Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2432864-2432886--1017-2434729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 31. Mai 1901 Nr. 22 fand Herr Zechner keine sachliche, seiner Stellung als eines Regierungsvertreters würdige Erwiderung; er brachte lediglich Schmähworte gegen einen Abgeordneten hervor, für' die er beinahe auf der Stelle gezüchtigt worden wäre. Und nun sehen wir ein schönes Schauspiel. Herr Zechner, der den Muth hatte, unter dem Derwischgeheule der »Arbeiter-Zeitung" über die Leiber von Hunderten jüdischer Unternehmer und Arbeiter zu socialen Reformen zu schreiten, zieht innerhalb 24 Stunden die gegen Herrn Breiter gebrauchten Schmähungen zurück. Abgeordneter Breiter hat gegen den Ministerialrath Vorwürfe der schwerwiegendsten Natur erhoben. Sollte das wirklich alles wahr sein, was Breiter gesagt hat, sollte dieser Herr Z e ch n e r zweifaches Maß anwenden bei Ausübung seines Amtes, je darnach, ob es sich um Großcapitalisten oder Kleinunternehmer handelt, so müsste er schmählich davongejagt werden. Solche Vorwürfe thut ein Ehrenmann nicht einfach damit ab, dass er sie schmutzig nennt. Und wenn nun schließlich diese Schmähung von der Person des Abgeordneten Breiter abgeleitet und auf das »Jüdische Volksblatt" überwälzt wird, so wirft dies auf die Haltung des Herrn Zech ne r nur noch ein eigenthümlicheres Licht. Jedermann hat die Empfindung, dass Herr Zech ner auf die Angriffe des Abgeordneten Breiter die Antwort erst recht schuldig geblieben ist und der Rückzug hinter die Nummer 11 des „Jüdischen Volksblatt" nur dann als begründet angesehen werden könnte, wenn sich Herr Z e ch n e r mit den in dieser Nummer enthaltenen Angriffen auseinandergesetzt hätte. Und wenn auch nicht jedermann, so wird doch jeder, der den Jahrgang 1899 durchblättert, es als besonders auffallend finden, dass Herr Zechner in seiner Abbitte bloß die Nummer 11 citiert, während die Nummer 12, 13 und 14 noch weit schärfere, ebenso sachliche und für das Verhalten des Herrn Zechner in Boryslaw sehr gravierende Umstände anführen. Und das alles glaubt Herr Ministerialrath Zechner damit abzuthun, dass er diese Angriffe, die sich weder auf seine Privatperson, noch auf sein Familienleben, sondern lediglich auf seine amtliche Thätigkeit bezogen haben, als „schmutzig" bezeichnet! . . . Das ist allerdings sehr — bequem. Und da diese Haltung auch vollends die Billigung der »Arbeiter-Zeitung" gefunden hat, so wird man fürderhin Herrn Zechner als einen Ehrenmann betrachten müssen, der über solche „schmutzige" Vorwürfe einfach hinweggeht. Nur möchten wir Herrn Breiter rathen, fürderhin von Boryslaw nicht mehr zu sprechen; Herr Zechner kann das nicht ruhig anhören. Dir Abänderung der §§ 59 und 60 der Gewerbeordnung. Von Dr. Arnold Ascher. (Schluss.) Absatz 2 der Vorlage entspricht gleichfalls dem citierten Absatz 2 des bisherigen Gesetzes; Absatz 3 der Vorlage wurde gestrichen, kommt deshalb nicht weiter in Betracht. Absatz 4 entzieht geistigen Getränken und Essig diese Verkehrserleichterung; auch hierüber kann hier leicht hmweggegangen werden. Bon Wichtigkeit erscheinen die Bestimmungen der Absätze 5 und 0, und die Tragweite derselben kann am besten erwogen werden, wenn man an Wien und andere zahlreiche Städte denkt, in welchen confessionelle Momente fast ausschließlich in Betracht kommen, wie anderseits in zahlreichen Orten Oesterreichs auch „Die kleine Welt". Wenn die Literatur in Wirklichkeit ein Sviegel des Volkslebens ist, wenn sie als das Echo all unserer Herzschläge angesehen werden kann, indem sie alle Empfindungen und Bewegungen, die sich im Bolkskö per abspielen, wiedergibt, dann darf man aus dem Aufschwung der hebräischen Literatur in den letzten Decennien mit Recht auf das Wiederaufleben des nationalen Sinnes unseres Volkes schließen. Nicht nur der Jnbalt dieser Literatur, die Themen, welche die hebräischen Zeitungen, Zeitschriften und Werke behandeln, beweisen den großen