Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. Juni 1901 Nr. 23 weit, dass man in der Hitze des Gefechtes das nachhaltige Concurrircn unserer Seelsorgeschaft auf das Matrikenamt und die Anstellung einiger jüdisch sprechender Vollblut- Arier als Cnltus-Alntsdiener auf das Kerbholz des Kahal just schreiben wollte! Denn die spitzfindigen Haarspalterei Treibenden genierten sich gar nicht, die grundlegenden Folgerungen offen zu ziehen, dass, wenn es Gott behüte, so weiter gienge, konnte es ain Ende des 2000. Jahrhunderts einem etwas theologisch veranlagten Eonn Boager leichtmöglich einfallen, auf ein fettes Seelsorgeamt gegen Diäten etwa init Erfolg zu competieren, oder gar einem gefallenen semitischen Makler in den Kopf komincn, auf einen Magistratsposten zu reflektieren. Am Ende könnten sich doch unsere ohnehin vielgeplagten Gemeinde-Väter mit ihren Functionären nicht beständig in den Haaren liegen. So vergiengen hier recht aufregende Tage. Aber die naive Wahlurne erbrachte endlich die nackte Wahrheit. Alt-Kahal blieb Neu-Kahol. Die Neugierigen kehren wieder zu ihrer Alltags-Arbeitslosigkeit zurück und im Gemeindehause wird es fortab wieder himmlische Friedhofsruhe geben, denn kein Mensch kümmert sich wahrhaftig um das Wohl und Wehe der Eemeiude mit Ausnahme der Wahlperiode. _ Budapest. (Religiöse Feier.) Am ersten Tage Schowuos war der Tempel des „I. Budapester Dienstmänner- Vereines" (Dessewffygasse 23) der Schauplatz einer erhebenden religiösen Feier. Die Veranstalter desselben war das sromine, biedere Ehepaar Herr Sigmund Brünn und seine Gattin Minka, geb, G a i r i n g e r, denn sie liehen auf ihre Kosten ein prachtvolles „Szefer Tora" anfertigen, und haben es am ersten Tage Schowuos seiner heiligen Bestimmung übergeben. Die Verwalter Herr M. Grünbaum und Herr S. Herrenfeld obigen Tempels haben aus diesem Anlässe den hiesigen Religionsprofessor Rabbiner Dr. M. L e i p n i k e r mit der Abhaltung einer Rede betraut, der sich aufs glänzendste seiner Aufgabe entledigte. Nach Beendigung des Gottesdienstes fanden sich die Tempelbesucher in der Wohnung des Herrn Brünn ein und wurden aufs beste bewirtet. Budapest. (Legat.) Herr Mor Löwy und Frau haben aus Anlass ihres 50jährigen Hochzeitstages ein Legat von 100.000 Kr. angelegt, dessen Zinsen dazu verwendet werden sollen, alljährlich zehn Schüler an den hiesigen Mittelschulen, die in der Kenntnis der Bibel und hebräischen Fächer sich auszeichnen, mit Stipendien von je 400 Kr. zu betheilen. Anfangs Mai war die Prüfung im Beisein des ehrw. Rabbinates und des Vorstandes, wie auch mehrerer geladener Gäste, und wurde an zehn Schüler die Prämie zugesprochen. Unter diesen waren fünf Schüler, welche das Josefstädter Gymnasium (Tavaszmesöncze) besuchen, wo der hiesige Religionsprofessor Dr. Sigmund G o n d a seit dem 17jährigen Bestände des Institutes mit hingebungsvollem Eifer und unermüdlicher Begeisterung den Religionsunterricht leitet. Zur Ehre der Prämiierten findet am ersten Schowuos- Tage ein feierlicher Gottesdienst statt, wo Herr Prediger Doetor W e i ß b u r g die Festrede vor der ganzen hauptstädtischen Schuljugend halten wird. 14. w. Ansland. Breslau. (Russische G r e n z m a ß r e g e l n.) Ueber die bereits mehrfach erwähnten russischen Grenzmaßregeln wird selbst der wenig judenfreundlichen „Schles. Ztg." geschrieben: „In recht auffallender Weise zeigen sich die Folgen der in jüngster Zeit gegen die Juden diesseits und jenseits der Grenze genossenen Maßregeln, indem sich eine nicht unbedeutende Geschäfts st ockung geltend macht, die nmso empfindlicher ist, als die Anordnung wegen des nun gewaltig erschwerten Grenzüberganges der Juden urplötzlich und ohne Gewährung einer Frist getroffen wurde, so dass die Abwicklung vieler vereinbarrer Geschäfte durch russische Juden in Demschland zum großen Theile nicht mehr erfolgen konnte. Die selbst von