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Jüdisches Volksblatt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 31. Mai 1901 Nr. 22 verbreitete Geschichte erzählt, dass er nach einer benachbarten Stadt wollte, hier nach Lublin, und beim Schlafengehen abends die Füße nach der Richtung seines Reisezieles ausstreckte, um den Weg nicht zu verfehlen. Jemand geht vorüber, und dreht den Schlafenden nach der entgegengesetzten Richtung. Am anderen Morgen setzt dieser seinen Weg in der Richtung seines Wegweisers fort und geräth in Verwunderung, dass Lublin seinem Heimatsorte Chelm so völlig ähnlich ist. Auch begegnet er auf dem Wege einem triefäugigen Weibe, das ihn ansschilt. Gottes Wunder, sagte der Chelmer, die ist doch ganz ähnlich meinem Frauchen! Weshalb gerade das Städtchen Chelm zur zweifelhaften Ehre des polnischen Abdera gekommen ist, bleibt dunkel. Ausland. Berlin. (Vorträge über den R i t u a l m o r d.) Der hiesige antifemitsche Moniteur bringt seinen Lesern die betrübliche Kund, dass der Evangelische Oberkirchenrath dem Pfarrer Krvsell-Kloxin verboten hat,Vorträge über den Mitualrnord" zu halten. Der Schmerz der Blutlügner ist nur zu begreiflich: „Gestern noch auf stolzen Rossen, heute durch die Brust geschossen;" jäh und unerwartet ist der einzige Mund zum Verstummen gebracht, der bisher den „Ritualmord" gepredigt und die Konitz- Hetze genährt hat. Das Verbot muss ganz plötzlich gekommen sein, denn noch für vorgestern Abend war ein Vortrag Krösells in Stettin angekündigt, dessen Thema „Talmudmoral—Ritualmord" bilden sollte. Ob und wie weit das aller, jüngste Auftreten des Pfarrers von Kloxin, die Publicierung seiner famosen „Thesen", ihre öffentliche Kennzeichnung und die mannesmuthige Art, mit der er der Rechtfertigung derselben auswich, für das Vorgehen der Oberkirchenbehörde maßgebend war, lässt sich natürlich nicht feststellen; freuen wir uns, dass der rednerischen Campagne des Herrn, gegen welche seine unmittelbaren Vorgesetzten, das Consistorium von Pommern, vergebens angerufen worden war, endlich ein Ziel gesetzt ist. Unter einem Gesichtspunkte mag es allerdings zu bedauern sein, dass die Maßregelung gerade jetzt erfolgt ist. Pfarrer Krösell hat eine an ihn gerichtete Aufforderung, die in seinen Thesen erhobenen Anklagen zu begründen, mit der Ausflucht abzuthun versucht, dass dieser „Beweis" von ihm in „Vorträgen und Druckheften" erbracht werden wird. Nach seiner bisherigen Gepflogenheit dürfte Herr Krösell das Machtwort des Oberkirchenrathes als willkommenen Vorwand benützen wollen, um sich der verheißenen Beweisführung, die ja unmöglich ist, gänzlich zu entziehen. Er würde auch hierin dem Beispiele seines Vorbildes Rohling folgen, der sich bekanntlich als Opfer des Gehorsams gegen seine Vorgesetzte Behörde auszuspielen liebt, welche ihm angeblich Schweigen auferlegt und dadurch die Verteidigung seiner „Ritualmord"-Lügen unmöglich gemacht habe. Herr Krösell wird so leichten Kaufes nicht davonkommen: ist ihm der eine Weg verschlossen, so wird er, den zweiten zu wählen, möglichst schleunig in den angekündigten „Druckheften" seine Bezichtigung gegen Juden und Judenthum zu, begründen haben. Andernfalls wird er selbstzugeben, und soll er immer wieder daran erinnert werden, dass er außerstande ist, auch nur den Versuch eines Beweises zu unternehmen, somit einer bösartigen verleumderischen Verunglimpfung der jüdischen Religion und ihrer Bekenner sich schuldig gemacht hat. Paris. (Eine Spende des Schah von Persien.) Gelegentlich des großen Ramadan-Festes, Ende März, hat der Vertreter der „Alliance" in Teheran dem persischen Großvezier eine Visite abgestattet, während welcher dieser dem Vertreter der „Alliance" namens des Schah sein lebhaftes Bedauern über die während der jüngsten