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Jüdisches Volksblatt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 2C>. Juli 1001 Nr. 30 der Volksbildung unter allen Nationalitäten ist das geeignete Mittel zur Herstellung des Friedens in Mähren und Gesammtösterreich. Darum bildet derClericalismus eineHauptg e f a b r dadurch, dass er das Niveau der Bildung hinabdrücken will. Es liegt aber auch im I n t e r e s s e der Deutschen und Juden, durch Befriedigung der culturellen Bedürfnisse der Czechen diese im Kampfe gegen den Clericalismns zu fördern. In P r o s s n i h und Umgebung zum Beispiel hat die überwiegende Majorität der Czechen (24.000) 7 Schulen und die Minorität der Deutschen (1500) 6 Schulen, und solche Zustände wurden bisher durch die Juden gestützt. Die Neutralität der Juden im Kampfe zwischen Deutschen und Czechen würde den Antisemitismus im czechischen Volke, der ja kein Raffenantisemitismus ist, beseitigen und so sehr viel zur Besserung der Lage der Juden in Mähren beitragen. Gleichzeitig würde aber auch eine solche Stellung der Juden die Beilegung des deutsch-ezechrschen Nationalitätenkampfes in Mähren anbahuen, indem, wie bereits früher erwähnt, die Neutralität der Juden die Deutschen einem Ausgleiche mit den Czechen auf Basis der Gleichberechtigung gefügiger machen würde- Der neue Curs des l. politisch-jüdischen Vereines „Schomer Israel" in Zernberg. Von Dr. Rubeu Vierer. 0. Fortsetzung.) Das constitutionelle Oesterreich hielt nur schwer seinen Einzug in Galizien. Denn es hatte einen ungeheuren Sprung zu vollziehen in allem und jedem. Zunächst mussten die Bande gelöst werden, welche Galizien (das noch deutsch-österreichisches Gepräge hatte) mit dem noch deutsch verwalteten Staatskörper verbanden. Die Lösung vollzog sich pragmatisch in der Weise, dass der Statthalter als nrcht Sr. Majestät des Kaisers, sondern Ihrer Omnipotenz der Polen ergebener Beamte amtiert. Dem polnischen Kopfe passte ein deutscher Beamtenkörper nicht — und so mussten die kaiserlichen deutschen Beamten den landsmännischen den Platz räumen. Ein neuer Geist, nämlich der polnisch-autokratische, zog ein mit allen seinen Eigenheiten, mit seinen polnisch-patriotischen Traditionen. Die Landesverwaltung der polnischen Optimatenpartei kam zur besonderen Geltung, da sie es verstand, tausenden Strebern zu Stellen zu verhelfen. Sie wusste ferner die Intelligenz zu Dienern ihrer nationalen Sache zu machen, sie wusste ferner mit eiserner Faust einen Damm zu setzen allen „fremden Elementen" im Lande. Diese kraftwerbende und krafterzeugende polnische Politik hatte ihre schweren und verhängnisvollen Folgen für unser düpiertes Volk in allererster Reihe. Das Facit, wie es sich nunmehr herausstellt, lautet: Die Polen in Galizien, besonders die Schlachta, leben in politischer, nationaler und socialer Beziehung ein autokcatisches Nationalleben. Dieses suzeräne Volk drückt mit der ganzen Wucht auf das jüdische Volkselement. Jeder Unbefangene muss die Frage aufwerfen: Wie konnte es nur geschehen, dass das stets in Banoen schmachtende jüdische Volk es so frühzeitig gelernt, der Verstellung und Nachstellung der polnischen Hegemonie eine Abwehrbewegung entgegenzuwerfen? Nun, wir wollen nicht so hoch von unserem politischen Scharfblicke als solchen denken lassen, wollen nicht darthun, wie sehr die Polonia rediviva immer es verstanden habe, den gleißuerischen Schein eines Freiheits-, Gleichheits- und Himmel spendet