Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 20 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Wien, Freitag Leute in das Haus des Joseph Ahtar; dieser Glaubensgenosse zeigte sich jedoch nicht ehrerbietig gegen dieselben. Mart wollte ihn zu den Priester schleppen, aber er entkam zn Hadji Aga Mohammed, der gegen uns Juden sehr wohlwollend ist. Ein Streit entspar.n sich zwischen den zwei Priestern, Hadji Mirza Hassan fasste hierauf den Ertschluss, sich an derr Juden zn rächen. Er versammelte bei sich 30 mnselmanische Kattfleute, die auf ihre jüdische Concurrenten neidisch sind. Diese verschafften ihm die Gelegenheit, eine Agitation zu provocieren. Man bemächtigte sich gewisser Arbeiter und beeinflusste Handwerker. Die Führer der Genossenschaften hielten Sitzung, entschieden sich aber dahin, den Zumuthungen des Hadji Mirza Hassan nicht zu gehorchen, sie hätten kein Interesse an den religiösen Kämpfen. Allein der Zorn Hadji Mirza Hassans kannte keine Grenzen. Indes erfährt man, dass Seine Majestät der Schah über die Unruhen sehr erbittert ist. Das religiöse Haupt Sajed Abdul Medjid hat Mirza Hassan strenge Worte hörn lassen. Er gab Befehl, dass die geschlossenen Läden wieder geöffnet wurden und der Jude Joseph Ahtar wieder in Frieden seine Geschäfte aufnehmen könne. So wurde dieser Borfall glücklicherweise beigelegt. Eine Mädchen-Affaire in Bulgarien. Sofia, den 1. Mai. Die Liebesaffaire der Linda Uziel führte am 30. April zu einer Demonstration vor der an der Ecke der Straßen Beltschew und Alabinska gelegenen Kanzlei und Wohnung des Oberrabbiners Herrn Dr. M. Ehrenpreis, die einen überaus ^Dährlichen Charakter anzunehmen drohte und der nur durch^vas energische Eingreifen der Polizei, welche von einer requirierten Cavallerie-Abtheilung unterstützt wurde, ein Ende gemacht wurde. Wie berichtet, wurde Linda Aziel vorigen Freitag infolge Intervention des Oberrabbiners Herrn Dr. Ehrenpreis auf Verfügung des Justizministers Herrn Dr. Nadew von der Polizei aus der Wohnung ihres Geliebten, des Gemeind»schreibers Ehr. M i ch a i l o w, abgehvlt und, nachdem sie die Nacht im zweiten Polizei.Commissariate verbracht hatte, Samstag früh dem Oberrabbiner übergeben, in dessen Wohnung sie verblieb. Herr Dr. Ehrenpreis hatte mit dem Mädchen noch Samstag eine Unterredung, in welcher er es auf das Urigehörige ihres Borgehens aufmerksam machte und es zu überreden suchte, in das Elternhaus zurückzukehren. Das Resultat dieser Unterredung war, dass Linda erklärte, von ihrem Geliebten nichts mehr wissen zu wollen, doch weigerte sie sich gleichzeitig, in die elterliche Wohnung zurückzukehren. Der Herr Oberrabbiner beschloss deshalb, das Mädchen bis auf Weiteres in seiner Wohnung zu belassen, wo es wie zur Familie gehörig behandelt wurde, mit Herrn Dr. E h r e n p r ei s und dessen Gemahlin an einem Tische aß, sich mit Zeitungslectüre befasste und Besuche ihrer Verwandten empfieng. Gestern gegen halb zehn Uhr Früh erschien der Geliebte Lindas vor der Rabbinatskanzlei und verlangte, dass ihm bas Mädchen ausgesolgt werde. M i ch a i l o w wurde vom Sccretär Herrn C h a i m o w empfangen, der ihm erklärte, dasa der Oberrabbiner nicht das Recht habe, ihm das Mädchen zu über geben, und er möge sich diesbezüglich au die Behörde wenden* Erzürnt über diese Antwort, verließ Michailvw mit den Worten das Rabbinat: „Der Rabbiner hat mir meine Geliebte genommen, ich werde seiner Frau den Mann nehmen.'' Nachdem bereits den ganzen Bormittag über sich Leute vor dem Rabbinote angesammclt hatten, wuchs die Menge gegen 1 Uhr nachmittags auf einige hundert