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Jüdisches Volksblatt · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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umwmmi Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. Juni 1901 Nr. 26 DaS national-sociale Programm der Naumann'schen Gruppe im Deutschen Reiche, die Auffassung der czechischeu Masaryk-Gruppe, sowie der rutheuischeu Radicaleu sind also Beispiele, aus denen die Gesammheit der österreichischen Inden ersehen kann, wie beschaffen ihre Organisation, ihr Programm und ihre Politik in Gegenwart und Zukunft sein muss, um in gleichem Mape jüdische Volksinteressen zu fördern und andererseits eine Cooperation mit denjenigen Gruppen der anderen Völker 31t ermöglichen, welche Oesterreich zu einem Staatslveseu gleichberechtigter Nationen, Confessionen und Elasten umgestalten wollen. Eine Cooperation mit nationach-lauvinistischen Gruppen, mögen sie nun der deutschen oder slavischen Nationalität angehören, können die Vertreter des jüdischen Nationalismus niemals entgehen. Wir erkennen das Recht der Existenz und freien Entfaltung jeder Nationalität in der österreichischen Monarchie an, verwerfen aber das angernaßte Recht eines Volksstammes, über andere zu herrschen. Gerade darin beruht der wesentlichste Unterschied zlvischen dem Nationalistnus der Inden uttb dem Nationalismus der Deutschen und Slaven und Magyaren, wie ihn die ttatioital-radicalen Fraktionen cultivieren. Die Hauptquelle der nie versiegenden Nationalitätenkämpfe in der österreichischen Monarchie ist also der falsche, der chauvinistische Nationalismus, der erbittertste Feind der Juden uttb der Eonsolidierung Oesterreichs zugleich. . Da wir uns aber keineswegs auf den Standpunkt von Nurjuden stellen können, als Vertreter eines demokratifllten, von socialem Geiste durchwehten Nationalismus, da weiters die nationale Bedrängnis der Juden, wie schon oft betont, in erster Linie in ihrer lvirschaftlichen Noth sich äußert; so ergibt sich von selbst der sociale Boden, auf dent wir gemeinsam mit den gleichgesinnten Oesterreichern anderer Nationalität nicht nur zu arbeiten Gelegenheit haben, sondern auch arbeiten müssen. Die Vergangenheit hat es deutlich gezeigt, dass der verhängnisvolle Jrrthum der Staatslenker und Gesetzgeber Oesterreichs bisher darin bestand, der habsburgischen Monarchie ein nationales oder confessionelles Gepräge aufoctroyieren zu wolleit. Der wirkliche österreichische Reichsgedanke, den alle Völker der Monarchie und auch wir Juden acceptieren könnert, kaitn nur ein socialer sein. Dass die sociale Gesetzgebung eine socialfreiheriltche und keine social-rcactionäre sei, vom Schlage der Zß 69 und 60 der Gewerbeordnuno, ist ja eben eine der vornehmsten Ausgaben der propagandistischen Thätigkeit einer jüdisch-volklichen Organisatioit in Oesterreich. Die national-sociale Politik der Judeit muss also social und österreichisch, daher social-österreichisch sein. Nur eine social-österreichische Politik, die in der nationalen Autonomie und einer genossenschaftlichen Socialreform gipfelt, vermag es die politische und wirtschaftliche Lage unseres vertuag die politische und wirtschaftliche Lage unseres bessern. Darum ntuss der Nationalismus und Socialismus der Juden Oesterreichs, ihre gerammte innerösterreichische Thätigkeit — social-österreichisch sein und bleiben. Vom Tage. Herunter mit der Maske. Ist schon jede Maskerade im Leben, geschehe sie in welcher Form uttb welchem Zwecke immer, verwerflich, so ist jedenfalls die Maske der Frömmigkeit, hinter der sich die Bosheit verbirgt, die des Edelmuthes und der Weichherzigkeit, hinter der die Verfolgungssucht lauert, die allerwiderwärtigste. Es widerstrebt allen: menschlichen Gefühl, es erfüllt mit Ekel, wenn man hört, dass böse Absichtett durch erhabene Worte gedeckt werden sollen, wenn unter dein Vorwände der Barmherzigkeit Unterdrückungen beabsichtige sind, wenn in: Namen