Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. Juli 1901 Seite 5 die Synagoge eine künstlerisch ausgeführte silberne „ewige Lampe" als Widmnng für das Andenken seiner an:3. April l. I. in New- Aork verstorbenen Schwägerin weil. Frau Morris Wollner spendete. Herr Wollner ist überhaupt ein Wohlthäter der isr. Gemeinde in Szenicz, denn er sendet schon seit mehreren Jahren alljährlich größere Beiträge zur Verkeilung an die Bedürftigen der Gememde und im laufenden Jahre that er dies schon bereits zweimal. Die Cultusvorstehung nahm auch Anlass, diesem Wohlthäter, als er im Mai l. I. hier zu Besuch war, den Dank der Gemeinde zu übermitteln. Agram. (Erbauliches aus S l a v o n i e n.) Noch ist seit dem durch den Heimgang des klugen und redcgetvandten Essegger Rabbiners Samuel Spitzer s. A. bacant gewordenen Rabbinat in Essegg kein volles Lustrum verstrichen, als den Mitgliedern unserer Tochtergemeinde in Essegg bereits zum zweitenmale Gelegenheit geboten ist jauchzend auszurufen: habemus papaml Diese traurige Erscheinung, dass sich nämlich in Essegg ein Rabbiner kaum länger als zwei Jahre halten kann, um dann auf eigenes Ansuchen seines Postens enthoben zu werden, ist nur durch den grasten Egoismus, den die materialistische Lebensweise unserer Stammesbrüder in Slavonicn gezeitigt hat, erklärlich und auf das Fehlen jeder auch der kleinsten jüdisch-nationalen Spur in unserem Ländchcn zurückzuführcn. Die Kämpfe, die Dr. Kaminka in Essegg zu bestehen hatte, sind gewiss nicht danach angethan, das jüdische Gemeindeleben Slavoniens, wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein kann, in ein schönes Licht zu stellen. Im Gegentheil. Die hässlichen Vorgänge, die sich zur Zeit Dr. Kaminkas „intra muros" der jüd. Gemeinde der Comitalsstadt an der Drau abspieltcn, zeugen leider nur zu deutlich für das Außenstehei: unserer slavonischen Stammesbrüder austerhalb der Peripherie des wahren Judenthums. Vorderhand nur ein Beispiel: Dr. Kaminka hält eine Rede, in der er den Jndifferentismus seiner Gemeindemitglieder betrauerte, Littere Klage führte, dass man sich über die wichtigsten und in das jüdisch-religiöse Volksleben tief einschneidenden Religionsgesetze mit der größten und sorglosesten Leichtfertigkeit hinwegsetzt u. dgl. Die Wirkung dieser Rede war eine getvaltige. Doch man stimme nicht allzufrühe Hallelujalieder an über die gelungene Bekehrung und religiösnationale Besserung unserer Tochter-Gemeinde. Denn die erzielte Wirkung der genannten Predigt war dem ganz entgegengesetzt, als was der Redner erreichen tvollte. Ein Hasenritter ohne Furcht und Zagen da, tvo cs gilt einen Wehrlosen meuchlings überfallen, einem Rabbiner, den cs gar nicht kennt, für ein Linsengericht die Ehre abzuschneiden, fühlt sich verletzt, ein Handelsmann mit kaum genügender Volksschulbildung findet, die Predigt sei nicht in feinem Ton gehalten. Es beginnt daher ein Laufen, ein Nennen, ein Jagen, ein Hasten, ein Eilen, ein Schreien, ein Lärmen, denn Genugthuung muss da vom Redner gefordert werden. Endlich einigt man sich nach vielem Parlamentieren dahin, man solle den Rabbiner besuchen und ihn „über die Meinungen der Herren über die Predigt des Herrn Rabbiners aufklären". Gesagt, gethanl Der Rabbiner wird von den großen Herren, den „Schriftstellern", den „Gelehrten",, den „Ki'nlstlern" von denen es in der Stadt an