einflussreichen Großkaufleuten unternommenenen Versuche um Milderung^ der strengen Maßregel zugunsten der kleinen Händler, deren sich die Großkaufleute vielfach bedienen, sind ohne Erfolg geblieben, und man giebt sich in interessierenden Kreisen wenig der Hoffnung hin, dass in absehbarer Zeit in günstiger Weise Wandels darin geschaffen werde. Selbst in russischen Kreisen ist man erstaunt darüber, dass diese russische Maßregel auch aus deutsche Unterthanen jüdischen Glaubens anzuwenden sei." Jedoch hat, wie in Ergänzung dieser Mittheilungen gemeldet wird, der Regierungspräsident Holtz in Oppckn bewirkt, dass diplomatische Verhandlungen mrt Russland wegen Erleichterung im Grenzverkehr, namentlich für die jüdischen Händler, angeknüpft werden. Einer Deputation gegenüber sprach er die Zuversicht aus, dass diese Erschwerungen des Grenzverkehrs in kurzer Zeit aufgehoben werden würden. Neuerdings wird behauptet, dass die Maßregel nur einen localen Hintergrund habe. Der Chef des Lubliner Grenzbezirkes soll die erste Anregung zu den einschneidenden Veränderungen gegeben haben. Demselben war, so berichtet ein schlesisches Blatt, bekannt geworden, dass eine größere Anzahl jüdischer Handelsleute ans Galizien, welche in Russisch- Polen gar nicht ihren Wohnsitz haben, auf Grund russischer Pässe den Verkehr zwischen Russisch-Polen und Deutschland pflegen. Er nahm Veranlassung, einen Erlass durchzusetzen, laut welchem den Juden des Lubliner Grenzbezirkes für die Folge nicht mehr gestattet werden solle, auf Halbpässe die Grenze zu überschreiten Dieser Erlass wurde von den anderen Grenzchefs sofort aufgegriffen und binnen wenigen Tagen von denselben für alle Grenzübergänge in Russisch-Polen publiciert. Sosnowice ist der einzige Grenzübergang, bei welchem die noch nicht abgelaufenen Halbpässe Giltigkeit haben. El ist dies auf das Einwirken des dortigen Obercapitäns zurückzuführen, welcher nach Warschau fuhr und dort die theilweise Verlängerung des bisherigen Passwesens herbeiführte. Bukarest. (Auswanderung.) Die von der Jewish Colonization Association geleitete Auswanderung aus Rumänien hat unter der Leitung des Herrn Wolfgaug Auerbach aus Frankfurt a. M. gottlob bereits begonnen, und es sollen fortan regelmäßig jeden Monat 200 Personen, Frauen und Kinder inbegriffen, die Stätte ihres Elends verlassen, um jenseits des Meeres ein menschenwürdiges Dasein durch ehrliche Arbeit sich zll erringen. Leider ist aber die I. E. A. ans bekannten Gründen gezwungen, vorläufig nur jüngere, arbeitskräftige Leute zu berücksichtigen und von den verheirateten Männern mit solchen den Vorzug zu geben, deren Kinderzahl keine zll große ist. Was nun die zahlreichen Frauen betrifft, deren Männer im vorigen Jahre auswandertcn, so scheint wenig Aussicht vorhanden zll sein, dass sie iloch im Laufe dieses Jahres ihren Gatten nachgeschickt werden. Es ist freilich vollkommen richtig, daß eine Nachscndung nur denjenigen Frallen gewährt werden darf, deren Männer bereits in der Lage sind, ihre Familie ernähren zu können, weil solche Familien sonst drüben schnell der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen würden mld damit leicht die ganze Emigrationsfrage compromittiercn könnten. Die Ueberzcugung aber davon, ob ein in Frage stehender Migrant bereits imstande ist, seine ihm nachgesendcten Angehörigen zu erllähren, kann im Allgemeinen nur durch eine gewissenhafte Untersuchllllg inittels vertrauenswürdiger Personen an Or: und Stelle gewonnen werden. Nun hängt offenbar sehr viel davon ab, ob diese Erkundigungen mit mehr oder welliger Beschlelinigullg erlangt, eingeholt und hierher übermittelt werden, mit anderen Worten, ob die Erledigung dieser wichtigen Angelegenheit philanthropisch, oder bureaukratisch behandelt wird. Warum sind diese Informationen nicht schon vor einem halben Jahre eingeholt worden? Daß eine planvoll geleitete Emigration aus Rumänien