der edelsteit Gefühle die niedrigste Rachsucht geplant wird. Wir Juden könnteit viel von derartigen Maskeraden erzählen, wir haben alle möglichen Verfolguitgen unter dent Schein der Barntherzigkeit erlitten und wir wolleit heute nicht darauf zurückkommen. Aber die allerntodernste Maske und wir möchten sageit, die allerniedrigste, taucht jetzt in unserem Gemeinderath auf, nachdem sie schon früher hier und da in kleineren Vertretungskörpern sich hervorgewagt hat. Ju der Sitzung vom 26. d. M. stellte Gemeinderath Sturnt den Antrag: es möge in den städtischen Schlachthäusern das Schächten der Thiere verboten werden. Das ist die Thierschutz-Maske! Sie ist keine Erfindung des Herrn Sturm und sie ist auf detit Schauplatz atttisemitischer Produktionen keilte neue -Hummer mehr. Unter dem Vorwände, gegen die Thierqtlälerei Stellung zu nehnten, will man ein bisschen Judenquälerei inscenieren. Aber der ganze Plan ist auf Saud gebaut. Unabhängige, bedeutende Gelehrte habett nachgewiesen, dass die jüdische Schlachtntethode von allen Tödttntgsarteit die am wenigsten quälende ist, dass sie das Fleisch gesünder und zum Conservieren geeigneter macht. Dr. Demba aus Petersburg, eine Persönlichkeit, die sich der Anerkeitlttlng der hervorragendsten medicinischen Atltoritäten erfreut, hat ein Buch herausgegeben, in dem die Vorzüge des jüdischeit Schächteits gegenüber allen anderen Tödtnngsarten in erschöpfender Weise dargethan werden. Jit diesen: Sinne veröffentlicht der preußische Rittmeister v. Pobylinski einen längeren Aufsatz in der Leipziger „Internationalen Fleischerzeitung", der in der Forderung gipfelt, dass die jüdische Schächtmethode Gemeingut aller Me::schen m:d Völker werde. Die detitsche Militärverwaltung benützt für Conservierungszwecke schon heute nur das Fleisch von jüdisch-rituell geschlachtete:: Thieren. Als die nlstisenütischen Abgeordneten am 16. April 1899 im deutschen Reichstag den Antrag auf Verbot des Schlichtens einbrachten, den der ganze Reichstag smmnt den: katholischen Centrun: niederstimmte, versuchten die Antisemiten ihren Antrag danut zu bemänteln, dass sie den Antrag nicht als antisemitischen, sondern als einen zum Zwecke des Thierschutzcs gedachten, ausgaben, aber diese edle Maske täuschte niemanden, imb der Abgeordnete Liebknecht erklärte unter anderem, dass der Antrag keinen anderen Zweck habe, als die schon verblasste Poptilarität der Antisemiten ein wertig aufztifrischen. Sollte am Ende der Antrag des Gemeinderathes Sturtn auch ttur diesert Zweck haben? Allenfalls kann ein solcher Aittrag im Gemeinderathe sich nur auf die städtischen Schlachthäuser beschränken, denn zu einem 'Verbot für die ganze Stadt ist der Gemeinderath keineswegs berechtigt. Aber die Absicht liegt klar und deutlich zutage, tind es wäre tticht minder unberechtigt, wenn nur in Häusern, die der Genteinde Wien — also auch der jüdischen Bevölkerung — gehören eine Verfolgung der Juden durchgeführt werden wollte, oder richtiger gesagt, eine Ausweisung der Juden aus einem Gebiete, an dem sie rechtlich einen Theil haben. Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Antrag trotz der edlen Absicht, mit der er sich vermummt, zu Wasser werden trnd dass sein eigentlicher Zloeck — die gesunkene Popularität der Antisemiten auszufrischen — ebenso vergeblich sein wird. Hier verurtheilt — dort freigcsproche». Der Spruch der Geschworertert irrt Gerichtssaale darf nicht zun: Gegenstand der Kritik gctnacht Werder:. Man muss ihr: als richtig, zunürtdest als gewissenhaft hinnehmen. Alleirt das ntenschliche Herz ist solcher: Gesetzen rticht untevlvorfert m:d rrrartchrnal regt sich der menschliche Verstand, m:d fast nMvillkürlich fügt ntait zu der üblichen Wendung: „Die Geschworrrer: Haber: rrach bestem Wissert urtd Gewissen geurtheilt" ein „aber" mit Gedankenstrichen hinzu. Eir: solches „aber . . . ." errtrarrg sich unserem tiefsten Herzerr, als wir das Verdict lasen, welches die