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Jüdisches Volksblatt · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lebarlton: fUI/'t, SürMtzLlgnflL 11. Eprechstrmbe» r Rn MoÄemagen von 4 bis 6 Uhr nachmittags, p-stad»^,: Jüdische? «vottvblatt, «Sie», vittjA. Dosrchwrrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir unü dringend. - Mmmserwte »erde» nicht zurükkgeftellt. Postsparcaffen-Conto 247087. In das Rbonaemmt kann man täglich eintreten. Kr. 36 Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdivhen Volks- Verein erwählten Prrfsrmmnifston. I«lernte übernehmen die Firmen: I. Danneberg, Dl. DuleS. Hassen« kein & Bögler. Rudolf Moste, R. Oppeltk, M. Pozsonyt, fl. Schale! in Wien, ferner alle Vnnoncen-ExpedMonen im RuSlande. Ginzel-Nummer in Wien I« Heller. Wie«. 38. Jnni 1901. ltnnmirltrkirwn: VIJI/1, Schlötzelpalso tl. VbottttementSpreiS: girr Wien n. Oefterreich-Nngarn jammr Franeozulteüung. Ganzjüdrig . . Kr. 8.— Halbjährig . . . . „ 4.— Biertcliäbrig. . . . „ S8.— Für da? gefammte stlnSland lamm: Francozustellung. »unzjäbrig . talbjäbrig . ierteljädrig 4.50 2.25 III. Jahrgang. mSm Die Juden und der Capitalismus. i. In dcr ständigen Rubrik der antisemitischen Halb- und Unwahrheiten taucht mit einer gewissen Monotonie der Gedanke immer wieder und wieder auf, die Juden seien überall in allen Ländern, in allen Zweigen dcr wirtschaftlichen Thätigkeit die Hcmpträgcr des Capitalismus. Wie verhält es sich in Wirklichkeit damit? Sind die Juden in der That die Träger des Capitalismus in dem Sinne, dass sie verantwortlich zu machen sind für alle seine Schwächen, dass sie das Hauptverdienst haben an allen seinen Tugenden? Die Beantwortung dieser Frage ist auch für uns Jüdischnationalc, die stets bestrebt sein müssen, über die realen Bedingungen des Judenthums das hellste Licht zu verbreiten, von größter Bedeutung! Zunächst kann die antisemische Legende, dass die Juden mit einem ganz abnormen hohen Percentfatze an capitalistischenUuternehmungcn, wie immer gearteterNatur, betheiligt sind, nicht gründlich genug zerstört werden. Die Antisemiten sehen immer nur die reichen und wohlhabenden Juden, die Unzahl armer und leidender oder wenigstens mit dein Dasein schwer ringender Juden bemerken sie nicht. Ich glaube, dass der Percentsatz der jüdischen Capitalistcn innerhalb unseres Volksgauzen nur um etwas erheblich größer ist, als der Percentsatz, sagen wir der deutschen oder ftnnzösischei: Capitalisten im Verhältnis zur Anzahl der erwähnten Volksgenossen. Sicher ist, dass Geld- und Leihrapital bei den Juden stärker ausgebildet ist. Auch der Perccntsatz der jüdischen Großindustriellen dürfte den der französischen und deutschen, aber keineswegs dein der englischen und amerikanischen entschieden überlegen sein. Auch die höheren Schichten des sogenannten Mittelstandes kommen bei den Juden entschieden besser fort. Die Berufskörper dcr Privatbeamten, Techniker, specificierten Handwerker, insotveit sie vorhanden sind, der Elite des Zwischenhandels und der Agentur enthalten bei den Juden vielfach besser situierte, wohlhabendere Elemente, wenn man den Durchschnitt nimmt. Aber schon beim eigentlichen Handwerk, bei den niederer: Schichten der Agenten und Zwischenhändler hapert es sehr. . Diese Elemente des Mittelstandes bewegen sich nur in denjenigen Länden: in aufsteigender Linie, wo ein gelvaltiger Unternehmungsgeist, ein großer Geldreichthun: und ein starker, planvoll entwickelter Industrialismus Hand in Hand gehen. Man vergleiche in dieser Beziehung die englischen Ziffern in Bezug auf die Fortentwicklung des Mittelstandes überhaupt mit den deutschen. Man wird da schon einen gewaltigen llnterschied spüren, auf den gelegentlich der Berliner Rationalökonom Schmoller