sich schon vor einem Jahre als eine unbedingte Nothlvendigkeit erwies, bezweifelt kein Kenner der hiesigen Verhältnisse. Es ist bekannt, daß von gewisser Seite unserer unermüdlichen, praktischen, und wahrhaft philanthropischen Glaubensgenossen in Amerika bereits im August vorigen Jahres die nöthige Organisation vorbereitet war, um die den gesetzlichen Bestimmungen entsprechenden EilNvandercr zu empfangen und unterzubringen. Jede vermeidbare Verzögerung in der Nachsendung der zurückgelassenen Frauen und mindcrjährigen Kinder verlängert lmd steigert ganz unnöthig ihre ohnehin genügend traurige Lage. Zwar erhalten fast alle von ihren Männern Geldsendungen; aber nur in den wenigen Fällen, wo die Kinderzahl eine geringe ist, sind diese Unterstützungen zur Erhaltung der Familie hinreichend. Das erklärt sich leicht aus dem Umstande, daß der Mann ganz unverhältnismäßig mehr verbraucht, wenn er alles das bezahlen und zwar theuer bezahlen muß, was sonst von seiner Frau mit Leichtigkeit besorgt wird. Die Kinder verwildern hier, weil sie ohne Unterricht, ohne väterliche Erziehung und auch oft ohne die Aufsicht der Mutter leben, welche das fehlende Brot zll suchen gezwungen ist; sie werden ferner dadurch demoralisiert, daß sie gar zu oft auf mildthätige oben warten müsseil, lim ihren Hunger stillen zu können. Aber auch noch andere trübe Folgen kann eine gar zu sehr verlängerte Trennung der Gatten zeitigen, abgesehen davon, dass die Innigkeit der Familienbande geloert wird: die meisten dieser Ehen sind nämlich aus Ersparungsrücksichten nur nach jüdischem Ritus, nicht aber auch vor dem Stalldesamt geschlossen, folglich llach rumänischem Gesetze nicht rechtsgiltig, und es kann daher wohl schließlich Vorkommen, dass der Ausgewanderte, wenn er jede Hoffnung auf Wiedervereinigung mit seiner Frau und seinen Kindern glaubt aufgeben zu müssen, sich verleiten läßt, drüben eine neue Ehe einzugehen. Andererseits müssen endlich Hunger und Vrzweiflmlg manche der Frauen und erwachsenen Töchter, die bei den trallrigcn ökonomischen Verhältnissen trotz aller Mühe keine Arbeit finden können, unfehlbar dein Laster in die Arme treiben. 'Mit Recht sagen die Frauen, die vor keiner ehrlichen Arbeit zurückschrecken, dass sie, mit ihren Männern vereint, diesen die Ernährung der Faulilie nicht erschweren, sondern wesentlich erleichteril würden, und daß der getrennte, doppelte Hallshalt, selbst bei beiderseitiger größter Einschränkung, dennoch mehr koste, als ein gemeinsamer; und nicht unberechtigt ist ihre allgemeine Klage, dass ihre Kinder hier physisch und moralisch zugrunde gehen müssen. Das ethische Moment, dass der drüben allcinüehende, alten Versuchungen ausgesetzte Mann in der Arbeit für Frau und Kinder und in dem Zusammenleben mit ihnen einen sittlichen Halt fände, dürfte ebenfalls nicht niedrig anzuschlagen sein. Bei einer nicht geringen Anzahl dieser Frauen beweist jedoch die Höhe der Geldsendungen, die sie von ihren Mälmeril erhalten, dass letztere ganz zweifellos in der Lage sind, ihre Familie zll ernähren, wenn sie auch nicht die große Summe für die Reisekosten zu erübrigen vermögen. In diesen Fällen wäre eine zeitraubende Information eine sehr überflüssige Vorsicht. Ich habe nicht wenige Briefe, gelesen, in denen die Männer darüber klagen, dass es ihilen luuilöglich bleiben tvird, so viel zu verdie.len, um auch noch Reisegeld für Frau und Kinder ersparen zu können, benen sie sonst ein sorgenfreies Heim zll bereiten in der Lage wären. Da beschreibt der Eine seine Sehnsucht nach Frau und Kindern, den Schmerz, dass er Nachts, müde von des Tages Arbeit, dennoch keinen Schlaf finden könne, weil er weinend der Seinigen gedenke. Ein Anderer klagt, dass das'Leben keinen Werth mehr für ihn besäße, lvenn er die Hofstlung aufgeben müsste, Frau und Künder wiederzusehen. Manche hatten Geld zur Bahnreise llnd Fahrkarten von Rotterdam nach New-Uork