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Jüdisches Volksblatt · 1901-07-12 · 28 (12.7.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
28 (12.7.1901)
Date
1901-07-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. Juli 1901 Nr. 28 weil man daselbst eine intime Fühlung aller dieser Gruppen ' zwischen den deutsch-polnischen Juden im ehemaligen König- Ungarns und Croatiens mit Wien und Prag vermuthet. ■ reiche Polen und den Juden in den Balkanländern gierig Thatsache ist es, dass die erstarkte nationale Bewegurrg ganz verloren. unter den Deutschen und den Slaven Cisleithanieus sehr | Aber jede jüdische Gemeinde bildete für sich ein natiostark auf die wiedererwachende Nationalitätenbewegung : nales und getvissermassen arrch eiix territoriales Centrum. unter den ungarischen Deutschen nud Slaven eiulvirkte.!Hohe Mauern umschlossen das errge Judenviertel. Das Es ist überaus kennzeichnend, dass unter den Deutj Ghetto bildete für sich eine Welt im kleinen. Dort lebte urrd scheu Süd- und West-Ungarns, welche bisher außer den In- ( liebte man, dort kostete man gemeinsam alle Freuden und den die trerresten Bundesgenossen der Magyaren waren,-Leiden drirch, dort sprach man recht rrach alten; jüdischem sich eine starke deutschnationale Bewegung bemerkbar Branche. Die Synagoge — matt beachte die Bedeutung macht, welche für eine Coalition mit den jJhtmänen und , dieses griechischen Wortes — war die Zusammen kunfts- Slaven Ungarns gegen die jtldäo-utagyarischen Unter-- stätte der Gemeindemitglieder in und auch außer den Gedrücker ciittvitt. " > betsstunden. Drohte von außen eilte Gefahr, dann scharten Diese deutschnationale Bewegung ist im steten An-j sich alt und jung in der Synagoge zusammen; hielt die wachsen, verfügt bereits über drei Blätter, darunter ein i Gemeinde großen Rath, war eilte landesfürstliche Auflage Tagblatt in Tentesvar. mit einer gewissen antisemitischen! zu repartieren, galt es einen Streit in der Gemeinde zu daun war die Synagoge der Sautmelpttnkt der Das Nationalbewusstsein war ben Juden Färbung. Alle diese Erscheinungen;n annnengenonnnert unter Brüdern zu sein, wo man wegen seines Jrtdenthums nicht verhöhnt oder beschimpft werden kann, wo man — kurz gesagt — zuhause ist. Die Rückwirkungen aus das jüdische Volksleben sind unabsehbar. Der jtmgen, jüdisch-rtationalen Idee würde int jüdischen Volkshause ein kräftiger Agitator erstehen. Die Gründung solcher jüdischer Volkshäuser ist — wenn »tan die Sache in der Nähe besieht — gar nicht so schwer urrd erfordert lange nicht so viele materielle Opfer, als man glauben würde. Der Weg, der zu betreten wäre, ist folgertder: Irr jeder Stadt,!vo Juden wohnen, gibt es eine Unzahl jüdischer humanitärer Institute, Bürger- und akademische Lesezirkel. Diese Vereinigrtngert wohueit in der Regel zttr Miete, die nicht geringe Summen verschlingt. Wenn: yuu den Leitern dieser Vereine und Institute im großen jüdischen Volkshause Bersammlitttgs- und Sitzungszimmer, ja sogar eine Bibliothek und eilt Festsaal zttr Verfügung gestellt werden, so utüsstcn sie gegeit ihren eigenen Vortheil blind sein, wollten sie eine eventuell billigere Miete im jüdischen Volkshause verschntäheit. Aus der Verpachtung Littertutg der ltichtutagyarischeu i über die Köpfe der mtgarischeit Jttdeit entlade. Dr. H. K. ern des Ghettos tuuschlosseit das kleine jüdische Vaterlaitd, lvar das jüdische Eeutrum. ganz anders getvorden. Die Entwicklung duldet keine maueeitntfcfjloffeiien Jtideitviertel. Haltung des jüdischen Volkshauses und die Amortisierung des