Fortschritt, den unser Volk zu einem selbständigen, nationalen Bewusstsein gemacht hat, sondern auch das guautitatwe Moment, die Anzahl der hebräischen Presserzeugnisse und Leser legen Zeugnis hierfür ab. Die hebräische Sprache ist beute nicht mehr die alte „heilige Sprache" (Loschon hakodcsch), in welcher, von einzelnen verschwindenden Ausnahmen abgesehen, nur religiöse und rituelle Abhandlungen geschrieben wurden; auch dient sie nicht mehr wie ehemals bloß als Mittel zur Aufklärung, als Brücke, uni der hebräisch lesenden Jugend allgemeines Wissen zuzuführen, sie stellt heute unsere Nationalsprache dar, sie ist Blut von unserem Blute, wie es jetzt in uns pulsiert, und bedeutet das wichtigste Moment unseres nationalen Lebens. Und je mehr die nationale Idee unter uns an Boden gewinnt, je tiefer die Erkenntnis derselben die Schichten des Volkes dnrchdringt, desto größer wird auch die Verbreitung unserer alten Nationalsprache, desto mehr Leser und desto mehr Unternehmer und Verleger treten auf den Plan. Ein alter jüdischer Gelehrter hat mit Recht darauf hingewiesen, dass das Schicksal der Juden immer Hand in Hand gegangen ist mit dem der hebräischen Sprache. Wie die Juden in früheren Zeiten nur für den religiösen Gedanken gelebt und sich als die »Träger der wahren Religion" gefühlt haben, wie sie von den Völkern, in deren Mitte sie lebten, nationale Momente den Ausschlag geben werden; es soll nämlich in einzelnen Orten aus sanitären oder marktpolizeilichen Rücksichten auf Antrag der Gemeindevertretung, welche die betheiligten gewerblichen Genossenschaften zu hören hat, durch die politische Landesbehörde dieses Feilbieten untersagt werden können. Damit aber nicht alle Elemente hierdurch ausgeschlossen werden, bestimmt Absatz 6: »In besonders rücksichtswürdigen Fällen kann die Gewerbebehörde erster Instanz (in Wien ist dies der Magistrat) nach Anhörung der betreffenden Genossenschaften für einen Zeitraum von je drei Jahren und auf Widerruf im Bezirke ansässigen kleineren Gewerbetreibenden zu deren besserem Fortkommen das Feilbieten ihrer eigenen Erzeugnisse innerhalb der Gemeinde des Standortes ihres Gewerbes, von Haus zu Haus gestatten." Und in diesen letztangeführten Bestimmungen muss die eminente ^Gefahr erblickt werden, welche zahllosen jüdischen Existenzen droht; mögen in den verschiedensten Kronländern Oesterreichs die verschiedensten politischen Kämpfe geführt werden und mögen Reichsraths-, Landtags- oder GemeinderathSwahlen den Sieg deutscher, czechischer, polnischer, ruthenischer, slovenischer, italienischer oder welcher Nationalität immer angehörender Candidaten ergeben, diese dehnbaren Bestimmungen werden sicherlich in den seltensten Fällen eine günstige Anwendung gegenüber Juden finden. Die politische Landesbehörde soll auf Antrag der Gemeindevertretung das Feilbieten untersagen können; man muss nicht gerade nur an Wien denken, um leicht zu erkennen, dass es kaum eine Vertretung irgendeiner Gemeinde geben wird, die einen solchen Antrag unterlassen wird. Woraus besteht denn die Vertretung einer Gemeinde? Entweder aus den Leuten selbst, welche im Orte Geschäfte betreiben, bei welchen sie sich Concurrenten vom Halse halten wollen, oder es sind Verwandte oder Freunde solcher Geschäftsleute; und immer sind sie auf die Stimmen derer angewiesen, die sie kurz zuvor gewählt haben oder bald nachher wählen werden; und dass hierbei die betheiligten Genossenschaften zu hören sind, kann doch sicherlich kein Palliativmittel gegen unmotivierte Entschließungen abgeben. Denn zunächst gilt von denselben die gleiche Rücksicht auf Beseitigung der Concurrenz, und selbst wo dies nicht der Fall, besteht zwischen den heterogensten Genossenschaften eti\ Gefühl der Collegialität, das schon einmal die sonderbarsten Früchte zeitigte. Als im Februar 1695 eine große Agitation gegen den Hausierhandel entfaltet wurde, erklärten zahlreiche Genoffen-- schasten, der Hausierhandel richte sie zugrunde, n müsse