Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. Juni 1901 Nr. 26 folgte bis ins graue Alterthum die Spuren, welche geeignet sind, aus dem Chaos der heidnischen Sitten und Gebräuche, aus den Allssprüchen der Weisen die Jnsttitntion der Confirmation zu erforschen. Auf die Bedeutung der Konfirmation übergehend, meinte der Vortragende, dass die isr. Religion keinen blinden Glauben fordert, dass es daher Pflicht jedes Lehrers ist, die Institution der Tefillin genau zu erklären, keinen Bestaudtheil zu übersehen, welcher die erhabene Idee dieses Gebotes 311 festigen imstande ist. Sonst geschieht, ivas leider der Indifferentisinus oder der Atheismus der Jetztzeit hervorgebracht, dass die heiligen Gebräuche belächelt und verspottet werden. Solchen Leuten, die sich 311 gebildet fühlen, sind dann Riemen nichts anderes als unzeitgemäße Fesseln, deren man sich entledigen muss, die Häuschen sind für sie Ruinen, die Knöpfe bilden gordische Knoten, die ganz einfach infolge Unverständnisses durchschnitten werden. Nachdem der Redner noch einige praktische Winke zur Ertheilung des ConfirmationsnntcrrichteS gegegeben hatte, wurde die Debatte eröffnet, an welcher sich die Herren Religionslehrer Ehrenfest sen.. Eigner, Löw, Werdeshcim lind Felinka sehr eifrig betheiligten. Nach Beendigung der Tagesordnung dankte Se. Ehrtvürden dem Referenten für sein wohlgelungenes und fleiszig ausgearbeitetes Referat, den Anwesenden für ihr Erscheinen und schloss die Couferenz. Prag. t I üben in T u r n nc v c t it e n.) In Prag eristieren deutsche und czechische Tnrnvereine. Die Juden turnen meistens im deutschen Turnvereine, lvo sie auch die Mehrzahl der Turnenden bilden. Diese „Germanen" siikd zähe Leute, die so thun, als ob sie ben Stoß, den man ihnen verseht, nicht spüren. Ein Turnen mit dem Vewussscin, gehasst zu werden, mit der steten Furcht, dass man unfreiwillig „in die weite Welt" geschickt wird (was wirklich eine „rechte Gunst" wärcj, ein Turnen unter solchen Umständen kann unmöglich Charakterfestigkeit, S-elbst- und Mannesbewusssein verleihen. Und da nützt kein noch so protzenhaft zur Schau getragenes Dentschthum. Zu welchen Mitteln die Herren Israeliten greifen, zeigt uns nachfolgendes Beispiel: In Pilsen waren die Juden durch Beitritt vieler Antisemiten zum dortigen deutschen Turnverein in Minorität geratheil, und lim den voraussichtlichen Beschluss des Ausfchlksses zu vereiteln, wurde eine fieberhafte Agitation unter den dortigen Juden eingeleitet, und so turnen die Juden weiter im deutscheil Turnvereine. Wäre es nicht ehrenhafter gewesen, einen eigenen Turnverein zu gründen? — In den ezechischen „Sokol"vcreinen turnen keine Juden mehr. Wo noch einige Inden als Mitglieder figurieren, sucht nlan sie herauSzuekeln. Aber eS gibt noch immer etwelche „stramme" Leute, die den Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstehen wollen. Ein „Jude", der uni Beitritt zum Prager Sokolverein ansuchte, erhielt eine ablehnende Antwort, in der u. a. geschrieben steht, „dass Angehörige einer zugewanderten Nation, tvelche das Volk ausbeutet und ins Massenelend stürzt", nicht angenommen werden. Unterschrieben ist der Brief von Dr. Schreinert und Dr. Podlipnp, demselben Dr. Podlipnp, der von der czechisch-südischen Assimilation so oft als Judenfreund bezeichnet wrwde. Solche Vorfälle müssen öffentlich bekannt werden! In Böhmen, besonders in Prag, wäre es aber höchste Zeit, einen jüdischen Turnverein zu gründen. Brünn. (Mäh rische Landesrabbiner.) Ans einer erschienenen im Gedenkbuche für den vor ungefähr zwei Jahren verstorbenen Prof. Dav. Kaufmann veröffentlichten Arbeit über Epitaphien mährischer Landcsrabbiner, welche selbst ein kleiner Theil der in Vorbereitung befindlichen Gesannntherausgabe der Nikolsburger Epitaphien sind, entnehmen wir die Wirkungszcit wie auch die Sterbedaten der mährischen Landesrabbiner: l. Jehuda Lob Eulenburg, wirkte von 1574 bis 1618, starb am 7. Januar 1618. 