Her Drau überhaupt wimmelt, besucht und der heimische Disput über die Religion, beziehnngsiveise über die Predigt des Herrn Rabbiners beginnt. Dass es da sehr gelehrt zngieng, braucht nicht besonders vermerkt zu werden. Nur einen Punkt zur Illustration der jüdischen Geineindcvcrhältnisse in Slavonien wollen wir aus dem dentwürdigen Disput berühren. Ein Mann, der es nicht zuliest, dass sein Sohn in den Bund Abrahams eingeführt werde, der vielleicht nie eine Satzung der jüd. Religion gehalten hat, der sich überhaupt über alles hinwegsetzt, tvas an das Judenthum erinnert, entdeckt plötzlich fein jüdisches Herz, ruft mit pathetischer Stentorstimme sich an die Brust pochend, welch ein Jude er sei, welch ein jüdisch fühlendes Herz er habe usw. Natürlich blieb der Ausfall über die Predigt des Rabbiners nicht aus. Diesem Beispiele folgt ein zweiter, ein dritter, bis man schließlich die Ueberzeugung gewinnen mußte: .,tjüSd& 'n -am min asn ropö '2 Wer aber tiefer in das Wesen der Sache dringen konnte, wem es vergönnt war, am eigenen Leibe zu erfahren, wie die edlen Herren denken und fühlen, handeln und thun, der musste sich mit wahrem Ekel voil dem Treiben dieser Gesellschaft abtvcnden und sich verzweifelt fragen: Gibt cs für diese Art jüdischen (?l) Lebens gar kein Ende? Nun ist man in unserer Tochtergemeinde des verhassten Rabbiners, der mit den besten Absichten seinerzeit"das ehrwürdige aber auch für ihn dornenvolle Amt angetreten hat, losgeworden, und eine ganz neue Erscheinung betritt den Schauplatz slavonischrabbinischer Wirksamkeit. Es ist dies Dr. Simon Ungar, bislang Rabbiner in Szegszard. Hoffen wir, dass es dem berechnenden Sinn der Ungarli gelinge, in unserer Tochtergemeinde Früchte zu zeitigen, die zur Reife zu brillgcn, einem Forschergeiste eines Dr. Kaminka nicht hat gelingen wollen. Hazofe. A u s l arid Berlin. Eilt französischer Künstler, Alphons Levy, weilt zur Zeit in Berlin, um hier die Ausstellung eines Bildercyklus „Scenen aus dem jüdischen Familienleben" vorzubereiten. Berlin. Vorige Woche hielt der „E s r a, Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina lind Syrien" seine Jahres-Vcrsammlung ab, zu welcher u. a. die Herren Docent Dr. 'Bram: und Laqueur aus Breslau erschienen waren. Der Vorsitzende, Herr M. Dorn, begrüßte die Erschienenen und erstattete Bericht über die Entwicklung und die Wirksamkeit des Vereines im abgelaufenen Jahre, welche in jeglicher Hinsicht als erfreulich bezeichnet werden tonnen. Die Zahl der Mitglieder ist abermals namhaft gestiegen, die Einnahmen haben die Höhe von 16 000 Mk. erreicht, wovon 12 000 Mk. für die Colonie „Machanajim", 2400 Mk. für die Arbeiter-Ansiedelung „Esra", 1000 Mk. für „Bne Jehuda" bewilligt tvorden sind. Redner skizzierte sodann die Aufgaben, welche dem Verein namentlich durch die Unterstützung der in ihrem Bestände bedrohten Colonie „Machanajim" während der nächsten Jahre erwachsen würden, und schloss mit der dringenden Aufforderung, die Erfüllung dieser Aufgaben durch die Werbung neuer Gönner und Freunde zu erleichtern. In der Discussion wurde von mehreren Rednern, namentlich von den Herren W. Bambus, Dr. H. Hildesheimer, Prof. Dr. Marburg, die überaus verdienstvolle Thätigkeit der „Jewish Colonization Association" auf dem Gebiete der Colvnisation Palästinas hervorgehoben. Ein Antrag des Herrn Dr. Karpeles, welcher