Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 25 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 25 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. Juni 1901 Seite 5 Talmud zahlreiche qciuz euiqeqeuqesetzte Vorschriften für die „qläiibiqeu" Bekenner dieser Religion ertheilt, z. B. folgende: Mau darf keiner Ware ein täuschendes Ansehen geben oder ihren Wert durch eine Mischung mit schlechterer vermindern (MnimouideS vom Verkauf, Cap. 18.) Der nämliche Schriftsteller sagt: „DeG deinem Nächsten zu erhaltende Vermögen soll dir eben so thener sein, als dein eigenes. Man soll eS sogar vermeiden, Gelvinn an Gegenständen f)it suchen, die zu den nothwendigen Lebensbedürfnissen gehören. (Baba Bathra 01). Die Hohlmaße sollen Zweimal Ivochentlich gereinigt werden mW der Verkäufer soll immer etwas zngeben, als Ersah für allfällig vom Maße fehlendes. (Baba Vathra 8.) Zlvei Arteil von Getreide sollen nicht mit einander vermischt werden. Eine Stelle (JoreDea 205 ) sagt, bei dem Erscheinen vor Gottes Gericht Iverde die erste Frage an einen Israeliten seilt, ob er im Handel rechtschaffen gewesen sei, die zweite, c<> er nicht ganz im geschäftlichen Leben anfgegaugeu sei, sondern täglich eine bestimmte Zeit seiner geistigen Fortbildung gewidmet habe. Volt einem jüdischen Weisen, Nabln Safra, der im dritten Jahrhundert lebte, wird erzählt, dass er sich über den Verkauf einer Ware nicht mit einem Käufer habe einigen können. Nachträglich entschlossen sich aber beide anders. Als nun der Käufer zurückkehrte und den geforderten Preis hinterlegte, gab ihm der Verkäufer zwei Goldstücke mit der Bemerkung, er habe sich seinerseits auch bereits entschlossen gehabt, die Ware nur so viel billiger abzulassen, uitd das utüsse Geltung behalten." London. (Ein Vis ch o f ii b e r d i e I u d c n.) Der neue Bischof von London, Dr. Winnington-Jngron, hat sich in einer Versamnilnng des „East-Londonfond für Inden" in begeisterten Worten über die Inden geändert. Er schätzt die Zahl der russischen Juden im Osten ltub Nordosten Londons ans 100.000. Alle diese Fremden — so änszerte sich ungefähr der jndcnfrcundliche Bischof -— dürften nicht sich selber überlassen bleiben, da ihr Stamm den Christen die Bibel geschenkt hat. Wir sind ihnen auch Genugthuung schuldig für die Misshandlungen, die sie von Seiten der undankbarer! christlichen Welt stets erfahren haben und noch jetzt erfahren. Zahlreiche Juden können durch ihren mnstergiltigen Lebenswandel den Christen als leuchtendes Vorbild dienen. Es ist das ein sparsamer und wahrhaft nüchterner Menschenschlag. „Ich habe noch niemals einen Juden trunken gesehen", sagte mir ein alter Policcman ans Whitechapel. Die Inden besitzen, auch einen rührenden Familiensinn und eine geradezu beivunderungswerte Liebe zu ihren Kindern. ders genährt und erzogen wirb, wenn bas Mädchen jeder Zeitregung Interesse entgegenbringen zu müssen glaubt, sie wacht es auf allen Gebieten zur Dilettantin — das lehrt die Statistik in den Hauptstädten; dass sie aber auch Unglückliche schafft, lehrt die erschreckende Anzahl von Scheidungeil, wie sie ebendaselbst Vorkommen. Diese Art der Erziehung ist darum im allgemeinen für unsere Töchter nicht zu empfehlen, sie ist zu' verwerfen; denn alles, was nur einen einseitigen Standpunkt einnimmt, ist annehmbar. Im allgemeinen ist ein Unterschied zu ersehen in der Erziehung der Mädchen auf dem Laude und in der Stadt. Die Mädchen auf dem Lande sind meist Töchter von Landwirten, Gewerbetreibenden und deren Angestellten. Das Soroka. (E r ii t e a u s s i ch t e n in Nordbessarabien.) Im hiesigen