Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. Juni 1901 Seite 3 Kategorie von Geschäftsleuten beistellen, und nun ist auch die Erklärung dafür gegeben, warum wir in der christlichsocialen Partei bessere Vertreter unserer wirtschaftlichen Interessen erblickten, als in den Socialdemokraten; das sollte überhaupt jeder marxistisch geschulte Socialist für etwas Selbstverständliches finden und uns nicht den läppischen Vorwurf machen, wir jüdischen Greisler wären zu den Antisemiten übergegangen, was doch gar nicht am Platze ist. Der Einsender des Artikels: „Das Agentengefetz" in der „Arbeiter-Zeitung^ ist kein verkappter Antisemit, sondern ein ganz guter, waschechter Semite, mit allen Attributen seiner Rasse ausgestaltet. Ob einer nun eine mehr oder weniger gebogene Nase oder mehr oder weniger krumme Beine hat, seine Zugehörigkeit zum Judenthum kann er trotzdem nicht mehr verleugnen. Es gibt aber auch wirklich keine ekelhaftere Figur, als getaufte oder auch ungetanste Juden an der Spitze einer gegen das Judenthum gerichteten Bewegung, oder auch nur Hand in Hand mit seinen unversöhnlichsten Gegnern zu sehen. Wir haben im gewöhnlichen Verkehr mit Christen an uns selbst die Erfahrung gemacht, dass gerade das Hervorheben seiner Zugehörigkeit zum Judenthum von ihnen lieber gesehen wird, als das Anbiedern und Anpassen an ihre Levensgewohnheiten. Wir wollen jedoch nicht in Abrede stellen, dass es auch noch Juden gibt, die Nasseneigenthümlichkeiten an sich haben, die nicht nach jedermanns Geschmack sind und die viele, auch vorurtheilslose Christen (und es gibt auch noch solche) nicht goutieren können; aber deshalb einen Stein aus sie zu werfen, in einer Zeit, wo es auch noch Juden gibt, die sich ihrer von der Cultur noch weniger beleckten Glaubensgenossen schämen, ist unseres Erachtens nicht am Platze. Das Judenthum ist stark genug, dass es überall und auch in Oesterreich in der Lage ist, seine Connationalen zu schützen und seine Rasseneigenthümlichkeiten zu bewahren, und in keinem Lande wird man dieses Bestreben natürlicher finden, als gerade in dem von den unterschiedlichsten Nationalitäten bewohnten Oesterreich. Der jüdische Greisler. Chronik des Judentums. Inland. Wien. („Iüdischer Volksverein.") Am Donnerstag den 30. v. M. fand im großen Festsaale des „Jüdischen Volksvereines" ein Diseussions-Abend statt, welcher der Abänderung der ZZ 50 und 60 der Gewerbe-Ordnung galt und der von zahlreichen Agenten besucht war. Herr Emanuel L e i t e r leitete die Discussion ein, indem er in ebenso sachlicher, als gediegener Weise die einzelnen Punkte des Gesetzes besprach und seine schädigenden Consequenzen für das Leben der Agenten schilderte. Die Ausführungen des Referenten wurden von Herrn Dr. Ascher in trefflicher Weise ergänzt. Es sprachen noch die Herren Dr. K o h n, Dr. W e i s e n g r ü n rc. Einzelne Anwesende, denen die Tragweite des neuen Gesetzes für ihre eigene Existenz nicht einzuleuchten schien, versuchten die Discussion auf ein persönliches Gebiet hinüberzuleiten. Sie folgten hierin allerdings einer von außen kommenden Ordre. Wir werden nicht ermangeln, mit jenem Herrn, von dem sie ausgieng, bei entsprechender Gelegenheit uns eingehend auseinanderzusetzen. Wicu. (Israelitische C u l t u s g e m e i n b e.) Sonntag den 9. Juni 1901, 11 Uhr vormittags findet die feierliche Schiussfteinlegung des aus Anlass des fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers errichteten Siechenhauses der. israelitischen Cultusgemeinde Wien, IX., Seegasse 9, statt. Wien. (Aus der Sitzung des Vorstandes von» 2. Juni 1901 unter d e m Vorsitze des Präsidenten kais. R a t h e s K l i n g e r. Beginn der S i tz u n g 10'/, Uhr vormittags.) An Spenden werden bekanntgegeben: Von Herrn Max Ritter von Gutmann für die Armen- Anstalt . . . '.Kr. 100 Legat des Herrn Emil Biedermann für Arme ohne Unterschied der Confession .