Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 21 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 24. Mai 1901 Seite 3 Eine Abfertigung. Von Dr. Mayex-Gbner, Czernowitz. Vor nicht gar langer Zeit habe ich in der »Welt' einige Aufsätze Über „Jüdische Realpolitik' veröffentlicht und den Standpunkt vertreten, den das „Jüdische Volksblatt' seit Jahr und Tag mit anerkennenswertem Eifer verficht. Ich glaube, dass vor der Verwirklichung unserer zionistischen Hoffnungen es auch Gegenwartsaufgaben genug gibt, die Berücksichtigung erheischen, und in erster Linie ist eS unsere nationale Pflicht, in Ländern, wo wir durch Zahl, Intelligenz und Steuerkraft politisch bedeutend sind, von unseren Machtmitteln den weisesten Gebrauch im Interesse des jüdischen Volkes zu machen. Als ich diesen Standpunkt mit aller Offenheit in der „Welt" verfocht, meldete sich mein zionistischer Gesinnungsgenosse Dr. M e n c z e l aus Czernowitz als Gegner. Ich vertrat die Ansicht, dass es n e b e n dem Zionismus ganz gut eine jüdische Volkspartei mit ausgesprochen jüdisch-politischen Zielen geben darf, während Dr. Menczel mit einem etwas verdächtigen Eifer aller Welt predigte, dass es außer dem Zionismus kein Heil auf Erden für die Juden gebe, dass jeder Versuch, die Juden zu politischen Zwecken zu organisieren, barer Unsinn sei u. dgl. m. Ich habe die „Jüdische Realpolitik" nicht erfunden, da hat schon viel früher der Rabbiner von Floridsdorf, Dr. Rosenmann, dieses gediegene Wort geprägt. Aber ich war vielleicht der erste 'Zionist, der 'bei aller in Ehren gehaltenen Parteidisciplin es doch nicht unterlassen wollte, einer in zionistischen Kreisen allgemein gehegten Ueberzeugung mit aller Offenheit Ausdruck zu geben. Was tausende meiner Gesinnungsgenossen als stille Ueberzeugung im Herzen verschlossen, ich habe es klipp und klar herausgesagt. Dass meine Anschauungen das Missfallen des Herrn Dr. Menczel erregt haben, war gewiss die schmeichelhafteste Anerkennung, die ihnen werden konnte. Diesem Herrn scheint aber die erhaltene Abfuhr die Lust zur Anstänkerung nicht benommen zu haben. Denn nunmehr beginnt er ein in Brünn erscheinendes jüdisches Blatt zu missbrauchen, um einige seiner Gedanken in den Spalten desselben abzulagern. In diesem Blatte schreibt Dr. Menczel aus Czernowitz über „Jüdisch-Nationale und Zionisten" drei lange Spalten voll. Man mag sich von diesem literarischen Geckenthum mit Ekel weqwenden, man mag über diese selbstgefällige Koketterie mit sich selbst, über diese Selbstberäucherung lächeln oder die keimenden Anfänge von Größenwahn bedauern — um des Blattes willen, das sich leider dazu hergibt, muss ich auf das Stück Selbstbiographie des Dr. Menczel reagieren. Herr Dr. Menczel erzählt nämlich, dass er als flaumbäckiger Sextaner schon jüdisch-national war, dass er schon damals als guter Mathematiker ausgerechnet habe, wieviel Abgeordnete die österreichischen Juden in den Reichsrath entsenden könnten u. s. w. Heute blicke er auf diese Jugendlhorheit, wie auf manche andere ohne Grauen (sie!) zurück und freue sich des überwundenen Standpunktes. In diesem Tone geht das müßige Geschwätz weiter. Der Herr Doctor „verzapft' einige Gedanken über den Zionismus, der leider Gottes mit dem Apostelthum deS Dr. Menczel behaftet ist, holt zu einigen Hieben gegen den „Jüdischen Volksverein' in Wien aus und schließt mit der geistreichen, wohlwollenden Bemerkung: „Durch socialpolitische Thätigkeit werden sie (d. h. wir) das jüdische Volk für den Zionismus reif machen. Dies vorausgesetzt, werden wir (d. h. die Zionisten u la Menczel) selbst die realpolitischen Spielereien verzeihen, denn Kinder müssen studieren, arbeiten, aber auch — spielen." Hiermit schließt diese Selbstbiographie des Autors, die bedauerlicherweise höchst unvollständig auf d i e N a ch w e l t kommen wird. Dieser Artikel des