geschickt, aber die armen Fraueil kamen, ilachdem sie ihre geringe Habe als Frachtgllt nach Rotterdam gesandt hatten, mit ihren Kindern nur bis zur ungarischen Grenze, deren Ueberschreitlmg ihnen verwehrt wurde, obgleich sie Fahrkarten bis Wieil besaßen. Von Allenl entblößt, kehrten die Unglücklichen zurück, denl Elend und der bittersten Noth preisgegeben. Solcheil Zuständen gegenüber ilt rasch eingreifende, llicht blireaukratisch langsame Hilfe dringend geboteil. und ich halte es für meine unabweisbare Menschcnvsticht, auf diesen wunden Punkt des Hilfswerks heute abermals hinzulveisen. Dr. med. N. L o e w e n t h a l. London. (Gesellschaft der englischenBrüder Obgleich die Zahl der Fremden, welche in den ersten vier Monaten d. I. sich definitiv in England niedergelassen haben, nicht nur nicht Angenommen, sondern gegen das verflossene Jahr noch eine kleine Abnahme erfahren hat. hat sich doch vor einigen Tagen eine Gesellschaft zur Unterdrückung der Einwanderung von fremden Armen gebildet. Der Verein nennt sich selbst die „Gesellschaft der englischen Brüder", obgleich ihr einzig auf Menschenhass und Menschenverfolgung gerichtetes Ziel nichts weniger als brüderlich ist. Wenn jedoch der Name der Gesellschaft auch ebenso verlogen wie heuchlerisch ist, so ist doch ihr Ziel klar und ganz unzweideutig. Wenigstens hat es der Gründer der Gesellschaft und englische Oberbruder das Parlamentsmitglied, 'Mr. Murray Guthrie, ganz ungeniert ausgesprochen. Dieser Herr war ehrlich genug, in seiner bei der Gründung der Gesellschaft gehaltenen Rede alle Phrasen und Redensarten beiseite zu thun und mit sehr lobenswertem Cynismus das Kind bei seinem wahren Namen zu nennen. Er gab nämlich zu, dass er weder gegen die Fremden noch gegen die „Paupers" etwas einzuwenden habe. Sein Wunsch sei nur der, die Einwanderung von — Juden zu verhindern. Das brutale Parlamentsmitglied für Bow hat seinen Hass auch gegen die Juden motiviert. Mr. Guthrie meinte, die Juden halten sich immer abseits und wollen sich nicht den Engländern assimilieren. Da jedoch die eingewanderten russischen Juden bereits in der zweiten Generation alle Sitten und Gewohnheiten des echten und rechten Engländers annehmen, so kann die von Mr. Guthrie so schmerzlich vermisste Assimilation nur auf religiösem Gebiete liegen. Mr Guthrie ist wohl der Ansicht, dass die fremden jüdischen „Paupers" bessere englische Bürger würden, wenn sie aus schlechten Juden sich in noch schlechtere Christen verwandeln würden. Das Mitglied des Unterhauses Mr. D e w a r theilte unter großem Jubel seiner Zuhörerschaft mit, dass er fest entschlossen sei, die Frage im Parlament so lange anzuschneiden, bis dieselbe nach Wunsch gelöst ist. Es ist das derselbe Mister D e w a r, der seine Wahl ins Parlament eben diesen fremden „Paupers" zu verdanken hat, die er jetzt wenige Monate nach seiner Wahl als ein Unglück für das Land erklärt. Sowohl Lord Rothschild einerseits als der Zionistenhäuptling Sir Francis Montefiore andererseits haben den russischen Juden aufs Eindringlichste empfohlen, Mr. D ew ar zu wählen. Lord Rothschild empfahl den Mann, weil er der konservativen Partei angehört, während Sir Francis Montefiore den verlogenen Antisemiten empfahl, weil dieser sich verpflichtet hat, im Unterhause für den — Zionismus zu wirken. Wir sind empört zu hören, dass die unwissenden Juden in Galizien hin und wieder einem antisemitisch angehauchten polnischen Schlachzizen ins Abgeordnetenhaus verhelfen. Jetzt haben zwei sich modern dünkende englische Juden dasselbe gerhan. Sie haben damit einem Menschen zu einem Mandate verholfen, der seinen Einfluss dazu missbrauchen will, so lange die Fremdenfrage in England immer wieder und wieder anzuschneiden, bis den Juden die Einwanderung in England verboten wird. London. (Der König an eine jüdische Deputation.) Der jüdischen Deputation, welche dem König die Adresse