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Jüdisches Volksblatt · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Date
1901-06-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. U Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 14. .Juni 1901 Seite Z Bauern ausbeuten. Darauf basiert auch der galizische Antisemitismus. Hilfe kann nur durch die Industrialisierung Galiziens geschaffen werden, die es ermöglichen würde, den jüdischen Proletariern in Fabriken Erwerb zu verschaffen. Gerade auf wirtschaftlichem Gebiete, aus dem das Abgeordnetenhaus in der letzten Saison thätig war, ist auch in Zukunft noch viel Arbeit erforderlich für Galizien und für das ganze Reich. Sociale Reformen, Demokratisierung des gesammten Staatswesens, nationale Gleichberechtigung sind die Heilmittel zur Gesundung der österreichischen Gesammtmonarchie. Juden und Polen?) von Dr. Mayer Ebner. II. Leute, die das Gras wachsen hören, wollen es herausgesunden haben, dass an dem Antisemitismus da und dort immer nur der geringe Eifer der Inden sich den anderen Völkern zu assimilieren, die ausschließliche Schuld tragen Die Leute, die das sagten, haben es vielleicht ehrlich gemeint, aber es war ein nichsnutz'ger Rath, den sie uns gaben. Abgesehen davon, dass eine consequeute Durchführung der Assimilation zur Amalgamation, zur Tanfe, Mischehe, sohin zum Untergänge des Judenthums führen muss, haben gerade die krampfhaften Assimilationsvestrebungen den Antisemitismus erzeugt. Es war den arischen Völkern des gebildeten Europa nach der feierlichen Verkündung der Gleichstellung der Juden mit den anderen die Ueberzeugnng aufgekommen, dass der jahrtausende, lange Druck uns dennoch nicht, weder körperlich noch seelisch, degeneriert hat, dass wir im Gegentheil vielleicht gerade infolge der Erziehung im Ghetto bessere Lebenskünstler sind als die anderen. Als Damm gegen die Ueberflutnng durch jüdisches Capital, jüdischen Geist und jüdische Strebsamkeit stellte sich der Antisemitismi-s hin. Mau verzeihe mir diese kleine Excursion in dieses bereits ausgetretene Gebiet. Die Geschichte der Juden in Galizien ist der classische Beleg für die eben angeführten Behauptungen. Die Polen in Galizien standen bis vvr einigen Jahrzehnten einem verknöcherten Judenthnm gegenüber, welches sich mit zähem Eifer gegen den anskiäreuden Geist des Deffauers (Mendelssohns) wehrte. Dieses galizische Judenthnm hatte im Verlaufe der letzten Jahrhunderte eigentbümliche Formen angenommen. Während es im Mittelalter eine specifisch jüdische Tracht nicht gab — die alten Kupferstiche zeigen uns MaimonidcS im arabischen Turban, die deutschen Rabbiner in altdeutscher Tracht — entwickelte sich tut Königreiche Polen eine jüdische Nationaltracht. Die Umgangssprache der Juden wurde zu einem Sammelsurium von deutschen, hebräischen und slavischcn Worten. Man setzte alle profanen Wissenschaften auf den Index, der Talmud wurde zur jüdischen Encyklopädre erklärt, während die einfache Schönheit der Bibel und die altjüdische Poesie gering geschätzt wurden. Die gegen Ende des 18. Jahrhunderts anftauchenve und bis in die Gegenwart hineinragende chassidäische Richtung trug noch mehr zur Verknöcherung des Judenthums in Galizien bei. Der polnische Adel —wer war in Polen nicht adelig! — fühlte sich dem gebückten, gebeugten Jüdlein gegenüber als auf solcher Höhe stehend, dass er es mit wohlwollender Gutmüthigkeit wohl verachten, keineswegs aber hassen konnte, denn Hass setzt auch Achtung vor dem Gegner voraus. Die Polen sahen in dem galizischen Juden den „Moschko", der ihnen die Geldgeschäfte besorgte, die Brennereien pachtete, die Mautgelder einhob. Ja es bildete sich