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Jüdisches Volksblatt · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Date
1901-06-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 14. Juni 1901 Nr. 24 Excedenten in Gewahrsam nehme, damit sie in Hamburg der Behörde übergeben tverden. Doch der Capitän lehnte nicht nur jede Intervention ab, sondern war sogar darauf bedacht, den beiden Gewaltthätern ihre Freiheit zu sichern. Als wir nämlich in die Nähe von Cherbourg gelangten, klopfte der erste Officier des Schiffes an meine Cajüte — ich lag noch krank zu Bett — und forderte mich auf, das Schiff zu verlassen, damit ich in Cherbourg ins Spital gebracht werde. Ich weigerte mich entschieden mit dem Hinweis darauf, dass ich die Ucberfahrt bis Hamburg bezahlt habe. Eiugeschüchtert durch die früheren Vorfälle sperrte ich die Thür ab und gestattete niemandem den Eintritt. Um meiner Anzeige gegen die beiden Reisenden in Hamburg vorzubeugen, wollte mich nämlich der Capitän in Cherbourg ans Land sehen. Da ihm dies nicht gelang, setzte er in Cherbourg die Herren Kuhlen und Haase ans Land. Ich verlieh in Bremerhaven dasSchiff und machte in Hamburg bei der Direction der Hamburg-Südamerikanischen Schifffahrt-Gesellschaft die Anzeige des Vorfalles, indem ich mich gleichzeitig über die uncorrecte Handlungsweise des Capitäns beschwerte. Man versprach mir zwar dort, den Fall zu untersuchen und mich von dem Ergebnis zu verständigen, doch habe ich, trotzdem schon mehrere Wochen vergangen sind, keine weitere Nachricht hierüber von der Gesellschaft erhalten. Fast ausnahmslos haben sämmtliche Passagiere des Schiffes gemeinsam eine Beschwerdeschrift über das Vorgehen des Capitäns an die Gesellschaft gerichtet. Zur Wahrung meiner Rechte habe ich die Angelegenheit dem Rechtsanwalt Herrn Dr. Dehn in Hamburg übergeben." Wien.(Ein jüdischerUnterlehrer — Renegat.) Am 3. d. M. trat der jüdische provisorische Unterlehrer Arthur Deutsch sammt Frau und zwei Kindern zum Katholicismus über. Das Judenthum hat an diesem Renegaten nichts verloren, das Christenthum nichts gewonnen; nur der christlich-sociale Lehrerverein, der sogencknnte „Verein der Streber und Schulfeinde", dürfte um ein Mitglied vermehrt werden. Es wäre also die Angelegenheit an sich ohne weitere Bedeutung. Aber in der gegenwärtigen Zeit hat oie Taufe eines jüdischen Unterlehrers doch auch eine priucipielle Bedeutung, und darum wollen wir uns mit dem Herrn, dessen Name dann weiter nicht gedacht werden'soll, etwas beschäftigen! Seit dem Tage, da Dr. Lueger mit seiner Hochedie Majorität in der Gemeindestube erreicht hatte und die christlich-sociale Partei demgemäß auch auf die Ernennung der Lehrpersonen bestimmenden Einfluss hat, ist keine jüdische Lehrkraft avanciert. Männer mit 8—16, Frauen mit 8—20 Dienstjahren fristen mit einem wahren Hungerlohn ihr elendes Unterlehrerdasein. Sie haben stets gewissenhaft ihre Pflicht erfüllt, werden sie auch weiter erfüllen, ob man sie avancieren lässt oder nicht, denn die jüdischen Unterlehrer und Unterlehrerinnen wollen die Schandthaten der „Rathhauschristen" die ihnen anvertrauten Kinder, und seien es «ad) Kinder christlich-socialer Eltern, nicht fühlen lassen! Die jüdisd)en Unterlehrer haben fünf Jahre im Kampfe ausgeharct, — nun ist einer gefallen! Und nun fragen wir: Hat den Mann etwa die Liebe zum katholischen Glauben in den Schoß der allein seligmachenden Kirche getrieben? Darüber sind sich gewiss alle denkenden Menschen und sogar die Herren im Rathhause klar. Etwa die Noth? Auch das nicht! Freilich, der Arme hat 10 Dienstjahre, hat Bürgerschullehrer-Prüfung und ist noch immer provisorischer Unterlehrer. Aber in materieller Hinsicht hatte es der Arme gewiss nicht