das Central-Comitee beauftragt, die Mitglieder durch periodische Veröffentlichungen über die Entwicklung der Colonisation Palästinas zu unterrichten, wurde einstimmig angenommen. Nach Ertheilung der Decharge an den Schatzmeister Herrn Consut I. Friedemann wurden die satzungsgemäß ausscheidenden Mitglieder des Central-Comitees, die Herren Consul Friedernann, W. Bambus, Dr. D. Caspari, Berth. Israel, Willib. Lorwenthal und Prof. Dr. O. Marburg durch Zuruf tviedergewählt. Auf Antrag des Frankfurter Comitees sind die Statuten des Vereins einer Umänderung unterworfen tvorden, womit eine Commission betraut wurde, welche das Ergebnis ihrer Arbeit dem Central- Comitee unterbreitet hat. Die meist forumlen Aenderungen, welche zum Zwecke der Eintragung des Vereins in das Vereins-Register uothwendig Ware»:, wurden genehmigt. Nach einer anregenden Discussion über eine Reihe von Anträgen schloss der Vorsitzende die Versarnmluirg mit dem erneuten beherzigenswerten Appell, daS thätige Interesse für die Bestreburrgen des „Esra" in immer weitere Kreise zu tragen. Berlin. Der Verein zur Förderung der Bodencültur unter den Juden Deutschlands hielt a»n 1. Juni feine diesjährige Generalversammlung ab. Als entschieden erfreulich ist das äußere Wachsthum des Vereins zu begrüßen. Es zeugt von rühriger Agitationsarbeit, wenn in den: kürzlich zur Versendung gebrachten Jahresbericht mitgetheilt werden konnte, dass durch die Thätigkeit des Geucral-Secretärs Herrn Dr. Ernst Tuch die Mitgliederzahl sich von 461 auf 1006 erhöht hat ur:d 24 neue Ortsgruppen gebildet tvurde::, so dass der Verein jetzt über ganz Deutschland verstreut locale Gruppen hat. Es ist interessant, aus dem Mitglieder- Verzeichnnis zu erkenne»:, wie gerade in mittleren, kleir:en und selbst kleinste»: Städtchen lebhaftes Interesse für die Idee geweckt tvorden ist. Wein: man erwägt, dass so klei»:e Gemeinde:: wie z. B. Plest 10, Czarnikau 11, Fileh»:e 12, Königslutter 16, dass Schneidemühl 20, Ratibor 34, Jnowrazlaw 60 und Thor:: sogar 81 Mitglieder aufweisen, so muss man zugestehen, dass die Werbekraft der Idee eine große sein rnuss. Schon im vorige»: Jahresbericht wurde darauf hingewiesen, dass wesentlich leichter Anhänger in de:: kleinen Städten als tu den große»: gefunden wurden. Es bestehen eben noch in uisserer großstädtischen jüdischen Bevölkeru»:g viele Vorurtheile über die ökonomische und sociale Bedeutung der Landwirtschaft, Vorurtheile, welche durch die Jahrhunderte lar:ge Einpferchu»:g unserer Stammesgenossen in die Städte, ihre zwangsweise Ausschließung von jeder Bodenbearbeitung nur allzu verständlich sind. Es ist eine eminent wichtige Seite der Thätigkeit des Vereins, dass er durch seine Vorträge diese irrigen Ansichten zu klären und weitere Kreise der deutschen Judenheit für die Ergreifung ländlicher Berufe zu gewinnen sucht. Auch die innere Entwicklung des Vereins war eine gürsstige. Nachdem in eitter seiner Vorstandssitzungen beschlossen ivar, zur praktischen Inangriffnahme des Werkes ein Gut zu erwerben, um dort — zuerst unter Leitung eines fachmännisch erfahrenen Administrators —- Juden als Bauern anzusiedeln» tvurde eine Commissioi: zur näheren Ausarbeitung dieses Planes gewählt. Diese hat dem Vorsta»:d ma»:che wichtigen Vorschläge unterbreitet; auch sind verschiedene Güter bereits besichtigt worde»:, doch wurde bisher kein