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Jüdisches Volksblatt · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr* 26 Wien, Freitag Hungersnoth des letzten Jahres außerstande gesetzt, ihr Leben zu fristen. Die Gesellschaft zur Beschaffung billiger Wohnungen und die Spinnerei in Dubrowna, ivelche mit Hilfe der „Jca" geschaffen, auch von ihr erhalten werden, haben die staatliche Bestätigung erhalten. Ebenso musste die „Jca" in Rumänien intervenieren, um die Auswanderungsbewegmig der nothlcidendeir Juden zu henuncn und diejenigen, welche sich leichtfertigerweise auf den Weg gemacht hatten, aus ihrer verzweifelten Lage zu befreien; sie siedelt jetzt eine Anzahl rumänischer Familien Caimda, Argentinien, Australien und Neuseeland an. Die „Jca" hat auch die Unterrichtsanstalten in Rumänien nicht aus den Augen verloren und wird bereits in den meisten der dortigen Schulen ein moderner Unterricht ertheilt. In Galizien ist dan im Begriff, eine landwirtschaftliche Schule ins Leben zu rufen. Ferner arbeitet die Gesellschaft daran, die landwirtschaftlichen und Industrieschulen der „Alliance israelite" und ihre Unterrichtsanstalt in Persien zu erhalten. Dies ist in groben Zügen ein Uebcrblick über die Leistungen des verflossenen Jahres. Alles berechtigt zu der Hoffnung, dass das kommende Jahr noch fruchtbarer sein wird und dass die Liebe zur Landwirtschaft bei unseren Volksgenossen im Wachsen begriffen ist, trotzdem man immer, wie man sicht, sehr mit Unrecht, gesagt hat, dass die Juden zur Landwirtschaft nicht zu haben seien. Brief aus Deutschland. (Orig.-Bericht des „Jüd. Volksblatt".) Berlin, den 23. Juni. Vor einiger Zeit hat der deutsche Kaiser in seiner Cuxhavener Rede dem Generaldirector Ballin von der Hamburg-Amerika-Linie eine außerordentliche Ehrung erwiesen, indem er mit Dank anerkannte, dass der Director der Gesellschaft „als kühner Unternehmer der Hansa hinausgegangen sei, um für uns friedliche Eroberungen zu machen, Eroberungen, deren Früchte dereinst unsere Enkel einheimsen werden". Herr Ballin erhielt auch von Kaiser Wilhelm dem Zweiten das Bild des Herrschers mit der Widmung: „Dem weitblickenden, unermüdlichen Bahnbrecher für unseren deutschen Handel und unsere Ausfuhr". Diese hohe Auszeichnung hat verschiedenen Blättern Veranlassung zu verschiedenen Erwägungen und Angriffen gegeben. Während die einen Herrn Ballin «ls einen „kommenden Mann" begrüßten, sahen die anderen in ihm einen Menschen, dessen „orientalische Phantasien" nicht von langer Dauer sein dürften. Vorderhand steht aber soviel fest, dass der Plan, eine deutsche Schiffahrtsverbindung ztvischen San Francisco und China über den großen Ocean herzustellen, Herrn Ballin vollkommen gelungen ist. Bezüglich der Unterredung des deutschen Kaisers mit Herrn Ballin herrschen bis nun zwei Versionen. Der Kaiser soll auf einen Eintourf Ballins, dass er Jude sei, erwidert haben: „Das macht mir nichts!" Demgegenüber wird von einer anderen Seite behauptet, dass der Monarch Herrn Ballin gegenüber angedeutet haben soll, dass er ihn für einen Ministerposten in Aussicht nehme, und der Director hielt es daher für seine Pflicht, dem Kaiser zu sagen: „Majestät scheinen nicht zu wissen, dass ich Jude bin . Der Kaiser warf darauf ein: »Nun» das lässt sich doch ändernI" „Nein, Majestät", bemerkte Herr Ballin, „das lässt sich nicht ändern. Ich bin Jude aus Ueberzcugung". Der Kaiser schwieg einen Augenblick, dann erklärte er: „Nun, wir kommen doch noch 'mal zusammen!" Wie dem auch sei, das Verhalten Herrn Vallins zeigt, dass er seinen Standpunkt unzweideutig klar machte. Die Worte „ich bin Jude aus Ueberzeugung" hat man in Deutschland