Personen an und verlangte die Herausgabe des Mädchen. Herr Dr. Ehrenpreis, der das Gefährliche der Situation erkannte, theilte dies dem Pvlizeiprüfecten Herrn Oberstlieutenant Kantschew telephonisch mit und bat ihn um polizeiliche Intervention. Der Polizeipräfekt versprach, selbst zu kommen, und erschien auch gegen halb 3 Uhr mit dem Staatsanwalte Herrn K o s ch n ch a r o w und dessen Substituten Herrn W e r b a n o w vor dem Nabbinare, wo er an die inzwischen ans 2—3000 Personen angewachsene Menge eine Ansprache hielt, in welcher er sie aufforderte, auseinanderzugehen, indem er versprach, dass er eine Verletzung des Gesetzes nicht zugeben werde. Die Worte des Präfekten wurden mit Hurrahrufen ausgenommen, doch gieng die Menge nicht auseinander. Herr Kantschew begab sich sodann in Begleitung der beiden Gerichtsfunctionäre in die Kanzler des Oberrabbiners, mit dem die Herren confericrten. Herr Doctor Ehrenpreis war überrascht, aus dem Munde des Polizeipräfecten zu hören, dass unter der Menge das Gerücht verbreitet sei, Linda Uziel sei im Rabbinate misshandelt worden, und Samstag nachts hätten mehrere Juden bei ihr geweilt, welche sie zwingen wollten, sich von ihrem Geliebten loszusagen. Die Herren hatten übrigens bald Gelegenheit, sich voll der Grundlosigkeit dieser Gerüchte zu überzeugen, da ihileu Linda selbst erklärte, dass die ihr im Rabbinate zulheil gewordene Behandlung die beste war. Das Gerücht von den Juden, welche Samsttag nachts im Rabbinate geweilt haben sollen, dürfte dadurch entstanden sein, dass Samstag abends, wie allwöchentlich, in der im Parterre gelegenen Rabbinatskanzlei eine Sitzung des Cvnsistorialrathes stattfand, welche bis spät am Abend dauerte. In dieser Sitzung wurde jedoch der Asfaire der Linda Uziel mit keinem Worte Erwähnung gethan, und auch das Protokoll dieser Sitzung enthält keine Silbe über diese Asfaire. Uebrigens hat Linda, als die Mitglieder des Cvnsistorialrathes das Rabbinat verließen, schon lange im ersten Stocke in Gesellschaft ihrer Tante geschlafen. Herr Dr. Ehrenpreis erklärte dem Polizeipräfecten, sowie den Gerichtsfunctionären, dass er seine Mission als geistliche Behörde für beendet betrachte, und er es dem Mädchen freistelle, zu seinen Eltern oder zu seinem Geliebten zurückzukehren, worauf sich die Herren entfernten, indem sie erklärten, Jüdisches Volksblatt dass sie über die Sache berathen und später wicderkommen werden. Als sich der Polizeipräfect entfernt hatte, begann die Menge von neuem zu demonstrieren, und unter den Rufen: „Nieder mit der Negierung! Nieder mit den Juden! Nieder mit dem Rabbinate!" wurde ein Steinbombardement auf das Rabbinat eröffnet. Die Polizei war trotz ihres energischen Einschreitens nicht imstande, die Menge zu zerstreuen, es wäre denn, dass sie von der Waffe Gebrauch gemacht hätte, was jedoch unter jeder Bedingung vermieden werden sollte. Gegen 4 Uhr kehrte der Polizeipräfect Herr Oberstlieutenant Kantschew in Begleitung des Procurors beim Appellationsgerichte, Herrn K o s ch u ch a r o w, in daö Rabbinat zurück, wo die Vereinbarung getroffen wurde, dass Linda Uziel von der Polizei übernommen wird und bis zur Beruhigung der Gemüther unter polizeilicher Aufsicht bleibt, während welcher Zeit sie keinen anderen Besuch empfangen darf, als den des Oberrabbiners und ihrer mit einem Erlaubnisschein des Rabbiners versehenen Verwandten. Inzwischen nahmen die Domonstranten eine immer bedrohlichere Haltung ein und setzten das Steinbombardement fort. Es wurde auch der Versuch gemacht, das in der Rabbinatskanzlei befindliche Telephon durch das cingeschlagene