2. Petächjah ben Josef, von 1618 bis 1637, starb am 16. April 1637. 3. Menachem Mendel, Krochmal, von 1648 bis 1661, starb am 2. Jaimar 1661. 4. Ahron Jakob ben Jecheskel Charis, von 1661 bis 1671, gestorben am 31. März 1671. 6. Jehuda Arjeh Löb, Krochmal, Enkel des Menachem Mendel, Krochmal, gestorben am 17. Mai 1684, wirkte von 1672 bis 1684. 6. Elieser Mendel Tanta, von 1684 bis 1690, gestorben den 9. Juni 1690. 7. Gabriel Eskeles, gestorben am 4. Febr. 1718, wirkte von 1690 bis 1718. 8. Moses Lemberger sLewuw), gestorben am 28. December 1767, wirkte von 1718 bis 1767. 9. Gerson Pillitz, gestorben am 21. Febr. 1772, wirkte von 1767 bis 1772. 10. Samuel Schwelle Hurwitz, gestorben am 28. April 1778, wirkte von 1772 bis 1778. 11. Gerson Chajuth, gestorben am 13. März 1789, wirkte von 1778 bis 1789. 12. Mordechai Benet, gestorben am 12. August 1829 in Karlsbad, nach Nicolsburg überführt und begraben am 12. Adar 1830, wirkte von 1780 bis 1829. 13. Salomo Oetsch, gestorben am 30. Januar 1860, wirkte von 1866 bis 1856. Die Lücke vom Jahre 1820 bis 1866 füllen R. Nachum Trebitsch, der in Prag und Rabb. Samson Rafael Hirsch, der in Frankfurt a. M. starb, aus. 14. Meir Feuchtwang, gestorben am 19. Januar 1888, wirkte von 1861 bis 1888 als Localrabbiuer von Nicolsburg. Nach der Berufung des Rabb. Hirsch nach Frankfurt a. M. kam das Landesrabbinat nach Boskolvitz. Träger desselben war Abraham Placzek, welcher am 10. December 1884 starb; derselbe wirkte vom Jahre 1841 bis 1884. Ausland Berlin. (Verein jüdischer Studenten.) Am 11. Juni hielt Herr Prof. Dr. Philippson einen Vortrag über den „Deutschen Judentag". Obwohl schon viel über den Judentag gesprochen und geschrieben ist, hatte sich doch ein zahlreiches Publicum eingefunden, um den Schöpfer des Gedankens selbst zu hören. Der Herr Vortragende führte ungefähr folgendes aus: Der Gedanke des Judentages ist natürlich und nothwendig. Denn die bisherigen Maßnahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus und zur Erlangung unserer Rechte haben ihren Zweck verfehlt. Die Juden sind aus den öffentlichen Aemtern, dem Officiersstande usw. verdrängt worden. Die äußere Ausschließung hat die Ablvendung der öffentlichen Meinung zur Folge gehabt. Wenn auch der Radauantisemitismus aufgehört hat, so hat sich doch der latente Antisemitismus immer inehr und mehr ausgebreitet, sogar unter den Liberalen. Die sociale Ausschließung der Inden wird immer stärker. Die herrschende Missstimmung und der Verdacht gegen die Juden sind bei den Konitzer Ereignissen zutage getreten. Solche Missständc müssen auch unter den Juden Misstrauen und Missstimmung Hervorrufen. S-o kommen denn die Außenstehenden, auch die Gebildeten, zu der Ueberzeugung, dass an den Verdächtigungen etwas Wahres sein müsse. Jüdische Zeitungen lverden nur von Juden gelesen, jüdische Versammlungen nur von Juden besucht. Hier könnte nur ein starker Liberalismus helfen, und dieser existiert nicht. Die großen Organisationen, wie der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", das „Abwehrcomitee", der „Deutsch-Israelitische Gemeindebnnd", der „Centralverein deutsch. Staatsbürger jüd. Glaubens", können nur eine sehr beschränkte Wirksamkeit entfalten, da ihnen das Mandat fehlr, im Namen der gesammten Judenheit zu handeln. Wir brauchen eine Vertretung der Gesammtheit der deucsctjn Inden. Nur diese kann nach außen und nach innen die nöthige Autorität besitzen. Wenn sic im Namen von 600 000 Juden spricht, wird sie gehört lverden. Sie soll nicht nur „nothschreieu", sondern auch politisch wirken, sie soll die Juden in der Presse lvürdig vertreten. Dabei wollen wir uns nicht auSsondern, wir wollen gute Deutsche bleiben; nur unsere besonderen Interessen wollen wir besonders vertreten, lvie £§ bic Landwirte, wie cs der „Gustav Adolf-Verein" und andere Interessengruppen thun. Vor allem wollen wir uns als treue Juden bekennen. Wir »vollen laut rufen, wir wollen immer lvieder und tvicdcr rufen, und man muss in,s hören. Nur, wer stille ist, wird unterdrückt. Wer die Backe hinhält, erhält auch einen Schlag darauf. Auch eine Minderheit kann durchdringen. Dies haben wir bei der Drehfnsangelegenhcit und bei der Lex cHinze gesehen. Wir sind sogar noch im Vortheil. Für Drehfus haben Fremde gekämpft, lvir dagegen verfechten unsere eigenste Sache. Die nöthigen Elemente für Verwirklichung der Idee sind vorhanden. Uns lähmt nur noch die alte Ghettofurcht. So ist der Judentag augenblicklich todt, zur Freude aller Satten, Lauen und Faulen. Hoffen lvir, dass er wieder auferstehe I" In der Disussion sprachen die Herren M. A. Klausner, Prof. Philippson, Dr. Oppenheimer, Zwirn, Dr. Rosenkranz, Schlveizer, Citrone, Dr. Zloisti, Blau und Nabel. Mit Ausnahme von Herrn Klausner traten sämmtliche Redner für den Judentag ein, Herr Klausner verlangt eine staatliche Organisation. Im Uebrigen drehte sich die Debatte meist um Einzclfragen. Hervorznheben ist nur, dass Dr. Zlvcisti, die Thätigkeit der Zionisten für Verwirklichung der JudeutagSidee betonte. Der große Beifall, der dem Herrn Vortragenden gezollt wurde, lässt die Annahme nicht unbegründet erscheinen, dass der Judentag thatsächlich nur schemtodt ist, dass er einst seine Auferstehung feiern wird, zu Nutz und Frommen der deutschen Judenheit. Warschau. (N u s s i s ch e S t a t i st t k.) Der „Dnewnik" von Warschau (12.. 16.März» publiciert das Resultat der letzten Zählung der jüdischen Bevölkerung von Warschau von 1900: /792 Geburten, davon 3141 Mädchen; die Zahl ist um -160 geringer, als 1899. Todesfälle 4897, 01 weniger als daS Jahr vorher. 1774 Heiraten, 299 weniger als 1899. — Nach der letzten Zählung hat Wilna von 164 000 Einwohnern 76 000 Inden. — Die „Grajdanin" vom 23. März/6. April veröffentlicht eine Statistik über uneheliche Geburten: In St. Petersburg von 1882 bis 1892 30 Percent bei den christl. orthodoxen, 13 Percent bei den Katholiken, 9 Percent bei den Protestanten, 0,6 Percent bei den Juden, 0,3 Percent bei den Muselmanen. -- Hungersnot!). TiefeS Elend herrscht wieder in SüdrusSland; hunderte von Familien sterben Hungers; das Central-Comitee der Alliance und Glaubensgenossen haben 20 00 FrcS. an das Comitee zu Odessa gesandt, um dieser Noth ahznhclfen. Moskau. (A u ch e i n I u d e n a u s w e i s e r.» Ein schlimmer Parasit, wie er mir auf dem ungesunden Boden der Maigesetze gedeihen kann, ist am 21. Mai. von dem Moskauer Kreisgericht unschädlich gemacht worden. Vor diesem Gerichte wurde nämlich der jüdische Kaufmann erster Gilde, S. Rabbinowitsch, wegen Verleumdung des Gouvernementssecrctärs K. L. Schedcwer verklag:. Dieser saubere Herr, welcher