ein merkwürdiges Verhältnis heraus: Jeder polnische Große hatte einen eigenen Hausminister in der Person seines Hausjndeu, eine Einrichtung, die sich auch so manche rumänische Bojaren zu eigen gemacht haben. Polen und Inden hatten es sich dabei nicht schlecht. Beide waren miteinander zufrieden, der Volksmund erzählt manch rührende Geschichte von Moschkos Liebe und Treue und polnischer Splendidität. Aber so konnte es nicht immer bleiben. Die alten Theresiauischen Gesetze fielen Stück für Stück. Zuletzt rührte der unvergessliche Kaiser Josef II. daran. Aber bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bestanden noch genaue Judenvrdnungen, 1867 fiel die letzte gesetzliche Fessel. Es begann ein wirtschaftlicher und geistiger Umschwung, wirtschaftlich nach abwärts, geistig nach aufwärts. Das orthodoxeste Judenthnm der Welt fieng au, Licht in seine Mauern einzulassen. Die Perl'sche Schule in Tarnopol, die jüdischen Maskilim, das waren aufgeklärte Hebräer, begannen Bresche zu schießen in die tausendfachen Mauern, mit denen religionseifrige Rabbinen den streng gehüteten Glauben umgaben. Die jüdische Jugend in Galizien stürzte sich mit Fanatismus ans die modernen Wissenschaften. Die alte Generation verpönte das „Deutsche" aber in Kammern, auf Dachböden, in allerlei Schlupfwinkeln und entlegenen Orten wurde mit heiligem Eifer studiert. Wer kennt nicht die rührende Geschichte von Franzos: „Schiller in Barnow!" In dieser Geschichte tritt der Typus des jüdischen jungen Mannes ans, der mit einem alten Büchlein: „Schillers Gedichte" in Flur und Wald geht, um seine Seele zu laben. Aber dieser erfreuliche Fortschritt ans geistigem Gebiete, *) In meinen am 26. Mai d. I. erschienenen Artike* „Inden und Polen" I. hat sich ein unliebsamer Druckfehler einpeschlichen. Im ersten Absätze, der vom deutschen Antisemitismus nn Reiche handelt, soll es irr Hinsicht ans die christlich-deutschen Kreise in der Bukowina nicht „die daselbst immer mehr zutage tretende antisemitische Richtung, sondern „die daselbst! immer mehr zutage tretende «semitische Richtung" heißen, i indem zwischen A n t i semitismus und Asemitismus ein sehr wesentlicher Unterschied besteht. Der Verfasser. 1 wo die vom Talmudstndium geschärften Geister die modernen Wiffenschaften mit Leichtigkeit überwanden, hielt nicht gleichen Schritt mit dem Fortschritte auf dem wirtschaftlichen Gebiete. Der unglückliche Ausgang der polnischen Erhebungen, die Verschwendungssucht der polnischen Grafen und Fürsten, eine Landwirtschaft nach avitischen Grundsätzen, der Mangel einer ausgedehnten Industrie brachten das von Natur aus reiche Land immer mehr nach abwärts. An der allgemeinen Verarmung litten die Juden noch mehr. Es waren ihrer zu viele im Lande Kanaan geworden. An productive Thätigkeit nicht gewöhnt und übrigens ohne jede Möglichkeit, sich productiv bethätigen zu können, geriethen hunderttausende von Juden in das unsagbarste Elend. Aber es sollte noch schlechter kommen. Der Antisemitismus, der formgerechte Antisemitismus trat auf im gelobten Lande Galizien. Wie das gekommen ist? Da haben viele Ursachen mitgewirkt. Wie einst der major domus im Frankenreiche zur köuiglichen Gewalt emporstieg, indem er den schwachen Merowinger ins Kloster schickte, so kam es da und dort vor, dass ein polnischer Fürst verarmte und sein Hausjude reich wurde. Man muss dabei nicht gleich an jüdische Ausbeutung denken. Man lese nur, was K r a s ch e w s k y, ein guter, polnischer Patriot, in seinem Romane „Morituri“ über den Niedergang des polnisch-n Adels erzählt. Aber ein Stachel blieb zurück. Moschko zieht ein in den alten Ahnensaal, Moschko, der getretene, der gekrümmte