Fenster ans zn zerstören, doch wurde dieser Versuch von der Polizei vereitelt. Mit der Zerstörung des Telephons bezweckten die Demonstranten offenbar, dem Oberrabbiner und dem Polizeipräfecten die Verbindung mit den Ministern Herren Doctor D a n e w, M. K. S a r a f o w und Dr. R a d e w, welche wiederholt telephonisch Erkundigungen eingezvgeu und Anordnngen trafen, abzuschnciden. Als Herr Kantschew sah, dass die Polizei der Menge, ohne von der Waffe Gebrauch zn machen, nicht beikommen könnte, er aber das letztere vermeiden wollte, verlangte er militärische Assistenz. Bald darauf traf auch eine Abtheilung Cavallerie unter Commando eines Oberlientenants ein. Der Polizeipräfect mahnte die Menge abermals zur Ruhe und erklärte, dass es bereits früher beschlossen wurde, dass das Mädchen von der Polizei übernommen werde, doch könne es nicht fortgeschasft werden, so lange die Menge nicht auseinandergehe. Die Cavallerie drängte die Menge sodann zurück, und der Polizeipräfect begab sich in die Wohnung des Oberrabbiners, um Linda Uziel iu Empfang zu nehmen. Linda wollte jedoch das Haus des Oberrabbiners nicht verlassen. Sie fiel der Gemahlin des Rabbiners um den Hals und bat, man möge sie im Rabbinate lassen, da sie von ihrem Geliebten nichts mehr wissen wolle. Erst ans das Zureden des Oberrabbiners, der ihr versprach, dass nach einigen Tagen, nachdem sich die Gemüther beruhigt haben werden, sie über ihr Schicksal allein werde entscheiden können, folgte Linda dem Polizeipräfecten, der sie, begleitet von dem Polizeicommissär Herrn W. Marino w, in einem inzwischen herbeigeschaffien Wagen, gefolgt von einer Cavallerie-Escorte, zum 6. Polizei-Commissariate brachte. Ein Theil der Menge folgte dorthin und versuchte auch vor dem Polizeicommissariate zu demonstrieren, wurde aber zerstreut. Der übrige Theil der Menge verblieb vor dem Rabbinate und zerstreute sich erst gegen 8 Uhr abends. Unparteiische Augenzeugen der Demonstration versichern, dass es nur dem energischen und dabei überlegten Vorgehen des Polizeipräfecten Herrn Marinow, der bis zum Eintreffen des Polizeipräfecten, unter Gefährdung des eigenen L bens dem Steinhagel trotzend, die Menge daran hinderte, das Rabbinat zu stürmen, zu danken sei, dass die höchst bedauerliche Demonstration der sich wie rasend geberdcnden Menge ohne Blutvergießen ablief. Allgemein interessiert man sich dafür, was mm mit Linda Uziel geschehen wird. Diesbezüglich erfahren wir, dass es vor allem nothwendig sein wird, daS Alter des Mädchens amtlich genau festzuftellen. Linda hat das 16. Lebensjahr, mit welchem sie majorenn wird und über sich selbst verfügen kann, noch nicht erreicht. Bis zur Erreichung dieses Alters hat über sie, da sie zu ihren Eltern nicht zurückkehren will, der Oberrabbiner als geistliche Behörde das Verfüguirgsrecht. Nach den Eintragungen beim Rabbinate wird Linda Uziel im Juni, nach einem Schnlzeugnisse am 19. April und nach einem vom T.-Bazardjiker Gemeindeamte ausgestellien Geburtszeugnisse am 2. September l. I. 16 Jahre alt. Wie wir erfahren, hat der Oberrabbiner Herr Dr. Ehrenpreis bezüglich des weiteren Schicksals des Mädchens noch keine Entscheidung getroffen. Wieder der deutsch-politische Verein!