passendes Object gefu»:den. Nachdem dem Schatzmeister Decharge crtheilt tvar, tvurde der bisherige Vorstand durch Acclarnation wiedergewählt und dem Vorsitzenden sowohl, wie dem Generalsecretär der Dank für ihre hecvorrageriden Leistungen durch Erheben von den Sitzen ausgedrückt. Das vergangene Jahr hat also für den Verein außerordentliche Fortschritte gebracht, die umsomehr ins Gewicht fallen, da er bisher kein Vorbild hat und vor einem gewaltigen Problem steht, das mit der größten Vorsicht vorzubereiten ist, weil jeder Fehler, der in der erster: Anlage geinacht wird, der ganzen Entwicklung u»:berechenbaren Schaden zufügci: kann. Man darf den Verein zu seiner besoimenen Leitung beglückwünschen. Paris. (Die algerische Frage.) In der französischen Kammer wurde wieder die algerische Frage discutiert. Auf die Anzapfungen eines Antisemiten antwortete der Deputierte Thomsen sehr richtig, dass in Algerien die Ruhe nicht eintreten werde, bevor nicht der Antisemitismus dort mit Energie ausgetriebcn sein tvird. Dem europäischen Pöbel der Städte, der sei»: Müthchcr: nicht an Araber:: kühlen kann, haben gewissenlose Demagogen die 60 000 eii:gebore::en Juden ausgeliefert.- Und da diese nicht entrechtet. sind »vie die Araber, da diese sich übermüthige Behandlung, Erpressung. Plünderung und sonstige Gewaltthat nicht immer schweigend gefalle,: lassen, so kommt es zu häufigen Zusammenstößen, die in den Städten einen dauernden Zustand der Unruhe u»:terhalten. Das städtische Proletariat in Algerien besteht aus gesetzlosen Maltesern, Spaniern, Italienern und einer kleinen Minderheit Südfranzosen, die mit einander gemein haben, dass sie leicht zum Messer und Revolver greifen und keine Fanatiker der Arbeit, dagegen leidenschaftliche Liebhaber eines kräftigen Gratistrrmkes sind. Mit Hilfe dieser Elernente haben Leute wie Max Negis und Lionne sich der Vertvaltu»:g von Algier, andere Männer desselben Kalibers, deren Namen in Europa tveniger bekannt geworden sind, sich derjenigen von Philippeville, Bone, Oran bemächtigt, ivurde Ed. Drumont Abgeord»,eter von Algier usw. Die Verwaltung hat schüchterne Versuche gemacht, ive»:n nicht in den ländlichen Bezirken, doch in den Städten Ordnung zu schaffen. Sie musste aber bald erkennen, dass der zuchtlose Pöbel nur der Waffengewalt gehorchen würde; diese anzuivenden trug man aber um so größeres Bedenken, als man wusste, dass die Gefolgschaft von Drmnont und Max Regis mrch vor blutigen Kämpfen mit den Truppen nicht zurückschrecken würde. Herr Cambou, Herr Lepine, Herr Laferriere, Herr Jonnart haben sich nach einander an der urllösbarei: Aufgabe abgenützt, die algerischen Messerhelden zu bändigen und ihre Herrschaft zu brechen, ohne einen Aufstand hervorzurufen, dem die Araber sich rasch anschließen lvürde::. Jetzt ivill Herr Revoil sich dieser harten und unfruchbarcn Arbeit unterziehen. "Er wird nicht erfolgreicher sein, als seine vier Vorgänger. Da er nicht schießen und hauen lassen darf, wird er gelvährenAassen müssen, und das wird so lange dauern, bis das Gefäß schließlich doch überläuft. Diesem Schicksal auge»:blicklich vorzugreifen, hat aber keine Regierung Lust. Pariö. (Brief einesjüdifchenGefangenen auf Sauet Helena.) Dem „L'Nnivers Jsraölite" wird ein Schreiben eines unserer Brüder zur Verfügung gestellt, welcher in boerischen Kriegsdiensten von den Engländern