Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. Juli 1901 Seite 5 Familie, .so dass die vollständige Installierung und Sicherstellung einer jüdischen Bauernfanülie nur 2000 Frcs. erfordern würde, während in Argentinien und Palästina ein wesentlich höherer Betrag nothwendig war. Dieser bedeutsame Erfolg wird sicherlich für die „Jca" bestimmend sein, auf diesem Wege weitere Versuche zu veranstalten. Wenigstens darf dies aus einem uns vorliegenden Schreiben des Verwalters von Sazelar geschlossen werden, in welchem es u. a. heißt: „Ich bin mit meiner Thätigkeit hier sehr zufrieden. Denn es ist mir ein großes Werk gelungen, und ich hoffe, dass die Frage der Colonisation der Inden bald in Anatolien gelöst Iverden wird. Der Jrrthum, dass für die Colonisierung von Juden Millionen nöthig sind, soll an einem Beispiel erwiesen werden, indem wir hier zeigen, dass man mit 2—3000 Frcs. eine Familie sesshaft machen kann, wenn die Verwaltung eine gute ist und kein Geld für unnütze Sachen ansgegeben wird". Die Colonisation wird hier vermnthlich sehr bald große Ausdehnung gewinnen. Jaffa. Gestern ist der neue Mütessarif von Jerusalem, D s ch e w a d Be y, hier angekommen und feierlichst empfangcn worden. Ungefähr 40 Jahre alt, war er bisher Secretär in Jildis, wie sein Vorgänger Tewfik B e y, über dessen Versetzimg nach Saloniki hier besonders bei den Beamten kein Bedauern herrscht. Als er Jerusalem verlief;, fiel Regen, und kaum hatte er sich hier eingeschifft, so erhob sich ein starker Sturm, was einige Araber zu der Bemerkung veranlasste: Seht, nun ist Allah uns wieder gnädig, nachdem dieser Mütessarif abgereist ist. Tewfik Bey hatte sich in bestimmten Kreisen dadurch unbeliebt gemacht, dass er sich nicht, wie seine Vorgänger^Rauf und Ibrahim Pascha einer der Cliquen anschloss, ^ein Bart, um mich eines landläufigen Ausdruckes zu bedienen, lvar nicht in der Hand eines Neichen, und man nruss es ihn: als großes Verdienst anrechncn, dass er verschiedene „Spitzen", welche die Bevölkerung und die niederen Behörde:: terrorisieren, verbannte. — Seit dem letzten Regelt in Jerusalem sind mm einige Wochen verflossen unb für ein bis zwei Monate ist die Wassernoth im großen gehoben, obgleich viele Cisternen bereits leer silld und die Leute nicht uni Essen, sondern um Wasser betteln. Viele tragen sich mit den: Gedanken, Jerufaleut bis zur konrnieuden Regenzeit zu verlassen, und in Jaffa hat man schon nach leerstehenden Wohnungen fragen lassen. Es werden hier 200—300 Familien, besonders Juden, erwartet, auch in die umliegenden Dörfer haben sich viele Jerusalemiten begeben. Unter diesen Verhältnissen wäre der Bau einer Wasserleitung eine Nothwendigkeit. Barolt Rothschild hat der Stadtgemeinde eilten Vorschuss von 1,200.000 Frcs. angeboten, zu 2 Percent Zinselt und 1 Percent Tilgung jährlich, und nur die Bedingung gestellt, dass der Bau durch die Beamten seiner Güter in Palästina erfolge. Die Stadt hat dies Anerbieten abgelehnt, ebenso wie englische Elttwürfe, angeblich weil ein Jrade des Sitltans vorschreibt, die Leitmtg dürfe nur von der Stadt oder türkischen Unterthalien errichtet werden. 