beseitigt werden, und dieser Agitation schlossen sich auch nachstehende Genossenschaften an*): Die Genossenschaften der Fassbinder, Bildhauer, Sauerkräutler, Zimmer- und Dekorationsmaler, Bettwarenerzeuger, Friseure und Raseure, Claviermacher und Orgelbauer, Brunnen Meister, Maschinenbauer und Mechaniker, Büchsenmacher uud Schwertfeger, Zahntechniker, Rauchfangkehrer, Stuccaturer, Don aufischer. Modistinnen, Deichgräber, Milchmeier, Spielkartenerzeuger. Kleinhändler mit Brennmaterialien, Schilder- und Schriften maler, Einspänner, Großfuhrwerksbesitzer, concessiouierte Brantweiner, Kleinfuhrwerksbesitzer, Z i m m e r p u tz e r, Vogel- und Thierhändler, Kunstblumenerzeuger, Fleischselcher, Sattler- und Wagenbauer, Blas- und Streichinstrumentenmacher, Fleischhauer, Wäscher und Wäscheputzer, Posamentierer «. a. So sehen die Factoren aus, welche ein Votum bei der Entscheidung in gewerberechtlichen Fragen erhalten sollen. Nun könnte man aber die Bedeutung gerade für jüdische Geschäftsleute vielleicht durch den Hinweis in Abrede stellen, dass ja das Verbot des Feilbietens gleichmäßig alle — ob Juden oder *) Aus meiner Broschüre: „Soll der Hausierhandel abgeschafft werden?! Dr. Ascher. nur als ein Element, um den andern Bürgern Nutzen zu bringen, angesehen und demgemäß behandelt wurden, so ergieng es auch der hebräischen Sprache: Man suchte nie den Wert in ihr selbst sie bildete einen Theil der Heiligthümer, ein Glied unserer religiösen Einrichtungen im Mittelalter und wurde als ein Mittel der Aufklärung in der Assimilations- Epoche in der Mendelsohn'schen und späteren Zeit benützt. Erst die jüdisch-nationale Idee unserer Zeit brachte uns die Wahrheit zum Bewusstsein, dass wir nichts mehr und nichts weniger sind als ein Volk wie andere Völker, dass das Recht zu üben in uns selbst liegt und dass wir ebenso wie alle anderen Völker berechtigt sind, uns als Volksindividualität zu fühlen und auszuleben. Und ebendasselbe gilt auch für die hebräische Sprache. Sie wird jetzt gepflegt als unsere Nationalsprache, weil sie uns alles gibt, was eine Sprache dem Menschen geben kann, weil sie in sich alles aufnimmt, was im Juvenlhum und in der übrigen Welt vorgeht, um eine selbständige Literatur zu bilden. So brachte uns unsere Zeit hebräische Tagesblätter, Wochen- und Monatsschriften, Jahrbücher und allerlei Lieferungswerke, und so erhielten wir jetzt eine illustrierte hebräische Wochenschrift für Kinder, welche den Namen führt: »O l a m Kat an" (Die kleine Welt*). Bor uns liegen die drei ersten Hefte, mrd wir müssen Redactenren und Herausgebern vollste Anerkennung zollen. Der Verlag „Tuschijah" ist allerdings kein Neuling mehr auf diesem Gebiete. Da er bereits mehrere Lehruud Lesebücher und Chrestomathien für Kinder und die reifere Jugend herausgegeben hat, nahm er die Gelegenheit wahr, die Bedürfnisse der Bürger der »kleineu Welt" nach allen Richtungen kennen zu lernen, und er weiß deshalb, welche Speisen er ihnen aufzutischen hat. Die besten hebräischen Schriftsteller und Dichter betheiligen sich daran, von den Zeichnungen sind viele original und von vorzüglicher Ausführung. *) Im Verlage „Tuschijah" in Warschau. — Buchdruckerei „Industrie" in Wien. Nichtjuden — trifft. Demgegenüber verweisen wir auf die folgenden Bestimmungen: Die Gewerbebehörde erster Instanz — wie schon bemerkt, in Wien der Magistrat — kann (!) — daheißt: er kann auch nicht — in Fällen, die nicht allein rücksichtswürdig, sondern sogar besonders rücksichtswürdig (!) sind, nach Anhörung der betreffenden Genoffenschaft (!) (wir verweisen auf die vorerwähnten Enunciationen der Genossenschaften, die sich durch den Hausierhandel geschädigt erachteten) kleineren Gewerbetreibenden auf Widerruf (!) das Feilbieten im Umherziehen gestatten. Wie es bei solchen Bestimmungen den jüdischen kleineren Gewerbetreibenden ergehen würde, das muss wohl nicht erst noch weiter ausgeführt werden. Sapienti sat! Jur politischen Lage in Oesterreich. Interview