Geschworneit vorige Woche in M. Szigeth aus sprachen. Ein walachischcr Bauer startd vor beit Geschwornen wegen Ermordung des Juden Kopelmann in Strrdok — an: hellichten Tage. Von etwa 40 einvernommenen Zeugen haben drei (zwei christliche und ein jüdischer) unter Eid bestätigt, den Mord gesehet: zu haben. Ferner ist festgestellt worden, dass der Mörder nach vollbrachter That in einen Brtmnen sprang, um sich von den Blutflecken zu reinigen. Der Staatsawvalt beantragte die schwerste Strafe: Tod durch den Strang. Die Geschwornen verrteinten jedoch die Schuldfrage, worauf der Gerichtshof den Angeklagten freisprach. Unwillkürlich erinnert uns dieser Process an die Aufregung der Antisemiten gelegentlich der Begnadigung Hilsners und an die verschiedenen Glossen, zu denen sie sich in ihren Blättern — soweit es innerhalb des Gesetzes möglich war — veranlasst fühlten. Die zwei Urtheile der zwei verschiedenen Geschworenengerichte regen unwillkürlich zum Nachdenken an, zu einem „aber" mit Gedankenstrichen. Generalversammlung der „Iewish Colonisation Afforiation". Sonntag den 16. d. M. hat die Generalversammlung der Actionärc der „Jca" stattgefunden. Die Versammlung billigte den Jahresbericht, welchen die Direction vorlegte, sowie die Bilanz des abgclaufenen Geschäftsjahres. Ter Jahresbericht entwirft ein Bild von der furchtbaren Thätigkeit, welche die „Jca" in den verschiedenen Ländern entwickelte. In Argentinien hat das begonnene Werk er- 'reuliche Fortschritte gemacht, die Eolonien von Moisevillr und Mauricio blühen, ihre Bevölkerung nimmt stetig zu; ja die Colonisten können schon mit Leichtigkeit die ihnen auferlegte jährliche Steuer entrichten. Die Colonisten von Entre-Rivo sind zwar nicht in so günstiger Lage, auch hat dort der Ackerbau urtter den klimatischen Verhältnissen zu 'eiben; dennoch ist auch bei ihnen ein Fortschritt zu verzeichrten und haben Milchhandel und Viehzucht ihren Familien neue Hilfsquellen eröffnet. Ir: den Vereinigten Staaten hat eine Gesellschaft für Ackerbau urtd Industrie ihre Thätigkeit begonnen. Ihre Erfolge tvird man erst in der Zukunft beurtheilen können. In Canada zählt die Colonie Hirsch augenblicklich 22 Colonistcnfamilierl. In Palästina beschäftigt sich die „Jca" jetzt damit, in den Eolonien, welche ihr Baron Edmund Rothschild abgetreten hat, Reformen einzuführen. In Cypern hat die „Jca" eine Anzahl Absolventen der Ackerbauschule der „Alliance" und Handwerker ans Panstina installiert. In Russland hat die „Jca" den Unterricht an den Ackerbau- und Handwerkerschulen gefördert. Ferner hat 'ie dort intervenieren müssen, un: den jüdischer: Familien Bessarabiens Arbeit zu verschaffen; denn diese hatte eine Nochmals die Drehsus- Memoiren. Von Walter Nagelstock. Ischl. Wer immer einstens die Geschichte moderner jüdischer Märtyrer aufzeichnen wird, dürfte nicht verfehlen, dem Ex- Capitän Alfred D r e y f u s den ersten Platz unter ihnen einzuräumen. Und darum lohnt es sich wohl, noch einmal an das Buch des unglücklichen Mannes zu erinnern. Historischer Wert — die Behauptung kann mit Sicherheit aufgestellt werden — fehlt den Memoiren ganz und gar, die großen Ereignisse in der .Affaire" kennt ja DreyfuS nicht, fast jeder Leitartikel des „Figaro* aus den Jahren 1897 oder 1698 informiert darüber besser, als das vorliegende Buch. Es bleibt also nur der Wert in psychologischer Beziehung; und selbst da taucht die Frage auf: hat Alfred Dreyfus bei der strengen Controle, der sein Tagebuch sowohl, als auch die an seine Frau abgehenden Briefe unterworfen waren, alles, was ihn in seiner Gefangenschaft bewegte und eriüllte, niedergeschrieben? Hat ihm die Erbitterung über das fhm zugefügte Verbrechen nicht schärfere Worte, als die in seinen Briefeng ebrauchten, in die Feder dictiert? Besitzt also Dreyfus wirklich die fast übermenschliche Seelengröße, nichts als »unsägliches Mitleid und große Trauer* zu verspüren, als ihm L a b 0 r i im Militärgefängnisse