200.000 Francs hat der Sultan dazu versprochen, aber wo soll rnan die fehlende Million hernehmen. — Für die Landwirtschaft ilt Palästina ist die Einführung von Motoren durch eine deutsche Firma von.Bedeutung.. Von den 400 Orangengärten in imb um Jaffa sind jetzt verschiedene mit Motoren ausgerüstet, die zum Heben des Wassers dienen. Die Araber haben die Nützlichkeit erfasst, obgleich sie sonst den Neuerungen feindlich gegenüberstehen, und in einigen Jahren dürften alle größeren Gärten mit den neuen Apparaten versehen sein. Palästina. Am Sinaigcbirge ivaren schon von früheren Forschungsreisenden tausende von Inschriften in semitischer Sprache bemerkt und abgeschrieben worden, die meist nur Eigennamen enthielten. lieber den Zweck dieser Felseninschriften gewährt eine neugcfundcne Inschrift Aufschluss, die der französische Archäologe Clermont-Ganeau kürzlich in der Pariser Akademie mittheilte. Sie enthält ebenfalls Eigennamen und ist datiert aus dem Jahre 189 n. d. g. Z. mit dem Zusatze: In dem Jahre, in dem die Armen das Recht haken, die Dats etemte zu machen. Es ergibt sich aus dieser Inschrift erstens, dass solche in die Felsen gemeißelte Namen die Besitzer angabcn, die an dieser Stelle das Recht hatten, die Herden zu weiden, und zweitens, dass bei den Nebatäern die jüdische Sitte des Sabbathjahres galt, d. h. alle 7 Jahre die Ernte den Armen gebürte, deren Besitz auch in diesem Jahre nicht gepfändet tverden durfte. South-Jersey (Amerika). Das statistische Bureau in New-Jersen hat ein Büchlein herausgegeben, das sich mit dem gegenwärtigen Stande der jüdischen Colonien in South-Jersey befasst. Es heißt in dem Berichte: Im Jahre 1884 begann die Ansiedler, welche meistens aus russischen Familien bestanden, die den grausamen Verfolgungen der Achtzigerjahre entnommen waren, ihre landwirtschaftliche Thntigkeit. Die Resultate, die bis zum heutigen Tage erzielt wurden, bildeil eine. Kette stetig steigenden Aufschwunges und Fortschrittes in den moralischen, socialen und materiellen Verhältnissen der Lellte. Kann der Jude mit Erfolg Landwirtschaft betreiben? lantet eine gar oft aufgeworfene Frage, die iit den meisten Fällen mit „Nein" beantwortet, wird; doch eine sorgfältige unparteiische Prüfung der in diesen Colonien geleisteten Arbeit führt zu einem ganz anderen Resultate. Dein Besucher fällt sofort viel Schönes auf, besonders die Nettigkeit der Häuser uild die mit den moderusteil Errungenschaften ausgestattetell Wirtschaftsgebäude. Sehr erfreulich ist das von Jahr zu Jahr sich steigernde Ergebnis der Ernte. Die Administration der Colonien ist iit einem derart ausgezeichneten Zustande und verräth so viel Verständnis, dass man ruhig behaupten kann: Nicht nur besitzt der Jude die Fähigkeit zum Ackerbau, er hat sie auch, wenigstens in diesen Colonien, auf das Glänzendste bewiesen. Der Bericht fährt sodann fort: Der Ackerbau wird mit größter Sorgfalt betrieben. Die Weinultur gedeiht. Die Neben sind gesund und stark uild das Ernteergebnis ein beträchtliches. Der Wein-Erzeugung tvird wenig Aufmerksamkeit gewidmet, da es sich in viel höherem Grade verlohnt, die Trauben in frischem und gesundem Zustande auf den New-Uorker Markt zu bringen. Die Allswahl und Verpackung der Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren tvird mit größter Sorgfalt ansgeführt, so dass sie bereits auf den amerikanischen Märkten einen ausgezeichneten Ruf genießen. Die in der Colonie Alliance gepflanzten Kartoffeln erfreuen sich in Netv-Uork derartiger Beliebtheit, dass sic per Fass um 26—50 Cents höhere Preise erzielen als die anderen Waren. Die Landwirte voll Alliallce haben einen prächtigen Viehstand, speciell ihre Kühe gehören der besten Rasse an, auch ihr Geflügel steht auf hoher Stufe. Da der Kuhständ und die Geflügelzucht die wichtigsten Factoren für den Lebensunterhalt der Cölonlsten bilden) wendet ihnen der jüd. Landwirt die größte Aufmerksamkeit und aufopferndste Pflege zlt. Specielle Details über die Ergebnisse liegen nicht vor, doch steht fest, dass die Obstzucht im Jahre 1890 eine Einnahme von 40 000 Dollars erzielte u»ld die Kartoffelernte 18 000 Dollars lieferte, eine verhältnismäßig enorme Slunnle im Vergleich zu dem geringen Umfange der Colonie, die im Ganzen 