„ 400 Von Herrn Ignaz Spitzer anlässlich des Ablebens seiner Gattin lür die Chewra-Kadischa. 30 „ Herrn Ignaz Spitzer für Arme.„ 70 Durch Herrn M. I. Jakobson von Herrn Dr. Alfred Sänger und Frau, anstatt eines Kranzes, für den Wahenverein.„ 25 Von Herrn Julius Sänger und Frau für die Chewra- Kadischa... 25 errn Julius Löwenthal und Frau für die Chewraadischa. 25 „ Frau Johanna Lippmann de Maute und Töchter für den Verein „Kinderhort" . . ..„ 25 „ Frau Katharina Moos für den Gemeiudetempel in Fünfhaus eine Scscr-Tyora. Den Spendern wird der Dank votiert. Vor Uebergang zur Tagesordnung gibt der Präsident bekannt, dass sich das Cornits, betreffend die Frage der Erbauung eines neuen Tempels, durch Wahl des Herrn Reichsrathsabgeordneten Rudolf A u s p i tz zum Obmann constituiert habe. Namens des Comitös für das Organisations-Statut des Siechenhauses berichtet der Referent Herr Dr. Grün selb, dass das Comitö in mehreren Berathungen unter Zuziehung der ärztlichen Sachverständigen sich zunächst mit jcuen Theilen des Staates beschäftigt habe, welche der Behörde vorzutegeu sind, und zwar: Mit der Djeustiustrucliou für Aerzte und Wartepersonale in der Bersorgungsanstalr und mit der Hausorduung der Siecheuabtheilung der Versorgunge-anstalt. Au der Debatte über diesen Gegenstand betheiligen sich die Herren : Dr. Breuer, Ober-Finanzrath Dr. Rappaport, Neichsrnlhsabgeordncter Rudolf A »spitz, Theodor R. v. T a n s s i g, Bicepräsident Dr. Stern und Dr. Steiner. Sohin wird die Dienstinsiruction für die Aerzte der Versorgungs- «anstalt unter Ausschabung des 8 5 der Vorlage, welcher sich nur aus das interne Verhältnis der Aerzte zunr Vorstände bezieht, an t,Ioo angenommen, desgleichen die Dienstordnung für das WattL'personale. Dagegen wird die Beschlussfassung über die vom Comilö bereits durchberathene Hausordnung für die Siechenabtheilung der nächsten Plenarsitzung Vorbehalten. Ueber weiteren Antrag des Referenten Dr. G r ü n f e l d wird die sofortige Concursausschreibung für zwei Hilfsärzte für die Versorgungsanstalt der Israelitischen Cnltusgemeinde beschlossen. Des Weiteren referiert Herr Dr. Breuer betreffend die Bildung einer ständigen Commisston für Aufnahme in die Versorgungsanstalt. Diesem Cornitö sollen angehören : drei Mitglieder des Vorstandes, die jeweiligen Obmänner der HI. Sectio», des Versorgungshaus- und Spital-Comites, und als ärztliche Beiräthe der Primarius des israelitischen Spitalcs und der Versorgungsanstalts-Arzt. Referent beantragt die Genehmigung der Zusammensetzung des Comitös, sowie angesichts der Dringlichkeit die sofortige Vornahme der Wahl von drei in das Comitü zu entsendenden Vorstandsmitgledern. Nach einstimmiger Annahme dieser Anträge werden die Vorstandsmitglieder Dr. Breuer, Dr. G r ü n f e l d und v. Mises in die Aufnahms-Commission gewählt. Der Präsident bringt sohin in Erinnerung, dass die Feier der Schlusssteinlegung, welche laut Plenarbeschluss einen internen Charakter tragen soll, Sonntag den 9. Juni, 11 Uhr vormittags stattfinden wird, und knüpft hieran die Einladung an die Vorstandsmitglieder, an dieser Feier möglichst zahlreich theilzunehmen. Der Vorsitzende ordnet sodann die Fortsetzung der in der Sitzung am 21. Mai abgebrochenen Berathung über den Antrag der II. Seclion, betreffend die Bildung einer historischen Commission, an. Referent Dr. Steiner resümiert die in der Sitzung