zu Rennes die Thaten Henrys, Boisdeffres und ihrer Consorten berichtete? In diesen letzten Seiten des Buches fehlt, glaube ich, so manches, was für uns von ungeheurem Interesse wäre — DreyfuS, der in jedem Briefe, jedem Tagebuchblatte seiner zuversichtlichen Ueberzeugung Ausdruck gibt, es müsse seine Unschuld endlich ans Licht kommen, zieht nach der zweiten Verurtheilung das bereits von ihm Unterzeichnete Revisionsgesuch zurück, weil sonst angeblich die Begnadigung nicht sogleich hätte stattfinden können. Die erste Verurtheilung des Capitän Dreyfus erfolgte bekanntlich am 23. December 1894, am 31. December, also schon acht Tage später, ward bereits der erste RevisionSantrag abgelehnt. Nach aüen, Martern, die Dreyfus durch vier und ein halb Jahre mitgemacht, scheut er also die eine oder höchstens zwei Wochen dauernde leichte Militärhaft, verzichtet auf den Sieg der Wahrheit, wählt die Begnadigung. Fehlt hier nicht etwas im Tagebuche? Fehlt hier nicht das logische Bindeglied, dass DreyfuS, von seinen Verteidigern über die Vorgänge in Frankreich während seines Exils unterrichtet, einsieht, ein weiterer Kampf umS Recht aussichtslos sei, aussichtslos durch die Nachwirkung des einzigen Rufes: A bas le Juif, a bas le traitre? Ganz merkwürdig! Wir unseres Bolksthums bewusste Juden zeigen mit Erbitterung im Herzen gerade an der »Affaire", wie selbst in dem hochcivilifierten Frankreich die Assimilation Bankerott gemacht hat, der Mann aber, dessen trauriges Erlebnis uns als Beispiel dient, betrachtet alles, waS ihm widerfährt, mit einer rührenden Naivität, hofft auf Hilfe von Seite seiner Kameraden, versteht die Empörung seiner edlen Nation, des französischen Volkes, über seinen vermeintlichen Verrath — aber das Revisionsgesuch zieht er zurück. Waren ihm damals die Augen über den Zusammenhang der Dinge schon geöffnet, warum verschweigt er uns dies in seinen Memoiren? Diese Auslastung des kleinen, aber 'so inhaltsreichen Wörtchens „Jude" wird bewirken, dass kommenden Generationen, die nur das Buch lesen werde«, die ganze Affaire unverständlich bleiben wird. Wieviel bester doch als die 300 Seiten Memoiren, fassen den Kern de- Falles sechs Strophen eines jüdischen Liedes, das ich letzthin von dem Star der gegenwärtig in Wien gastierenden polnischen Singspiel-Gesellschaft, von Rosa Klug, fingen hörte. DäS Liedchen lautet: 1. Noch thüt mir in meine Ohren klingen dus schöne Liebele Wus mein Mame siegt mir singen wiegen big duS Wiegele, Heida lula duS ist man schön Liebele, Nur vergiss nicht mein theuer Kind, Das Dü bist a Jüdele. 2. Wus in Frankreich ist geschehen, Dus weist a jeder sehr güt, Wie men Hot a jungen ehrenhaften Capitän Verbannt, weil er ist a Jüd. Heida lula, auf den Teufelsinsel hot er gesüngen dus Liebele Weist Dü Dreyfus, far wuS Dir kimt dus, Weil Dü bist a Jüdele. 3. Einer, was hot die Sachen gehündert. Die . Unschuld zü beweisen auf klaar. Trotzdem hat men die Jüden geplündert, In Zola verurtheilt auf ein Jahr. Heila lula. die Sonim machen sich a Südele, Weißt Dü Zola, far wus Dir kimt duS, Weil Dü nehmst Dich un far a Jüdele. 4. Esterhazie und Patie de Clam, Mit seier ganzer Gesindel, Jetzt seht man heraus minhastam (gewiss) Seier ganzer Schwündel, Heida lula, die ganze Welt singt nur dus Liebele, Hob koin meure Dreyfus mein Kind, Weil Dü bist a Jüdele. 5. Men seht, wie die Sonim thüt verdriesen, WuS men nehmt sich über far a Jüd, Hot men Laborie gewollt schüfen, Gelungen ist eS ober nit. Heida lula, hör Dich zu, zu mein Liebele, Es wird Dir Labvri kein schlecht's geschehen, Weil Dü nehmst Dich un far a Jüdele. 6. Chocz (obwohl) Ihr wet mich a zen quälen. Dem Jardin geh ich auf Zionsbrück, Die Schmerzen will ich mein Mame derzählen, In Mizrach, in mon Heim zurück. Heida lula, die ganze Welt singt nor das Liebele, Nor a Heim kein Zion zurück, Dort ist Dein Platz, Jüdele. Walther Nagel stock.

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