1100 Acres Land umfasst, während die später gegründete Colonie Woodbine ein Ausmaß von 6300 Acres hat. Die Industrie ist in Alliance noch nicht so weit vorgeschritten als in Woodbine. Bemerkenswert ist vor allem die im nördlichen Theile voll Alliance, der sogenannten Vootmanville, gelegene große Kleiderfabrik, die 56 Arbeitern Beschäftigung gibt. Der Bericht schließt mit folgenden Worten: Die Colonie Alliailce hat einen schweren Kampf zu bestehen gehabt, aber sie hat das Experimentrer-Stadium glücklich überwunden und bcfilldet sich jetzt airf dem besteil Wege. Sic steht seit kurzem unter der Leitung des Baron Hirsch-Fonds, der jetzt eine Summe von 10 000 Dollars für die Errichtung voll zwanzig lleuen Gebäuden und verschiedenen öffeiltlichen Anlagen ausgeworfen hat." (Diese Rubrik steht uuseren P. T. Lesern zu gegenseitigem Meiilirngsaustausch offell, ohne dass sich die Redaction mit den in derselben geäußerten Allsichten solidarisch erklärt.) Knechtschaft nnd Freiheit. Wir hatten schon einigemale an diesen: Orte Gelegenheit nehmen müssen, uns mit der Kampfesweise der Socialdemokraten in der Consumvereinsfrage zu beschäftigen und den Ton zu rügen, bat sie gegen die den Lebensmittelhandel betreibenden Geschäftsleute bisher anzuschlagen für gut befunden haben. Der neugewählte Landtagsabgeordnete, Herr Dr. Adler, der Führer der östcrr. Socialdemokraten, hat im niederösterreichischen Landtage, als er von den Antisemiten ganz ohne Grund angerempelt wurde, denselben die Worte zugeschleudert: „Ich bin von Natur aus ein höflicher Mensch, aber wenn Sie mir mit Grobheiten kommen, so kann ich dies auch"; es wäre gut, wenn auch die Socialdemokrata: anderen Parteien gegenüber diese Worte beherzigen würden; denn wie du hinanrufst, so schallt es zurück, heißt ein altes L-prüchwort; und wir Kaufleute haben allen Grund, mit dem Benehmen der Socialdemokratcn uns gegenüber unzufrieden zu sein. Wir sind hellte in der Lage, einen elastischen Zellgen — (die deutsche Socialdemokratie, die von der Behandlung der Consumvereinsfrage doch auch etwas verstehen dürfte) darüber zu sichren, dass unsere Auffassung — die Organisation des Consums sei mit den bereits bestehenden Kaufleuten und Handeltreibenden Hand in Hand und nicht über deren Köpfe hinweg anzubahnen — von ihnen getheilt wird, und als die einzig durchführbare und auch vom socialdemokratischen Standpunkte aus verimnftigere Lösung dieser Frage anzusehen sei. Bor uils liegt ein Buch, das den etwas voluminösen Titel führt: „Knechtschaft und Freiheit. Zur Aufklärung über unsere Zustände und die Ziele der Socialdemokratie. Jin Aufträge und unter Mitwirkung der socialdemokratischen Agitationscommission zi: Liegnitz herausgegeben von Oswald Köhler. Dresden Verlag v. R. Schnabel, 1893." Dieses Buch enthält wirklich sehr viel Beachtenswertes für alle diejenigen, die sich mit der Consumvereinsfrage zu befassen haben; speciell unseren Wiener Genossen, die ja jetzt diese Frage in den Vordergrund der Discussion gestellt haben, wäre die Lcctüre dieses Bllches sehr zu empfehlen. Schon in der Einleitung bemerkt der Verfasser, dass dieses Buch zur Aufklärung des Volkes in Stadt und Land, soweit dasselbe da: socialdemokratischen Bestrebungen noch ferne steht, bestinunt ist, und dass er auf eilte gute Aufltahme dieses Buches auch bei den Gegnern der Socialdcmokratie umsomehr rechnet, als man dem Inhalte desselben mit Spott und Hohn nicht wird beikommen können. Selbstverständlich könnet: lvir uns hier in keine Besprechung des 64 Seiten starken Buches einlassei:, sondern wollen hier nur hervorheben, wie sich die deutsche Socialdemokratie — und in deren Namen spricht ja Oswald Köhler — die