Krawalle in Teheran den Juden zugefügten Schaden ausdrückte und ihm die feste Versicherung gab, dass sowohl er, der persische Ministerpräsident: selber, als auch der Schah auf das Wohl der Juden in Persien ein wachsames Auge haben werden. Gleichzeitig theilte er ihm mit, dass er den Minister des Auswärtigen angewiesen hat, den Juden von Teheran für den von ihnen erlittenen Schaden aus der Privatschatulle des Schah 20.000 Mark auszuzahlen. Paris. (Vom französischen Meister der Schurken.) Das Urtheil des österreichischen Cassationshofes in Sachen des Polnaer Mordfalles wird auch von der französischen Hetzpresse weidlich ausgeschlachtet, allen voran von Drumonts „Libre Parole", welche an leitender Stelle ein wahres Triumphgeheul anstimmt. Den Gipfel der Niedertracht leistete Rochefort in seinem „Jntransigeant", indem er die Thatsache, dass in einem bretagnischen Dorfe fünf Kinder abgeschlachtet wurden, mit der Riesenaufschrist vermeldete: „Fünf Ritualmord e". Mittlerweile ist festgestellt worden, dass der eigene Vater die Kinder, die ihm beim Eingehen einer zweiten Ehe hinderlich waren, ermordet hat! Petersburg. (Feuersbrünste.) Der furchtbare Gast, der fast alljährlich zu Beginn des Sommers sich einstellt, die F e u e r s b r ü n st e, sind mit all ihren Schrecken auch in diesem Jahre eingekehrt: Drei fast ausschließlich von,unseren Glaubensgenossen bewohnte Orte sind ein Raub der Flammen geworden. Gura Kalwarya, die Residenz des bekannten „Chassidim-Rebbe", ist bis auf ein einziges Haus niedergebrannt. Das Judenviertel von B r e st - L i t e w s k, das erst vor sechs Jahren von der gleichen Katastrophe heimgesucht wurde, ist ein Trümmerhaufen, und über 20.000 Personen sind obdachlos. Hier wurde das Feuer, das gleichzeitig an acht Stellen ausbrach, sicher von böswilliger Hand angelegt. Am 14. und 15. d. M. wüthete ein verheerender Brand in Pinsk, dem 350 Häuser, darunter sämmtliche Synagogen, zum Opfer fielen. Der Jammer, den diese Feuerschäden anrichten, ist umso größer, da die wenigsten Gebäude versichert sind. Hier und in anderen Städten Russlands haben sich Hilfs-Comites gebildet, welche hoffentlich auch von ausländischen Glaubensgenossen mit Gaben bedacht werden. Minsk. (Einejüdische landwirtschaftliche L e h r f a r m,) in welcher jüdische Kinder in der Landwirtschaft und den mit ihr verbundenen gewerblichen Nebenbetrieben unterrichtet werden sollen, wird mit Genehmigung des Ministers der Landwirtschaft bei Minsk eröffnet werden. Das Grundstück von 120 Dessadinen für diese Farm hat Baron Günzburg geschenkt, und die Mittel zur Einrichtung und zum Unterhalte gibt die jüdische Colonisations-Gesellschaft in Paris her. Der Cursus auf der Farm wird ein vierjähriger sein. Odessa. (Für die Tag löhn er in Palästina.) Wie wir schon berichtet haben, wurde in der Versammlung der „Chowewe Zion" in Odessa seinerzeit beschlossen, eine Deputation wegen der jüdischen Colonisten und Taglöhner in Palästina an die „JeAvish Colonization Assosiation“ und an Baron Edmund v. Rothschild in Paris zu senden. Diese Deputation besteht aus den Herren: G r ü n b e r g, B a r a s ch, Dr. Kohan-Bern stein, Günzburg, Ussischkin, Dr. Cohn (Kischinew), Dr. Tschlenow und Gluskin. Am 14. d. M. hatte die Deputation Gelegenheit, dem Ausschüsse der „Jewish Colonization Association“, der schon am 12. d. M. eine Sitzung in dieser Sache hatte, ihre Wünsche vorzutragen. Im allgemeinen ist die Verwaltung der „Jewish Colonization Association“ geneigt, diese Wünsche so weit als möglich zu befriedigen. Es soll eine Commission eingesetzt werden, in der Herren jener Deputation und Vorstandsmitglieder der „Jewish Colonization Association“ die Sache berathen. Ueber die Zusammensetzung dieser Commission gehen die Ansichten noch auseinander. Aber