nothwendig, sich zu prostituieren. Er hat 600 fl. Gehalt, seine Frau als Nordbahnbeamtin 000 fl.; außerdem ist der Arme an zwei jüdischen Instituten als Lehrer thätig, so dass er ein jährliches fixes Einkommen von mindestens 2000 fl. hatte. Welcher jüdische Unterlehrer hat auch nur die Hülste dessen? Und doch sind gerade die ärmsten unter ihnen standhaft, hungern mit Weib und Kind und würden es nicht einmal wagen, daran zu denken, sich der brutalen Gewaltherrschaft der Christlich-Socialen zu unterwerfen! Wie sagte doch ein Wiener Richter anlässlich einer Ehrenbeleidigungs-Berhandlung in einer Urtheilsbegründung, als ein Lehrer einen anderen eine „nievrige Seele", einen „Heuchler" nannte, weil er, um avancieren zu können, seine Ueberzeugung preisgab, seine Gesinnung wechselte! Der Richter sagte : Der Wahrheitsbeweis ist vollkommen gelungen; denn wenn jemand um materiellen Vortheiles willen seine Ueberzeugung ändert, seine Gesinnung ändert, so ist er ein „Heuchler", eine „niedrige Seele." Doch genug! Wenn ein jüdischer Unterlehrer diesen verdammenswerten Schritt unternommen hätte, um seine Familie endlich einmal dem Hunger zu entreißen, so würde man diesen Schritt wohl nicht entschuldigen, aber vielleicht begreifen! Der Mann aber, der den unbeugsamen jüdischen Unterlehrern in der abgelaufenen Woche einen solchen Faustschlag versetzt hat, war materiell geschützt und hat lediglich aus „Streberei" sein besseres „Ich" weggeworsen. Die jüdischen Institute aber, in denen dieser Herr beschäftigt ist (denn er nimmt auch jetzt noch sehr gerne jüdisches Geld), werden wohl wissen, wohin sie den Herrn zu setzen haben. Wir machen hiermit die Leitung der Handelsschule für jüdische Mädchen, II. Kaiser Josefstraße 32, sowie das Institut Szanto auf diesen Gesinnungs—menfchen aufmerksam; jüdische Kinder dürfen einem Renegaten nie und nimmer anvertraut werden! Herrn Dr. Karl Lueger aber wollen wir, damit er nicht etwa glaube, dass er die Frage bezüglich der Anstellung der jüdischen Unterlehrer und Unterlehrerinnen auf die geschilderte Art lösen werde, sagen: „Mag der eine fidh 1 auch so tu eit erniedrigt haben — die jüdischen Unterlehrer und -Lehrerinnen w erden fest bleiben, ihre Ueberzeugung, ihr Volk, ihren Glauben nicht um schnöden Bort heiles willen preis geben; — siewerden kämpfen sürihrRecht; aber sich ergeben, sich prostituieren, zu „Heuchlern" und „niedrigen Seelen" werden sie nie, niemals! Wie». (Ein Brief Hilsners.) Wlr erhalten Einsicht in einen Brief Hilsners, den der Verurtheilte aus der Haft in Pisek an seine Mutter gesendet hat. Er lautet folgendermaßen : Pisek, am 4. Juni 1901. Liebe Theuere Mutter ich bin gesund bei alle meine Leiden und Kummer. Es ist mitt mir ein großes Unglück und mitt euch, daß ich leider Gott Unschuldig verurtheilt bin. Die Nichtigkeitsbeschwerde ist verfügt (verworfen) beim Obersten Gericht. Liebe Theuere Mutter, kränk dich nicht, ich werde das Schmerz behalten und werde gedulden. Es wird ja die Zeit kommen, Es wird nicht lange dauern, daß die Mordthat ausgeforscht wird und die rüchtigen Mörder, denn so was bleibt ja ntcht verschwiegen. Ich werde müssen in Unschuld eine Zeit gedulden, der Liebe Gott hat aus mich das Unglück geschückt. Die Sache ist noch in Wien, ich tvarte es jeden Tag. Wenn es kommen wird, so werde ich kommen nach die k. k. Landesstraf-Anstalt nach Prag. Bis es kommen wird, so tverde ich dir schreiben und werde dir die neuen Kleider, die Blauen und die anderen Sachen zu Hause schicken, und verkaufe nichts von die Sachen. Es kann bald ausgeforscht werden, so werde ich entlassett werden. Liebe theuere Mutter auch muss ich dir schreiben, sollte ich nach Prag kommen, so wirst du mich mit Moritz besuchen