vom 21. Mai d. I. gestellten Anträge. Herr Direktor Simon tritt nochmals für die Vorschläge der ll. Section ein. Herr Salo Cohn spricht aus finanziellen Gründen gegen den Antrag, desgleichen Dr. K a y a u, welcher ausführt, dass diese Angelegenheit nicht Sache einer, wenn auch noch so großen Gemeinde, sondern vielleicht des Gemeindebundes ser. Cultusvorsteher G e w i t s ch berichtigt, dass er nicht gegen die Sache an und für sich sei, sondern nur gegen die Geldbewilligung aus Gemeindemitteln. Schließlich werden im Sinne der Anträge der II. Section mit Majorität folgende Beschlüsse gefasst: 1. Es ist eine historische Commission zu begründen, welche die Durchforschung der österrcichlschen Archive bezweckt, nur für eine Geschichte der österreichischen Judenschaft das erforderliche Materiale zu sammeln und zu bearbeiten. 2. Um dies oorzubereiten, ist eine Vorcommission zu bestellen, mit der Ausgabe, em Actionsprogramm für die zu begründende historische Commission zu entwerfen und dem Cultusoorstande zu unterbreiten. 9. Der II. Section wird zur Deckung der Auslagen der Vorcommission ein Betrag von Kr. 3000-— zur Verfügung gestellt. 4. Als Mitglieder der vorbereitenden Commission werden nominiert (außer Vorstandsmitglieder») die Herren : Oberabbiner Dr. G ü d e m a n n, Rabbiner Dr. Adolf S ch m i e d l, Rector Schwarz, Prof. A. B ü d) l er, Prof. Alfred Przibram, Dr. I. S. Block, Dr. Frankfurter, Dr. Arthur Goldm an n, Dr. Michael Holzmann, Dr. Heinrich Mü l l e r. Nach Erledigung von Angelegenheiten des Baucomilös (Res. Herr Ober-Baurath Taussig) und einigen Personalien wird die Fortsetzung ver Berathung und Beschlussfassung über die zahlreichen, noch auf der Tagesordnung befindlichen Gegenstände, insbesondere Steuerangelegenhe.sten, vom Präsidenten für Mittwoch den 5. Juni, halb 6 Uhr abends anberaumt. Wien. (Dr. A u r e d n iczek.) Der bisherige Landesadvocat in Kuttenberg Dr. Auredniczek, der sich durch seine muthvolle, mit Ernst und hervorragender Begabung geführte Vertheidigung Hilsner's weithin einen Namen erworben, ist nach Wien übersiedelt und hat hier seine Advocaturs-'Kauzlei eröffnet. Dr. Auredniczek, der in Knttenberg lange Jahre eine große Praxis besaß, da er durch seine Gewandtheit, seine außerordentliche Tüchtigkeit und seine strenge Neellität bedeutendes Ansehen genoß, verlor den Zuspruch seiner Clienten von dem Augenblicke an, da er die Vertheidigung Hilsners Überommen hatte. Der Fanatismus wendete sich gegen ihn mit voller Kraft; czechische Zeitungen wurden nicht nüide, ihn zu schmähen, und es bildete sich ein Boycott gegen ihm Die Kanzlei des Advocaten, zu welcher infolge seiner vielen Erfolge die Thür niemals still gestanden war, wurde jetzt nur noch von einer kleinen Zahl charaktertreuer und Dr. Auredniczek anhänglicher Clienaen besucht. Dieser war aber auch nie vor den Insulten des Pöbels sicher, welcher ihn um seines unerschrockenen Eintretens für den Angeklagten Hilsner willen hasste. Er war auf der Straße wiederholt Beleidigungen und Attaquen ansgesetzt. Dies bewog Dr. Auredniczek, seine Heimat zu verlassen und sich nach Wien zu wenden, )vo er seine Thätigkeit in der Rothenthurmstraße eröffnet. Wien. (Die Affaire Hi lsner.) Wie ans Pisek telegraphiert wird, ist dort bis jetzt von der Entscheidung über das Schicksal des zum Tode verurtbeilten Leopold' Hilsner osficiell nichts bekannt. Weder Dr. Anton Bodieka in Pisek, noch der jetzt in Wien weilende Dr. Zdenko Auredniczek. die beiden Vertheidiger Hilsners, haben bis jetzt irgendeine Verständigung erhalten. Prossnitz. (Der „Jüdische Bolksoerein" an der Arbeit.) Kaum wird die Affaire mit