im ganzen hofft man doch zu einem befriedigenden Resultate zu gelangen, was wir im Interesse der Sache nur wünschen können. Amsterdam. (Ein Lehr st uhl für neu hebräische Literatur.) An der Universität zu Amsterdam hat sich unlängst der Rabbinats-Assessor W i j n k o p p, der Sohn des Rabbiners, als Privatdoeent für neuhebräische Literatur habilitiert uud dabei eine fesselnde und lehrreiche Rede über den Nutzen des Studiums dieser Literatur gehalten. Es wäre zu wünschen, dass diese Rede auch ins Deutsche übertragen würde. Jedenfalls ist es erfreulich, dass nunmehr jüdische Literatur öffentlich an einer Universität gelehrt wird, und zu bedauern ist es nur, dass dies an einer nichtdeutschen Universität geschieht. An den deutschen Hochschulen kann man alle nützlichen orientalischen Idiome und ihre Literaturen studieren, von der jüdischen Literatur wird nur die Bibel behandelt, höchstens, dass an einigen wenigen, höcystens 5- 6 Universitäten, ein kleineres Collegium über den Talmud abgehalten wird. Die gesammte ungeheure jüdische Literatur der letzten anderthalb Jahrtausende wird von unseren Faeultäten als (luankitö nögligeable behandelt. Alle die zahllosen Dichter, Philosophen, Moralisten existieren für sie einfach nicht' Zwar hat es auch in Deutschland nicht an Bestrebungen gefehlt, jüdische Literatur und Geschichte zum Lehrgegenstande an deutschen Universitäten zu machen. Zunz wäre seinerzeit gerne Doeent für dieses Fach geworden, Geiger und Philippson arbeiteten auf eine jüdisch-theologische Facultät hin; alles vergeblich! Die „tolerierte Confession" musste sich damit begnügen, auf ihre Kosten Rabbiner-Seminarien zu errichten, wo ihre Literatur eine Zuflucht fand. Und doch wäre die Errichtung eines solchen Lehrstuhles an einer Universität auch von großer praktischer Bedeutung. Die dreisten Lügen der Antisemiten z. B. über den Schulchan-Aruch würden verstummen wenn dies Buch . offen und vor aller Welt von einem staatlich angestellten Docenten interpretiert würde. Corrstarrtinopel. (Empfan g.) Dr. Theodor H e rz l wurde mit den Herren Architekt Marmorek und D. W o l f f s o h n vom Sultan in längerer Audienz empfangen und durch Verleihung des Großcordous des Medschidje-Orden ausgezeichnet. New-Aork. (Jüdische Feiertage an der U n i v e r si t ä t.) Die „Union ok Orthodox Congregations of the United States“ Hat an den Präsidenten der Columbia- Universität, Herrn Seth Low, folgendes Schreiben gerichtet; „Werter Herr! Da ich Ihr ernstes Verlangen kenne, den religiösen Susceptibilitäten Ihrer Studenten Rechnung zu tragen, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen die folgende Liste unserer Feiertage zuzusenden, an denen es für gewissenhafte Israeliten ungesetzlich ist, sich weltlichen Beschäftigungen hinzugeben. Es sind dies: Ostern, 4., 5., 10. und 11. April; Pfingsten, 24. und 25. Mai; Neujahr 14. und 15. September; Versöhnungstag, 23. September; Laubhüttenfest, 28. September; Laubhüttenende, 5. October und alle Samstage. Darf ich ersuchen, solche Arrangements zu treffen, dass keine Prüfungen an diesen Tagen abgehalten werden und dass israelitische Studenten, welche sich an obigen Tagen aus religiösen Scrupeln von College-Arbeiten zu absentieren wünschen, dies ohne Nachtheile für ihre Stellung als Studenten thun können. Achtungsvollst Albert L u c a s, Secretär." Herr Seth Low sandte die folgende Antwort: „Ihr Schreiben vom 19. März hat sorgfältige Beachtung gefunden. Unsere Prüfungstage wurden schon vor einem Jahre festgestellt und veröffentlicht.. Auch die Prüfungstage für das akademische Jahr 1901—1902 sind bereits vor dem Eingänge ihres Briefes festgestellt und veröffentlicht worden. Ich zweifle, d.ffs es für uns möglich ist, gewisse Conflicte zu vermeiden, wenn Sie mir aber in