Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lsdartwn: KchMtzeLgssse U. Gp»echst»«-t»r ®it MoSrntagen von 4 bis 6 Uhr nachmittag. pofl.-d--f.s: JüdtsHeS «olkSblatt, Wie«, Vlll|l. Vefchtvrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Marmfrrtvtr «verbra nicht znrülkgestellt. Postsparcaflen-Lonlo «47087. In das Wonnement kann man täglich eintreten. mjchml fekii freitog unter MittvtLkrmg der vom jüdischen Volks- Verein rrivShlten Pressrommiffton. A»ferate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DnleS, Hassen» Sein L Bögler, Rudolf Moste, Sl. Oppclik, M. Pozsonyi, v. Schale! in Wien, ferner alle Snnoncen-ExpedMonen im LuSlande. Girrzel-NnArruer in Wien IS Heller. Administration: VHl/1, SchlSKelgnsse tl. AbonnementSpreiS: Für Wien o. Oesterreich-Ungarn fammt Franeozuflellung. Ganzjährig vierteljährig. . Kr. 8.- „ 4.- Fttr daS gefammte Ausland fammt Francozustellung. Ganzjährig . . . Halbjährig . Vierteljährig Kr. ».- i, DAS Nr. 88 Wie», 18. Juli 1901. III. Jahrgang. 1WI ■ renr n n ^wim'iu.MtnTniwTiivrniriftjirnriT-tmriTWMiiMim nr<w ■iihii-biVuki?57ffrinMMCW.4wi RMMWNMOiMfkMtBMi Treue um Treue. Das Thema „Jüdische Politik m Oesterreich" wird immer mehr artuell. Jede Woche mehren sich die Zeichen aus Böhmen, Mähren und Galizien; das beweist, dass dieser Gedanke, der von den Gründern der jüdischen Volks- Partei schon vor Jahren ausgestellt wurde, mit dem Ungestüm einer Naturnothwendigkeit seinen Weg geht. Mit diesem Gedanken ist die Zukunft des jüdischen Volkes in Oesterreich aufs engste verknüpft. Betrachten wir nun historisch den Gang der Entwicklung; dabei muss man die Stellung der Juden in den Sudetenländern und in Galizien auseinanderhalten. Die Juden in den Sudetenläiidern waren durch Jahrzehnte die verlässlichsten und imentbehrlichsten Stützen der deutschen Vorherrschaft in beit größeren Städten. Die Politik der Deutschen war ebenso einfach wie fruchtbar; den dritten Wahlkörper, der in den gemischtsprachigen Städten überwiegend slavisch ist, inachten sie durch seine wirtschaftliche Abhängigkeit imb durch Ausbeutung seiner politischen Unreife gefügig, den zweiten Wahlkörper majorisierten sie durch die Inden. Im ersten Wahlkörper, der den altererbten Besitz an Hans und Feld repräsentierte, herrschteil sie selbstverständlich und uneingeschränkt. So herrschten die Deutschen in den Siebzigerjahreil in Kremsier, Prossnitz, Wsetin, in Pilsen und in Prag. Aber bald zeigte sich, dass ihre Macht auf thöilerneil Füßen ruhte. Der dritte Wahlkörper erstarkte mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Allfschwuilge materiell sowohl als psychisch; es erstanden den Slaven Berather aus dem eigenen Blute, die die Slaven'allmählich von ihren deutschen Vormündern emancipierten. Der dritte Wahlkörper wurde selbständig und gieng dest Deutschen unwiderruflich verloreil. Aber mit der Emaneipation vollzog sich auch ein allmähliches Anfsteigeil der Slaveil in die wohlhabenden Schichteil. Haus nnb Hof giengen allmählich ans dentsckM Händen durch Kauf, Erbschaft oder politische Agitation in die der Slaven über. In kleineren Orten, ivie Kreinsier und Prossnitz bildeten die Czecheil eigene wirtschaftliche Verbände 311m Ankäufe von Häusern, mit denen das Stimmrecht im ersten Wahlkörper verbunden war. So giengen die geilailnten Städte an die Czecheil verloreil. Dies war sozusageil ein entwicklungsgeschichtlicher Process, der sich mit dem Erwachen des nationaleil Geistes unaufhaltsam vollzieheii musste. Die nächsteil Angriffspunkte der Czecheil sind Olinütz, Jglan, Leipnik, Weißkirchen und Budweis; dort herrschen iwch Verhältnisse, wie ich sie eiiigailgs dieses Artikels