Nahrung fein, Labungswasser gab der Stein, Da ich verließ Mizrajim. Wermutspflanze — meine Kost, Bitterwasser war mein Most, Da ich verließ Jeruscholajim. Gottesschein und Gottespracht, Mich begleitet' Tag und Nacht, Da ich verließ Mizrajim. Todesfeindeweit und breit. Gaben mir, all), das Geleit', Da ich verließ Jeruscholajim. Sabbathtage, Feste mild, Welch' erhab'nes heil'ges Bild, Da ich verließ Mizrajim. Eitles Streben, loser Wind. Jammern, wimmern, wie ein Kind, Da ich verließ Jeruscholajim. Jobel, Schnütal), Freiheitsjahr, Und ein freies Land, so rar. Da ich verließ Mizrajim. In der Knechtschaft hart beengt, In die Fremde weit versprengt, Da ich verließ Jeruscholajim. Bundeslad', ein Heiligthum, War mein Schuß, mein Preis, mein Ntlhm, Da ich verließ Mizrajim. Ward verfolgt von blut'gen: Stahl, Bon Gefahren ohne Zahl, Da ich verließ Jeruscholajim. Brüderlichkeitsmäutelchcns sich umzuhäugen, S m o l k ci und Zjemialkowski sollen der Welt das Relief der Grande Nation de l’ouest verleihen. Und wie oft bekam man das „ßratri“ (Brüder) zu hören, insbesondere als die Jnsurrectionspatrioten ihren Freiheitsdrang im Leibe fühlten und diesem Drange mit jüdischer Contributiou nachzuhelfen suchten. Wie viel jüdisches Geld, wie viel Pferde und wie viele jüdische Esel wurden damals im Namen der gefeierten Brüderlichkeit davongetragen? Allein das blutige Jahr 1863 mit seinen großpolnischen Erwartungen auf eine Napoleonische Unterstützungs-Campagne gegen Oesterreich erreichte ein blutiges Ende, und die zydowsky bracia, die jüdischen Brüder konnten und durften nicht mehr Contributionen leisten. Nun unter dem Drucke des Bürgerminist e r i u m s fanden sich einige, welche die Emancipation der Juden, wie dieselbe von der Wiener Regierung und dem Parlamente beschlossen wurde, im Landtage befürworteten, unter denen auch der nachmalige Präsident des Abgeordnetenhauses Dr. Franz S m o l k a. Wer aber den Schluss ziehen wollte, dass der todte Buchstabe der Emancipation auf dem Gefilde des polnischen Landes Lebenssäfte und Kräfte erlangen werde, der hat sich verrechnet — ja sogar sehr arg verrechnet. Und man that also: Und es ward Tag und es ward Nacht, und in einer der finsteren Nächte kam der Hamanismus zur Welt in Galizien; noch wurde er nicht mit dem heiligen Salböl der Kirche geölt, noch wurde ihm kein Name von dieser beigelegt, bald aber erhielt er den modernen Namen Antisemitismus. Das polnische Conversationslexikon wurde mit dem akadamisch klingenden Namen „Asemitismus" bereichert. Genug von alldem. Wir lassen uns dieses hohe Geschenk, diese Ausgeburt polnischer Menschenfreundlichkeit nicht nehmen. Das antisemitische Kind — ist unser Landeserzeugnis, auf das die Matadore Patent nehmen können, aufgegangen auf dem hinreichend gedüngten journalistischen Tummelplätze — der „Gazeta narodowa" als Reigenführerin mit ihren zahllosen gleichgesinnten Mistartikeln. Es thut unserer Specialität keinen Abbruch, wenn alle die Ablagerungsstätten nicht namentlich angeführt werden. Im Dickicht des antisemitischen Blätterwaldes Galiziens sterben derlei Giftschwämme nicht aus, unter welcher Species und Namen sie erscheinen mögen. Unserem Akademiker Graf Tarnowski blieb es Vorbehalten, die Form und den Gehalt des Asemitismus zu prägen. Wirkt der deutsche Judenhass im Sinne der Gegnerschaft gegen die Juden, bezweckt der polnische Asemitismus geradezu dieVernichtung desJudenthums. — Mein Liebchen, was willst Du noch mehr!? Ausruf