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Jüdisches Volksblatt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ÄEbaxttrm: TIH/1, Schkötzelgaffe 1L Gpttchftm»be»r N» WoAmtagen von 4 bis 6 Uhr nachmittags. p»M*rff.: JübstcheS «olkSblatt, «s»e», VUljl. Vrfchtvrrdrn wegm verspäteter oder gar nicht erfolgter UN« dringend. — Ma»«sertvte »erde» reicht z Zustellung erbitten wir rüSgesteUt. Vostfparcaffen-Eonto »S70S7. In das Abonnement kann man täglich eintreten. unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prrfsrowmjfston. Inserate übernehmen di« Firmen: A. Danneberg, M. Duke«, Haasen. stein L Bögler, Rudolf Moste, S. vppeltk, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-ikxpediüonm im Auslande. Eirrzel-Nnrrrmer 1» Wie« IS Heller. Administration: Vni/1, SchlShrlgasse 11. AbounemeutSpreiS: Für Wie» ». Oesterreich-Ungar» fammt Francozustellung. Halbjährig Bierteljährig Kr. 8.- :ir. Für baS gefammte Ausland fammt Francozustellung. Ganzjährig ... Kr. Halbjährig.„ 4.50 Bierteljährig.„ 58-B5 Nr. 22 Wien, 31. Mai 1901. III. Jahrgang. Alt die jüdische Bevölkerung der Stadt Wein Am 1. Jänner 1901 trat das neue Heimatsgesetz zum erstenmale in Wirksamkeit. Die Wohlthaten, welche das neue Gesetz gewährt, dürfen und können den Juden nicht versagt werden. Nur die indolenten und gleichgiltigen Juden sind es, die sich jener selbst berauben. Namentlich für die unter der antisemitischen Wiener Gemeindeverwaltung lebenden Juden ist die Erlangung des Heimatsrechtes von größter Wichtigkeit. Abgesehen von der hierdurch erfolgenden Vermehrung und Stärkung der bürgerlichen Rechte sind auch eine Reihe anderer materieller Vortheile mit dem Heimatsrechte verbunden. Stiftungen, Stipendien, Aufnahme in Krankenanstalten, in Lehranstalten, Erlangung von gewissen Stellen erfordern nicht selten die Zugehörigkeit zum Wiener Gemeindeverbande. Was die Wiener Zuständigkeit für Arme und Subsistenzlose, für Witwen und Waisen bedeutet, das soll hier nicht erörtert werden. Es muss aber offen gesagt werden, dass derjenige Jude, welcher in der heutigen Zeit die Feststellung seiner Heimatsverhältnisse unterlässt, ein Verbrechen an sich und seiner Familie begeht. Der Jüdische volksverein, eingedenk der Wichtigkeit des heimatsrechtes für die Juden, etablierte ein eigenes Rechtsschutzbureau welches allen, die Erlangung der Zuständigkeit anstrebenden Juden thattraftig zur Seite steht. Auskünfte in heimatsrechts-Angelegenheiten werden durch sachkundige Juristen im vereinslocale des „Jüdischen Volksvereines", II., Leopoldsgasse 49, ertheilt. Sprechstunden find jeden Montag und Mittwoch von halb 8 bis 9 Uhr abends. wir wiederholen noch einmal: Mische MM, jüdische Arbeiter, gedenket der Cckngnilg des Semntsrechtes! Herr Zechner kneift. f Wie man aus den Tages blättern weiß, ist der k. k. Ministerialrath Franz Zechner in der Parlaments- Sitzung vom 23. Mai fast durchgeprügelt worden. Lediglich das Eingreifen des Landsmannministers Dr. Pientak schützte ihn vor der Strafe, welche die oppositionellen Abgeordneten diesem Regierunqsvertreter wegen seines taktlosen, im Parlamente noch me dagewesenen Verhaltens zugedacht haben. Herr Zechner dürfte bald auch selbst eingesehen haben, dass sein Auftreten gegen den Abgeordneten Breiter ein provokatorisches und den ihm durch die Hausordnung eingeräumten Befugnissen zuwiderlaufendes war —als Herr Breiter durch seine Eartellträger von Herrn Zechner Aufklärungen verlangte, zog sich Herr Zechner kleinmüthig zurück und revocierte. Tags darauf, am 24. Mai, schrieb er einen Brief an Herrn Dr. Tschan, dass er mit seiner Aeußerung von den schmutzigen Angriffen nicht Herrn Breiter, sondern das — »Jüdische Volksblatt" gemeint habe. Zwar ist im stenographischen Protocolle der Reichsraths- Sitzung vom 23. Mai, S. 4294, deutlich zu lesen, dass Herr Zechner gesagt hat: »Heute (das beißt am 