schilderte; das deutsche Eleilient in diesen Städten ist so stark, dass es bis jetzt die „slavische Hochflut" abwehren konnte; ans wie lange, ist allerdings eine Frage der Zeit; vielleicht ist sogar für die Mehrzahl der genannten Städte diese Frage in einem für die Deutschen iiilgünstigen «Sinne gelöst. ' Auch in diesen Städteii gehören die Judeil großentheils in den zweiten Wahlkörper, weniger infolge ihres Wohlstandes als infolge der Liberalität, die die Delltschen in der Stcnerbemessling imnler ben Judeil gegenüber bewiesen habeii; sie geben im zweiten Wahlkörper den Ausschlag, ja. in manchen Orten. wie in Budweis oder in Leipnik, können sie durch ihre bloße Abstinenz den Czecheil zum Siege verhelfen. llnb da vollzieht sich das merklvürdige Schauspiel, dass die Delltschen auf diesem gefährdeten Terrain nicht so iveit ihre antisemitischen Jnstincte llilterdrückeil können, dass sie den Judeil, die für ihre Nnterstützung von Seiten der Czechen durch ben Boycott lvirtschaftlich ruiniert werden, tlllihe nild Friedeil gewähren. Es gibt ein schönes deutsches Sprichwort, das heißt: Trelle um Trene. Diese Treue haben die Delltschen ben Inden, die mit einer seltenen Selbstaufopferung deutsche Jnleresseil vertraten, gebrochen. In allen dieseil Stäben bestehen antisenlitische Vereine und Gesellschaften deutschnationaler Couleur; in ben meisten deutschnationale Zeitungen. Vor mir liegt eine deutschböhmische Zeitung, in der unverblümt znill Boycott der Juden aufgefordert lvird. Die Jllden werden zlierst nngebettelt, um „Deutsche Hällser" zu bauen; stehen diese einmal da, Weeden jie durch all. ll.aud Roheiten herausgeekelt. Die Situation der Juden in den Sudetenländern ist also in knappen Worten die: Auf der eineil Seite die Czechen, die eilten schonungslosen, durch berechtigte ilationale Gründe verschärften Krieg gegen die Judeil führen, auf der anderen Seite die Deutschen, die in beispielloser Verblendung und Frivolität ihren Bundesgenossen in ben Rücken fallen. Die Lage der Inden in Galizien wird ein nächster Artikel schildern. Ungarn vor den Reichstags- Wahlen und dir ungarischen Juden. _ Der ungarische Reichstag hat seine Ferien augetreten; in seiner heutigen Zusammensetzung seine letzten Ferien. Im Spätherbste wird er ilach einer kurzen Tagung zu seinen Vätern einkehren. Die bevorstehenden Neuwahleil, sowie die Erscheinungen, welche jetzt bereits, wo die Wahlcampagne erst vorbereitet wird, zutage treten, geben bem weitersehenden ungarischen Politiker und besonders dem ungarischen Inden genügenden Anlass zum Nachdenken. Der magyarische Liberalismus, oder lvie die antisemitische Terminologie lautet, die judäomagyarische Herrschaft, hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Zustände in Ungarn erscheinen nur denl oberflächlicheil Beobachter rasig, für ben tiefer Blickenden zeigt sich eine auffallende Aehnlichkeit mit den Zuständen Cisleithanieils bei Beginn der Aera Taaffe. Die herrschende „liberale" Regierungspartei, die infolge der Fusion mit der Apponyigruppe in den letztenJahren über eine so ungeheure Majorität im ungarischen Reichstag verfügte, zeigt ganz deutliche Spllren der beginnenben Zersetzung, zum nicht geringen Theile eben durch diese Flrsion. Die Vereinigung dieser beiden Gruppenwar ilämlich lmr eine mechanische und feine organische, entsprungen der bcidcrseitigell Furcht vor dem Anwachseil der clericalen Volkspartei und der wiedererwachenden nationalistischen Bewegllllg unter den nichtmagyarischen Völkern Ungarns, in deren Gegenden bisher die festesten Burgen der herrschenden magyarischen Machthaber sich befanben. Soweit man seine Blicke durch das weite Ungarland, ilach