der nächsten Zukunft die Daten Ihrer. Festtage zwischen dem 1. Mai 1902 und 10. Juni 1903 mittheilen wollen, werde ich mit Vergnügen die Angelegenheit überlegen uud sehen, ob es möglich ist, einen bedeutenden Conflict zu vermeiden. Inzwischen macht es mir Vergnügen, sagen zu können, dass in diesem Jahre in der Juridischen Facultät keine Prüfung auf einen der von Ihnen genannten Tage fällt. Dies ist besonders erfreulich, da die Juridische Facultät unter ihren Regulationen keine Specialprüfungen veranstaltet. Die Prüfungstage, welche Störungen veranlaßen mögen, sind: 24. Mai, der in die Mitte der allgemeinen Schlussprüfungen fällt. Am 28. September und 5. October sind gewisse Prüfungen im College ok Physicians und Surgeons. Betreffs aller Prüfungen an diesen drei Tagen wird für diejenigen Studenten, welche durch religiöse Serupel abgehalten sind, sich an einem jener Tage einer Prüfung zu unterziehen, eine specielle Prüfung veranstaltet werden, wenn Sie den Decan der betreffenden Facultät benachrichtigen. Eine ähnliche im voraus gesandte Notiz wird jeden jüdischen Studenten vom Besuche der Vorlesungen an Feiertagen befreien. Ich darf wohl die Hoffnung aussprechen, dass Sie allen von der Angelegenheit Betroffenen die Wichtigkeit begreiflich machen, möglichst früh Nachricht von der Abwesenheit von einer Vorlesung oder Prüfung zu geben. Achtungsvoll Seth Low, Präsident/ Brief aus Prag. (Orig. Corresp. d. „Jüd. Volksblatt".) Prag, am 28. Mai. Seit Menschengedenken geschah es am 25. Mai zum erstenmale, dass sich die Wähler in die Cultusrepräsentanz zu einer Berathung versammelten. Als der Aufruf mit der Einladung in die Hände der Wähler gelangte, wollte man es gar nicht glauben, es könne auch dasselbe, was bei Wahlen allenthalben stattfindet, auch bei Cultuswahlen der Fall sein. Eine Wählerversammlung! Und doch fand sie statt und verlief ruhig und hatte ein Erfolg verheißendes Resultat. Die gehaltenen Reden haben durchwegs, selbst von den Anhängern des bisherigen Regimes, die Kritik der bestehenden Verhältnisse zum Inhalte gehabt und sind in dem Wunsche ausgeklungen, es möge eine Besserung denn doch schon endlich eintreten. Das Merkwürdigste an der Sache bleibt aber, dass nicht einer der Herren vom Rathhause es angezeigt fand, sich in dieser Versammlung einzufinden. Eine solche Nichtachtung den Wählern gegenüber steht wohl beispiellos da, selbst der auf seine bevorzugte Stellung stolzeste Aristokrat findet es nicht unter seiner Würde, seinen Wählern Rechenschaft über die abgelaufenen Wahlperiode zu geben oder sich um das Mandat zu bewerben; nicht so ist es hier der Fall. Ein wahrhaft beklagenswerter Zustand, die Wähler erinnern sich eines bisher vernachlässigten Rechtes, sie wollen die jüdischen Verhältnisse bessern, sie wollen es versuchen, System in die verworrenen jüdischen Angelegenheiten zu bringen, und siehe, jene, deren erste Pflicht es wäre, die bisherige Wirtschaft zu erklären und die Richtung der künftigen anzugeben, absentieren sich. Dieses Verhalten gegenüber der Bevölkerung wirbt zum großen Theile der Opposition neue Anhänger. Denn es muss sich eben jedermann sagen, eine Vertretung, welche auf jene, deren Interesse sie wahren soll, so von oben herabsieht, eine Vertretung, die es unter ihrer Würde findet, mit der Bevölkerung in nähere Berührung zu kommen, die kein Bestreben hat, die Wünsche derselben kennen zu lernen, kann ja sinngemäß nicht die richtige sein. Es bedarf nämlich eines innigen und andauernden Contactes mit der Bevölkerung, um deren Wünsche, Bedürfnisse und Bestrebungen kennen zu lernen, und daran mangelte es der bisherigen Repräsentanz total, es war auch mit der Grund, weshalb so viele Fehler geschahen und manche Missgriffe ließen sich nur auf diese Weise erklären. Die