23. Mai« Anm. d. Red.) möchte man daraus einen Vorwurf erheben, und zwar in s ch m u tz i g st e r Weise" und an einer anderen Stelle: „Auch in der Presse 'sind dieselben Borwürfe erhoben worden^ — nichtsdestoweniger stellt sich Herr Zechner in seiner Abbitte plötzlich gedächtnisschwach und schreibt: „Geehrter Herr Doctor! In Beantwortung Ihres geschätzten Schreibens vom 24. d. beehre ich mich mitzutheilen, dass ich die von mir in der gestrigen Abendsitzung des Abgeordnetenhauses gemachte Aeußerung nicht auf die Person des Herrn Abgeordneten Breiter bezogen habe, sondern dass ich diese Aeußerung gegen die wiederholt zutage getretene, auch in der Presse, zum Beispiel in der Nummer 11 vorigen Jahres des »Jüdischen Volksbla 1 t e s" verbreitete und, wie mir wohlbekannt ist, auch heute noch immer wieder auftretende Tendenz gewisser Kreise richtete, meine Wirksamkeit in Angelegenheiten des galizischen Ecdwachsbaues auf unehrenhafte Beweggründe zurückzuführen. Mit besonderer Hochachtung Wien, 24. Mai. Franz Zechner, k. k. Ministerialrath. Die Debatte über die Regierungsvorlage, betreffend j die Regelung der Arbeitsdauer im Bergbau, benützte ber | Abgeordnete der fünften Curie von Lemberg, um bie [ seltsame Rolle, die Herr Zechner bei der" Erlassung! von Bergpolizei-Vorschriften für Boryslaw gespielt hat,! zu beleuchten. Das soll dem Abgeordneten Breiter! unvergessen bleiben. Worüber sich die jüdischen Auswürflinge des Polen-Clubs und die jüdischen Schwächlinge außerhalb desselben gründlich ausschwiegen, was die socialdemokratische Presse nur in böswillig entstellter Form ihrer Oeffentlichkeit vortrug, das hat zum erstenmale Herr Breiter von der parlamentarischen Tribüne in rücksichtsloser Weise erörtert: die unheilvolle Wirtschaft des Herrn Zechner in Boryslaw, die hunderte Familien in den Hungertod trieb und tausenden von Arbeitern das ehrlich erworbene Brot raubte. Wenn Herr Zechner Herz und Gefühl hätte, so müsste er erbeben bei der Erinnerung an die zahllosen Opfer, die der Hungertyphus hinweggerafft hat, und an die hunderte von Familien, die mit Kind und Kegel bis nach Canada auswandern mussten und die beim Abschiede vom Leben oder von der geliebten Heimat seinen Namen verfluchten. Doch dieser trockene Bureaukrat mit dem unheimlich stechenden Blicke hat kein Herz und kein Gefühl. Die kleinen Producenten sollen betteln gehen, die Arbeiter am Hungertyphus sterben oder auswandern — denn Zechner ist ein Reformator. Denn seine Reformen schaden — selbstverständlich nur zufällig — der Länderbank und der Creditbank gar nicht, sondern bloß den kleinen Producenten und Arbeitern, von denen die meisten — wieder ganz zufällig — Juden sind. So kann Herr Zechner ganz ungestört seinem reformatorischen Wahne die Zügel schießen lassen. Kein Abgeordneter hat darüber den Ackerbauminister im Parlamente zur Rede gestellt, kein Blatt, auch nicht die „Arbeiter-Zeitung", hat sich beim Conflict zwischen den Interessen der großkapitalistischen Banken und des Proletariats des letzteren angenommen, und so wurde aus der Boryßlawer Hölle ein Maffengrab, wo zwei Banken die Früchte Z e ch n e r'scher Arbeit zu ernten sich anschickten. Nur ein Blatt fand sich, das, den jüdischen Interessen gewidmet, von allen Banken unabhängig, den Muth fand, die socialreformatorischen Thaten des Herrn Zechner ins richtige Licht zu rücken. Es war dies das „Jüdische V o l k s b l a t t'. Im April 1899, als die Z e ch n e r'schen Bergpolizei-Vorschriften ins Leben treten sollten, hat dieses Blatt eine Artikelserie eröffnet, in der an der Hand eines ausführliches Materiales die Amtsthätigkeit des Herrn Zechner in scharfer Weise angegriffen wurde. Dabei wurde besonders nachgewiesen, dass die Opposition der kleinen Producenten und der Arbeitermassen nicht gegen die neuen Maßregeln zum Schutze des Lebens und der Gesundheit der Arbeiter, sondern einzig und allein