Streife fiel im März und April eine reichliche Regenmenge nieder. Die Wintersaaten stehen gut, die Sommersaaten lassen ebenfalls wenig zu Ivünschen übrig und auch die Banmfrüchte haben von der Kälte sehr wenig gelitten. Aller Voraussicht nach wird die kommende Ernte eine lveit günstigere als ihre beiden Vorgängerilmen sein. Im Kreise Orgjejetv ist Mitte April ein reichlicher Regen niedcrgegangen, welcher den Saatenstand günstig beeinflusst hat. In der Ackerbanschnle bei Orgjejew stehen die Saaten vorzüglich. Koustautmopel. (E i n j ü d i s ch e r D i v i s i o u sg e n e r a l.) Aus Koustautmopel geht die Nachricht zu, dass Jaques Nissim Pascha soeben zlml Divisionsgeneral in der türkischen Armee ernant worden ist. Er ist der erste Jude, welcher zli diesem hoben Range befördert wurde und hat nur in Vieeadmiral Dr. Elias Pascha seinen Vorgänger, welcher in der kaiserlich türkischeil Marine schon seit längerer Zeit einen ähnlicheil hohen Posten bekleidet. ) Dass wir in der heutigen Zeit auf allen Gebieten menschlicher Thätigkeit bedeutende und weittragende Umstaltungeu zu verzeichnen haben, ist eine bekannte Thatsache, allein die Mädchenerziehung hat einen ganz besonderen Umschwung zu verzeichnen. Wie lange ist es her, dass der Mädchenunterricht noch sehr im argeil lag. Man wer bei den Erfolgen derselben sehr genügsaill. Mit dein zwölften Lebensjahr schon trat unsere Mutter aus der Schiile lmd hatte im Hallshalte mitzuhelsen, denn mit dem mmützeil Lerueil durste ilicht viel Zeit vertrödelt werden. Nadel, Wischtllch liild Kochlöffel waren die Abzeichen ihrer Beschäftigung, ein Buch in der Hand des Mädchens war nur au Sabbatheu und Festtagen gestattet. Heute ist alls delil „Zuwellig" ein Zuviel in den meiften Fällen geworden, denn die goldene Mittelstraße ist gar schwer einzuhalteil. Der Bildungsdrang unserer Töchter errang sein Recht, höhere Töchterschulen schließen sich all die achtjährige Schulpflicht, und tritt das Mädchen des gebildeteil, wohlhabenden Mittelstandes mit dem 10. oder 17. Jahre aus dem Lycemil oder aus der Fortbildungsschule, so wird im elterlicheil Hause der Unterricht im Französischen oder Englischen fortgesetzt, die Musik wird eifrigst weiter betrieben, Ulan liialt alich und treibt Kuilststickerei, dann koiilinen audere zeitraubende Verpflichtungen mld Vergnügungen, Theater, Concerte, Vorlesungen, Tanzabende, im Winter Schlittschuhlaufell, im Sommer Tennisspiel, muss mail da nicht frageil: Wanil erhalten diese Mädchen eigeiltlich die Bildung für ihren künftigen Beruf als Hausfraueil, als Muttert Ist es daun ein Wunder, wenn die Untüchtigkeit und Unerfahrenhkit der jlmgen Frau außer mit materiellem Opfer, mit Behagen des Gatteil, oft mit dem Friedeil der jungen Ehe, ja mit ihrem Lebensglück bezahlt werden muss? Dass eine solche Erziehung mir Abtrünnige des Jlldellthums erzieht, weil das flatterhafte Wesen beson- *) Aus den „Mittheilungen des Vereines in-Böhmen". israelit. Landes-Lehrer« sie entsteheil uild lerilt dessen Wert schätzen, weiß das Wertvolle von deiil Minderwertigeil zu scheideil, sie wird zli einer praktischeil Hausfrau, aber auch nur dazu, ausgebildet. ... Die Stadtulädcheil sind Töchter voil Hausherreil, Handel- und Gewerbetreibenden, von Beamten, Lehrern und Offieieren u. s. w. Die Mädchen aus armen Familien treten hier nach volleildeter Schulpflicht zuulcist in ein Dienstverhältnis. Jll den Familien des Mittelstandes vollzieht sich die Erziehung zluncist auf zweierlei Art. Gearbeitet wird voil feinem Mädchen, denn die Zeiten sind nicht mehr, „da Bertha spann". Und die Mütter, die