Wählerversammlung einigte sich auf Ernennung eines fünfzehngliedrigen Comitös, welches die weiteren Schritte zu unternehmen haben wird. Es sind darin alle Parteien vertreten und selbst Anhänger des bisherigen. Systems haben ihren Sitz darin. Das Comite wird. die Candidaten der verschiedenen Parteien als die seinen anzuerkennen und für die Wahl derselben das Röthige vorzusehen haben. Es macht sich eine noch nie aus diesem Anlasse bemerkte Aufregung fühlbar, die es schon heute ahnen lässt, dass die künftigen Verhältnisse im Rathhause unter allen Umständen sich von den bisherigen vortheilhaft unterscheiden werden. Jedenfalls ist endlich eine richtige Wahl zu erwarten und das ist schon etwas, worauf die Anreger mit Befriedigung zurückblicken können. * * * Die schöne alte Residenz der böhmischen Könige, das „hundertthürmige" Prag, besitzt außer den vielen monumentalen Gebäuden noch eine Merkwürdigkeit ersten Ranges, die wegen ihrer ganz besonderen Eigenart auf alle Besucher einen unwiderstehlichen Reiz ausübt, so dass von den vielen Fremden, die nach der Moldaustadt kommen, Niemand verabsäumt, sich hier einzusinden. Es ist dies der uralte jüdische Friedhof mit seinen zahlreichen, viele Jahrhunderte alten Grabmälern, welche die verschiedensten architektonischen Formen, Sculvturen und Inschriften, je nach der Zeit, in welcher sie ausgestellt wurden, ausweisen und stumme, aber durch ihre Inschrift verständliche Zeugenschast ablegen für die hohe Bedeutung, welche die Prager jüdische Gemeinde bereits vor Jahrhunderten hatte, zu einer Zeit, die noch dem Mittelalter angehörte, die aber doch manchen edlen, gelehrten Herrscher besaß, unter dessen Schirm auch jüdische Gelehrte und sonst bedeutende Männer ihre segensreiche Wirksamkeit entfalten dursten. Und zwischen durch diese todten Steine schwingt sich eine üppige Vegetation von unzähligen Hollunderbäumen und mannigfaltigen Sträuchern, die, im Centrum der Stadt gelegen, auf den Besucher und auf die sanitär übelbeleumundete Umgebung den wohlthätigstenMnfluss ausübt. Dieser Friedhof nun, auf welchem die letzte Beerdigung vor mehr als hundert Jahren stattfanb, soll, man würde es kaum glauben, durch „Assanierung^ eine bedeutende Einbuße erleiden, indem ein Theil desselben im Ausmaße von 1912 Quadratmetern abgetrennt und theils zur Umleguug der vorbeiführenden Gasse, theils zu Häuserbauten verwendet werden soll, ohne dass jedoch zwingende Gründe hierzu vorhanden wären. Nach genauen, seit den letzten Jahrzehnten geführten Aufzeichnungen besuchen diesen Friedhof alljährlich 8 -10.000 Fremde, nebstdem zahlreiche Einheimische und viele Vereine, Genossenschaften, Schulen re. von Prag und Umgebung. Wenn nun aua) das Gesammtausmaß des Friedhofes etwas über 13.000 Quadratmeter beträgt, sonach die Abtrennung nur ein Sechstel desselben betrifft, so wäre nach vorhergehender Schilderung schon eine solche relativ große Schmälerung des Friedhofes höchst beklagenswert. Ferner ist zu bedenken, dass auf dem abzutrenneuden Theile nach wiederholter Messung nahezu 2000 Grabsteine, welche mehrere Jahrhunderte alt sind, sich befinden, und die bei der Aushebung wohl zumeist zerstört oder verstümmelt werden. Die jüdische Cultusgemeinde und die Beerdigungs- Brüderschaft in Prag haben sich an die Prager Stadtvertretung in wiederholten schriftlichen Eingaben und mündlichen Vorstellungen dringlich um die Änderung jenes Regulierungsplanes gewendet; ie haben eingehend nicht nur wegen ihres religiösen Interesses, ondern zugleich wegen der hohen Bedeutung, welche dieses Friedhof als weltberühmtes uraltes Denkmal in kulturhistorischer Beziehung und durch seme parkartige Anlage aus sauitären Gründen für die Stadt Prag hat, die Nothwendigkeit der Er-

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