dagegen gerichtet sei, dass nach den neuen Vorschriften die einzelnen Schächte voneinander um 60 Meter entfernt sein müssen, während nach dem Naphtha-Gesetze vom Jahre 1884 eine Entfernung von 10 Metern genügend war. Es wurde in diesen Artikeln bewiesen, dass nach den neuen Vorschriften zum Betriebe eines Schachtes ein Gomplex von 3600 Quadratmetern erforderlich ist, welchen jedoch kein einziger Privatunternehmer besaß, so dass die neuen Vorschriften ausschließlich den Actiengesellschasten zugute kamen. Schließlich wurden die mehrfachen Conferenzen zwischen Herrn Zechner und der Länderbank, in deren Verwaltungsrath auch der inzwischen nach Dresden geflüchtete Direktor der Creditbank M a r ch w i c k i gesessen ist, nicht unerwähnt gelassen. Auf alle diese Artikel — es waren ihrer fünf — des „Jüdischen Volksblatt" hat Herr Zechner nicht reagiert. Der Herr Ministerialrath hat nicht berichtigt, und doch hätte ihm gewiss selbst die „Arbeiter-Zeitung", die ihn jetzt so sehr gegen Herrn Breiter in Schutz nimmt, eine Berichtigung nicht versagt; der Herr Ministerialrath hat auch nicht geklagt. Nun plötzlich, nach zwei Jahren, diese Empfindlichkeit, dieser Groll, der sich bis zu einem Wuthausbruche steigert — sobald nur Breiter den Namen Boryslaw nennt. Sollte denn Boryslaw auf dem Gewissen des Herrn Ministerialrathes so schwer lasten? Am empfindlichsten scheinen den Herrn Ministerialrath die nachfolgenden Aeußerungen B r e i t e r s getroffen zu haben: Ich werde Ihnen, meine Herren, unumstößlich beweisen, dass Herr Zechner nur im Interesse derCapitalisten handelt, und wenn im Interesse derselben die Einführung einer achtstündigen Schichtdauer liegt, so thut es Herr Zechner. Erscheint aber den wucherischen Unternehmern, welche die Arbeitskraft ihrer Lohnselaven schonungslos ausbeuten, etwa eine zwölf- oder mehrstündige Schicht ausgiebiger, so finden sie im Herrn Hofrath ebenfalls ihren überzeugten Vorkämpfer. , , Nun denn, wenn Herr Zechner in den galizischen Erdwachsgruben eine achtstündige Schichtdauer einführte — was sonst sehr lobenswert ist — so that er's dennoch lediglich deswegen, um den großen Industriellen, den Besitzern von großen Erdwachsgruben und namentlich der L ä n d e r b a n k zur Vernichtung der kleinen Producenten zu verhelfen. (Hört! Hört!) Unter dem Vorwände der Arbeitersreundlichkeit hat er den großen Producenten zu der Vernichtung der kleineren geholfen. Dass dieser Plan auch wirklich gelang, und dass die Zechner'schen bergpolizeilichen Erlässe die lleinen Erdwachsproducenten — die ich gar nicht in Schutz nehme und nehmen will — mit einem Schlage zugrunde richten, beweist am besten der totale Niedergang der kleinen Erdwachsgruben in Boryslaw. Sollte aber einer von Ihnen, meine Herren, daraus einwenden, dass an diesem Niedergange am wenigsten Herr Zechner schuld sei, sondern ein ganzer Complex von misslichen Conjuneturen, so frage ich: Warum toleriert Herr Hofrath Zechner als wahrer Arbeiterfreund noch immer einezwöls-undmehrstündigeSchichtdauerinden galizischen Naphhthag tu ben? Weil die Petroleumgruben sich fast ausschließlich im Besitze von Großcapitalisten befinden. Nachdem aber im wohlverstandenen Interesse dieser Großproducenten keineswegs die Einführung der Achtstundenschicht liegt, so thut es auch Herr Hofrath Zechner nicht. Weil jedoch den Zwecken derLänderbank, ich wiederhole: der Länderbank und sonstiger Großcapitalisten und großer Erdwachs-Pro duc e n t e n die Einführung einer Achtstunden-Arbeitszeit vollkommen entsprach, weil sie dadurch eine Vernichtung der kleinen Producenten ebenso schnell wie gründlich erreichen konnten, so wurde Hosrath Zechner ein Arbeiterfreund und überzeugter Anhänger der achtstündigen Arbeitszeit!" Auf alle diese schwerwiegenden Angriffe, die Breiter offen, Mann gegen Mann, gegen ihn erhob,

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