aufmerksam gemacht hat. Je weniger ein Land industriereich, in je höherem Maße es einen agrarischen Charakter aufweist, in einein desto geringeren Maße wird sich auch der Mittelstand in seinen niederen Schichten in aufsteigender Linie bewegen. Dies umsomehr als es sich bei diesen: ganzen wirtschaftlichen Processe nur um ein Herausbilden neuer Elenicnte des Mittelstandes handelt und es gar nicht geleugnet werden kann, dass in wichtigen Zweigen dcr alte Mittelstand und insbesondere ganze Handwerkergruppen wirklich vom Großbetriebe erdrückt werden. Was Deutschland betrifft, hat insbesondere Schmoller nachgewicsei:, lvelche Handwerkergruppei: zugrunde gehen, lvelche bestehe:: bleiben und lvelche sogar florieren — Fleischer, Bäcker, ein Theil der Kunsthandwerker u. s. w. u. s. w. —. Nun befindet sich, lvie männiglich bekannt, die M affe der Juden in industriearmen, relativ dünn bevölkerte!: Ländern mit zun: Theil ausgesprochen agriculturellen: Charakter. Der Mittelstand dieser wirtschaftlichen Regionei: überhaupt, solvohl der jüdische als der arische, bewegt sich nicht in aufsteigender Linie. Den Juden dieser Schichte geht es aber noch schlechter, wie ihren arischen Concurrenten, weil sich gerade hier die wirtschaftliche Seite des Antisemitismus am fühlbarsten macht. Keine wirtschaftliche Gruppe tritt nämlich so sehr in directen, ja persönlichen Verkehr mit bat antisemischen Massen, wie die niederen jüdischen Handwerker und Zwischenhändler.- Also, wie gesagt, mit der relative:: Wohlhabenheit dcr untersten Schichten des Mittelstandes hapert es sehr. Kein Volk dcr Welt aber hat ein so elendes unorganisiertes Proletariat, lvie das jüdische. In Galizien gehört mindestens die Hälfte der dort wohnenden Juden den: Lumpenproletariat an; diese elendeste Classe derMenschheit ist eine sociale Gruppe, für die die anderen Völker die Möglichkeit einer fpecifischen Organisation noch gar nicht gesunden haben. So sicht cs also in Wirklichkeit mit den Juden aus. Die reicheren Schichter: sir:d un: etwas reicher, wie die der arischer: Völker, die mittlerer: wirtschaftlichen Classer: halten sich wohl gegenseitig die Wage, was die untersten Schichten betrifft, so könner: die Juden den traurigen Ruhmestitel für sich in Anspruch nehmen, die ärmsten und elendester:, die dürftigsten und geknechtetsten Volksgenossen zu besitzen. Nun bleibt uns noch die Frage zu erörterr: übrig, welche active Rolle die jüdischen Capitalisten im europäischer: Wirtschaftsleben spielen, in welch geringem oder hohem Maße sie als die Wirtschaftsträger des ganzen capitalistischcr: Systems bezeichnet werden können. Mit diesem Problerne wird sich urrser nächster Artikel beschäftigei:. Nationalismus und Soeialismus bei Juden, Deutschen und Slaven. Nationalismus und Socialismus von: moderner: Standpunkte aus betrachtet, nicht von dein der Parteischablone, schließei: sich nicht aus, sondern ergänzen einandcr und bilden die Grundlage einer wirklicher: jüdischer: Volkspolitik. Je inehr der nationale Gedanke bei den verschiedenen Völkern Oesterreichs sich vertieft :n:d aufhört, das Monopol der priviligierten Classer: zu sein, je mehr er den Kern des Volkes, die prodücierenden Volksschichten erfasst, umsorr:ehr rnuss er sich socialisieren. Der Nationalismus verliert dadurch seinen lärmenden äußerlichen, vielfach chauvinistischen und dernagogischen Charakter, er hört auf, der Schlachtruf eines Volkes gegen das andere, einer nationalen Partei gegen die andersnationale, oder auch rivalisierender Coterien im selben Volke geger: eirmnder zu sein, er erhebt sich vielmehr aus dieser: Niederungen zu der: lichter: Höhen einer, alle Glieder seirres Volkes un:fassender: Gerneinschaft. Und in einen: ähnlichen Sinne vollzieht sich eine