überreicht, antwortete dieser: „Ich habe mit aufrichtiger Freude aus der Verlesung Ihrer Adresse entnommen, welche treue Anhänglichkeit die Juden Großbritanniens den: Andenken meiner geliebten Mutter bewahren, und wplche aufrichtige Theilnahme sie mir und meinen! Hause gelegentlich des schmerzlichen Verlustes, der uns betroffen hat, entgegenbringen. Es wird stets meine erste Sorge sein, Freiheit und Gerechtigkeit für all' meine lnterthanen, gleichviel, welcher Rasse und Benennung sie ind, zu erhalten und zu fördern. Ich bin sehr befriedigt von den Wünschen, welche Sie und die von Ihnen vertretenen Gemeinden und wohlthätigen Körperschaften für mich und die Königin Alexandra hegen." Nach erfolgter Veresnng durch den König wurde diese mit der Schreibmaschine zu Papier gebrachte Antwort Mr. Sebag Montefiore eingejändigt. Paris. (D i e I u d e n i n A l g i e r.) Man kann sich kaum eine klare Vorstellung davon machen, sin welch peinlicher Läge, vom politischen Standpunkte ans'j sich, die Juden von Algier befinden. Der Judenhaß wird im Volk von gewissenloser! Hetzern gepflegt, und jeden Augenblick ist das Gut und Blut der jüdischen Bewohner von Algier in der höchsten Gefahr. Jndenkrawalle sind dort eine alltägliche Erscheinung. Wohl gibt es Leute, die darnach streben, durch Schrift und Wort die „Seuche des Jahrhunderts", wie Kaiser Friedrich den Antisenütismus bezeichnet hatte, zu dämpfen. Aber so lobenswerth ihr Streben auch ist, es muss leider gesagt werden, dass sie nur geringe Resultate erzielen. Die große, urtheilslose Menge, die von den Phrasen der Hellerbande, an deren Spitze Max Negis sieht, bethört und verblendet ist, ist nicht fähig, in politischen und wirthschaftlichen Fragen logisch zu denken. Umofmehr wäre es die Pflicht der gegenwärtigen Negierung, die sich zur Aufgabe die Vertheidignng' der republikanischen Grundsätze gestellt hat, mit aller Energie in Algier zu walten, um die schutzlosen jüdischen Einwohner gegen die Wnth der bethörten Volksmenge zu schützen. Leider lässt die Negierung in dieser Beziehung viel zu wünschen übrig. Sie zeigt sogar eine gewisse Nachsicht gegenüber der Bande von Negis, ein Umstand, der sehr verhängnißvolle Folgen haben kann. Wenn auch zugegeben werden muß, daß der Prüfect von Algier, Lutaud, der von Drmnont bestgehaßte Mann, stets seine volle Pflicht und Schuldigkeit gethan hat, so zeigt die Regierung bei der Besetzung des Gouverneurpostens eine sehr bedauerliche Schwäche, die von Negis und Eonsorten in der unverschämtesten Weise ausgenutzt lvird. Vor einigen Wochen hat der Gouverneur vor: Algier, Jonnart, ans Gesundheitsrücksichten seine Demission eingereicht. Die ganze Linke forderte, daß man die vacantc Gonverneursielle Lutaud anvertrant, der die Verhältnisse ausgezeichnet kennt und der mehrmals davon Zeugnis ablegte, dass er es versteht, die Wuth von Regis zu bändigen und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Leider ist die Re gierung diesem Wunsche nicht nachgekommen. Ob der neue Gouverneur Revoil kraftvoll aufzutreten gedenkt, lvird er erst beweisen müssen. Uebrigens hat Drnmout die große Unverschämtheit besessen, vor einigen Tagen Lutaud, diesen nmstergiltigen Beamten, in der Deputirtenkammer in der gröbsten Weise zu beleidigen. Allgemeine Entrüstung und ein Ordnungsruf waren die Antwort auf diese Niederträchtigkeiten. Sofia. (Empfang.) Am 30.Mai fand bei Sr. königl. Hoheit dem Fürsten Ferdinand ein Ball statt, bei welchem der Großrabbiner von Bulgarien Dr. Marcus Ehrenpreis mit seiner Frau geladen war. Im Verlaufe des Abends hatte Dr. Ehrenpreis die Ehre, von Sr. königl. Hoheit in privater Audienz empfangen zu werden. Fürst Ferdinand informierte sich in eingehender Weise über die gegenwärtige Lage der jüdischen Gemeinden Bulgariens und hörte mit Interesse die Ausführungen des Großrabbiners an. Die Audienz hatte einen ungemein herzlichen Charakter.