Gründtutgscapitales in absehbarer Zeit eriuoglicheit in Das jüdische Volkshaiis. Von Dr. M e y e r E b n e r (Czeruowitz). Ich lebe in einer im kleinen ist. Buntel Polen, Deutsche urtd und zu auch gegeneiitattder. Volksstamme stark entwickelt nommen bei den Jtlden. Jede nationale Gruppe hat ihr ei-; fcjn q? genes Volks- oder Nationalhaus. Die Rumänen bauen ihr j Volkshaus auf dent vornehmsten Platze der Stadt zu einem , P Palais um, die Ntitheueu weisen mit Stolz auf ihr Naroduy dym, die Polen haben ihre Czytelnia Polka mit eigenem Ballsaale, die christlichen Deutschen ihr „Deutsches Haus", selbst die LiPPowaner, der kleinste Volksstamm int Lande, haben in ihrer neuerbauten Zinskaserne eine Art von nationaler Sammelstätte. Aber die Juden? Haben sie attßer den Synagogen ein nationales Centrum, wo sie sich versammeln können? Ich will versuchett, der Sache tiefer aus den Grund zu gehen. Brauchen wir in den größeren jüdischeit Gemeinden jüdische.Nationalhäuser? Ein Blick in die Geschichte gibt uns die Antwort. Nach! dem Aushören der nationalen Selbständigkeit verblieb uns! d in den verschiedenen Ländern unseres Exils noch eine gewisse politische Selbstättdigkeit. Die Geschichte kennt eine ganze Reihe sogenannter Erilsürsten. Der Sitz dieser Fürsten bildete ebenso ein nationales Cetttrum wie in der Folge die großen Talmudschulen in Toledo, Saragossa, Jawne und Babylon. Als die Juden sich immer weiter in die Länder des mittelländischen Meeres zerstreuten, als sie von Spanien nach Frankreich mtd Deutschland tmd von da nach Polen mtd Oesterreich giettgen, wurde das letzte äußere sichtbare Band, das die Juden aller Länder verknüpfte, zerrissen. Das jüdische Volk löste sich in eine Unzahl von kleinen oder größeren Gemeinden aus. Der Zusammenhang ie inteitsive Beschäftigtutg mit dem Handel zwingt j könnte, abgeseheit davon, dass sich in jeder Geuwinde die Jttdeit, auch die entlegensten Stadttheile aufzusucheu. , hochherzige Menschen finden, die ein j ü d i s ch e s V o l k si Die Zerstreuung unseres Volkes macht reißende Fortschritte. ■ h a u s thatkräftig zu unterstützen bereit siitd. -Der Gemeindeverbaud ist hettte lattge nicht mehr das, was! Der Anfang muss gemacht werden. Wer der uatio- , er war. Früher war er eine locale, territoriale Bereinigung, ' na len Idee des jüdischen Volkes dienen tvill, wer eilte moraheute hat er bloß eilten administrativen Charakter, früher lische Renaissance des Judettthums anstrebt, wer die Ne- .'in alten histori- Wohnsitzen mit die Glieder unsammeln. selbstverständlich ausgejschastliche Fragen ist im Wirkungskreise der Cultusgenteinde '" ' Raunt. Ich tvill nun die Gr ü n d tt tt g jüdischer I v ~ oderNational h ä tt s e r anregen, ähttlich i wie sie natiottale Atinoritäten überall haben, ztttn Beispiel j das deutsche Haus in Prag. Unsere Cnltusgcmeiude und das jüdische Handwerk. Abermals sehen wir tttts veranlasst, über die Vernachlässichtng, deren sich das jüdische Handwerk seitens Eitt jüdisches Nationalhaus soll in erster Linie der! ichstrer Cultusgemeinde zu erfreuen hat, bitter Klage zu bibliothek zur Erziehung mtd haben, Lesesäle, bereit Besuch Mit bem Nützlichen kamt auch werden. Cafe mtd Restaurant Aufklärung der Massen j jchen Handwerker zu gehen und nur dann, wenn ein solcher ua nationale Gedenktage tmd wichtige Ereignis, tt c nHei nt e zu feiern. ~ | gemeinde bei einem christlichen Buchbinder, dessen Name Es tvürde tttts ettvas tvie ein Gefühl des Stolzes : uns bekannt ist, geutacht werden? Wir sind in der Lage, der überkommen, wettu tvir an dem