Stellung der Kaufleute zu den von Socialdcmokrata: gegründeten Consumvereinen vorstellt, beziehungsweise, welcher Vorgang während der Uebergangsperiode zun: socialen Staate in: allgemeinen nach socialdemokratischen Begriffei: einzuhalten gewesen wäre. Auf Seite 37 und 38 des erwähnten Buches, Eapitel „Handel lu:d Coistltm", ist Folgendes zu lesei:: „Eil: großer Theil der Ausbeutmtg des Menschen wird heute durch da: Handel ermöglicht, lim hier grundlegenden Wandel zu schaffen, müsste das Berkaufswesen nach Art der Conslunorganisationei: genossenschaftlich gestaltet und unter staatliche oder conlnnmale Verwaltung gebracht tverden. Ji: erster Reihe müssten die privater: Rechte der großei: Händler aufgehoben oader abgelöst werden. Es lnüsste in: Wege der Gesetzgebung eillfür allemal verhindert werden, dasseinzelne Menschen die Erzeugnisse der Arbeit imb der Erde, Lebensmittel und dergleichen aufkausa: (Cartelle bilden) und mit hoha: wucherischen Aufschlägen an die Consunrenten wieder verkaufen körnten." Seite 16 und 16, Capitel „Ausbeutung der Arbeit": „Insoweit, als die Unternehmer m:d Händler eilte nützliche Arbeit bei der Herstellung der Produkte, bei der Beförderung oder sonstigen geschäftlichen Behandlung derselbe:: leistet:, insoweit habet: sie selbstredend auch eiltet: rechtmäßigen Anspruch auf Lohn, je nach ihrer geistigen oder körperlichen Anstrengung." Seite 38: „Die staatlichen Consum- oder Magazin-Organisatiottat würden in allen Bezirken der Städte und in allen Ortschaften des Handels Filialen haben, in denen die Bedarfsartikel zu beziehen wären. Die jetzigei: Detailgeschäfte hättet! als Filialen in den Verband der großen Magazin-Organisation einzutreten und ihre seitheriger: Inhaber könnten dann als Leiter oder Vorsteher weiter fungieren. Seite 39: „Um die brutale Concurrenz zwischen Mensch und Mensch aufzuheben, muss das Recht jedes Bürgers auf Beschäftigung in allen staatliche!: und communalen Betriebet: und Aenttern festgesetzt werdet:. Dieses Recht auf Arbeit und Existenz würde auf das Verhalten der Menschen in: gesanunten wirtschaftlichen Verkehr von: günstigsten Einflüsse sein. Keiner hätte mehr nöthig, un: selber zu existieren, feinen Nebenmenschen von: Platze zu stoßen und ein nrenschenwürdiger Zustand an Stelle des thierischet: Krieges aller gegen alle getreten. Durch die genossenschaftliche Organisation der Arbeit und deren öffentliche Berichterstattung, sowie dadurch, dass alle Genossenschaften desselben Arbeitszweiges miteinander in Verbindung und gegenseitigen: öffentlichen Verkehr stehen würden, so dass die Erfahrungen einer Genossenschaft stets bald zun: Gemeingut aller übriga: Körperschaften werden könnten, endlich durch die öffentliche staatliche Organisation des Verkaufswesens, wäre auch die brutale Concurrenz zwischen den einzelnen Productionsanstalten verhindert unb das ganze Lebet: würde ein ganz attderes Gesicht bekotituten." Das sind goldene Worte, die keines weiteret: Com? mentars bedürfet:. Aus den: Gesagten geht doch zur Gettüge hervor, dass die deutsche Socialdemokratie das Weset: des modernen Staates ganz richtig erfasst hat und gleich :u:s in demselben nichts anderes sieht, als eine Erwerbsm:d Wirtschafts- Genossenschaft großei: Stils, in welchem die Bürger die Genossenschafter, das Parlament den Aufsichtsrath, die Regierung dei: Vorstand und das jeweilige Staatsoberhaupt den leitenden Direktor bilden; eine Auffassung, die allerdings sehr vieles für sich hat; es wird aber noch sehr viel Wasser über die Donau fließa:, bis diese Auffassung von: Wesen des Staates zur allgenteinet: Geltung kommen wird. Schot: der selige Caprivi hat sich in: deutschen Reichstage bem seinerzcitigen