selbst tüchtige Hausfrauen sind, haben nur Sorge, dass die Hände der Töchter in keinerlei Weise an blendender Weiße einbüßten, so verrichten die Töchter gar keine, auch nicht die leichtesten Hausarbeiten. Der Hang zum Vergnügen und Bequemen, das Nachäffen der Manieren und der Tracht der höchsten Kreise, überwiegt alles andere und macht die Mädchen früh alt, blasiert und unzufrieden. „Die Erziehung halte die Mitte zwischen Realismus und Idealismus." Dieser allgemein anerkannte Satz der Pädagogik gilt nicht bloß für die Schulerziehung, er hat feine Berechtigung und Haltung für die ganze Erziehungsdauer. Realismus bedeutet die Beschäftigung mit rein praktischen Dingen, während unter Idealismus der Sinn und die edle Empfindung für Musik, Dichterwerke, erhabene Ideen der Sinn für alles Schölle und Edle gemein:: ist. Ein Mädchen, das Sinn für das Ideale hat, dessen Charakter wird veredelt; ein edles Mädchen wird auch eine edle Mutter, eine edle Erzieherin werden. Darum sollen die Töchter nicht bloß zur körperlichen Arbeit verwendet werden, sondern ihnen auch Gelegenheit geboten werden, sich in idealer Hinsicht auszubilden; sie sollen also andererseits nicht bloß eine schöugeistigeErziehung erhalten, sondern deil Wert, der Hauswirtschaft kennen lernen, selbst eiukaufen gehen, ihre Ansprüche nicht allzu hoch zu stellen, Hamit sie dereinst diese mit den Einkünften des Mannes in Einklang zu bringen imstande sind, gute Mütter und Erzieherinnen werden. Es ist bei uns Sitte, dass deutsche Eltern ihre Kinder zur Erlernung der ezechischenSprache in ezechischellFamilien habeil und umgekehrt. Dieser praktische Usus ließe sich auch in der Mädchenerziehung anwenden. Mädchen aus städtischen Falllilien würden auf das Land zeitweilig gebracht außer dem wohlthätigen Einflüsse auf ihre Gesundheit, arbeiten sehen und es — da es der beste Zeitvertreib wäre, auch lernen und würden sich praktische Erfahrungen sammeln. Für Landmädchen wirkt der Aufenthalt in einer größeren Stadt nicht nur ersprießlich — sie lernen dort die Vielseitigkeit des Lebens kennen und können nach gethaner Arbeit in Museen, Ausstellungen, Theater u. s. w. ihren Geist und ihr Gemüth ausbildeu. Den Mädchen vom Lailde ist zumeist auch im Heimatsorte die Gelegenheit verschlossen, sich für einen Beruf vorzubereiten. Die Berufe, beiten die meisten berufsuchen den Mädchen sich widmen, sind mit jedem Tage zahlreicher, da immer mehr der Arbeit den Mädeben überlassen wird. Es beginnt denn auch schon in den Familien des Mittelstandes, die oft mit Töchtern gesegnet sind, zu dämmern, dass das Auf-eigenem-Fuß-stehcn der Mädchen die beste Versorgung und die reichste Mitgift ist. Für den Lehrstand als Lehrerin, Erzieherin. Bonne oder Kindergärtnerin ist unbedingt Lust und Liebe nothweudig; so etwas lässt sich nicht erzwingen. Dass es selbstredend besser ist, wenn ein Mädcheil eine Lehrerinnenbildnngsanstalt besucht und sich auf diese Weise für deil Lehrberuf gründlich vorbereitet, ist leicht verständlich,. doch finden die welligsten der geprüften jüdischen Lehrerimlen wirklich das Arbeitsfeld, das sie erfahren, eilte Anstellung an einer Schule, den meiften bleibt also die private Lehrthätigkeit. Bei dem Umstande, dass die besten Häuser nur allställdische Kräfte anstellen und inländische für nnnderivertig halten, erhalten unsere Töchter nur Stellen in weniger gut situierten Häusern, wo man mehr auf Kenntnisse und Können als auf die amtliche Abstempelung sieht, und da genügt es, wenn ein Mädchen sich mit guten Zellgnissen der absolvierten Bürgerschule, sowie eines Kindergartencurses allsweist, wie