können. Es thut mir sehr leid, daß die Tante so schtver krank ist. Kränke dich nicht, Gott wird schon meine Unschuld erhören, es wirkt am Tageslicht kommen, wer schuldig rst, welche die Mörder sind. So was bleibt nicht verschwiegen und Mehr kann ich dir nicht schreiben für heulte. Für heulte muß ich dir auch sck)reiben, wentt es dir möglich ist, mir etwas Geld zu schicken, drei oder vier Kronen. Vielleicht in es schon zum letztenmal. Rach Prag kattust du mir nichts schicken, sie werden mir nichts annehmen, weil es in Strafe wirk sein Kerker. Ich grüße dich vielmals und Tante Jetti l.ß ich grüßen bleibe dein treuer Sohn Leopold H i l s n e r, k. k. Kreißgericht in Pisek. Lieber Bruder Moritz! Dir muß ich schreiben, das ich werde gedulden das Schmerz Das ich in Unschuld bin, das weiß die ganhe Wellt. Es wird schon am Taalicht kommen, wer die Mörder sind. Wenn ich nach Prag werde kommen, so kannst mich besuchen mitt die Mutter. Ich Grüße dich viellmals und bleibe dein treuer Bruder Leopold Hilsner, k. k. Kreißgericht in Pisek am 4. Juni 1901. Wien. (Das Siechenhaus der israeliti schen Cultusgemeinde.) In feierlicher Weise wurde am 9. d. M. die Schlusssteintegung an dem aus Anlass des fünfzigjährigen Negierungsjubiläums des Kaisers errichteten Siechenhause der israelitischen Cultus gemeinde im 9. Bezirk, Seegasse Nr. 9, rwrgenommen Das Gebäude war festlich geschmückt. Im Vestibüle des staatlichen Gebäudes sind Marmorplatten angebracht, deren Inschrift an das Jubiläum des Monarchen und an die Gründer und Stifter, sowie an den Erbauer Baurath W. Stiaßny erinnert. Die schöne Feier wurde im großen Fest saale des Institutes abgehalten. Ein Festgrsang leitete die Feier ein, worauf kaiserlicher Rath Klinger die Festgäste be grüßte und in langer schwungvoller Rede eine Darstellung der Entstehung des Hauses gab, wobei er aller Förderer, insbesondere der Baronin Clara Hirsch gedachte. Redner hob ferner die hingebungsvolle Arbeit seines College« im Vorstande, des Vaurathes Stiaßny, der Arbeiter und aller Werkleute hervor und dankte den Mitgliedern des Damen comitees, besonders der Vorsteherin desselben Frau Jda Diamant. Kaiserlicher Rath Klin gerschloss seine Rede mit einem Hoch auf den Kaiser. Hierauf verlas Baurath Stiaßny die Schlusssteinurkunde und es folgte die Cere monie der Schlusssteinlegung. Der Erbauer ergriff nun das Wort, um allen zu danken, die ihm helfend zur Seite gestanden. Sodann gaben alle Anwesenden die drei üblichen Hammerschläge, worauf Rabbiner Dr. Güdemann die Festrede hielt und den Schutz und Segen Gottes für das menschenfreundliche Werk anrief. Rach Absingung des 118 Psalmes durch das vom Obercantor Bela Gutmann geleitete Chorpersonal wurde die Volkshymne intoniert Damit schloss die schöne Feier. Zboröw. (Ein toleranter Kirchenfürst. — Schulfeier.) In der gegenwärtigen antisemitisch verseuchten Zeit, wo das vielgeprüfte Jndenthnm von den Roheiten des Antisemitismus so viel zu leiden hat, ist es als eine erfreuliche Tha ^ache zu bezeichnen, wenn ein katholisches Kirchenoberhaupt sich gegen den Antisemitismus ausspricht und denselben von der Kanzel herab verdammt. Vergangenen Montag den 3. d. M besuchte der römisch-katholische Erzbischof Weber aus Lemberg auf seiner Visitarionsreise auch unsere Stadt. Die Kirchenbehörde und Stadtgemeinde bereiteten dem hohen Gaste einen sympathischen und begeisterten Empfang, zu dem auch die jüdischelGemeinde und die Baron Hirsch-Stiftungsschule eine ehrenvolle Einladung erhielten. Dieser Einladung folgen!), postierte sich die jüdische Deputation, mit dem Rabbiner Sr. Ehrwürden Herrn David Kleinhändler und dem Cultnsvorstande Herrn Jacob Katz an der Spitze, sowie der gesammte Lehrkörper sämmt Schuljugend