berufungsnrthcil. Eine Frau Samarkiewicz geht mit ihrem Köter auf den Markt. Der Hund, ohne Maulkorb, schnappt nach einem vorübergehenden Passanten, der diesen Angriff mit einem Fußtritte quittiert. Frau Samarkiewicz stürzte auf den Passanten, einem jüdischen Fiakerkutschcr, zu und ruft: „Sic verfluchter Jude, tvarum schlagen Sie meinen Hund?" worauf dieser ihr entsprechend antwortete. Gegenseitige Strafanzeige wegen Ehrenbeleidigung und bei der Verhandlung wird Frau Samarkiewicz mit einer Geldstrafe von 6 fl., der .Kutscher mit einer 24stündigen Arreststrafe belegt. Gegen dieses Urthcil wird appelliert und dasselbe in Suczawa folgendermaßen geändert: De Kutscher erhält drei Tage, Frau Samarkiewicz wird freigesprochcnl Dazu die wörtliche Begründung: Frau Samarkiewicz lväre in begreiflicher Aufregung geiveseu, weil ihr Hund beleidigt worden sei. „Verfluchter Jud" ist keine Beleidigung und der Hund ist beleidigt worden! I! — Mögen sich die Bukowinaer Juden das zu Herezen nehmen und sich in allen Orten organisieren, damit sie sich in solchem Falle vertheidigen können. Trcncsin. Der Candidat der Volkspartei, Ernst, ist mit 771 Stimmen gewählt worden. Der Candidat der Regierungspartei, Markhot, erhielt 002 Stimmen. Paris. (Auszeichnung.) Der junge russische Bildhauer Heinrich Glitzenftcin, dessen „Betende Juden im Eisenbahnwagen" vor einigen Jahren in Berlin Aufsehen erregten, hat für eine Kolossalgruppe „Kain und Abel", die zur Zeit in Paris ausgestellt ist, die goldene Medaille erhalten. London. (D cm Jahresberichte der „I. C. A.") ist über die Thätigkeit derselben in den Ländern Russland, Rumänien und Galizien noch Folgendes zu entnehmen: In diesen drei Ländern, in denen weit über die Hälfte des gesammten jüdischen Volkes auf seiner Wanderung durch die ganze Welt einen zeitweiligen Aufenthalt genommen hat, und, jeden Moment zur Weiterwandcrung bereit, einen immer schwereren Kampf ums Dasein kämpft, ist die Thätigkeit der „I. C- A." weniger in die Augen springend, als in den anderen Ländern, in welchen die Gesellschaft für unsere Glaubensgenossen aus dem Osten Europas landwirtschaftliche Solennen zu gründen sucht. Der größte Theil der Arbeiter der „I. C. A." trägt daselbst einen „provisorischen Charakter", und ist nur dazu bestimmt, unseren unter überaus schwerem politischen und ökonomischen Drucke seufzenden Brüdern durch Errichtung von Schulen den Kampf ums Dasein zu erleichtern. Nur die in Russland und Galizien errichteten Ackerbauschulen, in welchen das Heranwachsende Geschlecht für feinen künftigen Bruf, in außereuropäischen Ländern Ackerbau zu treiben, vorbereitet werden soll, sind von bleibendem Werte, und die zu diesem Zwecke ausgegebenen Summen werden dereinst dem Judenthume reichliche Zinsen tragen. Neben den Schulen hat die „I. C. A." im Berichtsjahre große Beträge zur Unterstützung und Förderung der jüdischen landwirtschaftlichen Colonicn in Russland, zur Gründung von Fabriken in Russland und Galizien, sowie zu einem — wohl als gescheitert zu betrachkenden — Versuch, in den großen jüdischen Ecntren des russischen Ansicdekuugsrapous gesunde Wohnungen zu errichten, geleistet. In Russland hat die Gesellschaft in dem Berichtsjahre zwölf Handwerkerschulen für Knaben, fünf Handarbeitsschulen für Mädchen und zwei gemischte Schulen errichtet bezw. subventioniert, lieber die Zahl der Zöglinge gibt der Bericht mwollständigc Auskunft. In sechs Knabenschulen (Cherson, Minsk, Odessa, Warschau und Wilna) ivcrdcn 779 Schüler unterrichtet, die Handarbeitsschnlcn für Mädchen zählen 729 Schülerinnen, mährend die gemischten Schulen von 775 Zöglingen besucht wurden. Daneben förderte die Gesellschaft sechs Acker- resp. Gartcnbauschulen mit einer unbekannten Schülerzahl. (In Mohilew, Orgjejew und Minsk werden zusammen 62 Zöglinge angegeben.) Von sehr zahlreichen jüdischen Ackerbau- Colonien in Russland haben die in den Gouvernements Wilna, Minsk und Grodno von der Gesellschaft llntcrstütznngen zum Ankauf von Vieh und zur Verbesserung der Arbeitsmethoden erhalten. Dasselbe geschah für die Colonien in Bcssarabien, die Winzercolonie Jarnga in Podolicn und namentlich für die Colonien im Gouvernement Cherson. In diesem Gouvernement befinden sich 21 Colonien mit 3300 Colonisten und 23 000 Seelen. Im Gouvernement Cherson leben also weit mehr jüdische Ackerbauer als in Palästina und Argentinien zusammen. Leider arbeiten diese Colonisten nach der veralteten Methode der russischen Bauern, ohne jedoch wie diese in der Lage zu sein, durch Ausivanderung nach Nordrussland oder Sibirien sich kostenlos neues Land zu verschaffen. Die „I. C. A." gewährte den Colonisten Darlehen und har für sie den Plan zu einer besseren Arbeitsmethode ausgearbeitet. Die Zahl särnmtlicher jüdischen Colonisten in Russland ivird aus 70 000 geschätzt. Auf dem Gebiete der „Industrie" hat die „I. C. A." die Aetiengesellschaft für Spinnerei und Weberei in Dubrowno errichtet und überdies 100 Webern daselbst 60 Webstühle gekauft. Die von der Gesellschaft in Wilna errichteten zwei Häuser sind in Besitz einer neugegründcten Aetiengesellschaft für hvgienische Wohnungen übergegangeu. Die Häuser haben 205 Wohnungen, von denen jedoch am 31. Deeember 1900 nur 71 vermietet waren- Die Kasernierung ist dem russischen Juden conträr und die Mietpreise zu hoch. Daher hat tvohl die Gesellschaft den Bau eines dritten Hauses auf spätere Zeit perschoben, lieber die Thätigkeit der Gesellschaft in Rumänien verbreitet sich der Bericht nur über das Schulwesen ausführlich. In 15 Städten wurden 30 Schulen subventioniert mit 3960 .Knaben und 2285 Mädchen. In vier Schulen ist die Zahl der Zöglinge nicht angegeben, lieber den zweiten wichtigeren Theil ihrer Thätigkeit in Rumänien gleitet die Gesellschaft mit der kurzen Bemerkung hinweg, dass „infolge einer ökonomischen Krisis" die Auswanderungsfrage plötzlich überaus aeut wurde. Die Gesellschaft habe alles Mögliche aufgebokeu, um die kopflose Auswanderung zu verhindern und alle diejenigen zu retten, welche sich leichtfertig auf die Wanderschaft nach Amerika und Kleinasien begeben haben. In „Galizien" unterstützte die Gesellschaft in Staniskau, Tarnow und Kolouiea drei Haudiverkerschulen, in welchen 59 Lehrlinge die Tischlerei erlernen. Ferner hat sie das bei Kolemea gelegene 900 Ha.