*) Professor Dr. Arthur Skedl will sich eine Sisyphus- Arbeit leisten. Sein erster Versuch, einen deutsch-politischen Verein ins Leben zn rufen, war jämmerlich gescheitert, nun will er es zum zweitenmale versuchen, zweifellos mit demselben Erfolge. Eine Versammlung jüdischer Notabeln (?) soll sich zwar für die Ideen des Herrn Professors erwärmt haben, für die gründliche Abkühlung wird aber gesorgt werden. Was will eigentlich der Lehrer des Civilprocesses von uns Juden? Er will, dass es außer dem Vereine der »christlichen Deutschen' noch einen Verein der jüdischen Deutschen gebe. Dieser Verein soll, mit einigen Parade-Ariern garniert, als „deutsch-politischer V e r e i n" ins Leben treten. Zweck: Förderung deutscher Cultur und deutsch-nationaler Interessen. Mittel: Die bewährte politische Dummheit der Juden. Die Volkszählung hat ergeben, dass die Inden mehr als zweimal so stark sind wie die Deutschen in der Bukowina, die Thatsachen und die Erfahrungen haben gezeigt, dass die Bukowina durch die Juden zu einer deutschen Sprachinsel geworden ist, indem die Städte deutschen Charakter und die Behörden deutsche Amtssprache haben. Folglich sind die Juden für eine zielbewusste deutsche Politik ein Factor ersten Ranges, *) Auf besonderen Wunsch des Verfassers aus der „Bukowinaer Post". 17. Mai 1901 Seite 5 mit dem die deutschen Führer in der Bukowina zähneknirschend rechnen in ü s s e n. Dieses Rechenexempel ist so einfach, dass es ein Kind begreifen kann. Wir Inden sind aber manchmal mit Blindheit geschlagen. Man rühmt uns Schlauheit nach, aber in politicis sitzen wir regelmäßig auf. Die Bukowina ist das classische Land, ivo eine gesunde, jüdische Realpolitik die besten Aussichten auf Erfolg hat. Aber wie nützen wir unsere politischen und materiellen Machtmittel aus? Der sechste Theil der ganzen Bevölkerung des Landes, die Juden, sind im Landtage durch zwei Männer vertreten—tt: 1—31:9— eine schöne Proportion! Im Landesausschusse sind die Juden gar nicht vertreten. Die jüdische Majorität der Handelskammer wählt einen Arier zum Präsidenten. Im Landes- L-chulrathe sind wir die liebe Null. Die Bukowinaer Sparcasse — von Juden gegründet — ist ein specisisch christliches Institut geworden. Soll ich fortfahren in der Aufzählung jener Fälle, wo wir von unseren Machtmitteln keinen Gebrauch gemacht oder sie direct für fremde Interessen verwendet haben? In der Politik gibt es keine größere Dummheit als den Altruismus. Wir waren die Pionniere der deutschen Culur in der Bukowina, wir waren die Bannerträger des Deutschthums in diesem Lande, wir waren die Stützen der deutsch-liberalen Partei, wie wurde uns gelohnt? Mit dem flammenden Antisemitismus im Reiche, mit dem still glirnmen d en im L an d e, mit nationaler und com fes sioneller Separation! Ich will nicht das alte Capitel wieder aufschlagen, ich müsste mich wiederholen. Aber es thut gut, wenn man sich die Sache wieder vor Augen führt. Biele meiner Stammesgenossen haben ein kurzes Gedächtnis. Manche wollen meinen, es regne, wenn sie angespuckt werden, und etliche küssen die arglistig dargereichto Hand, von der sie vor kurzem wenig ritterlich behandelt worden sind. Für mich und meine Gesinnungsgenossen war der christlich-deutsche Verein weder eine Ueberraschung noch eine beleidigende Ausschließung. Denn w i r haben niemals als Deutsche gelten wollen, haben niemals deutsche Zirkel ausgesucht und niemals deutsch-nationale Interessen verfochten. Wir schätzten den Wert der deutschen Cultur und Sprache, aber wir erwärmten uns nicht für deutsche Ideale. Schiller und Goethe, Moltke und Bismarck waren uns nichts mehr als Shakespeare und Tolstoi, Napoleon und Gladstone. Aber eine stattliche Zahl unserer besten jüdischen Mitbürger gerierte sich nicht bloß, sondern fühlte sich als Deutsche. Die Goldenberg, Tittinger und Reiß und viele andere glaubten echte Deutsche zu sein. Die Gründung des christlich-deutschen Vereines stach ihnen mit einemmale den Star. Die einst blind waren, wurden