des „Jüdischen Uolbsvereines" in Czernowch. Zerstreut unter den Völkern dieser Erde, hat sich das jüdische Volk seine nationalen Eigenarten bewahrt. Wenn es aber auch bisher den rauhen Stürmen,!5ie ihm sein Schicksal beschieden, tapfer standgehalten hat, so ist dennoch heute die Gefahr unendlich groß geworden, dass wir infolge der überhandnehmenden Gleichgiltigkeit in jüdischen Fragen, infolge einer bis zur Widerwärtigkeit und Lächerlichkeit getriebenen Assimilationssucht, infolge einer langsam aber sicher fortschreitenden Entjudung unserer Familien gegenüber den Angriffen, die von außen kommen aus innerer Schwäche weniger widerstandsfähig werden könnten. Alle Zeichen der Zeit weisen den Juden den Weg, den 'ie wandeln sollen. Die nationalen Bestrebungen der Völker, die ausgesprochene Exclusivität derselben einerseits, der Anti- Freud'ge Töne, froher Sang, Jubelnd die Trompete klang, Da ich verließ Mizrajim. Weinten, jannnerien Thränen heiß, Frau und Mann und Kind und Greis, Da ich verließ Jeruscholajim. Ich besaß tvohl manch' Kleinod, Manche Lehre, manch' Gebot, Da ich verließ Mizrajim. Ach, vergessen meinen Hort, Hab' ich und sein heilig Wort, Da ich verließ Jeruscholajim. Hoffnung heiß mein Herz durchglüht, Sicher einst mein Land erblüht, Bei meiner Rückkehr nadj Jeruscholaiim. Jede Qual wie Hauch zerfließt, Freude, Wonne mich begrüßt, Bei meiner Rückkehr nach Jeruscholajim. Tarnopol. S a in u e l M e i s e l s. Ein Brief des Paters Meinthe. A n d e n H e r r n D i r e c t 0 r d e s „ ll n i v e r s 3 fraeli tc". Ich komme soeben aus Jerusalem, nachdem ich mich dort zlvei Monate aufgehalten habe. Ich genoss dort mit meiner Frau die große lind wahrhaft christliche Gastfreundchaft des Patriarchen der griechischen Kirche; aber ich habe semitismus in seinen Spielarten als politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Antisemitismus, als Asemitismus und „christlicher Soeialismus" andererseits, haben in uns die Erkenntnis gereift, dass wir im Zeitalter der Organisationen nach Völkern und Parteiverbänden uns eng znsammenschließen und den Zusammenhang mit dem ganzen jüdischen Volke suchen und aufrecht erhalten müssen, dass wir nur in uns selbst unsere besten Freunde, nur in unserer eigenen Stärke die siegende Krast suchen sollen. Das waren die leitenden Gedanken bei Gründung des „Jüdischen Volksvereiues". Wir streben d i e H e b u n g des j ü d i s ch e n Selbstb e w u s s t s e i n s und e i n e Stärkung des Z us a m m e n g e h ö r i g k e i t s g e f ü h l e s unserer S t a m m e s g e n o s s e n an. Wir wollen eifersüchtig über unsere politischen Rechte als österreichische Staatsbürger wachen, wir wollen unsere gesetzliche Gleichberechtigung uns nicht verkümmern lassen, wir wollen unsere Gleichwertigkeit mit den anderen Völkern Oesterreichs erweisen und uns Achtung und Anerkennung durch namhaftes, zielbewusstes Auftreten erkämpfen. Der „Jüdische Bolksverein" in Czernowitz bezweckt die Pflege der nationalen Cultnr und die Wahrung der jüdischen Interessen nach innen n nd a u ß e n. Als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes hätten zu gelten: Organisation in cultnreller, socialer und politischer Richtung, und zwar: in c u l t u r e l l e r Beziehung durch Organisation von jüdischen Geselligkeitsvereinen und Gründung eines jüdischen Volkshauses; in socialer Beziehung durch Regelung des jüdischen Wohlthätigkeitswesens, durch Gründung von Unterstützungscaffen zur