Siebenbürgen oder nach Croatien schweifen lässt, auf der ganzen Linie gährt es unter Deutschen, Slovaken, Rnthenen, Serben, Rumänen und Croaten; die Nationalitätensrage hat eben bereits längst die Leitha überschritten. Wenn sie im ungarischen Reichstage nicht mit derselben Intensität wie im cisleithanischen Parlamente sich bemerkbar macht, so ist dies darauf zurückzuführen, dass einerseits in den Ländern der ungarischen Krone kamn der fünfzehnte Theil der Gesammtbevölkernng wahlberechtigt ist, lind dass andererseits bisher ein Theil der llichtiilagyarischen Nationalitäteil (besonders die Serben nnb Rumänen) ebenso Passivitäts-Politik trieben und den nngarischeil Reichstag nicht beschickten, wie seinerzeit die Czechen dem Wiener Abgcordnetenanse ferne blieben. Diesbezüglich aber lvird sich bei ben bevorstehenden Wahlen in den ungarischen Reichstag eine Wandlung vollziehen. Die Slovaken, Rumänen und Serben beabsichtigen mit ihrer ganzen Energie in ben Wahlkampf einzutreten, und in Uebereinstimmnng mit den magyarischen Socialdemokraten fteften sie als oberste Forderung die Refornl des ungarischen Wahlgesetzes im Sinne des allgemeinen, gleicheil und directen Wahlrechtes ans. Obwohl voll der Einführung der sufrage universelle für absehbare Zeit in Ungarn llicht die Rede sein kann, weil die llngarische Regierung in Uebereimtimmung mit allen magyarischen Parteien des ungarischen Reichstages dasselbe als den Anfang vom Ende der inagyarischen Herrschaft nnb des Dualismus perhorrescierl, so lvird doch eine Erweiterung des Wahlrechtes nnb die Beseitigung des Unfuges, dass in den nichtmagyarischen Bezirken ein höherer Censns besteht als in den magyarischen, wohl schon von dein nengewählten nngarischeil Reichstage in Angriff genonlinell werdeil lnüssen. Diese Thatsache aber lvird vollständig genügen, lull denl ungarischen Reichstage das ausschließlich magyarische Gepräge zu nehmen und den Eiilzllg einer starkeil deutsch-slavisch-rumänischen Nationalitäten-Partei herbeizuführen. Aber selbst bei der derzeitigen Wahlordnung würde bei reinen Wahleil ohne Intervention der liilgarischeil Hilsaren nnb Pandureil, ohne Schnaps und ohne das Geld der ungarischeil Regierung und vor allem ohne die ltnterftübnng der ungarischen liberalen Regierungs-Partei durch die ungarischen Jllden diese sehr rebuciert werden und die Volks-Partei, sowie die nichtmagyarischen Nationalisten bei den bevorstehenden Wahlen ansehnliche Erfolge verzeichlien. Hier liegt aber der Kerll des latenten ungarischen Antisemitismus. Die Vertreter der nichtmagyarischen Nationalitäten sprechen es nnumloundell aus, dass solche corrupte Wahlen, ja das ganze magyarische Unterdrückungssystem nur durch die Unterstützung des jüdischen Capitals und die Stimmen der jüdischen Wähler, die lveit chauvinistischer seien als die arischen Magyaren, ermöglicht und erhalten werde. Diese Auffassung der Situation, wie sie in deutschen, slavischen und ruinänischen Kreisen Ungarns-Siebenbürgens vorherrscht, lvird noch gellährt und geschürt durch die volksthümliche Presse, welche die nichtmagyarischen Nationalitäten dadurch für die nlagyarische Volkspartei zu gewinnen sucht, dass sie die Unduldsamkeit gegen die Nichtmagyaren als die specifische Eigenthümlichkeit des magyarischell Liberalisinus und der Juden hinstellt, sich selbst aber als die programmatische Vertreteriil der Verbrüderung aller ungarischen Bürger int Zeichen des Christenthums. So kann inan also in Ungarn einen doppelten Antisemitismus unterscheiden, den Antisemitismus der Nichtlnagyaren, der sich gegen die Inden als die Hauptstützell des herrschenden Magyarisierililgs-Systenls, und den