gefangen geuonurw»: wurde und sich jetzt in St. Helena befindet. Wir entnehlnen diesem Schreiben folgende Stelle, welche unsere Leser interessieren dürfte. Deadrvood Camp, St. Helena, 18. März 1901. Ich bin Ihren Brüdern nicht ganz unbekannt, da mein lieber Freund Ch. N..., welcher den ganzen Feldzug Seite an Seite mit mir durchmachte und mit mir zugleich bei Roshof gefangen genommen wurde, denselben Berus hat, wie Ihr Bruder Lucien. Sie haben auch vor der Kriegserklärung zusammen in Modderfontei:: gearbeitet. Ich freue mich daher ganz besonders, dass Ihr Bruder der Gefangenschaft in St. Helena entgangen ist, denn dieselbe ist, dessen kann ich Sie versichern, weder lustig noch angenehm. Die englische Verpflegung ist nichts weniger als appetitlich, gar nicht, zu reden über das Schlafen unter den Zelten. Ihr Bruder kann Ihnen eine kleine Schilderung davon entwerfen, zumal, wenn man zu zwölf Mann unter einem sülchen Dache liegt. Halten Sie mich nicht für unbescheiden, wenn ich Sie als Volksgenossen und im Namen von inehr als zwanzig Juden die wir hier sind, bitte, beim Großrabbiuer Zadoe Kahn für uns Schritte zu thun und uns einige Gebetbücher, Thaleßim und auch etwas Geld zu verschaffen, welches uns die Gefangenschaft versüßen soll. Wir möchten uns die militärischen Rationen, welche, wie Sie sich denken können, sehr mager ansfallen, etwas aufbessern. Viele von uns haben ihre ganze Habe, die Frucht jahrelanger landwirtschaftlicher Thätigkeit verloren, und sie haben doch wahrlich für die edelsten und gerechtesten Ziele ihr Leben in die Schanze geschlagen. Sie kämpften für Gerechtigkeit und Recht gegen die Gewatt, doch in unserer materialistischen Zeit geht Macht vor Recht. Wir bedauern nicht im geringsten, ivas wir gethan haben, und wenn es von neuem los gienge, würden »vir uns »vieder um das Banner für Recht und Freiheit scharen. Israel hat iinmer diese edlen Grundsätze vertheidigt, und wir thun nichts anderes, als dass wir den Lehren und dem Beispiele unserer Verfahren folgen. Wir rechnen aus Euch, denn unsere Gefangenschaft wird noch lange dauern. Genehmigen Sie re.... Samuel Cohen, Kriegsgefangener. Deadwood Camp, St. Helena. Lsndou. (A u ch e i n ch r i st l i ch e r Z i o ni st.) Der „sehr ehrenwerte" Herr Dewar, von jüdischen Gnaden antisemitischer Abgeordneter für Tower Hamlets (St. Georges), hat sein bei der Gründung der famose»: „Gesellschaft der britischen Brüder" abgegebenes Verspreche»:, die Frage der Eintvandernng fremder Jude»: im Unterhanse so lange anzuschneiden, bis dieselbe im antisemitischen Sinne gelöst sei, am 17. d. M. eingelöst. In der Dienstag- Sitzung des Unterhauses richtete er an die Regierung die Frage, ob ihr bekannt sei, dass in: Laufe des vergangenen Jahres zahlreiche Fremde aus Russland, Polen und Rumänien in der Erwartung nach Londoi: herübergekommen sind, daselbst eine wohlorganisierte .Körperschaft zu finden, tvelche sie cnttvedcr nach Kanada weiter schicken oder ihnen den dauernden Aufenthalt ii: England ermöglichen wird. Hält es ferner die Regierung in Anbetracht dessen, dass die Zahl der fremde»: Paupers aus den crtvähnten Ländern im „East End" Londons im letzten Jahre erheblich zugcnommen hat, nicht für a»:gebracht, die englische»: Consuln in den genannten Ländern zu den erforderlichen Schritten zu veranlassen, um die falschen Ansichten über die günstigen