der'Baron Hirsch-Schulemit -einer jüdischen Fahne unter Führung des Schulleiters Herrn Isidor Gezelt an der errichteten wunderschönen Ehrenpforte. Bei seiner Ankunft schritt der edle Kirchenfürst auf die jüdische Deputation zu tmd begrüßte dieselbe freundlichst, und als der Rabbiner den hohen Gast im Namen unserer Religion und unserer jüdischen Bevölkerung in kraftvollen Ausdrücken ln deutscher Sprache willkommen hieß, war derselbe ob dieser Huldigung sichtlich sehr gerührt, erwiderte in leutseligster Weise, drückte dem Rabbiner collegial und liebevoll die Hand und dankte für den Empfang in herzlichen und warmen Worten. In seiner Predigt, welche er vor einer nach Tausenden katholischer Zuhörer zählenden Versammlung hielt, sowie in allen seinen Predigten in seiner Diöcese ermahnte er zu wiederholten malen und in beredten Worten seine Zuhörer, mit den Juden in Eintracht und Frieden zu leben, sich an ihrer unerschütter, lichen Frömmigkeit, ihrem moralischen Wandel und ihrer Lebens-'' weise ein Beispiel zu nehmen und sich nie gegen sie zu versündigen! Mögen die Ermahnungen dieses edlen Kirchenfürsten ihre Früchte tragen. — Am 5. d. M. veranstaltete die hiesige Baron Hirsch- Stiftungsschule das übliche sogenannte Maifest für ihre Zöglinge. Unter Klängen der Musik bewegte sich der imposante Zug unserer Kleinen, zwei Landes- und eine jüdische Fahne tragend, durch die Stadt und machte einen Ausflug nach dem nahen Haine „Bojarszczyzna" genannt. Dort angelangt, wurden die Kmder bewirtet und durch Spiel und Gesang aller Art amüsiert, wobei es selbstverständlich an jüdisch-nationalen schönen Liedern nicht fehlte. Unter den vielen Gästen bemühten sich besonders die Gutspächter von Bojarszczyzna und Jarczowce, die edlen Herren Schwäger Schächter und Nagelberg, die Lehrer und Kinder reichlich zu bewirten. Der rühmlichst bekannte Redner Herr Löbl Taubes aus Kolomea, der bei Herrn Schächter zu Gast weilte und somit auch dem schönen Kinderfeste beiwohnte, konnte angesichts dieses herzerhebenden Festes, der guten Erziehung und Benehmens der Kinder nicht umhin, eine Rede vom Stappel zu lassen, in welcher Redner die segensreiche und heilbringende Wirkung der Baron Hirsch-Stiftung und die vorzüglichen Leistungen der hiesigen Schule pries. Der abends bei der Rückkehr in die Stadt projectierte Fackel- und Lampionzug wurde durch den eingetreten Regen leider vereitelt. Juda Ladiner. Gorliee. (Verband der jüdischen Jugend.) Am 6. d. M. wurde hier der neugegründete Verem „Zwiazek; mJodzifizy 2ydo\vskiej" (Verband der jüdischen Jugend) eröffnet. Harte Mühe kostete es, dieses Unternehmen zustande zu bringen, die orthodoxe Judenschaft mit dem obligatorischen „Zadik" an der Spitze leisteten heftigen Widerstand und warfen Acht und Bann auf diejenigen, die dem Verbände beitreten, sogar die Frauen greifen activ in die Reaetion ein, und ihnen siel die ehrende Aufgabe zn, die einzelnen Gründer auf offener Straße zuinsultieren. Die Handvoll Leute, denen es ernst mitder Sache ist und die den redlichen Willen bekunden, ein wenig Licht in den stockfinsteren Reihen der jüdischen Jugend zu verbreiten, lassen sich durch diesen Terrorisntus nicht beirren und schreiten aus der betretenen Bahn rüstig weiter. Der Berein wurde mit einer Anzahl guter ZeitungenundZeitschriftensowie einer Bibliothek auserlesener Werke ausgestattet, auch werden gemeinverständliche Borträge, vorzüglich aus der jüdischen Literatur ttnd Geschichte, abgehalten werden. Den Anfang macht»! bereits am 8. d. M. Herr S o f f e r m a n n, und sein anderthalbstündiger, wohldurchdachter, interessanter Vortrag über die Geschichte der jüdischen Literatur [anb allgemeinen reichen Beifall. Anstand. Berlin. (Der Verein zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutsch- und den Moritz lass ich grüßen. Ich schließe mem Schreiben nndjl (i n d s) erstattet Bericht über das dritte Jahr semer Tha tigkeit. Der Verein zählt heute 34 Gruppen mit 1006 Mitgliedern, während am Schlüsse des vorigen Jahres 10 Ortsgruppen mit 461 Mitgliedern existierten, ein Erfolg, der im wesentlichen auf die propagandistische Thätigkeit des Generalsecretärs Herrn Dr. Ernst Tuch zurückzuführen ist. Während bis jetzt die Thätigkeit des Vereines in der Hauptsache sich darauf beschränken musste, sein Ziel, die ärmeren jüdischen Kreise durch Hinüberführung zur Landwirtschaft dem drohenden Verfall, hervorgerufeu durch die allgemeinen Verhältnisse des Handelsstandes und durch die Thätigkeit des Antisemitismus, zu entreißen, der größeren jüdischen Oeffentlichkeit klarzulegen, gedenkt der Verein nunmehr, seine Ziele dllrch eine praktische Demonstration der Verwirklichung näher zu führen. Es soll dies erreicht werden durch die Errichtung einer ersten Colonie jüdischer Ackerbauer in Deutschland. Man beabsichtigt, ein zur Ansiedlung geeignetes Gut anzukaufen, und gibt sich der Hoffnung hin diesen Plan noch in diesem Sommer verwirklichen zu können. Die zu schaffenden Bauern- und Gärtnerstellen find als Erbpachtstellen unveräußerlich und der Betrieb soll mit Capital sowohl wie mit Arbeitskräften derart versorgt werden, dass eine genügende Rentabilität erlvartet werden darf. Sobald ein derartiges Besitzthum gefunden ist, erwartet man mit Sicherheit, dass die erforderlichen Geldmittel aufgebracht werden, und gedenkt man sodann eine eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht oder eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu begründen. Berlin. (Ein Märtyrer.) Der „I. P." ist nachstehendes Schreiben des unglücklichen Moritz Levy an seine Eltern zur Verfügung gestellt worden: Gerichts-Gefängnis Könitz den 19. Mai 1901. Meine lieben Eltern! Die Würfel sind gefallen, und werde ich höchstwahrscheinlich in nächsten Tagen nach meiner neuen Heimath" überführt. Deshalb will ich Euch noch von hier aus einige Zeilen zukommen lassen. Bor allen Dingen bitte ich dringend darum, daß Ihr Euch keineswegs um mich grämt und Euch mit denselben Gedanken tröstet, wie ich es thue. Wie Ihr mir versichert habt, seid Ihr fest von meiner Unschuld überzeugt, und hierin müßt Ihr Trost finden. Es ist doch für Euch, liebe Eltern, bedeutend tröstender, wenn Ihr sagen könnt, unser Kind leidet unschuldig, als wenn Ihr sagen nt ü ß t et, der Junge ist schuldig und hat uns dadurch viel Schmach und Schande bereitet. Ja, liebe Eltern, ich bin und bleibe ein Märtyrer für sehr viele Menschen. Noch habe ich das Vertrauen in die göttliche Gerechtigkeit nicht verloren und hoffe, daß, wenn auch nicht jetzt, so doch später, meine Unschuld an's Tageslicht kommen wird. Und sollte ich mich wirklich vor den weltlichen Herren Richtern nicht verantworten können, so kann ich es aber einst vor Gottes Richterstuhl mit reinem Gewissen. Ich will dann doch lieber bei einer Partei Menschen als Schuldiger gelten, wie vor Gott einer fein. Als mich Herr Rechtsanwalt Sonnenfeld das erste Mal in Gegenwart des Herrn Landrichters Dr. Z i m m e r m a n n besuchte, ermahnten mich beide Herren eingehend und belehrten mich dabei wohlwollend, wenn ich gefehlt, also die Unwahrheit beschworen haben sollte, dann möchte ich doch im Masloff-Prozeß der Wahrheit die Ehre geben. Was antwortete ich darauf : „Wenn ich gefehlt, wenn ich die Wahrheit verletzt hätte, so würde ich dankend die Belehrungen der Herren annehmen. Da ich aber nur die reine Wahrheit nach b e st e m Wissen beschworen habe, so könne ick; nichts an meiner Aussage ändern, ich will dann lieber eine