möglichsten Einschränkung der Professionsbetcelei und durch Creierung von gewerblichen Hilfscassen und Spar- und Vorschussvereinen; in politischer Beziehung durch Errichtung eines Rechtsschntz-Bureaus, durch Entsendung von Männern in die öffentlichett Vertretungsköcper, die durch Wort und That für die Wahrung der jüdischen Bolksrechte eintreten oder uns zumindest in unseren Bestrebungen unterstützen sollen, sowie durch die weiseste maßvolle Ausnützung aller unserer Machtmittel auf ökonomischem und politischem Gebiete. Der „Jüdische Volksverein" in Czernowitz darf nicht vereinzelt dastehen. Ueberall, wo Juden wohnen, müssen Ortsgruppen und Volksvereine erstehen, die allesammt zu einer gemeinsamen Organisation zusammengeschlossen werden müssen. Neben dem Programme im engeren Sinne muss eine jüdische Organisation auch bei jeder einzelnen auftauchenden Frage die Rückwirkung auf jüdische Interessen berücksichtigen und zu Verfügungen der Behörden, sowie zu den Gesetzesvorlagen des Reichsrathes und des Landtages, soweit sie Juden betreffen, Stellung nehmen. Die Organisation der jüdischen Bolksvereine des Landes soll die politische Führung der Juden übernehmen und eine gesunde jüdische Jnteressenpolitik verfolgen. Mit der bisherigen Praxis der vollständigen, selbstlosen Hingabe für nationale Bestrebungen anderer wird gebrochen, von nun ab soll bei Schließung politischer Bündnisse jedesmal die Jnteres senfrage des jüdischen Volkes Grundlage der Erörterung sein. Der „Jüdische Volksverein" wünscht den Frieden mit den anderen Nationalitäten und ein freundschaftliches Zusammen- und N eben ein anderleben auch Gelegenheit genommen, mich mit den Juden u u b i h rer gegenwärtige u Lage 311 beschäftigen, in einer Stabt, tvelche die Stadt ihrer Väter war und lvelche vielleicht die Stadt ihrer Kinder fein wird. Ich brauche Sie nicht mit der Lage der Inder: bekanntzumachen. Sie wird von Tag zu Tag wichtiger und gedeihlicher, obwohl ja noch der größte Theil Ihrer Neligiousgenoffeu in Unwissenheit und Elend lebt. Die „Alliance israelite universelle" verfolgt mit Eifer ihr Werk der geistigen, nloralischen und industrielle:: Erziehung. Sie ist die große Befreierin der Judeuheit. Den Leiter ihrer Schulen und Werkstätten, Herrn Nissim Behar, welchen ich seit rneiuer ersten Reise in das Heilige Land vor fünf Jahren kenne und bewundere, habe ich dort nicht wieder gefunden. Doch wurde mein Bedauern über diesen Umstand bedeutend gemildert, als ich in den: Sohne des Großrabbiners von Eairo, den jungen und intelligenten Herrn Aubeti, einen so guten Ersah für ihn vorfand. Aber nicht von der „Alliance israelite" wollte ich Ihnen erzählen, Herr Director, sondern von einen: Gelehrten, den Sie gut kennen, dessen Name aber den: größten Theile Ihrer Mitbürger unbekannt ist und tvelchen ich für de>: hervorragendsten Vertreter jüdischen Wissens und jüdischer Vaterlandsliebe halte. Ich n:eine E l i e z e r B e n - I e h 0 u d a. Er ist in: Jahre 186!) in einer kleinen russische:: Stadt, deren Raine mir entfallen ist, geboren. Bis zun: vierzehnte:: Lebensjahre in: Studium des Talmud für den Beruf eines Nab biners erzogen, studierte er mit Begeisterung die neue hebräische Literatur. Dann entsagte er seinen: ersten Berufe und widmete sich, trotz seiner großen Armut, modernen Studien. In: Jahre 1878 verließ er das russische Gymnasiun: und gieng nach Paris, um Medicin zu studieren. Dort

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