Herrn Rabbinowitsch nicht kannte, hielt diesen mitten ans der Straße an, gab sich für einen Polizeibeamten aus und verlangte von ihm die Vorzeigung seines Passes, resp. einer Bescheinigung, dass er das Recht habe, sich als Jude in Moskau aufzuhalten. Herr Rabbinowitsch gab an, keine Ansloeispapiere zu haben, worauf ähm der, gngebljche Polizcibeamtc befahl, ihm auf die 'Wache zu folgen. Herr Rabbinowitsch leistete auch der Aufforderung Folge und wollte unterwegs alle ziemlich deutlich gegebenen Winke, sich mit einer Kleinigkeit loszukaufen, durchaus nicht verstehen. Auf der Polizeiwache legitimierte sich Schedewer als Gouvernemeutssecretär und theilte mit, dass er einen Juden bringe, der ohne Papiere sich in Moskau aufhalte. Wie groß ivar aber sein Schrecken, als der angeblich Passlose sich auf der Polizei als ein Kaufmann erster Gilde legitimierte und gleichzeitig mittheilte, dass Schedewer ein Gauner sei, der sich darauf verlegte, passlose Juden auf der Straße anzuhalten und den Geängstigten unter Androhung, sie nach der Polizeiwache abzuführen, fünf Rubel abnimmt. Es ist nun ein Beweis für die unglaubliche Frechheit des verkommenen Tschinowniks, dass er, anstatt sich in dem Bewusstsein, bei Herrn Rabbinowitsch diesmal an den Unrechten-gekommen zu sein, einfach zu drücken, Lärm machte und seinen Ankläger wegen Verleumdung verklagte. Es fand sich auch ein Richter, der Herrn Rabbinowitsch deswegen zu zivei Mouaten Gefängnis verurtheilte. In der Berufungsinstanz trat jedoch eine große Reihe von Zeugen auf, welche bekundeten, dass der Kläger unter den zeitweilig in Moskau sich aufhaltenden Juden als der „Ausweiser" bekannt und gefürchtet werde. Das Gericht sprach den Angeklagten frei und erklärte den Antisemiten Schedewer für einen Gauner, der sich ein Geschäft daraus machte, Inden auf der Straße anzuhalten, von ihnen Papiere zu fordern und unter der Androhung, sie auf die Wache mitznnehmen, Geld zu erpressen. Moskau. (A u S d e m f ü b r u f f i s ch e n N oth- "[ a n b ä fl c 6 i c t.) In der Moskauer „NusSkija Wjedomosti" ist über die Zustände in Bobrinetz, Gouvernement Cherson, ein aus der Feder des bekannten Dr. Ollenstein stammender, überaus trauriger Bericht erschienen. Hier, so heißt es in diesem Bericht, herrscht der Typhus mit allen seinen Schrecken. Es ist bas ein echter Hungertyphus, da er mir in den Wohnungen der Aermsten der Armen sich einnisret. In dem Hause, kvo Typhus herrscht, gibt es keinen Tisch, keine Stühle und die Bettstellen sind ohne Betten, da dieselben schon längst in das Versatzamt gewandert sind. Dennoch sind diese Bettstellen keineswegs leer .... In einer solchen Bettstelle fand ich sogar fünf typhuskranre Kinderchen, die zur Kopfwie zur Fußseite des Bettes, sowie quer über demselben lagen und sich vor Schmerz wie die Würmer krümmten. In einem anderen Hanse lagen drei Kinder irr dem einen Bette, deren Mutter in einem zweiten, während im Nebenzimmer zwei erwachsene Mädchen am Typhus daniederlagen. Sämmtliche Kranke lagen auf Lumpen und waren mit Lkimpen bedeckt. Petersburg. (D i e A n st e l l u n g von Inden im Staatsdien st e.) Ein in der Gesetzsammlung veröffentlichter Senatsbeschluss gibt bekannt, dass nach den bestehenden Gesetzesbestimmungen nur nachstehende Inhaber gelehrter Grade mosaischen Glaubens zur Anstellung im Staatsdienste zugelassen sind: 1. Doctoren, Magister, Candidateil (kvomit in Russland wie in Schweden und Norwegen diejenigen bezeichnet werden, welche das dem deutschen Doctor-Examen entsprechende Schluss-Examen gemacht haben, nur mit dem Unterschiede, dass in diesem auch das Staats-Examen enthalten ist», oder Personen, die den wissenschaftlichen Cursus mit einem Diplom eckten Grades absolviert haben. 