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Jüdisches Volksblatt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ar-.düEüN: Vlli/i., ,©üuöif4e4sa<)£ n. Gpr«.«h stunde» r An WoLeutagen von 4 bis ti Uhr nachminagS. ^oSud,-§,.. JüdlfcheS t&oumait, Wien, villjl. ttcn wir V»-trrrv»rcr'en wegen verft'ütet« oder par nicht ersolater Zustcvung erbii »ns dringend. — Manuskridte werbe» nicht zarüSgeftellt. iPnstjparca'-lm-Sonto »4?o«7. In da» Sbontlemnu kann man tSglich eiutreten. EMM jeden Freitag iLrrrer MMvtrkumg dsr vom MvUchLn Volks vvrein vrivätzür» Pnssrormntl Non. Anfttaik« übernehmen die Firmenr I. L-mneberg, CT. Dukes, -aaseni!-ein tr. «agier, «itbolf TOoffe, H Oppelik, CT. Pozjonhi, «L Schalet in Kiien, ferner alle Vrmonceu-Srprdtttüne« im AuSlande. Gisrzel-Nummer ist Wie« 16 Heller. «>-- - . ■ > ... » KdmimsrrLtion: VIII/1, SrtzlbtzelgEe 11. MbounemeutSpreiS r Für Wteu tu Oest«rr«tch»Ur»gorn das gesammte Ausland tommi Frümnzustellung. lammt Fraiicozustellung. Ganzjährig . . Sh. 8.— Halbjährig . . . . » 4.— vierteljährig. . Ganzjährig ... »r. Halbjährig.„ 4.54) vierteljährig.. S5Ä5 *gBggggf«i!iJlBlSli zle. 30 itvwmmimsimBm Wien, 36. Juli 1901. III. Jahrgang. Wftwm ■ wgTMuKiflBBBg Der neunte Ab. Während bei den alten Völkern der Glaube an gute und böse Tage ihrer lebhaften Einbildungskraft entsprang, ist unser Unglückstag, d e r n e u n t c A b, geschichtlich begründet. Nicht weniger als viermal musste unser Volk die Vernichtung seiner socialen und politischen Existenz über sich ergehen lassen, und jedesmal geschah es anr 9. Ab. Der erste und der zweite Tempel wurde an demselben Tage verbrannt, und an demselben Tage fiel die befestigte Stadt Bethar und erfolgte die Vertreibung der Juden aus Spanien. Ein seltsames Spiel des Schicksals! Aber auch ein grausames Spiel, eine herzerschütternde, historische Tragödie, die Geschichte hat ihre bösen Tage, und einer der bösesten, der schrecklichsten war für uns der 9. Ab. Vier Katastrophen knüpfen sich an ihn, und alle haben merkwürdigerweise denselben äußeren Charakter. Und so nennen wir ihn kurzweg „der Tag der Zerstörung des Tempels", aber das war keine einzelne Episode, diese Zerstörung, sondern die letzte Phase der Selbständigkeit des Landes und der Nation. Ihr giengen ja die großen, blutigen Schlachten voran, in denen unsere Helden ihren letzten Blutstropfen hingegeben haben, die Einnahme Jerusalems und die Gefangennahme der zerstreuten Splitter unseres Volkes. Fast dasselbe Schauspiel wiederholte sich bei Bethar, der letzten Festung, welche die Römer nach dem heldemnüthigen Aufstande Bar-KochbaS eroberten. Das war der letzte politische Bernichtungskampf, und dann begann die Drangsalierung und Unterdrückung unserer Religion, und wenn auch in Spanien der Kampf unter anderen Formen sich abwickelte, ün Wesentlichen blieben sich alle Verfolgungen gleich. Es war ein Kamps um die Existenz unserer Religion und unserer Nation, eine Trennung ist nicht möglich, denn alle vier Ereignisse Haben etwas Gemeinsames, alle vier waren Katastrophen für unsere nationale Eigenart und unsere Existenz. Religion und Nation blieben aber dennoch, trotz aller Katastrophen am Leben. Wir nennen die Bibel „die Lehre Gottes" und die Bibel nennt uns „das Volk Gottes". Und mögen unsere Feinde noch so viel gegen uns toben und Vernichtungspläne schmieden, etwas ist in uns und in unserer „Lehre", das nicht vernichtet werden kann, das sich immer wieder aufrafft trotz der tödtlichsten Bedrückungen und Verfolgungen. Es wird wohl die Wahrheit sein, die Wahrheit an sich, die wir durch die Jahrtausende schleppen, und die uns nicht sterben lässt. Am 9. Ab klagte Israel, es klagt, also muss es wshl noch leben! Plango, ergo surn, möchte man sagen. Unsere Thora ist zum Eckstein aller civilisierten Religionen geworden, also muss sie Wohl noch da sein. Und leben werden wir Wohl noch recht lange, so lange, wie der Prophet verkündet hat, die Tage des Himmels aus Erden sein werden. Religion imb Nationalität, im