Jude, wird ein Herr — das konnte der Pole nicht vertragen. Die Inden begannen die akademischen Berufe zu erobern, sie wurden Advoeaten und Aerzte — der unbändige Stolz des polnischen Aristokraten bäumte sich dagegen, mit den Söhnen seines Hausjuden wie mit seinesgleichen verkehren zu müssen. Die jüdische Intelligenz begann nach dem eingangs geschilderten Recepte sich zu assimilieren. Sie begann polnisch zu sprechen, und viele aus der Mitte der jüdischen Intelligenz sprachen die polnische Sprache meisterhaft. Aber die Inden giengen in ihren affimilatorischen Bestrebungen noch weiter, sie trieben die Nachäffung polnischen Wesens bis zur Widerlichkeit. Mit affenartiger Geschwindigkeit verkleideten sie sich als Sokolisten und überschwemmten die polnischen Turnvereine. Sie drängten sich in die Polnischen Vereine, Zirkel und Veranstaltungen, sie wollten mit aller Gewalt Polen werden. Die Thoren! Sie glaubten ein Recht zu haben, als vollgiltige Polen genommen zu werden, hatten sie doch an den polnischen Freiheittkämpfen lebhaften Antheil genommen, hatte doch auch jüdisches Blnt den heiligen Boden des polnischen Vaterlandes geröthet, wurde doch auch jüdisches Geld zu polnischen Kanonen gegossen. Bei den öffentlichen und geheimen Subscriptionen griffen die Juden tief in den Säckel, und stattliche Summen wurden auf den Altar des verlorenen oder noch nicht verlorenen Polen gelegt. ,> , Aber alles das wurde vergessen. Als das Unglück vorüber war und das Glück nicht einkehren wollte, war auch der Begeisterungsrausch vorüber. Als ich noch ein Kind war, sah ich Bilder, die eine merkwürdige Gruppe darstellten. Ein polnischer Aristokrat, ein ruthenischer Bauer und ein Jude im Kaftan reichen einander die Hände, um mitsammen für Polens Auferstehung zu arbeiten. Heute sind diese Bilder vergilbt, neue wurden nicht gemacht. Heute sind die Polen in directen Gegensatz zum ruthenischen Bauer und zum Juden getreten. Für die Noth des Landes suchte man den Prügelknaben, und man fand ihn — im Juden. Die Juden, von denen 90 Percent in Galizien am Hungertuchs nagen, sind an allem schuld. Die polnischen Großen vergaßen, dass sie es sind, die auf ihren Gütern den Bauern Hungerlöhne zahlen, dass sie es sind, die Brennereien errichten und das Gift für die Bevölkerung er-zengen. Nein, an all dem Elend in Galizien tragen die Inden die Schuld. Vergebens lesen wir täglich in den Zeitungen von polnischer Corruption, von dein Niedergang großer Creditinstnte, die von waschechten Polen geleitet werden — nein, die Juden sind an allem schuld. Der Antisemitismus in Galizien blüht. Er ist systematisch zu Werke gegangen. Die Kölka rolnicze wurde gegründet. Die Juden mussten an ihrem Lebensnerv getroffen werden. Sklepiki chrezescianskie — christliche Kaufläden — wurden eingerichtet. Im Jahre 1897zählte man deren bereits 2600 im Lande. Ans einem vor etlichen Jahren in Krakau stattgefundenen polnischen Katholikentage sagte es ein hochgeborner Pole — den Namen habe ich leider vergessen — offen heraus: „So lange wir der Juden in den polnischen Freiheitstampfen bedurften, mussten wir sie uns gefallen lassen. Jetzt aber-—" Das Weitere war die Geschichte vom Mohren, der gehen kann. Welche klägliche Nolle spielen nicht die jüdischen Abgeordneten im Polenclub? Was hal ber Polenclub bisher für die Juden gethan? Hat er etwa den Entführungen jüdischer Mädchen eilt Ziel gesetzt? Hat er etwas gethan, um das entsetzliche galizische Judeuelend zu lindern? Wie soll ich da das unbegreifliche Verlangen der polnischen Blätter verstehen, die allen Ernstes — soll ich an den Ernst glauben'? — ein Anfgehen der Juden im Polenthum wünschen? Man nehme nur einen der