Metamorphose irr: Socialismus. Jemehr derselbe aufhört, der ausschließliche Feldrus einzelner Bruchtheile der Nationen und einzelner politscher Fractionen zu sein, jemehr die Bester: aus allen Ständer: der Nation von der socialer: Neforrnbedürftigkeit des Staates und der Gesellschaft überzeugt Werder:, umsomehr verliert der Socialismus das einseitige Classengepräge und umsomehr wird er national, national nicht ir: reactionäre, sondern in demokratischen: Sir:nc. Auf diese Weise Haber: die nationalen Bourgeoisparter'err der Deutschen urrd Slaver: in: Karnpse miteirmnder und mit der: Socialdcmokraten vielfach aufeinander cir:gewirkt ur:d nranche Modificatior: ihres Programmes bereits vorgcnomnten. Sie werden ir: Zukunft rwch tnehr Modificationer: in den: oben erwähnter: Sinne vornehrner: rnüsser:, widrigenfalls sie durch Gruppen Werder: abgelöst werden, die in gleichem Maße der: ideeller: nationalen, wie reellen ökonomischen Bedürfnissen der Völker und Individuen gerecht Werder:. Gerechtigkeit, ein vielbel-ächeltes Wort von aller: Gewaltspolitikern, unter welcher Flagge sie auch imrner segeln mögen, Gerechtigkeit in nationaler und socialer Richtung, keineswegs aber nationale oder Classenherrschast führen zu nationalem und socialen: Frieden. Beschränkte Vertreter des einseitigen Hurrahnationalisrnus könnten vor: ihren: engen Gesichtskreise aus sagen: ja, was kürnrrrert das alles uns Juden, uns Deutsche, uns Slaveu. Die Vertreter dieser „Anschauung" überseher: vollkomnren, dass eine :r:ehr oder minder parallele Entwicklung bei denBölkern sich vollzieht, und dass n:an aus derEntwicklung des nationalen und socialen Lebens, aus den Fehlern :mb Missgriffen bei anderer: Völkern, die Verpflichtung hat, zu lernen, um dieselben bei seinem Volke zu vermeiden. Hat der erbitterte Kampf zwischen Deutschen und Czechen etwa nur diese beiden Völker geschädigt? Sind nicht die Inder: in Mitleidenschaft gezogen worden? Hat die Er:tartur:g des Nationalgefühles zrrm nationalen Fanatismus bei der: verschiedenen Völkerr:, sich nicht immer und überall, und zwar nicht nur ir: Oesterreich, sondern auch in Deutschland, Russland, Frankreich u. s. w., in erster Lirüe als Rassenarrtisemitsmus geäußert? Waren nicht die Judenexesse imn:er und immer wieder die erster: Kundgebungen des zur Gluthitze attflarnmten rationaler: Wahnsinnes? Hat nicht die irregeleitete sociale Bewegung bei den arischer: Völkern rmtcr der heuchlerischen Maske eines „christlichen Socialismus" sich vorwiegend irr: lvirtschaftlichen Antisemitismus geäußert? Ist nicht ctlva der Widerwille der Völker gegen die Entlarvung des manchcsterlichen Schcinliberalismus dadurch zrrm Ansdruck gekommen, dass er zum Judenliberalismus gestcnrpclt wurde und seine Gegr:er antisemitisch wurden? Und schließlich, hat u:an nicht genügend Gelegenheit, sich zu überzeugen, dass alle Fehler der marxistischen Socialdemokratie ir: nationaler und socialer Richtung von den Nationalsocialen und Christlichsocialen auf das Kerbholz der Juden geschoben werden? Warum? Weil eir: großer Theil derselben heute ir: Ermanglung einer anderer: Partei, sich den Socialdemokraten ebenso bedingungslos verschreibt, wie früher den deutsch-liberalen und chauviuistisch-uationalei: Bourgeoispartcieu. Aus alledeu: ergibt sich deutlich, dass die Juden in gleichem Maße ein Interesse daran haben, dass ihre eigene jüdische Organisation auf einer geläuterten national-socialer: Basis aufgebaut werde und dass es ihnen andererseits nicht gleichgiltig sein kann, vielmehr eir: eminentes Lebensinteresse für sie bildet, dass Nationalisums und Socialismus bei aller: attberen Völkern von den Schlacken und parteimäßigen Auswüchsen der ihnen noch vielfach anhaftender: Unduldsarnkcit und Engherzigkeit