Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 20 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2432763-2432864-2432884--1003-2434713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Mai 1901 Nr. 20 höflichst aber entschieden ausgebeten haben. Wir haben Sie nicht gestört, als Sie als guter Katholik bri der Arbeit waren, jüdische Seelen vor dem Fegefeuer zu retten, stören Sie auch uns nicht, wenn wir Juden daran gehen, uns als Juden politisch zu organisieren. Wenn Sie unsere politische Bundesgenossenschaft wünschen, dann werden wir, als gefestigte j ü d i s ch e Partei, mit uns reden lassen, dann aber werden Sie uns erst beweisen müssen, wo unser Vortheil ist. Bis dahin aber wollen Sie uns nicht glücklich machen, wir können es auch ohne Ihre liebenswürdige Beihilfe werden. Jenen Juden aber, die aus der jüdischen Geschichte alles vergessen und nichts gelernt baben, die kleingeistig genug sind, um nicht zu begreifen, dass sie für fremde Interessen missbraucht , werden sollen, die charakterschwach genug sind, um einer eitlen Verlockung, einer falschen Phrase nicht widerstehen zu können, jenen Juden, die nach billigem politischem Lorbeer streben, um an die Anrüchigkeit ihrer Existenz vergessen zu machen, diesen Juden will ich im Geiste all derer, die mit mir gleicher Gesinnung sind, zugerufen haben, dass die Gründung eines deutsch-politischen Vereines in der Judenheit einen Sturm entfesieln wird, der sie aus dem öffentlichen Leben hinwegfegen wird. Dr. Mayer Ebner. Aufruf! Das gefertigte Agitations-Comite, gebildet aus der Mitte der Curgäste im Bade Luhatschowitz, hat beschlossen, zur Erinnerung an das siebzigste Gcburtsfest Sr. Majestät des Kaisers einen Verein zu gründen, mit dem Zwecke, im Curorte Luhatschowitz ein Bethaus zu errichten, wie auch die jüdischen armen Curgäste während ihres Aufenthaltes in diesem Curorte zu unterstützen. Durch die Verwirklichung dieser patriotischen, religiösen und humanen Idee soll einem längst allgemein gefühlten Bedürfnisse entsprochen werden. Das genlietete Local, in dem bisher gebetet wurde, entspricht wegen der Enge seines Raumes und der darin herrschenden schwülen Atmosphäre keineswegs seiner heiligen Bestimmung, weshalb auch viele Curgäste, die gerne in gemeinsamer Andacht aus den Heilsquelleu der Religion Hoffnung auf Heilung ihres Leidens schöpfen möchten, an dem öffentlichen Gottesdienste nicht theilnehmen können. Noch mangelhafter als das Betlocal ist die Unterstützung der armen Curgäste; die zu diesem Zwecke . allwöchentlich veranstalteten Sammlungen ergaben zumeist, da der Curort fast ausschließlich vom Mittelstände besucht wird, ein solch dürftiges Resultat, dass die Armen selbst mit dem Allernöthigsten nicht unterstützt werden können. Die Bedauernswerten sind deswegen gar oft genöthigt, ihre Curzeit abzukürzen und den Curort zu verlaffen, ohne ihre Gesundheit wieder erlangt zu haben, die ihr ganzes Vermögen und einziges Mittel zur Erhaltung ihrer Familie ist. Es wird gebeten, durch Beitritt zu unserem Vereine unsere Bestrebungen unterstützen zu wollen. Allfällige Spenden übernehmen die Unterzeichneten. Das provisorische Comito: M. R. Salzmann, Professor, Wien; Dr. Hoff, Rabbiner, Bisenz; Dr. H. Löwy, Med.-Doctor, Wien; Jos. Spitzer, Mähr.-Ostrau; Eduard Schlenger, Pressburg; Julius Eisinger, Florisdorf; Max Jellinek, Luhatschowitz; Dr. M. Jung, Rabbiner, Ung.-Brod; Dr. Goldschmied, Rabbiner, Prossnitz; Heinrich Weinreb, Budapest; Moritz Deutsch. Brünn; Samuel Meißner, Bösing; Jac. Weißmann, Ung.-Hradisch; Jacob Schön. Ung.- Hradisch; M. H. Brammer, Cultusvorsteher, Ung.-Brod. Bücher-Einlauf. „Handbuch des Oeftcrreichischen Rechtes", Heft 11 bis 13. Wiener Volksbuchhandlung, Ignaz Brand. Die Wehrpflicht ist wohl eines der in das Leben jedes einzelnen und jeder Familie am tiefsten eingreifenden Gesetze. Und dennoch — wie wenig sind die diesbezüglichen Bestimmungen bekannt! Wie wenige wissen, wann sie Anspruch auf Militärbefreiung. auf Enthebung von der Waffenübung mit Erfolg geltend machen können. Deshalb wird jedermann mit Interesse die klare und ausführliche, mit allen nöthigen Formularien versehene Darstellung dieser gesetzlichen Bestimmungen lesen, welche in den soeben erschienenen Heften 11—13 des „VolksthümlichenHandbuches des Oesterreichischen Rechtes" von den Wiener Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. I. Ingwer und Dr. I. R o s n e r gegeben wird. Das treffliche Werk erscheint im Verlage der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand, Wien, VI., Gumpendorferstraße 18, und ist durch jede Buchhandlung und jeden Colporteur zu beziehen. Bon der „Neuen Zeit" (Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 32. Heft des 13. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalte heben wir hervor: Die preußische Krisis. — Bismarcks „geniale" Wirtschaftspolitik. Von Heinrich C u n o w. — Soeialdemokratische Jugendliteratur? Von Heinrich Schulz. — Städtische Grundrente und Wohnungsfrage. Bon Louis Cohn (München). — Zur Frage des Lanobesitzes iu Amerika. Von L. W e r n e r. — Fort mit dem Proportionalwahlsystem bei den Ortskrankencassen! Von Eduard Graf— Literarische Rundschau: K. H a r t m a n n: Die gemeindliche Arbeitsvermittlung in Bayern. — Feuilleton: In der Schlucht. Von Anton Tschechow. Aus dem Russischen übersetzt von Eugenie K l i o r i n. (Fortsetzung) Vereins- und 7 ‘ '7. Wien. (Pensionsverein für isr. Lehrer in Böhmen.) In der Frühjahrssitzung des Verwaltungs-Ausschusses am 12. Mai d. I. wurden unter anderen Pensionszuerkennungsgefuchen auch zwei von prineivieller Wichtigkeit im Sinne der Gesuchsteller erledigt, weiters über Actionen berathen, die diesen über ein Bermögen von Kr. 200.000 verfügenden Verein noch immer als sehr nothleidend erscheinen lassen, wenn man bedenkt, dass den invaliden oder gänzlich zum Lehramte untauglichen Lehrern statt der Normalpension von Kr. 1200 nur eine armselige 35°/oige Quote gegeben werden kann. Ein im .Ochehle" erschienener Auf-;|ruf seitens der Landes-Jud.-Repr. an sämmtliche Cultusgemeinden , Böhmens in den Publicationen derselben, hat leider gar keinen Erfolg bis beute gezeitigt. Dagegen konnten wir aus dem Einlaufe mit Freuden hören, dass die Cultusgemeinde Reichenberg, die anlässlich des Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät den Beschluss fasste, für den Pensionsverein vier Jahresraten ü Kr. 400.— in ihr Budget einzusetzen, den Betrag von Kr. 1600.— unserem Verein in munificenter Weise in der Gänze zukommen ließ. Dass der Verwaltungs-Ausschuss des Pensionsvereines der Cultusgemeinde Reichenberg den wärmsten Dank zum Ausdruck brachte und sich angelegen sein lässt, dass diese Spende in die Oeffentlichkeit dringe, um Nachahmung zu finden, ist wohl selbstverständlich. Denn wenn auch die Gemeinden nicht imstande sind, ihre Angestellten glänzend zu honorieren, so sollten dieselben doch die Gelegenheit nicht verabsäumen, durch Beitritt zu diesem Vereine die Kräftigung desselben anzustreben und in wohlfeiler Weise für die im Dienste ergrauten und leider — wie die zahlreichen uns bekannten Beispiele beweisen — sehr bald durch Ueberbürdung invaliden Lehrer eine wenn auch geringe, so doch die bitterste Noth fernhaltende Altersversorgung zu bereiten. — Am selben Tage fand eine Ausschusssitzung des Isr. Landeslehrervereines in Böhmen statt, in welcher außer den obligaten Berathungsgegenständen die Festsetzung der Generalversammlung und deren Tagesordnung, viiale Interessen der Lehrerschaft und desJudenthums berührende Fragen erörtert wurden. Lehrerelend — Noth an Lehrern, Abhilfe von Uebelständen bei Besetzung von ausgeschriebenen Stellen, der mangelhaften Vertretung im Landesschulrathe, die Herausgabe einer „Jugendzeitschrift" durch den Verein — letztere Angelegenheit ist nunmehr in ein greifbares Stadium getreten — die Erledigung von Ausnahms-, Darlehens¬ und Unterstützungsgesuchen gaben reichlichen Stoff zur Berathung und dank dem Eifer, dem Ernste der Ausschussmitglieder, die dem schönsten Maienwetter zutrotz, eine lange Sitzung — unsere Sitzungen sind gefürchtet — nicht scheuten, hoffen wir wieder manche gute Idee zur That werden zu lassen. Mittkettungen aus dem Publicum. Wien. (L^eopoldstüdter Volks-Orpheum.) Wer ein Stück jüdischen Kleinlebens kennen lernen will, versäume es nicht, das Leopoldstädter Orpheum, II., Rothen Sterngasse 7a, aufzusuchen, wo jetzt eine polnische Singspiel-Gesellschaft aus Lemberg mit einem decenten, durch und durch jüdischen Programm gastiert. Die Variete-Nummern entfesseln ebenso wie das Goldfaden'sche Stück „Der lebendige