Antisemitismus in magyarischen Kreisen, der vorwiegend, lveml auch nicht ausschließlich in uolksparteilichen Kreisen vorherrscht und die Juden als den typischen Vertreter des kirchenfeindlichen respective des capitalistischen Scheinliberalismus bekänlpst. Nun ist es allerdillgs eine Thatsache, dass der Antisemitismus in Ungarn llicht in jener rüden, lärmenden, beschilllpfendeil Form anftritt, wie in Westösterreich,^ aber er ist thatsächlich vorhanden bei Nichtlnagyareil tvie bei Magyaren und äußert sich illsbesonders in der magyarischen Gesellschaft als Asemitismus, als gesellschaftliche Isolierung bcr jüdischen von der llichtjüdischen Bevölkerung. Derzeit beiwthigen die nlagyarischen Machthaber die Bundesgenossenschaft des jüdischenCapitals, der „jüdischen" Presse und vor allenl der jüdischen Stiinmen, um sich gegenüber denl Anstürme der llichtmagyarischell Nationalitäten und gegenüber der Volkspartei anl Ruder behaupten zu kölldarlnn hat Ulan bisher ben vorhandenen Antisemitis» neu!t mns „unterdrückt". Wenn aber die liugarischen Juden sich der thörichten Meiillnlg bingeben sollten, dass der Antisemilslillis in Ungarn für alle Zeit tobt ist, so wird bereits bei den diesmaligen Wahleil das Awvachsen der clericalen Partei bcutlid) das Gegeiltheil beweisen. Die ungarische Volkspartei ist wohl llicht in dein Maße alltisemitisch, als die cisleithanischeil Christlich-Socialeu, sie steht vielmehr auf dem Standpllnkte des österreichischen Centrums, der ehenlaligeu katholischen Volkspartei, ist jedoch voil antisenlitischen Elementen durchsetzt und bedient sich vielfach des Antisemitismus als eines Agitationsnlittels gegen die nationale, confessionelle und wirtschaftliche Politik der magyarisch-liberalen Machthaber und ihrer jüdischeil Stützen. Thatsächlich ist die Volkspartei derzeit die gefährlichste Gegnerin der heutigen Machthaber. Die Volkslinter einem Theile der ehemaligen Appollyi-Gnippe wie in der Ugron-Fraction der Unabhängigkeitspartei mld unter gelvissen römisch-katholischeil Kreisen der llichtmagyarischell Nationalitätell. Die wachsende wirtschaftliche Unzlifriedellheit der prodncierenden Stäube mit der bisherigen ungarischen Wirtschaftspolitik ist ein sehr günstiger Nährboden für die Propaganda der clericalen Volkspartei. Die Volksportei dürfte umso eher verstärkt bei den dieslnaligen Wahlen in den ungarischen Reichstag einziehen, als die Unabhängigkeitspartei in sich gespalten ist und ihr ausschließlich staatsrechtliches Programm alif die Bauern und Handiverker Ungarns nur eine geringe Anziehungskraft liiehr allszuüben vermag. Dasselbe gilt, iveml auch ans andereil Gründen, von ben neuorganisierten ungarländischeil Socialdemokraten, welche diesmal zmn erslenmale in die Wahlen eingreifen werden. Abgesehen davon, dass ein ungeheuer hoher Wahlcellsns in Ullgaril eristiert, kolnillt daselbst auch bei Ausdehnnng des Wahlrechtes eine socialdemokratische Partei im nlarristischen Sinne darum wenig in Betracht, weil Ungarn nahezu ausschließlich ein ackerbautreibendes „Land ist lind nur ein geringes industrielles Proletariat besitzt. Dagegeil ist es keineslvegs allsgeschlossen, dass die unter Führung des Peter Kassics stehenden deinokratischeu „Radicalen" einige Mandate in bäuerlichen Bezirken erringen. Aber )vie gesagt, alle diese Gruppen können keineswegs, lvenigstens nicht für die nächste Zeit, ben heutigen Macht habern in Pest irgendwie unbegilem werden. Wohl aber bereitet das Anwachsen der Volkspartei, das Eintreten der nichtmagyarischen Nationalitäten in die Wahlbewegung, sotvie das Erstarken der croatischen Opposition in ungarischen Regiernngskreisen umso emstere Besorgnis.