landläufigen polnischen Kalender zur Hand. Eine Sündflut von Hohn und Spott ergießt sich da in Caricaturen und Text über die Juden. Soll das ein Mittel sein, die Freundschaft der Inden zu erwerben? Wer einen Einblick hat in das Familienleben polnischer Bürger, wird es nur bestätigen, dass zyd und zydowski täglich im verächtlichsten Sinne gebraucht werden uub zwar gilt dieses zyd nicht allein dem wenig repräsentablen Kaftanjuden, sondern auch Männern und Frauen mit akademischer Bildung. Wenn es eine Möglichkeit gab, dass sich Inden und Polen menschlich näher kommen, die Polen haben alles redlich gethan, um die Inden von sich zu stoßen und jüdisches Stammesbewusstsein wachznrnfen. Dafür sei ihnen Dank. Denn es war schon schlecht um uns, um unser Selbstbewusstsein bestellt. Wir waren bereits selbstvergessen genug, um uns, wo es nur gieng, zu verleugnen. Nun sind wir erwacht, nun wollen wir nicht Polen sein, wie wir auch nicht als Deutsche gelten wollen. Wir Juden bleiben, was mir sind uub was mir waren — Jude n. Chronik des Judenthums. Anland. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 5. d. M.) Die am Mittwoch den 6. Juni, 6 Uhr abends, unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rath Klinger abgehaltene Plenarsitzung war zum großen Theile der Erledigung dringender Stiftungs-Angelegenheiten gewidmet. Auf Grund der Anträge der Rechtssection (Referent erster Vicepräsident Dr. Stern) werden nachfolgende Stiftungen, bezw. iWdmungen in die Gemeinde-Verwaltimg neu übernommen: Die Ludwig rrnd Regina König-Stiftung mit einem Capitale von Kronen 2000 zur Zinsenvertheilung cm einen armen, verwüsten nKaben rmd ein armes verwaistes Mädchen an den Sterbetagen der Stifter; Die Stiftung des Herrn Samuel Kolisch zum Andenken an seinen Bruder Ignatz Freiherrn von Kolisch per Kronen 20 000 zur Vertheilnng der Jahreszinsen an Arme, in erster Linie Verwandte; Die Carl Pollak'sche Graberhaltungsstiftung per Kronen 1400. Ueber weiteren Antrag der Rechtssection wird beschlossen, bei der Stiftnngsbehörde eine Abänderung des Stiftsbriefes der Ignaz Ritter von Liebenberg'schen Graberhaltungs-Stiftnng unter Aufrcchterhaltnng des Stiftungszweckes zu erwirken; des Ferneren wird einer Modification der zu errichtenden Sigmund rrnd Regine Kauders'schen Ansstattungsstiftung nach dem Wunsche des Stifters zugestimmt. Endlich werden nach dem Anträge der 2. Scction die Modalitäten der Activierung der von Herrn David Ritter von Gutmann gegründeten Dr. Adolf Jellinek-Widmung und der vom Vorstande creierten Rabbiner Dr. Adolf Schmicdl-Widmung beschlossen. Die Referate über die Verleihung der nachfolgenden Stiftnngen werden genehmigt: Die Elise Herz'sche Heiratsausstattungs-Stifttlng im Betrage von Kronen 840 an eine arme jüdische Braut; Die Emanuel Bunzl'sche Stiftung für Blinde im Betrage von Kronen 162 an fünf Petenten; Die Jda und Nathan Figdor'sche Stiftung per Kronen 16 an eine arme Wöchnerin; Die eBrnhard Friedmann'sche Stiftung für israelitische Arme im Betrage von je Kronen 20 an vier Arme; Die Charlotte Kuffner'sche Stiftung per Kronen 710 an sechs arme Verwandte; Die Josef und Cäcilie Adler'fche Stiftung per Kronen 240 an sechs Petentinnen; Die Ignaz und Rosalia Wolf'sche Krankenstiftung per Kronen 200 an drei arme Kranke; Die Clara Krasnopolsky-Stiftung per Kronen 110 an sieben Arme; Die Elise G. A. Gerson'sche Heiratsausstattungs-Stiftüng per Kronen 800 an ein armes jüdisches Brautpaar; Die Alfons und Theodor von Glaser'sche Stiftung Per jährlich Kronen 82 an einen armen jüdischen Gymnasiasten für die Dauer seiner Gymnasialstudien; Die Otto Cohn'sche Stiftung im Betrage von je Kronen 140 an drei