Hause vorübergiengen, j Cultusgemeiitde eine gaitze Menge jüdischer Buchbinder und R'echt mtser Eigen nettnett könnten. Welch ein Hochge-! deitn^ die Ctiltusgemeinde gar nicht, in welcher Noth sich fühl tväre es, aut .Nachmittag oder am Abend statt in den j der jüdische Handwerkerstand befiitdet? Oder fihnmert sie sie , . nur man das Bewusstsein hat, mitten unter Gleichgesinnten, i dieser Anregung bedurfte, um dieses crasse Unrecht abzu- Club oder ins Cafe ins jüdische Volkshaus zu gehen, wo | fi$ gar nicht dartitn? Wir wollen hoffen, dass es Die Juden in Indien. Der bekannte Reisende Emil Schlagiittweit hat bei seinen Reisen durch Indien auch die dortigen Juden in den Kreis seiner Beobachtungett gezogett. Er berichtet darüber Folgettdes: Zu einer Besprechung der jüdischen Colonien in Indien berechtigt tticht ihre Zahl, beim die dort ansässigen Bekenner des Judettthums beziffern sich insgesammt auf nur 12.000, sondern Alter und Eigenart der jüdischen Gemeinden att der Westküste der Halbinsel. Hier sind in der Präsidentschaft Bombay allein 9023 Juden attgesiedelt; an der Malabarküste sitzen in den Staaten Kotschitt uttd Travankar bereu noch 1870, so dass für das gattze übrige weite indische Kaiserreich nur noch 1010 verbleiben; hiervon entfallen 980 auf die Neichshauptstadt Kalkutta, die drittgrößte Stadt und den Hauptseeplatz des östlichett Jttdiens; Madras mit über 400.000 Einwohnern zählt bereit keilten einzigen. Die aus Europa ttitd Amerika zttgewattderten Israeliten machen in ganz Indien tticht acht Perceut der jüdischen Bevölkerung atts; dagegett siitd die Gemeindett der Präsidentschaft Bombay eine sehr alte Anlage. Die alten Juden in Indien nennen sich Berte-Jsrael, der Indier nennt sie Jahudi, und sie hören sich gertt Schantvar Tel, d. i. Satttstags-Oelpresser, ttennen, weil die nteisten sich titir der Bereittutg und dem Hattdel von Oel beschäftigen, aber Samstags nichts verkaufen. Nach ihren Ueberlieferttttgett sind sie nach Indien sowohl über Adelt, tvie über den persichen Golf gekommen. Finden sich doch auch in Maskat Juden, mit dem Beinamen Beite-Jsrael, was für ihre Herkunft aus Babylon spricht. Aber tticht minder ist für ihre arabische Abstatttmtmg der arabische Gesichtsausdruck, das Vorkomnteu arabischer Worte in ihrer Sprache tmd der Vorzug geltend zu machen, tvelchen sie ttoch hettte Schristgelehrteu aus Arabien geben. Aus ihren eigenen Ueberlieferungen ergibt sich Folgendes: Jit Aden sollen sich Nachkointtten der von Darius Hystaspes 1521 bis 485 v. Chr.) aus Aegypten ttach Hadschas fortgeführteu Jttdeit sesshaft gemacht haben. In ganz Südarabien gelangte jüdischer Einfluss im erstell vorchristlichen Jahrhundert znr Macht; damals trat ein König der Hitttjaritett zum Judenthutn über. Unter feinen Nachfolgern crfolgtett zahlreiche ltcbertritte zum Christenthum. Int sechsten Jahrhundert war Dhu Nawas König; dieser tvtirde gegeit seine christlichen Unterthatten grausam, die nun den abessynischen König Elis Bau zu Hilfe riefen mtd mit ihnt die Hitttjaritett Vertrieben. Nttu verfolgte Elis Ban seiiterseits die Judctt. Dies wurde der erste Anlass zur Massenauswanderung der Jttden nach Ostindien; die bald barauf erfolgettde Aufrichtmtg des Islam in Südarabieit drängte zu weiterer Ilebersiedluug. Jit Babylou nahmen die Reste der uralten Colonien, die dorthin 722 über Assyrien, bann 579 durch Nebukadnezar verpflanzt wordeit waren, vorn sechsten vorchristlichett bis in das dritte christliche Jahrhundert eine geachtete Stellung ein und verlegten sich in dieser Zeit mit Erfolg