prägnantesten und eigentlichen Sinne des Wortes, sind bei uns zu einem Begriff verschmolzen. Der Begriff „Jude" bedeutet: der Bekenner der Lehre Mosis und das Kind des Volkes Israel. In beiden steckt dieselbe Idee, der Wille zum freiheitlichen und friedlichen Leben, die eigene Achtung und die Achtung des N ä ch st e n. Daher darf man sich nicht wundern, dass die Finsterlinge aller Zeiten und Länder gegen uns aufgestanden sind, dass Fanatiker und Chauvinisten von uns nichts wissen wollen. Die alten Römer, Syrier, Spanier und die modernen clerical-supernationalen Antisemiten, sie alle verbindet der Hass gegen das Licht und gegen die Wahrheit, die Verachtung fremder Individualität und die egoistische Selbstvergötterung. Wir wollen den Frieden und die Ruhe haben, und nicht ein Atom mehr für uns als für alle. Aus der jahrhundertelangen Trauer stieg eine große Ruhe und Zuversicht für ims heraus. Der 9. Ab bedeutet die milde, läuternde mit Einsicht gepaarte Trauer, dass uns nichts anhaben kann, wenn wir uns nur immer gleich bleiben, wenn wir nicht versuchen, fremden. Göttern zu dienen, sondern unserer „Lehre" treu bleiben. Was das aber bedeutet und wie das zu geschehen hat, das zu erklären ist Aufgabe der jüdisch-nationalen Bewegung unserer Tage. Deutsche, -reche« und Wen. Interview mit Lew Abgeordneten De. Perek. Ein Mitarbeiter unseres Blattes hatte Gelegenheit, mit dem jungczechischen Vertreter der Landgemeinden P r o s s n i tz - B l u m e n a n im mährischen Landtage über den Nationalitätenstreit und den Antisemitismus, mit besonderer Berücksichtigung der mährischen Verhältnisse, zu conferieren. Die Anschauungen des Abgeordneten Dr. P e r e k diesbezüglich sind im gegenwärtigen Augenblicke umso actueller, als einerseits die Ausgleichsverbandlungen zwischen Deutschen und Czechen bekanntlich in Mähren derzeit in Schwebe sind, und andererseits binnen kurzem die Neuwahlen in den mährischen Landtag stattfiuden. Inwieweit aber die Stellung der Juden von bestimmendem Einflüsse auf die Herstellung des Friedens zwischen Deutschen und Czechen und die friedliche Gestaltung des Verhältnisses zwischen den Juden und den beiden anderen Mähren bewohnenden Bolksstämmen ist, dazu liefern die in Folgendem wiedergegebeuen Anschauungen des Abgeordneten Perek einen interesionten Commentar: Die Nationalitätenfrage in Mähren ist in erster Linie eine culturelle Frage, und der Kampf zwischen Deutschen und Czechen wird erst dann ein Ende nehmen, wenn die Hindernisse der cultnrcllen Entwicklung für die Czechen aus dem Wege geräumt werden. Dass ein friedliches Verhältnis zwischen Deutschen und Czechen auf culturellem Gebiete m ö g l i ch ist, beweist das FranzenS-Musenm in Brünn, dessen Statuten von den Abgeordneten Dr. Perek und Dr. Licht gemeinsam ausgearbeitet wurden. Die Leitung dieses Institutes wird abwechselnd drei Jahre in deutschen, drei Jahre in böhmischen Händen sein. Als Beweis für die culturelle Benachtheiligung der Czechen führt Abgeordneter Perek an, dass in Nordmähren 150.000 Deutsche zwölf Mittelschulen, 80.000 Böhmen im selben Umkreise aus öffentlichen Mitteln keine einzige Mittelschule besitzen. Auf diese Weise wird den Czechen die Möglichkeit zur geistigen Ausbildung vorenthalten. Leider sprechen Politiker vom Schlage Pergelts und Groß', sowie Wiener Blätter in mährische Verhältnisse drrin, die sie thatsächlich nicht kennen, und verwirren und vergiften so die öffentliche Meinung. * * * Eine gedeihliche Lösung der deutsch-czechischen Frage in Mähren hängt in erster Linie von denJudenab. Die Juden sind eine selbständige Nationalität. Ihre Führer tragen aber nicht wenig zur Förderung des Antisemitismus dadurch bei, dass sie sich auf das innigste mit der deutsch-liberalen Partei alliieren und Germanisierungsbestrebungen fördern. Jüdische Fabrikanten unterstützen mit großen Summen Geldes bei den Wahlen die deutsche Sache und bei den Schuleinschreibungen sind in zahlreichen Städten die Juden zugunsten der Deutschen ausschlaggebend. Die geringe