arme jüdische Reaschüler; Die Rosa Adler gcb Alschech-Stiftung per Kronen 16 an eine Arme; Die Ignaz Blumenfeld'sche Kiinstlerstiftung per circa Kronen 2000 an den von der Jury, bestehend aus den Herren Ignaz Brüll. Julius Epstein und Karl Goldmark primo loco vorgeschlagenen Violinvirtuosen Heinrich Fiedler;; Weiteres bildeten Eingaben des Brigittenauer und Simmeringer Bcthausvercines Gegenstand einer längeren Berathung. An Spenden sind eingelaufen: Von Frau Emma Wolf anlässlich der Genesung ihres Vaters für Arme des XI. Bezirkes Kronen 1000 zur Vertheilnng in 6 Jahresraten; aus den Sammelbüchsen im Stadttempel für arme Glaubensgenossen in Palästina rKonen 85.86. Wien. (Wenn man Jude i st.) Der Beamte eines hiesigen Exporthauses Lev G., der mit der Vertretung der Firma in Brasilien betraut und jüngst von dort hier angckommen ist erzählt über einen Act brutaler Roheit, dessen Opfer er bei seiner Ueberfahrt nach Europa geworden ist. Herr G. ist schon seit mehreren Jahren in Rio de Janeiro in Brasilien ansässig und pflegt in jedem Jahre seinen mehrwöchentlichen Urlaub in Wien bei seinen Angehörigen zuznbringen. Er schiffte sich nun Ende April dieses Jahres in. Rio de 'Janeiro ans dem Dampfer „San Paolo" der Hamburg-Südamerikanischen Schiffahrt-Gesellschaft ein. Auf dem Schiffe ist er nun von zwei Passagieren, Reichsdeutschen, ohne irgendeinen anderen Anlass als den, dass er Jude ist, in brutaler Weise überfallen und misshandelt worden, und als er den Schutz des Capitäns anrief, wurde ihm derselbe verweigert. Ueber den Vorfall erzählt G. Folgendes: „Unter den Passagieren des Schiffes befanden sich zwei Vertreter reichsdeutscher Handlungshäuser, und zwar Otto Kuhlen, Vertreter der Firma Brüder Weyersperg in Hamburg und Paul Haase, Vertreter der Firma Ferdinand Esser in Solingen. Von dem Agenblicke an, als diese beiden erfuhren, dass ich Jude sei, suchten sie bei jeder Gelegenheit ihr Müthchen an mir zu kühlen. Sie ließen es an Beschimpfungen, Drohungen und Beleidigungen gegen mich nicht fehlen. Ich gieng jedem Conflict, den die beiden offenbar provocicren wollten, behutsam aus dem Wege, da ich ihre Absicht merkte. Als ich und mit mir noch mehrere andere Passagiere christlicher Abstammung, die über das Treiben der beiden Herren empört waren, bei dem Capitän des Dampfers, E. I. Ketels, Beschwerde führten, hatte dies nicht den geringsten Erfolg. Der Capitän schien vielmehr mit dem beiden Passagieren zu sympathisieren. Einige Tage darauf — cS war abends und ich wollte mich gerade zur Ruhe begeben — stürzten die beiden in meine Cabine, fielen über mich her und begannen, mich so lange 31t würgen und mit den Fäusten zu bearbeiten, bis ich blutüberströmt und ohnmächtig zusammensank. Aus mehreren Wunden am Halse und am Kopfe, solvie aus Ohren und Nase floss mir das Blut. Nun erst entfernten sich die beiden Gesellen. Ich muss bemerken, dass diesem meuchlerischen Ueberfall kein Streit vorausgegangen Ivar, und dass ich stets bestrebt gewesen bin, alles zu vermeiden, IvaS einen Wortwechsel hätte herbeiführen können. Als Erinnerung an dieses Attentat leide ich noch hetlte an Gedächtnisschwäche und habe die Schärfe des Gehörs verloren. Es war ungefähr 12 Uhr nachts, als sich diese brutale Scene zugetragen hatte. Der Schiffsarzt, den einige Passagiere sofort hereingerufen hatten, ließ mich, nachdem er mich verbunden hatte, sofort zu Bett bringen. Cr hat mir auch gleich über die Art der Verletzungen ein Zeugnis ausgestellt. Die Passagiere, empört über diesen Vorfall, verlangten,dass der Capitän sofort von seiner Disciplinargewalt Gebrauch mache und die beiden

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