Dr. M e n c z e l ist rein persönlich gehalten, weshalb er auch auf die Ehre einer sachlichen Erwiderung keinen Anspruch machen kann. Die journalistischen Emanationen dieses modernen zionistischen Zeloten etwas tiefer zu hängen, war Zweck dieser Zeilen. Ich glaube, dass Dr. M e n c z e l n a ch r e i s l i ch e r Erwägung vor ziehen wird, fürderhin im Verborgenen zu blühen. Czernowitz, im Mai 1901. Der „Jüdische Vollsverem" an der Arbeit. Constituierende Generalversammlung des „Indischen Uollrsvereines" in Prossnitz. Prossnitz, am 21. Mai 1901. Wie bereits berichtet, fand am I li. Mai im großen Festsaale des Caf6-Restaurant „Deutsches Haus" die eonstituierende Generalversammlung des „Jüdischen Volksvereines" statt, an welcher nahezu die gesammte Judenschaft der Stadt theilnahm. Der Saal war lange vor Beginn dicht gefüllt, alles sah gespannt den Referaten der Wiener Gäste entgegen. Unter den Wuvesenden konnte man die hervorragendsten Mitglieder unserer Gemeinde sehen, so den Präsidenten der Eultusgemeinde Herrn Singer, Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. Goldschmied, Herrn Brauereibesttzer Friedrich Winter, Herrn Dr. Fritz Haas, Herrn Sigmund Reiner, Herrn Edmund Heilig u. s. w. u. s. w. Dr. Heinrich Lasus eröffnete die Versammlung namens der Proponenten des „Jüdischen Volksvereines" in Prossnitz, begrüßte die Anwesenden, hieß namentlich unter einmüthigem Beifalle der Versammlung die Herren Richard Rappaport, Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Karl Lifcis und Ehefredacteur Alois Munk aus Wien willkommen und ertheilte Herrn Alfred Freiberger das Wort zum Berichte der Proponenten über die Gründung des Vereines. Herr Freiberger sprach in klaren, knappen Wortcn über die politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Prossnitz und schilderte, wie in der Prossnitzer Judenschaft der Gedanke erwachte, eine Organisation zu gründen, welche sich für die Interessen derselben mit Eifer, zäher Thatkraft und Opfermuth einsetzen würde. „Gerade in diesem Momente", fuhr der Redner fort, „wurde von Wien an uns die Aufforderung gerichtet, uns zu organisieren. Und wie es nichts Neues unter der Sonne gibt, so sahen wir im „Jüdischen Volksvereine" in Wien verwirklicht, was wir ereieren wollten. Wir fanden eine große Anzahl entschiedener Freunde des Projectes und setzten ein Counts ein, welchem die Herren Dr. Lasus, Sigmund Schnabel, Fritz Pollak, Richard Bill und Alfred Freiberger angehorten. Wir acceptierten mit geringen Abänderungen die Statuten des „Jüdischen Volksvereines" in Wien, welche als bereits genehmigt der verehrten Versammlung vorliegen, so dass ich nach dieser Richtung jedes weitere Wort sparen darf. Dem Vereine sind auf unseren ersten Appell über 100 Mitglieder beigetreten. Vivant 86(iuont68! Unser Ruf ergeht an alle, denen die jüdische Sache am Herzen liegt. Darum wird jeder gute Jude unserem Appell Folge leisten. Tausende Fälle werden darthun, dass^es kleine Arbeiten genug gibt, Härten und Ungleichheiten, welche durch ein, wenn auch nicht aggressives, so doch energisches Eingreifen unserer Corporation beseitigt werden können. Und so möge denn, was die Jugend unternommen, sich erfreuen des Beifalles der Alten, möge es allgemeiner und ungetheilter Zustimmung begegnen und unterstützt werden von allen, welche guten Sinnes sind. Der „Jüdische Volksverein" in Prossnitz wachse, blühe und gedeihe, dem Judenthume zur' Ehre und zur Wehr." (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Hierauf nahm, stürmisch begrüßt, Herr Richard Rappaport aus. Wien, das Wort. Er sagte: „Ich weile beute, hochansehnlicke Versammlung, unter Ihnen mit einer Freude, wie sie der Ackerbauer empfindet, der die Pflanze auf deck Felde wachsen sieht, deren Keim er selbst in den Boden gelegt hat. Was sich hier abspielt, ist ein Theil jener jüdischen Bewegung, die