Majorität der Deutschen im mährischen Landtage ist selbst auf Grundlage der derzeitigen Wahlordnung unhaltbar, wenn die Juden sich neutral verhalten nnd bei den Wahlen für den deutschen Candidaten nicht stimmen. Die Städte Mährisch-Krumau, Eibenschütz, Austerlitz, Weißkirchen, Olmütz, Prossnitz liefern die Beweise dafür. So lange die Juden die deutsche Herrschaft stützen, müffe die jungczechische Partei in Mähren eiu politischer Gegner der Juden bleiben. Man fordert aber von den Juden nur Neutralität und keineswegs Jdeutificierung mit der nationalen Sache der Jungczechen. Auch die seinerzeitigen Judenexcesse führt Dr. Perek nicht auf den Raffenantisemitismns, sondern auf die Erbitterung der czechischen Bevölkerung gegen die Juden als Verbündete und Säulen der deutschen Herrschaft in Mähren hin. Wenn die Juden sich passiv verhalten, dann wird ein deutsch-czechischer Ausgleich eher möglich sein, da die deutsche Minorität in Mähren ohne die jüdische Unterst ü tz u n g auf die Herrschaft im Lande verzichten müsste und zum Frieden auf dein Boden der Gleichberechtigung mit der slavischen Majorität des Landes gezwungen wäre. Eine Unterdrückung der Deutschen aber, eine Czechisierung wollen und kennen die Czechen nicht, die Entnationalisierung eines Volkes ist ja unmöglich. Gerade die Steigerung der Cultur, die Erhöhung Tische b'tm. E. M. Lilien zu eigen. Nacht ins enge Zimmer schleicht, gedrückt und biifter, Starrt ins Lichtgeflimmer, lauscht ius Lichtgeknister. Rings am Boden sitzen Väter mit den Söhnen, In den Augen blitzen tiefe Trauerthränen. Halteir in den Händen Bücher aufgeschlagen; Aus den alten Bänden blüh'n Jeremias Klagen . . . . Und die Flanunenweise, schluchzend, herzzerreißend, Sie verglüht nun leise, Traum und Glück verheißend. Hat die heil'ge Stätte auch der Feind zertrümmert, Drückt uns noch die Kette wund und grundverkümmert, Trost blieb in der Noth uns: was inan uns vernichtet, Wird nocl) bald von Gott uns schöner aufgerichtet. Und wir steh'n imd jagen fort die Nacht, die trübe- Aus den grauen Klagen blüh ein Tag der Liebe! Herrlich schöner sei heut' unsere Tempelhalle! Einigkeit und Freiheit froh umfasse alle!! Kelcse. Marek Scherlag. Ruinen. O Eitelkeit der Eitelkeit, sangst zu der Laute einst, du königlicher Sänger, Die Bimst voll schwerer Ahndung, trüben Muthes; Die ragenden Ruinen deiner eignen Werke predigen Schon zwei Jahrtausend diese tiefen Worte. Denn uh) granitne Säulen, roth, schwarzgeädeA, reich gegliedert, Im fernen Steinbruch von der fremden Sclaven Hand behau'n, Einst stmndurchglühte Zelte, farbentnmkne Gärten trugen Und gierig lauschten froher Feste Schall und Lieder, In Hellen, sternenklaren Nächten auch der Liebe Spiel — DoA ist jetzt wüster Schutt und dumpfer Moder. Die schimmernd Herrlichkeiten deines Tempels, Die weiten Hallen, weihranchwolkenschwanger, Gestützt von schlanken, balsamdnftenden Cypresscn, Cedern Vom Klang der Cymbeln und der Leier voll, Wo heil'ger Priester Mund des Herrn Lob und Preis verkündet, Sind jetzo Staub und Asche. Nur e i n e düst're Mauer ragt als letzter Zeuge von vergang'nem Glanz zum Himmel; Dort holten sich e i n st Judas kampfgewohnte Scharen den prk österlichen Segen; Jetzt betet dort die Schar der Frommen, Sie weinen, wimmern, klagen, warten den Messias, Sie warten treu, durch nichts erschüttert, fest im Glauben, Und ihre Lippen murmeln leise deine Psalmen. Leo Soser. Mizrajim und Jeruscholajim. (Kinoth zum neunten Ab.) Freudig wohl mein Herz erglüht, Wenn Erinn'rung es durchzieht, Da ich verließ Mizrajim. Doch wie wird mein Herz belvegt, Wenn Erinn'rung es erregt, Da ich verließ Jeruscholajim. Unvergesslich der Gesang, Der von Moses fröhlich klang, Da ich verließ Mizrajim. Wehmutsvoller Melodie, Tönt Jeremias Elegie, Da ich verließ Jeruscholajim. Jede Wette wie gebannt, Eine Mauer schützend stand, Da ich verließ Mizrajim. Schäumend zu verschlingen schnell, Mich bedrohte jede Well', Da ich verlich Jeruscholajim.

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