sie die Frauellerwerbvereine in den Hauptstädten geschaffell. Ein solches Mädchen ist bescheiden in seinen Ansprüchen, lässt sich auch, in der Wirtschaft gerne verweildeu und findet in den gefährlichsten Jahren einen trefflichen, ihren Erilst und ihre Ausdauer schärfenden Wirkungskreis, in dem sie, so lange sie das Schicksal nicht denl Frauenberufe zuführt, sich glücklich uild zufrieden fühlt. Eill anderer Beruf, dem sich unsere Mädchen widmen, ist der des Handels oder des Gewerbes. Verkäuferinnen, Buchhalterinnen. Maschiileilschreiberinnell, Cassiererinnen u. s. w. sind lauter gut dotierte Stellen, und hat sich ein Mädchen in ihre Stellung eingewöhnt, die sie zur ernsten, anstrengenden, oft aufreibenden Arbeit veranlasst, gewöhilt sie sich den einzigen freieil Tag — oder halben Tag, der ihr zur Verfügung, zum Aufathmen, zum Vergnügen, zur Erholung bleibt, weise zu ilützeil, wird sie auch in diesem Berufe, der Wohl schwerer ist, aber leichter eine dauernde Versorgung verschafft, froh und zllfrieden bleiben. Dass diese Mädcheil besonders fest im Charakter, fest in ihren guten Grundsätzen fein müssen, dass also denselben vor Eintreten in diesen Beruf eine besondere Vorbereitung durch der Mutter Mund, allßer den Berufsstudien durch Absolvierullg eines Handelscurses werden nluss, liegt auf der Hand. Denn die Verlockung zur Sünde lauert überall, es muss daher stets darauf gesehen werden, dass diese Mädchen Familienanschluss haben, wie es bei denl Lehrberuf selbstverständlich ist. Die Berufe als Schneideriil, Stickerin, Modistin setzen individuelle Geschicklichkeit, Geschmack und Chik voraus, ohne welche man in einem dieser Gewerbe es ilicht gut zu etwas bringen kann. Dass Töchter armer jüdischer Familien, die es vielleicht zum Aneigneu von besonderen Kenntnissen theils mangels an Gclgenhcit oder mangels an Fähigkeit nicht gebracht haben, anstatt uin jeden Preis irgencineu armen Hausierer oder einen sein Handwerk aus Bequemlichkeit nicht mehr ausübenden jungen Mann zu freien und ein Häuflein Ungück und Noth gleich von allem Anfang zu bilden, besser thun, wenn sie in ihren jungen Jahren sich als Dienstmädchen — Arbeit schändet nicht — verdingen, es allmählich zur gut dotierten, geschätzten uild auch geachteten Köchin bringen, sich einen Sparpfennig erwerben und gereiften Sinnes, wenn auch kälteren Herzens, später sich den ersehnten aHusstand gründen, wird jeder Vernünftige für richtig erkläreil. Leider herrscht diesbezüglich in Israels Mitte viel Bettelstolz, der unangebracht und bei der heutigen soeialistischen Strömung nicht eßimal modern ist. — Wir können noch viel Berufe aufzählen, denen sich unsere Töchter widnlen könnten, als Beamtinnen der Post, des Telegraphenamtes u. s. w., auch als rKankenpflegerinnen steht ihnen ein weites Feld der Thätigkeit offen; selbstredend ist dieses Feld nicht jedermanns Geschmack, denn nicht jeder besitzt die Natur, die selbstlose, auf jedes Vergnügen verzichtende zarte und dabei doch energische Natur. Üebrigens ist diese Berufsart in unserer Mitte noch viel zu neu und darum viel zu wenig eultiviert, auch da schadet das Großthun, das ein bescheidenes Wirken bei uns oft leider verachtenswert erscheinen lässt. Alles in allem geht unser Rath dahin, dass unsere Mädchen in Stadt und Land einem Beruf zugeführt werden, denn die festgefügte Zeiteintheilung, die eng umgrenzte Pflicht erzieht das Pflichtgefühl, lässt auch die Mädchen den Wert des Erworbenen schätzen, denn jeder ernste Beruf mit den Einflüssen der Umgebung bereitet sie vor für jenen. Beruf, welcher Ausdauer, Ernst, Lust und Liebe