2. Personc nmit dem Diplom eines Ar.; tes, die aber nnr im Mcdicinalwesen Anstellung finden. 3; Personen mit dem Grade eines Ingenieur-Technologen, die nur zur Anstellung im technischen Wesen berechtigt sind, und 4. Absolventen der Landmesser- und Taxator-Elassen, die nur im Gonvernements-Vermessnngs-Nessort Verwendung finden. Bedenkt man, dass mit Ausnahme Dorpats auf den russischen Universitäten nur ein ganz geringer Per centsatz Juden zinn Studium zugelassen wird, so erscheint die Beschränkung der Juden, tvelche eine Anstellung im russischen Staatsdienste finden können, noch viel ärger, als dies selbst in der obigen Aufzählung ansgedrückt ist. Koilstantittopel. (I ü d i s ch e Colonien in Kleinasien.) Vor etwa zwei Jahren wurde von bulgarischen und rumänischen Juden der kühne Versuch gemacht, in Kleinasien vier Colonien zu errichte». Unter dem Hinweise darauf, dass sie vor der Unabhäugigkeitserkläruiig Bulgariens und Rumäniens türkische Unterthanen waren, wandten sich die Colouiften mit einer diesbezüglichen Eingabe an den Sultan, tvelchcr sie nicht allein von neuem in den türkischen Unterthaueuverband aufuehmen ließ, sondern ihnen auch Ländereien schenkte und sie überdies ans seiner Privatschatulle mit ansehnlichen Geldmitteln unterstützte. Leider erwies sich die Güte des Sultans als zwecklos verschwendet, und der ganze Colonisationsversnch ist, nachdem er lvieder einmal viel jüdisches Geld, das anderswo besser hätte verwendet lverden können, verschlungen hat, als gescheitert zu betrachten. Die Schuld lag in erster Reihe an den Cvlonisten selbst, tvelche nichts weniger als gute Ackerbauer waren. Dann aber waren die Einwanderer absolut ohne Mittel und ihre einzige große jüdische Tugend, das hartnäckige Ausharren bei dem einmal gefassten Beschlüsse (Am ksche. auref) konnte diesen Mangel auf die Dauer nicht ersetzen. Von den vier Colonien, die so in Kleinasicn entstanden sind, mussten die beiden größeren, die von bulgarischen Inden bei Jsmid gegründete Kolonie Kesten, sowie die von rnmänischen Inden gegründete Kolonie Baylik-Ahonr, anfgegcben werden. Kefken hat sehr schlechtes Land und von den Colonisten sagte Herr Riege, Director der Allianceschule bei Jaffa, dass sie nicht das Zeug haben, einmal richtige Banen: zu lverden. Beylik- Ahonr ist mit großen, fieberschwangeren Sümpfen umgeben, welche die Gegend völlig unbelvohnbar machen. Die „Alliance" sowohl, als die „Jca", an welche sich die Colonisten um Hilfe lvendeten, haben daher beschlossen, die Emigranten unter schlveren Geldopfern zu repatriieren, obgleich die zur Repatriierung erforderlichen Summen wahrscheinlich hingereicht hätten, die Colonisten an Ort und Stelle definitiv einzurichten. Dass dieses wirklich im Bereiche der Möglichkeit lag, das beweist der Fall mit den zwei anderen Colonien Sasselar und Dabtis, mit im Ganzen vierzig Familien, welche alle Chancen haben zu reüssieren, obgleich keine solchen potenten Gesellschaften, wie „Alliance" und „Jca", sondern ein einfacher P.»