losgelöst werde. Und thaisächlich scher: wir, dass dort, wo der national-sociale Gedanke in seiner unverfälschten Reinheit auftritt, in der modernen Form des demokratischer: Nationalismus, wie z. B. in der czechischen Masaryk-Gruppe oder bei den nrthenischen Nadicalcn, da sinder: wir auch das nothwendige Verständnis für die Bestrebungen einer jüdischen Volkspolitik, die Gerechtigkeit geger: unser jüdisches Volk,-die, Anerkennung unseres Rechtes auf freie Entfaltung unserer Nationalität. Es ist auch kcir: Zufall, dass derselbe Pros. Masaryk einer der eifrigsten Vorkämpfer des deutsch-czechischen Ausgleiches, der nationale,: und socialen Gleichberechtigung, zugleich der beredteste Anwalt unseres Volkes unter der: Czechen ist. Dass in Deutsch-Oesterreich kein deutscher Masaryk sich findet, ist einfach darauf zurückzusühren,' dass die vielgerüh'.nte Superiorität der „Deutschen" ir: der Inferiorität des gesammtei: Parteiwcsens Deutsch-Oesterreichs, in eilten.: reacüonärer: Nationalismus, einem verfälschten Christenthum rmd einer kurzsichtigen Classenpolitik einen eigenartigen Comrnentar findet. Doch wir verwahren uns entschieden dagegen, dieser unserer Kritik der politischen Parteien Deutsch-Oesterreichs einen antideutschenStcurpel ansdrücken zu wollen; das deutsche Volk in seiner Gesammtheii identificicreit wir ebensowenig mit seinen sogenannter: Vertretern, als unser Volk identificiert werden will nrit den meiften jüdischen Vertretern in den verschiedenen Körperschaften der österreichischen Monarchie. In Oesterreich, und speciell in Deutsch-Oesterreich, liebt n:an es so sehr, auf das Deutsche Reich zu verlEisen und alles nachzuahmen, leider nicht immer das Gute, sondern gewöhnlich das Schlechte, lvie z. B. der: nationalen Chauvimsintts, der: Antisemitismus u. s. w. Es könnte gar nicht schaden, wenn zur Abwechslung die nationalen und socialen Fractionen Deutsch-Oesterreichs und speciell die „deutschen" Juden von der: reichsdeutschen Parteien, besonders von den jüngerer: Fractionen, den Naumann'schen National-Socialer: mrd vor allen: vor: den Boden-Reformern lernen würden, wie ein nwderner Nationalisnnrs und wie ein moderner Socialisrrnrs aussieht, welche Stellur:g ein moderner, von echt socialen: Geiste durchwehter deutscher Nationalismus zur Judenfrage eir:zur:ehmer: hat. Ohne uns gerade mit den: Programnt des Pastor Naumann zu idcntificiereu, halten lvir immerhin seine Auffassung über die Judenfrage für sehr bemerkenswert. Es sagt: Besteht eine Judenfrage? Ja. Worin besteht sie? Dann, dass die Juden eir: anderer Stamn: sind, als die Deutschen. Lässt es sich erreichen, dass die Inden allein die Staatsbürgerrechtc verlieren? Es lässt sich nicht erreichen, aber selbst, wer::: es erreichbar wäre, würde es ein Unglück sein. Die geeinigte Aiacht des Judersthurns würde danr: staatsfeindlich tverden. Es gibt rnchts Nnklügcres, als eine cii:flussreiche Minorität ir: die Staatsfeindschaft zu treiben, ohne sie doch crükräften zu könrten. Pastor Naumann hält es auch für urrklug, durch staatliche Maßregeln das Judenthmn einzuschränken, weil man dieselbe Erfahrung rnachen würde, wie beirr: Culturkanchf (gegen die kath. Kirche) und beirn Socialister:gesetz, dass man durch Ausnahmegesetze Staatsfeinde schafft. Die Alldeutschen und Christlrchsocialer: Oesterreichs könnten vor: dem Führer der Nationalsocialen in: Derrtscher: Reiche, den: Pastor Naumann, vieles lerrten. Die Frage, ob die sociale Frage eine Juderrfrage sei? beantwortet er: sie ist es nur iu einzelner: Gegenden urwBerufszweiger: und wird in diesen nicht ^durch politischen Antisenritisnrus, sondern durch wirtschastspolitische Maß-, regeln der Lösung näher geführt werden.

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