im höchsten Maße verläilgt, für den Beruf — nur Mutter zu sein. F. Ein Märtyrer. Unter diesem Titel widmet Rechtsanwalt Hugo Sonnenfeld in Berlin, einer der Vertheidiger des Moriz L e w y in Könitz, diesem Rechtsfalle folgende Ausführungen: „Büßt Moriz Lewy nur den Meineid?" Mit dieser Frage beschließt ein pommersches Antisemitenblättchen die Nachricht, dass das Reichsgericht in Leipzig die Revision gegen das Konitzer Schwurgerichts-Urtheil zurückgewiesen hat. „Büßt Moritz Lewy überhaupt einen Meineid?" So fragen wir und antworten aus voller Ueberzeugung, doch auch im Sinne des Antisemitenblättchens: „Moriz Lewy büßt den Tod Winters." Das ist das Geheimnis der Tragödie, in welcher Moriz Lewy den Ränken gewerbs- und gewohnheitsmäßiger Hetzer zum Opfer gefallen ist. 'Die Verdächtigung, dass die Juden, insbesondere die Familie Lewy in Könitz, die Mörder Ernst Winters seien, hat es zuwege gebracht, dass Moriz Lewy eines Verbrechens schuldig gesprochen wurde, das er nie begangen hat! Verführt und verlockt durch die „Träger der Bildung und Gesittung", glaubt das einfache Volk .in Stadt und Land Könitz, dass Ernst Winter das Opfer eines „Ritualmordes" der Juden sei. In diesem Glauben wurde es rachedurstig, wurde es blind; kein Wunder, daß der eine Theil zum offenen Landfriedensbruch übergieng, während ein anderer Theil alles daran setzte, die Juden durch Lug und Trug bei den Behörden zu verdächtigen, um sie unier dem Deckmantel geordneter Rechtspflege ihrer Freiheit, ihrer Ehre zu berauben! In der Hetze gegen Moriz Lewy tritt uns die Erkenntnis zwingend gegenüber, dass sein angeblicher Meineid nur das Mittel war, um ihn, den Unschuldigen, dem Zuchthaus zu überliefern. „Können wir die Juden nicht des Mordes überführen, dann sollen sie wenigstens wegen Meineids ins Zuchthaus kommen," so ungefähr gab die „Staatsbürger-Zeitung" ihrer Nächstenliebe gelegentlich Ausdruck. Und sie hat es erreicht! Moriz Lewy bi fit nicht seinen Meineid, wohl aber den Tiefstand menschlicher Erkenntnis und Gesittung, er büßt, w e i l er e i n I u d e i st und weil „die Juden" beschimpft und verleumdet werden. Was hat Moriz Lewy denn beschworen? Er hat eidlich erklärt, e s 'ei wohl möglich, dass er von Winter gegrüßt wurde, wie er von vielen jüngeren Schülern des Gymnasiums gegrüßt wurde, ohne dass er sie kenne. Gr hat beschworen, dass er auch w o h l gelegentlich mit Winter gesprocheu habe n, mit ihm auch ntal zusammen gegangen sein könne, dass er ihn aber nicht m i t Namen gekannt habe! Und keiner der Zeugen hat letzteres bekunden können; niemand hat sich gefunden, der mehr zu bezeugen wagte, als Moriz Lewy selbst von vornherein unter Eid als möglich erklärt hatte. Dass der 27jährige Fleischergeselle mit einem 17(ährigen Tertianer zusammenstand, erschien allen Zeugen, welche dies einmal beobachtet haben wollten, als sWhr ausfallend! Alle fragten sich, wie der sonst so „stolze" Winter zum Fleischergesellen käme! Dass ein in der That so erstaunlich auffallendes Begebnis in der kleinen Stadt Könitz vielfach bemerkt wurde, ist nur natürliche! Und nun kam ein jeder und versicherte, er habe Winter und Moriz Lewy einmal in der Danziger Straße zusammen gesehen! Dass die zehn Zeugen ei nenundden selben Fall beobachtet hatten, darauf ist seitens der Bertheidigung vergeblich hingewiesen worden. Aehnlich war es vor Jahren in dem Neustettiner Synagvgenbrand-Processe! Viele Leute hatten einen Angeklagten eine Petroleumkanne tragen gesehen, und da hatte das erste Schwurgericht geglaubt, es handle sich um ebensoviele Petroleumkannen, als Zeugen dafür ausgetreten waren