mit dem rumänischen Abgeordneten Dr. Lupu. Abgeordneter Dr. Lupu äußert sich in längerer Unterredung über die politische Lage in Oesterreich, den Nationalitätenhader und die Judenfrage einem unserer Mitarbeiter gegenüber ungefähr folgendermaßen: Äon dem gegenwärtigen Parlamente und der gegenwärtigen Regierung ist keinerlei wirkliche Gesundung des Staatswesens und auch nicht die Inangriffnahme der für die Bevölkerung nothwendigen wirtschaftlichen und freiheitlichen Reformen zu erwarten. Trotzdem wird der parlamentarische Apparat weiter fungieren, weil die obstructionistischen Parteien ihr Pulver verschossen haben und keinen neuen Köder für ihre Wähler besitzen. Auf Basis der gegenwärtigen Verfassung, des Dualismus, der derzeitigen Wahlordnungen kann die Nationalitätenfrage nicht gelöst werden. Es hilft nur die Octroyierung einer neuen Verfassung, welche allen Völkern der Monarchie dies- und jenseits der Leitha die nationale Gleichberechtigung gewährt, wozu die Einführung des allgemeinen gleichen und directen Wahlrechtes für alle Vertretungskörper des Reiches unerlässlich ist. Die Rumänen, welche im Gegensätze zu gewissen verlogenen Behauptungen nächst den Tirolern die schwarzgelbsten. Oesterreicher in Cis- und Transleithauien sind, verhalten sich neutral im deutsch-czechischen Streite, von dem vorwiegend die Magyaren profitieren. Zur Judenfrage übergehend, erklärt Abgeordneter L u p u, über dieselbe eingehende Studien gemacht zu haben, und resümiert seine Anschauungen hierüber in Folgendem: Die Juden sind in meinen Augen eine eigene Nationalität, denen ich nur einen Vorwurf machen muss, dass sie sich bisnun nicht als nationale Individualität organisiert haben, und sich von Führern bald für diese, bald für jene Zwecke, für die eine oder andere national-chauvinistische Sache missbrauchen ließen. Wenn sich gegen diese Richtnng unter den Juden selbst eine Opposition gebildet hat, so freut es niemanden aufrichtiger als mich. Gerade in dem Missbrauche der Juden durch ihre Führer für fremde Interessen ist die Hauptursache des Antisenlitismus zu suchen. Allerdings soll nicht geleugnet werden, dass auch das sociale Moment bedeutend mitspielt. Einen ausgezeichneten Eindruck erwecken die Schilderungen, welche den jüdischen Festtagen gewidmet sind. Da diese Wochenschrift im Monat Nissan zu erscheinen begann, so enthält das erste Heft eine Abhandlung über Peßach, Heft 2 über Frühling und L'g-beomer, Heft 3 über Schewuoth und die Ofeubarung am Sinai. Auch die Abbildungen stimmen damit überein. Leider lassen einzelne Capitel in Bezug auf Deutlichkeit und nähere Erklärung der Festtage manches zu wünschen übrig. Die Hinweisungen auf die geschichtliche und nationale Bedeutung der Feste sind, mit Ausnahme des Capitels über Schewuoth. sehr dürftig ausgefallen. Am besten gefielen uns die Legenden und Märchen. Besonders gelungen, weil vorzüglich den Kinderton treffend, sind die »Sagen" von D. F r i s ch m a n n. Großmutter erzählt den Kindern von den »Wundern" der alten Rabbiner, worauf der älteste Enkel diese „Wunder" als Sagen bezeichnet. Als dann der Enkel der Großmutter von den wunderbaren Erfindungen unserer Zeit, vsn Telephone«, Locomotiven rc. berichtet, erklärt sie dieselben gleichfalls als „Sagen". Sehr gelungen ist die Legende „Ein Lächeln" , von Lebener und ebenso einige Kindergedichte. Die Abtheiluug für populäre Wissenschaft enthält liebersetzungen von Wöreshöfers „Reisebilder" und der Zoologie für Kinder von C a r p e»t i e r. Wenn wir noch hinzufügen, dass jedes Heft Epigramme und kleine Carricaturen enthält, so haben wir den Inhalt so ziemlich veranschaulicht. Die Rubrik „Neuigkeiteu" halten wir in einer Jugendzeitschrift für wenig angebracht. Im großen und ganzen machen diese Hefte einen vorzüglichen Eindruck, und wir dürfen dieses neue Unternehmen als Zeichen dafür begrüßen, dass die hebräische Sprache Mt nur als Volkssprache, sondern auch als Kindersprache wieder auflebt. R. A. B.