verschärfte Strafe unschuldig erleiden und verbüßen, als mir die Strafe durch Unwahrheit vor Gericht mildern." Wie sehr ich mich jetzt freue, daß ich so fest an der Wahrheit gehalten habe, kann sich niemand denken. Nun ist nt e i u Gewissen mit Nichts belastet, und ich stehe wenigstens vor Gott rein da. Außer mir weiß nur Gott allein meine Unschuld. Wenn auch s ehr viele Menschen davon überzeugt sind, so kann mir doch Keiner in's Herz 'ehen, da es sich bei mir ja wesentlich um innere Vorgänge handelt. Liebe Eltern, Ihr kennt meinen Charakter, auch mein Gemüth. Wenn ich Euch etwas sagte, so konntet Ihr darauf bauen. Ebenso fühlte ich mit meinen Mitmenschen. Ihr werdet Euch doch noch zu erinnern wissen, wenn Bettler, ganz gleich welcher Confesston, zu uns kamen, so ließ ich keinen leer ausgehen, und hatte ich mal nicht passend Geld oder sonst nichts paffendes im Geschäft, habe ich nie den Laden betreten, weil ich keinen Menschen abweisen konnte. Ich sagte mir stets, nichtjeder Mensch ist schuld an seinem Unglück, er kann durch Bosheit Anderer schuldlos in das Unglück gerathen und von Stufe zu Stufe sinken." Und der Mann, der also schreibt, soll einen „bewussten Meineid" geschworen haben, den er mit vier Jahren Zuchthaus büßen muss! Berlin. (Hilfsverein der deutschen Juden.) Eitt Comitee von 23 attgesehenen Glaubensgenossen unter dem Vorsitze des General-Consuls Eugen aLttdau hatte für den 28. Mai eilte Versammlung nach hier berufen zur Beschlußfassung über die Bildung eines Hilfs-Vereins der deutschen Juden. Der Statutentwurf, der die Zwecke des neuen Vereins festlegen sollte, fasst die Aufgaben folgendermaßen zusammen: Es soll die sittliche, geistige und wirtschaftliche Entwicklung der Glaubensgenossen, nnd zwar insbesottdere auch im östlichen Europa rtttd in Asien, gefördert werdet:. Der Berliner Einladung war fast ausnahmslos die lebhafteste Sympathie entgegengebracht worden; auch diejenigen Herren, die am Erscheinen gehindert warett, gabett schriftlich ihrer Zustimmung Ausdruck. Herr General-Consul Eugen Landau eröffncte die Versammlung und begrüßte insbesondere die von austvärts Zugereisten. Es wurde hierauf die Generaldebatte darüber eröffnet, ob die Bildung einer Bereinigung zn dem angegebenen Zjvecke wünschenswert set. Bott den verschiedensten Rednern, auswärtigen wie Berlinern, wurde die Nothwendigkeit einer solchen Gründung anerkamtt, demt es sei in Deutschland kein Vereitt vorhanden, der itt umfassender Weise die gesteckte Aufgabe zu lösen mtteritehmen köttne. Diese Lücke soll ansgefüllt werden, aber eö könne keine Rede davon sein, daß die neue Vereinigung den Zweck habe, irgendeiner bestehenden Organisation feindlich oder auch ttur hinderlich in dctt Weg ztt treten. Nachdem über oiesen Punkt Klarheit geschaffen war, beschlossen die Anwesenden, sich als Hilfsvereitt der deutschen Inden zn cottstituieren. Die Wahlen in das Central-Comitee und deit geschäftsführenden Ausschuss fielen auf 60 Herrett außerhalb Berlins, wobei alle großen Gemeinden vertreten sittd, und auf 39 Berliner Herrett. Sämmtliche anwesenden Herren erklärten, sich zur Annahme der Wahl bereit, von der Mehrzahl der Nichtanwesenden, die sich entschuldigt hatten, lag die hriftliche Erklärung vor, dass sie eine eveutuelle Wahl annehmen würden. Nachdem eitt Aufruf an die Glaubensgenossen einstimmig genehmigt worden tvar, mürbe beschlossen, bis zum Herbst die organisatiortsche Thätigkeit in Deutschland selbst nach Möglichkeit zu fördern, damit alödantt die materielle Basis vorhanden sei, um nach Prüfung der Vorschläge der eingesetzten Subcommisstonen unmittelbar die praktische Thätigkeit beginnett zn können. Als nächste

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