erst eines kurzen Daseins sich erfreut. Es gibt Juden seit vielen tausenden Jahren, wie uns unsere Doeumente lehren, die schon über 4000 Jahre Hinausteichen, und so lange es Juden gibt, gab es Judenfeinde, und die Judenfeinde und die Judenverfolgungen haben jüdische Bewegungen erzeugt. Wir Juden haben immer gerne fremden Göttern gedient, Götzen von Stein und Eisen oder bloß Götzen in bildlichem Sinne, fremden Meinungen, die andere auf unserem Wege ausrichteten. Wenn wir uns ihnen willenlos beugten, dann kamen immer wieder die Zeiten der Judenverfolgungen, und dann folgten immer jüdische Bewegungen. Nach der Periode des Liberalismus kam die Zeit des Antisemitismus. Wir haben beide bitter verspürt, denn in der Zeit der Ruhe war ein Stück unseres Wesens mit zugrunde gegangen. Und da haben wir eine Bewegung nicht geschaffen, denn sie entstand von selbst, und zwar nicht einheitlich, sondern in verschiedenster Weise in verschiedenen Ländern. Bald war es das Wort, das an der Spitze staüd, bald wieder ein anderes. Was aber allen Bewegungen gemeinsam war, das war die Liebe zum eigenen Bolksthum, die sie geboren hatte, und der feste Wille, am eigenen Volke zu halten mit Aufbietung aller Kräfte. Wo waren die Ursachen der judenfeindlichen Bewegung? Denken Sie, ein Mann wird eines Vergehens oder schlechter Sitten beschuldigt und tritt seinem Gegner nicht offen entgegen, sondern betraut Andere damit, ihn zu vertreten. Sie werden von einem solchem Menschen sagen, dass er ein schlechtes Gewissen haben muss. Die Juden haben sich oft in der Lage dieses Mannes befunden, und doch, hatten sie sich einer Sache zu schämen? Ihres Glaubens, ihres Volksthums, ihrer Stammesgenoffen? Und wenn die Völker um uns sahen, dass wir uns unseres Judenthums schämten, mussten sie da nicht von uns gering denken? Was wir Juden wieder gewinnen müssen, ist ein jüdisches Selbstbewusstsein, wir müssen selbst stolz sein auf uns und unser Volk. Nur wenn wir uns selbst achten, werden die Anderen uns achten, und nur dann werden wir die Kraft finden, die zu einer energischen Organisation befähigt. Wir haben ja eine Cultur, die älteste der Welt. Ein jedes Volk, das Rechte verlangt, muss sich um die Cultur verdient machen, muss ein Culturvolk sein, muss Mitarbeiten für die Civilisation ebenso, wie der Einzelne ein nützliches Glied der Gesellschaft wird, wenn er für sich arbeitet. Dass die Summe der geistigen Arbeiten, die wir leisten, größer ist, als bei allen anderen Völkern, steht außer Zweifel. Aber sind es jüdische Grundlagen, auf denen wir arbeiten? Eine wirklich fruchtbare Cultur ist nur eine bodenständige, die aus dem eigenen Volke herauswächst. Wir benrbeitcn fremde Werke mit jüdischem Geiste und verändern sie dadurch und die Welt weiß uns keinen Dank. Redner bespricht in ebenso gründlicher, als treffender Weise die Verhällnisse der Juden auf gesellschaftlichem, Humanitären und politischen Gebiete und fährt dann fort: „In welcher Weise sind alle diese Dinge zu erreichen, die jüdische Cultur wieder zu beleben, die socialen Verhällnisse zu bessern, die Wohlthätigkeit in andere Bahnen zu lenken und die Juden politisch reif zu machen? Da gibt es nur ein Zauberwort, einen Hebel, die Organisation. Organisation ist das moderne Wort: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig, das Wort, das heute unsere wirtschaftlichen Verhältnisse beherrscht Das erste, worüber wir Juden miteinander zu sprechen haben, ist nicht einmal ein Programm, sondern nur die Frage des jüdischen Zusammenschlusses, der allerdings nur auf dem Boden jüdischer Selbstachtung möglich ist. In jeder Stadt und in größeren Städten in jedem Bezirk müssen jüdische Volksvereine entstehen, und durch die Zusammenfassung dieser einzelnen Vereine soll eine mächtige Organisation geschaffen werden, die klein anfängt und groß endet. Juden, organisiert