sehend. Die Deutschen, die geborenen, waschechten Deutschen schloffen sich eng zusammen, die deutsche Burschenschaft nahm keine Juden mehr auf, die „deutschen" Juden blieben verdutzt vor der deutschen Pforte stehen. Inzwischen zog der Antisemitismus erobernd durch die deutschen und österreichischen Lande. Die deutsch-liberale Partei gieng in Trümmer, und aus deren Ruinen pflanzte die „deutsche Fortschrittspartei" ihr — fortschrittliches Panier. Herr Prof. Dr. S k e d e l, wie können Sie, der Sie direct von den Sitzungen des österreichischen Abgeordnetenhauses und Ihres „fortschrittlichen" Clubs kommen, noch den Muth haben, die Juden zur Gründung eines deutsch-politischen Vereines einzuladen? Wissen Sie denn nicht, dass die deutschen Abgeordneten fast ausnahmslos sich zum Antisemitismus bekennen? Ist Ihnen der Vorgang bei Aufnahme der Abgeordneten Licht, Au spitz und Rose »zweig in den deutsch-fortschrittlichen Verband unbekannt geblieben? Glauben Sie, .dass alle Juden so wenig Rückgrat, so wenig Selbstachtung, so wenig Mannesstolz haben, wie diese Herren, die um Aufnahme in den deutsch-fortschrittlichen Parteiverband bettelten und es nur der von einigen Führern der Partei verfochtenen Utilität zu verdanken haben, dass sie in der Partei geduldet werden? Glauben Sie, dass wir alle so jämmerlich, niedrig, erbärmlich sind, uns zum deuschen Stimmvieh degradieren zu lassen, just weil S i e es wollen? Glauben Sie, dass uns eine freundliche Miene so bezaubern kann, dass wir darob den Zusammenhang mit dem übrigen Judenthum verlieren,! mit jenem Judenthum, welches in Deutschland den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen, in Wien, Böhmen und Mähren den wirtschaftlichen Antisemitismus zu ertragen hat? Glauben Sie, dass wir hier wieder das Deutschthmn anziehen sollen, während man uns gleichzeitig anderwärts das Menschenthum ausziehen will? Wer von unseren denkenden Stnmmesgenossen kennt nicht die Schmach, die uns täglich in der deutschen Presse und jedesmal im österreichischen Abgeordnetenhause angethan wird? War nicht gerade in den letzten Tagen in den Blättern zu lesen, dass die Alldeutschen einen Antrag der Socialdemokraten nicht unterschreiben wollten, einzig und allein, weil ihnen die Confession des den Antrag mitsertigenden Abgeordneten Dr. Ellenbogen nicht gefällt? Was hat die deutsche Fortschrittspartei gethan, um die deutschen Brüder mosaischer Confession vor der Ritualmord- Verleumdung in Schutz zu nehmen? Welche Schritte hat die deutsche Fortschrittspartei gethan, um dem systematischen Mädchenraube (Fall Araten u. a.) zu begegnen? Haben die Deutschen etwas für die Juden gethan, damit diese die moralische Verpflichtung haben sollen, den Deutschen politische Gefolgschaft zu leisten? Das Register der Begehungs- und Unterlassungssünden der Deutschen uns Juden gegenüber ist so groß, dass selbst die wohlgemeintesten Vorschläge des Abgeordneten Professor Dr. Skedl beim jüdischen Volke in der Bukowina kein Verständnis finden, mag es auch wohlgenährte jüdische Socialdemokraten geben, die Ihnen, Herr Professor, dem bürgerlichen Politiker, zujubeln, mag es auch einige reiche Juden, geschmeidige Kautschuknaturen oder windige Demokraten geben, die nicht den Muth zur Unhöflichkeit haben, Ihren Antrag zu refusieren. Wir Juden schätzen in Ihnen, Herr Professor, den Mann der Wissenschaft, wir wollen gerne zugeben, dass Sie es mit der Vertretung Ihrer Wähler ernst meinen, wir anerkennen es, dass Sie ein guter, nationaler Deutscher sind, aber Ihre Einmischung in unsere jüdisch-politischen Angelegenheiten wollen wir uns