öfters bei solchen Anlässen Gelegenheit zu hören als sonstwo. Trotz der hier nicht seltenen Fälle von Taufen aus rein materiellen Rücksichten findet man im allgemeinen beim deutschen Juden ein stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein in religiösen Fragen. Wie oft hatte ich Gelegenheit festzustcllen, dass der deutsche Jude mit einer viel größeren Zähigkeit und Innerlichkeit an seinem Glauben fcsthält als die des östlichen Europas, die dort zumeist streng orthodox erzogen werden.. Von vielen Beispielen will ich nur folgendes nennen: Da ist ein junger ungarischer Mediciner, der durch seine Beziehungen eine Assistentenstelle bei einem berühmten Professor sich verschafft. Der Professor nimmt aber principiell keinen Juden an. Der junge Aeskulapschüler, der nebenbei von einer uralten spanischen Familie abstammt und mit seinem jüdischen und ungarischen Adel protzt, legt mir nun die Frage vor, ob es denn nicht besser wäre, wenn er sein Judenthum geheim hält, um stch keinen Unannehmlichciten auszusetzen. Ich antwortete dem jungen Manne, dass es schon besser wäre, wenn er sich taufen würde, und bot ihm meine Dienste als Pathe an; denn je weniger wir von dieser Sorte haben, desto weniger werden wir Anfeindungen ausgesetzt sein, die diese heraufbeschwören, und statt die einzelne Person das ganze Judenthmn treffen. Da wir schon bei der Miedicin sind, wollen wir es nicht Unterlasten, zu erwähnen, dass in diesen Tagen Professor Leopold Landau sein 25jährigcs Docentenjubiläum in aller Stille begeht. Professor Leopold aLndau gehört nicht nur zu den ersten Gynäkologen Deutschlands, sondern der Welt überhaupt und abgesehen von der großen Bedeutring, die ihm als Fachmann auf seinem Gebieter zukommt, ist er auch als Jude wegen seines offenen und ehrlichen Wesens sogar bei den antisemitischen Collegen sehr geachtet. Ein besonderes Verdienst hat sich rPofessor Landau durch die Ausbildung einer Anzahl jüdischer Gynäkologen erworben, ein Umstand, der nicht gering anzuschlagen ist, da die deutschen Gynäkologen in den letzten 20 Jahiten keinen Juden als Assistenten zulassen, um auf diese Weise dieselben von diesem Gebiete fernzuhalten. Professor Landau, als der einzige jüdische Gynäkologe von Ruf in Deutschland, hat aber dafür gesorgt, daß in feiner Klinik die jüdischen Aerzte eine Ausbildung genießen, die seiner Schule alle Ehre machen. - Nebenbei bemerkt, läßt sich demnächst ein langjähriger Assistent von ihm, Dr. Moritz Weinreb, in Lemberg nieder und wir können der dortigen Wissenschaft und den dortigen Juden zu dieser neuen Erwerbung niic gratulieren. Dr. I. R. Chronik des Judenthums. Inland. Wien. (Friedman n-Jubiläum.) Immens ist die Zahl der brieflichen und telegraphischen Begrüßungen und wollen wir zunächst die überreichten Adressen hervorheben: Wiener israelitische Cultusgemeinde (nebst Ehrengabe von 70 Ducaten), Curatorium und Lehrkörper der jüdisch-theologischen Lehranstalt, die israelitische Gemeinde in Mahrisch.Weißkjrchen, der jüdischtheologische Verein unter Führung des Dr. Hub übergab das Ehrenmitglieds-Diplom (in klassischem Hebräisch verfasst von vüriä. Aptowitzer, künstlerisch ausgeführt vom Atelier Kunstadt), auch die Adresse des „Zion"-Localcomitös ist in hebräischer Sprache, der Verein „Beth-Hämidräsch", in dem der Jubilar fast 38 Jahre thütig ist, überbrachte Dankadresse und wertvolle Jüdisches Volksblatt Menorah. Die Begrüßungsansprache hielt Herr Dr. Schmied!. Es stellten stch ferner mit Adressen ein: Die „Oesterreichischisraelitische Union", der „Jüdische Volksverein", der „Verein zur Hebung der Gewerbe", die „Gesellschaft zur Sammlung und Conservierung jüdischer