Euch, in diesem Zeichen werden wir siegen!" Nachdem sich der rauschende, lang anhaltende Beifallder den Ausführungen des Herrn N a p p a p o r t gefolgt war, gelegt hatte, nahm Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Carl L i f e z i s das Wort, um an der Geschichte der Juden in Mähren zu zeigen, wie bei den verschiedensten Kämpfen verschiedener Parteien Juden anderen Juden gegenüberstanden „Alles Talent, alle Kraft, die in uns schlummert, haben wir aufgewendet für andere. Versuchen wir es einmal mit der eigenen Solidarität. Lassen wir uns nicht sagen, dass eine neue Erfindung oder eine neue Maschine, kurz die fortschreitende Cultur den Judenhass beseitigen würde. Wir haben an der Cultur aller Zeiten und aller Völker unseren redlichen Antheil. Wir haben mitgeholfen, eine Industrie zu schaffen, welche einer wetten Bevölkerung Leben und Brot brachte. Aber wir bleiben trotz allem die Verfolgten. Man sieht auf der einen Seite den Juden als Pionnier der Cultur, auf der anderen Seite den Pöbel, der ihn niederschlägt." Redner schildert dann das Wirken des Wiener „Jüdischen Volksvereines" im Großen wie im Kleinen. Er schildert seine Erfolge auf politischem Gebiete und weist nach, wie er bereits bei verschiedenen Wahlen seine Stimme zum Vortheile eines großen Theiles der Wiener Judenschaft geltend machen konnte. Er erzählte auch, wie der Verein den jüdischen kleinen Mann bis tief in sein Leben begleitet: „Es muss jeder Jude wissen, wenn ihm ein Unrecht gcschieht, dass er nicht allein ist, dass er Stütze und Hilfe findet. Sie darf nicht gesucht werden bei den Czechen' oder Deutschen, wenn wir die Lehren der Geschichte beherzigen ' sollten, vielmehr kann die Arbeit, die gethan werden muss — nur von Juden für Juden geleistet werden. Unser Programm lautet: „Das Leben den Juden." (Lang anhaltender, sich immer erneuernder Beifall.) Herr L ö w begrüßte die Gründung eines jüdischen Volksvereines und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der „jüdische Volksverein" einen gemeinsamen Arbeitsboden bilden werde für ctlle, welche das Judenthum lieben. Herr Rabbiner Dr. G o l d s ch m i e d forderte mit warmen Worten seine Gemeinde auf, den Verein nach Kräften zu fördern. Nachdem noch Herr Richard N a p p a p o r t und Herr Dr. Karl L i f e z i s einige Interpellationen beantwortet hatten, welche aus der Mitte der Versammlung an sie gestellt wurden, schritt man zu den Wahlen in den Vereins-Vorstand, und zwar wurden einstimmig gewählt die Herren Sigmund ili e i n e r zum Obmann und die Herren Moritz Altar, Edmund Heilig, Dr. Leopold Goldschmied, Alfred Freiberger und Dr. Heinrich Lasus in den Ausschuss, die Herren Leopold B eck und Sigmund Schnabel zu Revisoren. Mit Dankesworten an die Referenten schloss der Vorsitzende die Versammlung. DerPrästdrnt des „Jüdischen Volks- Vereines" in Prossnitz beim Statthalter von Mähren. P r o s s n i tz, am 21. Mai. Kaum ins Leben getreten, bekam der „Jüdische Volksversin" bereits Arbeit. Die Stadt Prerau hatte die jüdischen Handels- und Gewerbetreibenden verständigt, dass sie nicht in der Lage sei, ihnen bei den Märkten die bisher innegehabten Buden und Stammplätze zu überlassen. Hiervon war nicht bloß ein Theil der Judenschaft von Prossnitz, sondern auch von Holleschau, Olmütz, Kremsier und Kojetein betroffen. Der „Jüdische Volksvereinin Prossnitz intervenierte durch seinen Vereinsobmann Herrn Sigmund Reiner und den Rechtsconsulenten des Vereines Herrn Dr. Fritz Haas bei Sr. Excellenz dem Statthalter von Mähren Graf Z i e r o t i n, welcher die Deputation Freitag am 17. Mai in Audienz empfieng. Der Statthalter nahm die Beschwerde der Herren entgegen und gab das Versprechen, den Bezirkshauptmann von Prerau sofort zu verständigen, dass derartige Vexationen der jüdischen Marktfahrer nicht geduldet werden würden. Hierauf begab sich