Chancen der Ucbersiedelung nach London zu corrigieren? Der Untcrstaatssecretär des Aenßern Viscount Cranboyne antlvortete, dass, solange die Resultate der jüngsten Volkszählung nicht vorlicgcrr, niemand wisse», könne, ob die Zahl der Fremden in „East London" getvachsen sei. Warnungen vor einer Auswanderung nach London tvurden von den englischen Consul,: schon 1801 und 1803 erlassen. Den Abgeordneten I. Lotvther wies der Untcrstaatssecretär mit seiner Frage, „ob Aussichten auf die Einbringung ei»:es die Eintvandernng frernder „Paupers" verbietenden Gesetzes" vorhanden seien, an den Sprecher des Unterhauses- Wie tvenig die Unkenrufe von einer Ucberschwemmung Englands mit den jüdischen „Pupers" aus Russland, „Polen" und Rumänien berechtigt sind, erweist der gerade in dieser Woche ausgegebene Bericht der „Trades Union" über den Verkehr der Schiffspassagiere nach und aus England während der ersten 6 Monate des laufenden Jahres. Danach betrug der Ucbcrschuss der Zugereisten über die Abgereisten 20 667 gegen 22 161 im korrespondierenden Zeitraum des Vorjahres. Die Ziffer der „Einwanderung" hat sich also um 1494 vermindert, wobei es noch dahingestellt bleiben muss, ob diese Leute allesammt „Paupers", ob sie Juden, ja ob sie überhaupt Einwanderer sind, tvelche sich in England dauernd niederlassen wollet:, lieber die Zahl der armen Juden in England liegen jetzt in einem soeben veröffentlichten, unter der Redaction der Eintvandernngs-Commission des „Board of Depntics" hergestellten Bericht sämmtlicher englisch-jüdischen Wohlthätigkeits- Bereine interessante Daten vor. Danach beträgt die Zahl aller an fremde Juden im gesammten England während der vierjährigen Periode 1807/1900 gewährten Unterstützungen 31 607, davon nur 7164 an Leute, welche weniger als drei Jahre in England lebten. Das Jahr 1900 weist fast überall ein plötzliches Ansteigen der Ziffer der Unterstützungsbedürftigen auf, tvas eine Folge der Einwandertmg rrimänischer Flüchtlinge ist. Die meisten jüdischen Armen weist naturgemäß Londoi: auf, wo die Zahl der Unterstützungen i. I. 1897 2079 betrug und bis 1900 ziemlich constant blieb, ein Beweis, dass die Armut in „East London" keinestvegs im Steigen begriffen ist. . Dasselbe gilt von Birmingham, dessen jüdische Bevölkerung stetig wächst, und von Cardiff und Bradford. In Brighton kamer: von den 650 Unterstützungen 60 Percent auf alte Professionsbettler, welche seit vielen Jahren in E:u;land wohnen und den Wanderbettel als ihr Hauptgeschäft pflegen. In Glasgow, tvo 5000 Juden wohnen, kamen 1174 Unterstützungsfälle vor. Größer stellt sich die Zahl (4467, davon 2140 an eben Angekommene) in Hüll, das als wichtiger Hafenplatz von der: Emigranten stark in Anspruch genommen wird, sowie in Leeds (4141), tvo viele Glaubensgenossen, die in London nichts vorwärts komn:en können, sich niederlasse::. Liverpool hatte 1397, Newcastle 1691 Fälle zu erledigen, beide wesentlich weniger als in früheren Jahren. Im Ganzen beweist der Bericht, dass die Lage der russischen Juden in England keinestvegs übermäßig ungünstig ist, und dass namentlich diejenigen, welche schon seit lär:gerer Zeit im Lande sind, sich eines verhältnismäßigen Wohlstandes erfreuen. Ir: der That find ca. 8000 Ilnterstützungungen jährlich für 12 jüdische Gemeinden (wobei zahlreiche professionelle Bettler, die in jedem Orte anpochen und