Anträge des Agrariers Kanitz auf Verstaatlichung des Getreidehandels :u:ter den: Hinweis darauf widersetzt, dass dann der Staat nichts anderes loäre, als eine eittzige große Getreidehandlungsfirma und er, der Reichskanzler, deren erster Procuraführer, wofür er sich schönstens bedankte; der Antrag wurde damals bekanntlich auch abgelehnt; wir glaubet: nicht, dass sich die Stimmung für ein solches Experitnent in da: leitenden Kreisen seither wesentlich geändert hat. Aber auch von: kaustnännischci: Standpunkte genommen, kömüet: wir nicht alles unterschreiben, was der Verfasser in seinen: Buche über diese Frage ausführt; der Verfasser wäre vielleicht selber in Verlegenheit, wenn er sich darüber näher erklären sollte, in welcher Weise wohl der Staat die privaten Rechte der großen Händler einlösen könnte. Es kam: doch unmöglich sein Emst seit:, dass der Staat hergehen soll, mit jedem einzelnen Händler — der exorbitant hohe Forderungen stellen wird in solchem Falle — um seinen Betrieb zu feilschen; das kann, darf und wird der Staat nicht thun; noch eher wäre so eine Ablösung denkbar, wenn der Staat es anstatt mit eittzelncn Privaten mit einer bereits organisierten Genossenschaft oder Actiengesellschaft zu thun hätte, in welchem Falle der bisher übliche Vorgang bei solchen Einlösungen durch Ankauf der Actien oder Antheilscheine wohl eingehalten werden könnte. Aber solche Institute sind beim Handelsgewerbe noch nirgends geschaffen, und es iit auch nicht die geringste Allssicht vorhanden, dass sie in absehbarer Zeit etwa geschaffen werden könnten. Angenommen nun, was jedoch nicht sehr wahrscheinlich ist, die Katlfleute und auch die Leitunget: der größeren Conslunverbände hätten schon Vernunft'angenommen und die ihnen hierdurch beiderseits erlvachsenden Vortheile erkannt — und anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen, factisch auf irgendeine Weise (die Möglichkeit ist ja vorhanden) in eine einzige, über das ganze Reich verzweigte Erlverbs- und Wirtschaftsgenossenschaft großen Stils mit Milliarden von Actiencapital umgewandelt; wie will es tum der Staat anfangen, sich diese Riesensummen, welche zur Ablösung so eines wcitverzwcigta: Unternehmens nüt seinen Fabriken, Maschinenanlagen, seinem Warenlager u. s. w. u. s. lv. erforderlich lväreu, zu beschaffen, und selbst, wenn er sie sich durch Ausgabe neuer Schuldtitres (die doch wieder verzinst lverden müssten) verschaffen könnte, was wäre damit gewönnet:? Die deutschen Socialdemokrata: sind doch sonst so praktische und nüchtern denkende Geschäftsleute, die ja mitunter selbst auf die Börse gehen; was, glaubet: sie wohl, würden die Kaufleute hergeben unb was dann geschehen würde, die für die Ablösung ihrer Betriebe erhaltenen Capitaliet: ganz einfach verlumpen und versaufen gehen, oder neuerdings fruchtbringend anzulegen suchen? Bei ihrem traditionellen Sparsinn würdet: sie wahrscheinlich das letztere thun; aber o Weh, dann gäbe es ja wieder neue Gründungen, neue Einlösungen, neues Capital und das gienge so fort bis in alle Elvigkeit. Wir sehen also, dieser Weg führt nicht zur Glückseligkeit. Denn nicht erst die Verstaatlichung, sondern schon die Umwandlung der Einzelbetriebe in den Genossenschaftsbetrieb, schon das allein bedeutet die Lösung der socialen Frage; diese Lösung katn: auf den: bezeichneten Wege angestrebt und auch erreicht werdet:. - Den Wiener Genossen scheint diese Erkenntnis vorläufig t:och zu fehlen. Welcher Weg aber früher zum Ziele führen kann, der über die Zwangsgenossenschaften oder durch die Gründung einer freiet: Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft, das soll in einem nächsten Artikel ausgeführt werden. D. j. G.