Kunst, und historischer Denkmäler". Zuschriften kamen noch vom „Hebrew University College" von Cincinnati, aus Cambridge, von Professor Schächter. Es gratulierten ferner: der Lehrkörper des Breslauer Seminars, von Berlin Dr. Mühsam, Gustav Karpeles, Dr. Ungerleider, Gehermrath Lazarus (zur Zeit Meran), Dr. Leopold Cohn, Schriftsteller Emanuel Baumgarten, Marcus Weißmann, Leesar Weiß, Dr. Güdemann, Bach, Taglicht (Proßnitz), Rosenmann, Frankl, Grün, Gabriel Engelmann, Abraham Epstein und Dr. Ziegler (Karlsbad), Dr. Brüll (Frankfurt a. M.), Kayserling (Budapest), I. Willheimer, Prediger Grün, Literat Fischer, Dr. Goitein (Kopenhagen), R. A. Brandes und Frau (beide in hebräischer Sprache), die Secretäre Dr. Lieben und Adler, die Literaten Dr. Berger (Krakau) und Bibliograph Jerusalem, Professor Jerusalem. Dr. Mühsam (Graz), Dr. Nathan Grün und Dr. Hirsch (Prag), Abgeordneter Rudolf Auspitz, Erzieher der Familie v. Gutmann Kapralik in Tobitschau (Mähren), Buchhändler Herzog (Krakau), die Religions-Professoren Dr. Pollak und Weiß. Die „Kadimah", „Wahrheit", „Hamagid" (Krakau), „Hajehudi" (London) und „Neuzeit" widmeten Festartikel. Es begrüßten den Jubilar weiters noch die Herren Dr. Adler, Chiefrabbi und Dr. Landau in London, Director Heller, Advocat Dr. Lichtenstein (Prag), Dr. Oppenheim (Brünn und Olmütz), Dr. Tauber, Prevou, Ginzberg, Redaction des „Haschiloach" (Odessa), L. Großberg aus Bromberg und viele andere. Der von den Theologen zu Ehren des Jubilars am vorigen Sabbath veranstaltete Festgottesdienst war gut besucht und fungierten die Candidaten Hausner, Diamant und Mehrer. Letzterer trug einen abermals von Aptowitzer componierten „Mi-schebberach" wirkungsvollst vor. Auch die Festrede des Theologen Hausner machte einen überwältigenden Eindruck. Als College des Gefeierten war Professor Bacher aus Budapest anwesend. Das Festbankett im Restaurant Khuner am Montag- Abend fiel über alle Erwartung glänzend aus. Dr. Huß begrüßte die Erschienenen, eanä. Brett hielt die gelungene und gediegene Festrede, in der er den Jubilar als Freund der Jugend, sein Wesen, Wissen und Wirken gebürend würdigte. Obercanlor Guttmann verherrlichte das Fest durch brillanten Vortrag des Ps. 111, ebenso widmete Obercanlor Schorr dem Jubilar, nachdem derselbe dem himmlischen Vater und den vor kowaud hattorah Erglühten vom Herzen dankte, einen begeisterten „Mi-schebberach", den er selbst verfasste und schwungvoll recitierte. Die hebräische Festrede hielt tkool. Mehrer, der die Verdienste des Leetors F r i e d m a n n um die jüdische Wissenschaft, namentlich um die rechte Erfassung des Geistes der Hagadah gebürend; hervorhob. Es sprachen ferner Rector Dr. Schwarz über das Verhältnis Fried manns zu den Collegen, der seinen Dank in allzu großrr Bescheidenheit und in sinniger Weise zum Ausdrucke brachte. Rabbiner Dr. Löwy glorificierte den Charakter des Gefeierten aus früheren Reminiscenzen, ebenso Rabbiner Sor (Währing), Cultusvorstand F. Gewitsch. Dr. Münz sprach m poetischer Form und zum Schlüsse folgte eine Dichtung Dr. Jonathan Wolfs, der sein Fernbleiben rechtfertigte. Geistvolle Gesichtspunkte entwickelte namentlich Dr. Margulies, und wie den Jubilar die hehre Begeisterung für Glauben und mdrsches Wissen verjüngt, so soll auch der religiös-ethische Zronismus das Gesammt-Judenthum regenerieren, verjüngen und neu beleben zum Wohle und Heil der Menschheit! —n. Wien. (Auszeichnung.) Der Kaiser hat dem Rabbiner der Wiener israelitischen Cultusgemeinde Dr. 5 ch m i e d l das Ritterkreuz des Franz Josephs-Ordens verliehen. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde vom 20. Juni 1901 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn kais. Rathes Klinger. Beginn der Sitzung um halb 6 Uhr abends.) Im Einlaufe werden zur Kenntnis gebracht an Spenden: Von Herrn Rudolf Auspitz anlässlich der Vermählung seiner Tochter für das Armcnamt der Cultusgemeinde .K. 1000.— „ Herrn Bernhard Hirsch, anlässlich der Vermählung seines Sohnes für verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten .. 1000.—> „ Frau Marie Donath für einen armen Handwerker „ 40.—- „ Frau Cäcilie Fränkl, Wäsche und Kleider für das Altersversorgungshaus. Den Spendern wird der Dank votiert. Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete die infolge der genehmigten Aenderungcn des Statutes erforderliche theilweise Neuconstituierung des Vorstandes. > Nachdem der Präsident in der Sitzung vom 6. Jänner 1901 für eine dreijährige Functionsdauer gewählt wurde und das neue Statut, betreffend die Präsidentenwahl, eine Aenderung nicht involviert, kam nur die Neuwahl der beiden Vicepräsidenten und Vertreter zur Vornahme; hiebei wurden einstimmig die beiden bisherigen Vicepräsidenten und die vier derzeit fungierenden Vertreter in ihren Functionen bestätigt und des Weiteren die Herren: Dr. Felix Katzau, k. k. Oberingenieur Arth. Edler v. Mises, k. k. Oberfinauzrath Dr. Benjamin Rappaport und Director Theod. R. von; Tanssig neu als Vertreter gewählt, so zwar, dass das Vertreter-; cellegium nunmehr besteht: aus dem Präsidenten kais. Rath Klinger, den Vicepräsidenten Dr. Alfr. Stern und Dr. G. Kühn und den Herren: Theod. R. v. Goldschmidt, kais. Rath Moriz Hirsch, Dr. Felix Katzau, k. k. Oberingenicur Arth. Edler v. Mises, k. k. Oberfinanzrath Dr. Benjamin Rappaport, Dr. Maximilian Steiner, k. k. Baurath Will). Stiaßny, Director Theod. R. v. Taussig. Eine weitere Consequenz der genehmigten Statutenänderungen bildete die Beschlussfassung über die Bestimmung jener Angelegenheiten, welche vor Feststellung der Geschäftsordnung im Sinne des, § 14 des Statutes dem Präsidium oder dem Vertreter-Collegium zur endgiltigen Erledigung zu übertragen sind. An der eingehenden Bcrathung hierüber betheiligten sich die Herren: Präsident kaiserl. Rath Klinger, Vice-Präsident Dr. Alfr. Stern, Dr. Berger, Baurath, v. Goldschmidt, Salo Cohn, Commerialrath Leopold Pollack, Ocbrfinanzrath Dr. Rappaport, Dr. Steiner, Baurath Staßny und kaiserl Rath Weil. Die Beschlussfassung erfolgt im Sinne der Anträge des Herrn Oberfinanzrathes Dr. Rappaport und des Ersten Sccretärs Herrn kaiserl. Rath Dr. Lieben, wonach der Vorstand, Gebrauch machend von der nach 8 14 des Statutes zustehenden Ermächtigung, vorbehaltlich des Rechtes jederzeitigen Widerrufes, sämmtliche Agenden, deren Behandlung nicht dem Gesammt-Vorstande unter allen Umständen überlassen bleiben milss, dem Vertreter-Collegium zur endgiltigen Erledigung überweist; im klebrigen findet auch das Amendement des Herrn Dr. Steiner Annahme, dahingehend, dass die derzeit bestehenden sechs Sectionen provisorisch bis Ende des, laufenden Kalenderjahres als Commissionen mit dem derzeitigen; Wirkungskreise der Sectionen zu fungieren haben. Die bisher den 1 Sectionen durch Einzeichnung in dieselben angehörenden Mitglieder werden für die genannte Zeitdauer per Acclamation in die Commissionen gewählt. Namens der 2. Section referiert Herr Director Simon über den neuen Lehrplan für den Religionsunterricht an Mädchen-Lyceen. / Der vorgelegte Entwurf, lvelcher in der Section die gründlichste Vorberathung erfuhr, tvird ohne Debatte angenommen. 