dem Prerauer Jahrmärkte zu unseren Gunsten erledigt, indem alle jüdischen Marktbesucher ihre Standplätze angewiesen erhielte», valm, unsere Thätigkeit die Vertretung der vribatrechtlichen Ansprüche der seinerzeit anlässlich des Jahrma'.ktes in Dub geschädigten Brossnitzer Marktfahrer in Anspruch. Der Haupt,ädcisführer, der hiesige antisemitische Modewarenhändler Augustin R o z k o Z, nebst zwei Complicen hatte sich diesethalden in einer zwei Tage währenden Verhandlung vor den Schranken des Olwützer Kreisgerichtes wegen des Verbrechens der öffentliche.', Gewaltthätigkeit zu mrantworten. Die Verhandlung endete mit der Bcrweisnng der Sache vor das Schwurgericht, indem der Gerichtshof das vorliegende Beweis mater ial als ein solches ansah, welches das Vergehen des 8 302 St.-G. involviere und dieses der Compeienz eines Erkennrnisgerichtshvses entrückt sei. Der Staatsanwalt weidete dagegen die Nichtigkeitsbeschwerde an, sv M* die Frage der Cowpetenz zuvor vom Obersten Gerichtshöfe überprüft werden wird. Die Beschädigten (durchgih-nds Jude») wurden in trefflicher W'ise von Tr. I cob Eben in Olmütz vertreten, dessen Plaidoyer sich überaus wirksam gegen den Antisemitismus gestaltete. Diese Woche wieder hatten wir eine durch Vertrauensmänner verstärkte Ansschnsssitznng hinsichtlich eines von den Czechen augebotenen Compromisses in Schulangelegenheiten, dessen Details sich bismm der Oeffentlichkeit entziehen. Unserem Drängen ist es auch zu danken, dass der erweiterte Cultusausschuss in seiner am 29. Mai l. I. abgehaltenen Sitzung den Ban eines neuen Tempels mit einem Kostenanfwaiide von 65.000 st., (130.000 Kr.) erclusive Baugrund beschlossen und ein Baucomitö zu diesem Zwecke eingesetzt hat, an dessen Spitze unser Bereinsmitglied Branereibrsitzer Friedrich Winter steht. Dasselbe befasst sich bere-ts sehr rege mit den Vorarbeiten und hat in erster Reihe an eine Capacität im Banfache und speziell auf dem Gebiete des Tempelbaues, Herr» Architekten Max Fleischer in Wien, einen Sohn unserer Gemeinde, den Ruf bezüglich Ausarbeitung der Pläne ergehen lassen. Krakau. (Goldene Hochzeit.) Vor einigen Tagen feierte hier einer unserer geachtetsten Bürger, Herr Jsak Knopf, mit seiner Gattin das Fest seiner goldenen Hochzeit. Herr Knopf, der wegen seines streng rechtlichen Sinnes und seiner mit Toleranz gepaarten orthodoxen Gesinnung in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung gleich beliebt ist. war durch zwölf Jahre Vorsteher der großen Synagoge und nahm an der vor zwanzig Jahren erfolgten Restauration dieses von Casimir dem Großen errichteten Moinnnental-Gebäudes als C.rssier des Comitüs in sehr verdienstvoller Weise Antheil. Die Jubilars sind die Großeltern des Wiener Hof- und Gerichis-Advocaten Dr. S. R. Landau. Floridsdorf. (Feie r.) Die Beliebtheit und Hochachtung, deren sich unser ehrw. Herr Rabbiner Dr. Rosen m ä u n erfreut, zeigte sich anlässlich oes schönen, gemüthsvollen Festes der Circumeision seines zweiten Söhnchens Abraham ^Arthur), die am Dienstag vormittags in unserer Synagoge stattfand. Die Eyrenstelle der Gevattt-rschaft übernahmen Herr Ignaz Grünwal v und Frau Gemahlen. Den religiösen Act der Einführung m den Bund Abrahams vollzog mit bekannter Meisterichaft Herr Dr. Adolf H e r z f e l d ans Wien. Bei dem darauf folgenden Festmahle wurden würzige und gelungene Toaste ausgcbrachr von Sr. Ehrw. Herr:: Rabbiner Dr. Funk aus Prcssbncg, der als College und namens der Gäste die Familie des Festgebers begrüßte. Ferner sprachen i,och Cnltusvorstand mell. Dr. K ö n i g, Obmannstellvertreter Herr Emanuel Grünwald, Dr. Herzfeld und andere auf das Wohl