die Deputation zum Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Fux, welcher dieselbe aufforderte, dem Landesausschusse eine Beschwerde zu überreichen. Diese würde zur Folge haben, dass alle Gemeinden auf das Unstatthafte ihres Vorgehens aufmerksam gemacht und ihnen angezeigt würde, dass derartige Beschlüsse als ungesetzlich, inhibiert werden müssten. Chronik des Judenthums. Inlands. Wien. (Versammlung.) Am Donnerstag den 30. d. M., 8 Uhr abends, findet im großen Festsaale des „Jüdischen Volksvereines" eine Versammlung jüdischer Agenten statt. Tagesordnung: Die §§ 59 und 60 der Gewerbeordnung. Referent: Emanuel Leiter. Wien. (R i t u a l m o r d-S t a t i st i k) In dem Buche des Pfarrers Frank über den Ritualmord findet sich eine Zusammenstellung von 172 Ritualmord-Processcn (seit 1235 in Fulda bis 1900 in Pisek und Könitz), unter denen nicht ein einziger ist, in welchem die furchtbare Anschuldigung sich als begründet erwies. Von den 172 Ritualmord-Processen, welche aufgezählt werden, kommen nicht weniger als fünfundzwanzig aus Ungarn, vierzehn auf Böhmen, sieben auf Nieder- und Oberösterreich, sechs auf Mähren, je zwei auf Tirol und Galizien, einer auf Siebenbürgen, im ganzen also fiebenuudfüuszig auf Oesterreich und Ungarn. In einundsechzig Fällen. wurden die Anklagen als falsch und grundlos erwiesen, in 58 Fällen wurden die Angeklagten freigesprochen, in einundsechzig Fällen die Anklage vorgebracht, ohne dass ein Leichnam gefunden worden war, nnd in fünfunddreißig Fällen stellte es sich heraus, dass gar kein Mord vorlag oder dass der Ort, wo der Mord vorgekommen sein sollte, gar nicht existierte. Wien. (Israelitischer Berhausverein „Am Volkert".) Aus Anlass des 25jährigen Bestandes des Vereins- Bethauses findet am Samstag den 1. Juni d. I., vormittags präcise halb 10 Uhr eine Jubelfeier in unserem Bethause, II., Fugbachgaffe 7, statt. Wien. (Ein Vortrag über „Ar b e i ts Vermittlung") In der. Generalversammlung des Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender hielt nach Erledigung der lausenden Jahresgeschäfte kaiserlicher Rath Johann L i ch t e n st a d t einen überaus interessanten Vortrag „U e b e r A r b e i t s v e r m i t t l u n g". Die edelste Art der Bethätigung brüderlicher Menschlichkeit, sagte der Vortragende, besieht darin, dem Arbeit zu schaffen, der Arbeit fordert. Leider ist in dieser Hinsicht bis jetzt viel zu wenig geschehen. Auch der Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender habe bis jetzt trotz selbstlosester Bestrebungen nur Geringes schaffen können, und stehe noch weit von dem Ziele, das er sich gesteckt habe. Das liege in der viel zu laxen Betheiligung des Bürgerstandes, mit dessen Hilfe allein ein wahrhaft erfreuliches Resultat zu erreichen sei. So ziehe denn die Arbeitslosigkeit mit ihren so überaus großen Gefahren für den Einzelnen und für die Gesamrntheit immer weitere Kreise. Einer der hervorragendsten Natiönalökonomen Deutschlands, Professor Dr. Schanz, hat dieselben in treffender Weise gezeichnet: Die Arbeitslosigkeit ist eine furchtbare Geißel, sie untergräbt Selbstgefühl und Scham. Leicht geräth der Arbeitslose ins Betteln, und besonders die weibliche Arbeitslose sinkt bald von Stufe zu Stufe, da ihr in der Regel der nöthige moralische Halt fehlt, auf dem abschüssigen Wege des Lasters einzuhalten. Ganze Familien geralhen nur allzu oft ins tiefste Elend, wenn der Mann die gesuchte Arbeit nicht finden kann. Das Ende ist dann oft der völlige Ruin und leider nicht allzu selten Selbstmord und Verbrechen. — Welche Mittel stehen uns nun gegen eine solche, die weiteste Allgemeinheit betreffende Seuche zu Verfügung, die sowohl Arbeitgeber als Arbeitnehmer aufs lebhafteste interessieren muss. Eines der einfachsten und dabei wohl bestwirkenden ist die Versicherung gegen die Folgen der Arbeitslosigkeit. In der