- batman hinter ihnen steht. Dieser Privatmann, Herr Professor Marburg in Berlin, der im vergangenen Frühling die jüdischen Colonien in Kleinasien besucht hat, gewann im Gegensatz zu Herrn Niego die Ueberzeugnng, dass keineswegs alle Colonisten nicht das Zeug dazu haben, dereinst tüchtige Bauern zu werden. Er suchte sich daher vierzig der besten Colonisten ans, setzte ihnen einen tüchtigen deutschen Fachmann als Administrator ein und unterstützte jede Familie einstweilen mir kaum 1200 FreS. Das Resultat war glänzend. Tie Colonisten sind fleißig, anspruchslos tind tüchtig, die Wintersaaten sind gut gerathen, und Herr Prof. Marburg hofft mir einer weiteren Unterstützung von lärmt noch 800 FrcS. pro Familie die Colonisten bis zur völligen Selbständigkeit 3» bringen. 2000 Frcs. pro Familie wird aber die „Jca" ansgeben müssen, nur um die Colonisten von Baylik-Ahonr zurück in das gelobte Rumänien zu führen. ' . >' . Ncw-Z)vrt. (E ine j ü d i s ch - h i st 0 r i s ch e A it s st c l l it n g.) In Amerika beabsichtigt mau, eine große jüdisch-historische Ausstellung zu veranstalten. ES wird darüber von unterrichteter Seite der „Ztg. d. Judenth." geschrieben: In der letzten Jahresversammlung der „American Jewish Historical Society" in Philadelphia wurde ein Specialcomitee eingesetzt, um über die Veranstaltung einer amerikanischen jüdisch-historischen Ausstellung Erhebungen zu pflegen. Der Bericht des ComiteeS, der'zugunsten des Planes ausfiel, wurde dein gefchäftsführeudeu Ausschuss der Gesellschaft vorgelegt, und dieser jat in seiner Sitzung einstimmig beschlossen, eine solche AnSstellnng in der City von Nelv-Pork unter den Aufpicien der „American Jcwish HistoricalSociety" im Winter von 1901 bis 1902 zu veranstalten. ES tvurde auch beschlossen, verchiedene jüdische Organisationen zur Mitarbeit einzuladen: die '„Jewish Publication", die „Union os American Hebrew-Congregations", die „Central Conference of Anrerican Rabbis", die „Orthodox Jewish Congregational 'Inion", das „Hebrew Union College", das „Jetvish Theoogical Seminary", daS „Couneil of Jewish Women", die „Federation of American ZionistS" und die jüdischen Logen. CS ist unsere Absicht, die historischen Erinnerungen auszustellen, welche die Geschichte der Juden illustrieren, von der Entdeckung Amerikas durch Columbus augefaugen, die Briefe all die Marraneu in Spanien, Washingtons Briefe an die Juden, Porträts, Miniaturen und Stiche von amerikanisch-jüdischen Berühmtheiten, Photographien, Karten und Stiche von Synagogen und Institutionen, eine Sammlung aller Bücher, geschrieben von Juden in Amerika, und derer, die sich beziehen auf das amerikanische Judenthmn, dessen Geschichte und Institutionen, ferner Manuscripte und Autographien u. s. w. Die Ausstellung von Gegenständen 'jüdisch-religiöser Kunst und jüdischer Antiquitäten im allgemeinen wurde ebenfalls vorgeschlagen. Man war allgemein der Ansicht, dass sich gegenwärtig noch viele Gegenstände von Wert im Besitze jüdischer Familien befinden, die, wenn sie durch die Ausstellung und die mit ihr verbundenen Publicationen ans Licht gebracht lverden, die Studien der jüdischen Geschichte im allgemeinen, der amerikanisch-jüdischen und der amerikanischen Geschichte im besonderen sehr fördern würden. Der erziehliche Wert einer olchen Ausstellung liegt darin, dass die außerordettilichen Dienste, tvelche die Juden in Amerika seit der Entdeckung dieses Welttheils geleistet haben, in einem großen Geanuntbilde vorgeführt werden, das sowohl aus die Juden 'elbst wie auf die Allgemeinheit Eindruck machen lvürde. Dem Comitee für diese Ausstellung gehören die hervorragendstell Männer an. Es seien nur genannt der frühere Gesandte Oscar S.Stranß, Richter Meyer Sulzberger, Pro- 'essor Gottheit, Simon W. Rosendale. der hervorragende Jilrist Max I. Köhler, der große Philanthrop Jacob H.