1 28. Juni 1901 Seite 3 Snme der Anträge des Curatoriums der Dr. Moriz Rappaport'scheu Stiftung für Preisausschreibungen (Referent Herr Vice-Präsident Dr. Gustav Kohn) wird einhellig beschlösse,l, zwei Preisthemen mit dem Termine bis 31. December 1903 auszuschrelben und zwar: 1. „Apologetik des Judcnthüms", mit dem Preise von K. 4000. 2. „Zur Geschichte des jüdischen Volksschnlwesens in Oesterreich", mit dem Preise von K. 1200; und weiters dem hervorragenden Gelehrten des jüdischen Schriftthums Herrn Lector M. Fricdmann anlässlich seines 70. Geburtstages aus den Mitteln der Stiftung und im Sinne des Stiftbriefes als Ehrengabe die einjährigen Zinsen des Stiftnngscapitales zuzuwenden. Schließlich gelangt eine Angelegenheit zur Erledigung, welche seit Jahren den Vorstand des Oefteren beschäftigte, die Regelung des Verhältnisses des Armen-Amtes zur Armen-Anstalt. Herrn Dr. Katzau stellt namens des Comitees für die Reform der Armenpflege, betreffeud die Ucbcrtragung eines Theiles der Agenden des Armen-Amtes an die Armen-Anstalt, nachstehende Anträge: 1. Die Besorgung jener Agenden des Armen-Amtes, welche in der Gewährung von einmaligen Unterstützungen an Arme in Geld und Naturalien (Handbetheilungen) bestehen, wird vom 16. October 190! ab, an die Armen-Anstalt der israelitischen Cultusgemeinde in Wien übertragen. 2. Demgemäß wird der von dem Cultusvorstande für diesen Zweig der Armenpflege im Jahresbudget votierte Betrag der Armen- Ansralt überwiesen. Für das laufende Jahr erfolgt die Ueberweisung des in dem Voranschläge pro 1901, Capitel 18.!. A. a. präliminicrtcn Betrages vom Zeitpunkte der Uebcrnahme der in Absatz!. bezeichneten Agenden ab pro rata temporis. Dem Cultusvorstande steht das Recht zu, durch seine hierzu designierten Organe jederzeit in alle Bücher und Schriften der Armen-Anstalt Einsicht zu nehmen. 3. Der Armen-Anstalt sind zweckentsprechende Amtslocaliäten im Gemeindehause znzuweisen. 4. Der Vorstand der Armenanstalt hat aus 8 Mitgliedern zu bestehen, welche von dem Cultusvorstande über Vorschlag des Vorstandes der Armen-Anstalt jeweils für die Dauer von drei Jahren ernannt werden. Im Falle des Ausscheidens eines Mitgliedes vor Ablauf seiner Functionsdauer ist für den Nest derselben von dem Cultusvorstande ein Ersatzmann über Vorschlag des Vorstandes der Armen-Anstalt zu ernennen. 6. Im Falle und für die Dauer der Vereinigung der im Absatz 1. bezeichneten Agenden des Armen-Amtes mit jenen der Armen- Anstalt entsendet der Cultusvorstand überdies vier seit,er Mitglieder als Delegierte mit dreijähriger Functionsdauer in den Vorstand der Armen-Anstalt, welche gleiche Rechte mit den übrigen Mitgliedern des Vorstandes der Armen-Anstalt besitzen. . Im Falle des Ausscheidens eines dieser Delegierten vor Ablauf seiner Functionsdauer entsendet für den Rest derselben der Cultusvorstand einen Ersatzmann. 6. Von dem Zeitpunkte des Ueberganges der im Absatz 1. bezeichneten Agenden an die Armen-Anstalt ab hat eine Aenderung in dem Titel der dermalen unter der Bezeichnung „Armen-Amt" fungierenden Amtsstelle einzutreten. Herr Dr. Steiner und Herr Baurath von Goldschmidt treten in längeren Ausführungen den Anträgen entgegen und heben die ersprießlichen Leistungen des Armen-Amtes hervor. Crsterer beantragt für den Fall der Annahme der Comitee- Anträge nachfolgenden Zusatzantrag: Die factische Uebertragung der Handbetheilungen an die Armen-Anstalt ist an die Vorbedingung geknüpft, dass ein Reorganisationsplan der Armen-Anstalt dem Cultusvorstande vorgelegt und von demselben genehmigt werde. Herr Vice-Präsident Dr. Kohn beantragt, dass in Absatz 1., welcher die Uebertragung der Handbetheilungen festsetzt, die Worte „bis auf Weiteres" eingeschaltet werden. An der Debatte betheiligen sich weiters die Herren Salo Cohn und Leopold von Lieben. Nach Ablehnung