auf die Gewiitnung neuer Anhänger; besottders günstig ivar ihnen das erste Jahrhtindert der netten Zeitrechnttng, denn die religiöse Erregttng, welche damals alle Welt ergriffen hatte, komtte am altett Persien tunsoivettiger spttrlos vorübergehen, als uralte Ueberlieferttttgett in den persischen Büchern für diese Zeit tiefgreifeitde politische und religiöse Untwälztutgeit vorhergesagt hatten. Wir sehen in Babylott 17 ttach Chr. zwei Juden zu Inhabern der Geivalt sich eutporschivingett, 60 nach Chr. tritt der Partherköuig Jzates zum Judettthtlttt über. Ungüttstiger iverdeu beu Juden ihres Reiches die Sassattidett gestiuttttt; unter dieser Dynastie beginnt ihr Niedergang. Zunächst erlaufen sich die Jttdeit Duldung ihrer Neltgtonsgebräuche dttrch reiche Geschettke; mtter Schapttr 1. werden sie zu Empörerit und ihrer 12 000 werden ttiedergemetzelt; bann kommt ein Aufflackern ztt nettem Ansehen, uttd zur Zeit der Abfassmtg des babylonischen Textes des Geutaratheiles des Talmud (427) dttrch Rabbi Ashi staudett die Juden atu Hof und unter deut Volke von Babylon in hohem Ansehen. Unntittelbar barauf leiden die Jttden unter Christenverfolgtutgett; wir sehen sie später an der Seite von Empörertt, tmd dies Verhaltm bringt über sie! im Beginn des sechsten Jahrhttnderts beu Zorn des Königs Kobad I. Datnals begann gemeittdeiveise die Austvanderung ttach Jttdiens Westküste. Jit Südittdien att der Malabarküste hatten sich ivohl schon int Beginn der getv. Ztr. jüdische Geschäftslettte attgesiedelt, ganze Gemeindett ivattderten in Kottkan ein. Hier kaut ttach der Ueberlieserttng vor jetzt 1400 Jahretl atts der Rhede von Stegarn int heutigen Districte Kolaba ein Ausiva11derungsschi ss voll Jttden an, feutertc aber beint Einfahren in die Lagune, die sich damals noch hittter der Stadt atisbreitete, und mir sieben Paare retteten sich atts Land. Es folgteu weitere Schisse; ihr nördlichstes Ziel trar der Golf von Bombay, das südlichste der Staat Kotschitt; aut zahlreichsten sitzen sie hettte noch in den Districten Kolaba mtd Thana; von ersterent zogett sie sich nach dem Innern tmd bilden insbesondere in Puna größere geachtete Genteinden. Vout Beginne ihrer Attktmft an suchten die Jttden sich ztt den Machthabertt gttt ztt stellen mtd giengett nur ztt weit in der Anlehntmg att die Sitten der Eittgeborenen. Es begreift sich, dass die neuen Ansiedler ihre Frauen aus den Eingeborenett nahmen; nur in Kotschitt waren einige Fantiliett mtter den sich fortsetzenden Handelsbeziehttngeu tttit den südarabischett Glaubensgeuossett in der bevorzttgtetr Lage, für ihre Kinder Frauen atts Arabien uttd Mesopotamien zu beziehen. Diese Jttdeit heißett weiße Juden (Gora), zähleit nach Wengen Fantiliett uttd sind ausschleßlich att der Malabarküste attztttreffett. Die attderen Judett ttehuteit dttrch die fortgesetzte Mischung mit den Eingeborenen deren Farbe und Gesichtszüge an uttd heißen in Berichtett mittelalterlicher Reiseitder tvie in neueren Werken statt Bene-Israel die schlvarzen Juden (Kalo). Jut Mittelalter herrschte zeitweise große Spaltmtg mtd heftige Fehde ztvischett tveißen ttitd schwarzen Jttden; hettte kann nur mehr von einem Rassengegensatze zwischen den beiden Gntppen gesprochett werdett. Unter der andatlernden Berührtmg der Malabarjttdett mit ben Handelsstädten in Vorderasien hielten diese an ihren Religiousgebrättchen fest und gestatteten Hindusitten tveniger Eingang. Anders an der Konkanküste; hier kam den Bene-Israel unter der jahrhunderlangen Ver-

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