eine Unterstützung auch erhalten, mit i:chegriffen sind), keineswegs exorbitant hoch. Odessa. (Statistisches.) Ein klares Beispiel für die Armut des jüdischen Volkes in seiner Masse bieten einige statistische Daten aus Odessa, wobei zu beachten ist, dass in Odessa verhältnismäßig viel wohlhabende Juden wohnen. Die Zahl der Familien, die von Seiten der Cultusgemeinde unterstützt wurden, beträgt 8436, das sind 48 649 Personen, bei einer Gesammtzahl von 160 000 Seelen sind das 32,30 Percent der jüdischen Bevölkerung. Davon waren Handwerker 1427 Familien, Arbeiter 1214 Familien, Hausierer 981 Familien, verschiedene Beschäftigungen 1944 Familien, Arme ohne Beschäftigung 663. Der Bericht der „Chcwra-Kadischa" zeigt ebenfalls erschreckende Ziffeni. Im Jahre 1899 sind 2980 Juden gestorben; davon sind umsonst bestattet worden 1890, das heißt 63 Percent der Gestorbenen, von den liebrigen wurden 20,9 Percent für einen sehr geringen Betrag bestattet, lmd nur für einen Sechsteltheil wurden die Begräbniskosten von 10 Rubel gezahlt. New-Aork. (Eine jüdische Universität.) Aus New- Uork kommt unS die Nachricht von den: zeitgemäßen und für jeden Nationaljudcn höchst denkwürdigem Plane der Gründung einer jüdischen Universität in Nelv-Uork. Der Propone»:t dieser Idee ist der Rev. Dr. Isidor Singer, der in literarischen und theologischen Kreisen höchst vortheilhaft als der Herausgeber und Verfasser einer jüdischen Encyclopädie bekannt ist. Der volle Titel der neuen Anstalt wird tauten: Universität für jüdische Geschichte, Theologie und Literatur. Rabbinische und moderne Bibelexegese, die talmudische Literatur, die jüdische Geschichte von der ältesten Zeit bis auf die Gegentvart, die Philosophie und die Ethik des Judenthums, das Studium der hebräischen und der verwandten semitischen Sprachen und schließlich die neuhebräifche Literatur sollen eine Stätte der Pflege finden. Wir wünschen diesem Projcct das beste Gedeihen. Ausgeführt »vürde es nicht nur sein eine Ehrenthat der amerikanischen Judenheit, sondern auch ein Stolz für die ganze Nation. L. W. Jerusalem (E r n t e a u s s i ch t e n.) Die Folgen der trockenen Witterung machen sich dem Auge zunächst in der Flora des Landes bemerkbar. Zwar »vetteiferten auch Heuer die Blumen aller Art, ihren Schöpfer in: schönen Frühlingskleid zu loben, aber die Pracht tvar von kurzer Dauer und ver»nochte nicht so kräftig »vie sonst in die Erscheinu»:g zr» treten. In erster Reihe sind es Getreidearten, die in Jahren der Dürre die sorgenvolle Frage auf die Lippen drängen: Was »verdei: wir essen? lieber den Ausfall der Ernte selbst lässt sich noch kein genaues Resultat feststellen, doch wird dieselbe irr: Gebirge jederifalls spärlich ansfallen. Die ungünstigen Ernte-Aussichten haben bereits eine Bertheuerung des Weize»:s und der Gerste zur Folge gehabt. Ersterer kostete schon am 10. April 36 Prs. Tappel (zu 24 L.), letztere 23 Prs., doch sind beide infolge der Einfuhr fremden Mehls »vieder zurückgega»:gen, und zwar Weizen auf 28 Prs. »n:d Gerste auf 20 Prs. Empfindlicher noch als in den Gewächsen des Feldes macht sich das Ausbleiben des Regens in dem geringe»: Wasservorrath in fast allen Cisternen schon jetzt geltend; denn Getreide bezw. Mehl kann man ja importieren, und es sind, wie angedeutet, auch schon ganze Schiffsladungen von Mersina in Nordshrien angekornmen; schwieri-