des Gegenantrages des Herrn Dr. Steiner werden die Anträge des Comitees mit dem Znsatzantrage des Herrn Vice-Präsidenten Dr. Kohn angenommen. Schluss der Sitzung 10 Uhr abends. Wie«. (Jahres-Bericht des Vereines zur Unterstützung armer kranker Israeliten.) Wirf Dein Brot ms Wasser, nach vielen Tagen findest Du es wieder! Schreiber dieses hatte Gelegenheit, noch lange vor Gründung dieses religiös-humanitären Vereines die theilnahmsvolle, opferwillige Thätigkeit der Frau Helene Meitner mit Befriedigung zu bemerken, da diese derzeit hochbetagte, würdige Matrone ihre Zeit und Mittel dem Krankenbesuche in den Spitälern widmete — zugleich Erfrischungen mancher Art bringend, tröstende und aufrichtende Zusprache bietend. Aus diesen kleinen Anfängen entwickelte sich dieser fruchttragende, nutzbringende Verein, welchem der Berichterstatter lebhaftes Interesse entgegenbrachte und zu dessen Förderung er auch bei freudigen Anlässen CoÜecten veranstaltete. Nach vielen Jahren musste sein eigener Vater die Vereins-Benefieien im allgemeinen Krankenhause durch mehrere Monate in Anspruch nehmen, wobei zugleich die Nothwendigkeit dieser Institution sich zeigte, indem viele Patienten auf die nicht rituelle Kost verzichteten und sich oft mit trockenem Brote begnügten, da diezugebote stehenden Mittel kaum für 30 Personen hinreichten. Ein traurigesll'sLtllnoniurnpaunsrtatisfür dieMunificenz der competenten Kreise der Großstadt! Allerdings hat sich oieser beklagenswerte Zustand in jüngster Zeit wesentlich gebessert, zumal die hochgeehrten Herren Professoren Albert, Auspitz, Dr. Ad. Politzer, Nothnagel, S t e l l w a g und G r u b e r die Tendenz dieser Bestrebungen als löblich erklärten. Gleichwohl klafft noch ein Deficit von circa 1800 Kr. und bedarf der Ausgleichung. Die Einnahmen des vorigen Jahres betrugen über 19.000 Kr., darunter 1050 Kr. seitens der hiesigen Cultusgemeinde, ferner ein Betrag von 100 Kr. von der Chewra Kodischa. Die Auslagen für Kost beliefen sich auf 9673 Kr., während des Passah-Festes betrugen sie 1959 Kr. und für Mazzoth 259 Kr. Der Vorschuss, den dw Firma Jakob Neurath leisten musste, überstieg die Summe von 5000 Kr. Namentlich Herr Obmann Marcus B o n d i bringt der Anstalt lebhaftes Interesse entgegen und Herr Simon Buchwald opfert persönlich den Kranken einen großen Theil seiner freien Zerr. Möge das erhebende Bewusstsein, ein gutes Werk thunkichft gefördert zu haben, reichen Lohn gewähren und die Zahl der unterstützenden Mitglieder stetig zunehmen. —n. Floridsdorf. (B e z i r k s l e h r e r - C o n f e r e n z.) Am 16. d. M. fand im Amtsgebäude der hiesigen Cultusgemeinde die Bezirkslehrer-Conferenz der Religionslehrer der Cultusgemeinde unter dem Vorsitze Sr. Ehrwürden des Herrn Bezirksrabbiners Dr. M.; Rosenmann statt. Vor Besprechung der Tagesordnung ergriff Se. Ehrwürden das Wort, um dem scheidenden Obmanne der Schulsection Herrn M. Neumann in herzlichen Worten für seine Thätig- > keit im Interesse des Religionsunterrichtes den Dank auszusprechen. > Sodann begrüßte der Herr Vorsitzende den neuen Obmann der Schulsection Herrn Dr. Brüll und richtete an ihn die Bitte, nur Wohlwollen die Interessen der Schule zu vertreten. Der Herr Ovmann dankte Sr. Ehrwürden und versprach, im Vereine mit dem pflichteifrigen Seelenhirten seine ganze Kraft der heiligen Sache zu widmen. Sodann erstattete der städt. Lehrer und Religions- > Ichrer Herr Carl Ehrenfest sein Referat über „Die Geschichte der :''-Cöilftrmatiön'und ihre Bedeutung besonders-für die Jetztzeit". Der > Referent, der sich seit Jahren mit diesem Studium beschäftigt, ver-

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