und Gedeihen des neugeborenen Sohnes Israels. Dr. Rosen mann erwiderte diese aufrichtig gemeinten Wünsche in geistvollster Weise- Auch an den üblichen „Mischebcrach" fehlte es nicht, und Herr Dr. H e r z f e t d beschloss die ehrenvolle Feier mit de,n solennen Vorträge der Tischgebete. Krakau. (Ernennung.) Herr Dr. H. Jung, Rabbiner in Ungarisch-Brod (Mähren), ist einstimmig zum Oberrabbiner von Drohobycz gewählt. Zu dem seit achtzehn Jahren vacanten Oberrabbinat gehören 70 Gemeinden mit ca. 3000 Seelen und 38 Bothe Midraschim. Der aus seiner segensreichen Wirksamkeit als Klausrabbiner zu Mannheim auch in Deutschland auf das Portheilhafteste bekannte Herr Dr. Jung ist der erste akademisch gebildete gesetzestreue Rabbiner, welcher an eine galizische Gemeinde berufen wird, und seiner erprobten, hingebungsfreudigen Thatkraft wartet ein Feld gedeihlicher Arbeit. E-zcrnowitz. (Bon der Universität.) Ja hiesigen jüdischen Studentcnkreijeu rief die Errheilung des Jonas Scheeo'schen Stipendiums an einen christlichen Bewerber große Erregung hervor, da der Stiftungsurkunde gemäß bei gleicher Qualification jüdische Bewerber in erster Linie zu berücksichtigeu sind. Tie beiden jüdischen Milpetenten wurden aber nichtsdestoweniger, trotzdem sie besser qualificiert waren, abgewiese». Es sprachen nun in dieser Angelegenheit Donnerstag den 30. d. M. Deputationen der akademischen Verbindungen „Hasmvnaea-, „Zephira". „Hu Manilas" und der jüdischen Frnkenschasl bei Sr. Magnificenz Rector Dr. Hauke vor und wurden von demselben in Anwesenheit der Tücane Dr. Hör m a n n und Dr. Herzberg-Fränkel in freundlichster Weise empfangen. Der Rector weilte hierbei deu Dcpuliertcn mit, dass der akademische Senat dem berechtigten Ansuchen der jüdischen Studenten Rechnung getragen und das Sripenditlur stistnngsgemäß einem jüdischen Bewerber Anerkannt habe. Der frühere Senatsbeschlnss wurde aljo rückgängig gemacht, und ruft dieses loyale Vorgehen nicht nur in jürnschen Studeiilenkrelsen, soridern auch in der jüdischen Bevölkerung lebhafte Befriedigung hervor. Lemberg. (C u l t u s r a t h s - W a h l e n.) Unsere jüdische Gemeinde war während der letzten Wochen der Tummelplatz sensationserregender Wahlen. Das Um und Auf des Tages- und Straßengespräches bildeten zunächst die romanhaftesten Geschäftchen, diese umspannten die Geister und hielten die jüdischen Gemüther gefesselt. Verschiedenartige Combinationen durchschwirrten die Lust, viele Gesichter machten gar saure Mienen, andere lachten sich in die Fäustchen, mitunter lauschte man sich „offene Geheimnisse" zu, kilrz, es gab ein rühriges Leben in der Gemeinde. Man sprach von Protesteinlegungen u. s. w. Es fehlte auch nicht wie es gang und gäbe ist, au bösen Zungen und scharfen Urtheilen, die der „scheidenden Regierung" alles Mögliche und Unmögliche ans Zeug flickten und sogar die 15 Ungeschorenen nicht ungeschoren lassen wollten. Gar manche hartherzige böse Kritiker wollten der „Regierungspartei" allerlei Wahrheiten andichten, sie vergaßen hiebei nicht der Sündchen an der Pientak'schen Reichsrathswahl und der berühmten Bemühungen der geistigen Dienstbeflissenen um das Zustandekommen derselben, man besprach lebhaft die Einschleichung unjüdischer Unsitten in das Palais am Bernsteinplatze, ja man zog sogar nicht in letzter Reihe das „erziehliche Moment" in den Kreis der Betrachtungen, auf die desolaten Erziehungsmethoden hinw-eiscnd. Biele strenge Beobachter fühlten sich geradezu in Harnisch versetzt, als man ihnen von befreundeter Seite entgegenhielt, dass man in den jüdischen Gemeindeschulen unbedingt a u ch „Jüdisch" lehrt. Man vergieng sich so-