Todte" wahre Beifallsstürme, und die Künstlertruppe, allen voran der Regisseur Herr Reiß mann, Frau Klug, Frau W e i n b e rg e r und Frau K a n n e r, sind Lieblinge des Publicums geworden. Wien. Sonntag den 12. Mai, 7 Uhr abends, fand im Wiener Kaufmännischen Vereine die Schlussproduction ver Schüler aus der Musik- und Gesangschule M orini statt. Der große Festsaal war von einem sehr zahlreichen distinguierten Auditorium überfüllt. Die Leistungen der Schüler unter Leitung ihres Directors Oscar Morini boten ein Bild von dem gediegenen und gewissenhaften Unterichte derselben, da jede Vortragsnummer von dem anwesenden Publicum mit brausendem Beifall ausgenommen wurde. Die Direelion beehrt sich einem P. T. Publicum mitzutheilen, dass der Sommercurs am 5. Mai begann, zu welchem täglich Einschreibungen (II., Taborstraße 52) stattfinden, und dass an Schüler unserer Glaubensgenossen eine 25percentige Ermäßigung sowie halb« Freiplätze verliehen werden. (Wichtig für das reisende Publicum.) Die seit 1834 bestehende bestrenommierte Korbwaren-Fabrik Heinrich Heinrich, Wien, V., Nikolsdorferstraße 24—26, wird bei Anschaffungen von Reisekörben als leistungsfähigi;4tnb solid bestens empfohlen. Genannte Firma erzeugt und hÄt großes Lager von Kinderwage n von den billigsten bis zu den modernsten und feinsten Qualitäten. (Bei Anschaffungen von Stampiglien, Numerateuren, Hand-Paginiermaschineu, Amtssiegeln re.) empfehlen wir die altrenommierte Firma Jg. Hecht, Wien, II., Pralerstraße 25, wo die Stampiglien mit besonderer Accuratesse ausgeführt und billigst berechnet werden. (Eine Schuhschwcmme.) Es wird unsere Leser interessieren, zu erfahren, dass die größte Schuhfabriksfirma in Wien, S. E. & H. M i ch e l st ä d t e r, VII., Reubaugasse 57, sich entschlossen hat, in ihrem Fabrikshause, VIL, Neubangasse 57, eine svecielle Schuhschwemme zu eröffnen; daselbst gelangen aus Mustercollectionen und aus den 25 Filialen zurückgezogene Schuhwaren in hübscher Form und solider -Qualität zu thatsächlich von schon früher eingestempelten billigsten Preisen noch um ein Bedeutendes reduciert zum Verkaufe. (Bad Hall, Oberösterreick, Koscher-Nestaurant.) Zu Beginn der Saison am 15. Mai d. I. eröffnete Frau Charlotte Klein ihre altrenommierte Pension und Restauration, streng rituell für Kinder nnd Erwachsene, welche dorr beste Aufnahme und Aufsicht finden. Für vorzügliche Küche ist bestens Vorsorge getroffen. Für jüdische Wirte! Ein tüchtiger jüdischer Casotier und Gastwirt könnte ein gutgehendes Cafe-Restaurant in einer mährischen Provinzstadt günstig übernehmen. Auskünfte ertheilt die Redaction. Jüdischem Zuckerbäcker, ledig, wird Gelegenheit geboten, sich zu etablieren. Auskünfte ertheilt die Redaction des Blattes. Kriefkasten. Wir ersuchen alle auswärtigen Leser unseres Blattes, unS Nachrichten aus dem Gemeinde- und Bereinslebeu der dortigen Judenschaft zu geben. Besonders erwünscht ist die Einsendung antisemitischer Localblätter, welche Angriffe gegen die Juden enthalten. Die Sprechstunden des Heimatsrechts- Bureaus des „Jüdischen Volksvereines * sind jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von 7*7 bis 8 Uhr abends. Auskttnste in Heimatsrechts - Angelegenheiten ertheilt weiters die Nedaetion dieses Blattes. Die Frei-Lesehalle ist an Wochentagen von 12 bis rr Uhr mittags nnd von 6 bis 10 Uhr abends, an Sonntagen von 0 bis 2 Uhr, an Samstagen und jüdischen Feiertagen von 10 bis 4 Uhr mittags geöffnet. Briefkasten der Administration. Sie fragen über den Michelstädter'schen Schuhstrecker an? Wir haben solche Strecker im Gewerbeverein gesehen, und finden, dass dieser Schuhstrecker zufolge seiner einfachen Construction ganz besonders geeignet ist, dem Schuh die gewünschte Form zu erhalten. Wird der Schuh auf diesem Leisten geputzt, so dass das Conservieruiißsmittel in die Falten eindringen kann, so hält der Schuh viel länger. Der Strecker ist deshalb nur zu empfehlen. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Knlke. (Fortsetzung.) Gumpel war einen Augenblick in Verlegenheit, denn er wusste hierauf keine Antwort zu geben. „Was willst Du denn haben?" fragte Bärl Lederer weiter. „Ich Hab' gemeint, sie ist zuhaus," sagte Gumpel fast tonlos. „Wenn Du etwas willst, kannst Du mir es auch sagen. Ich werd' doch wissen dürfen, was es ist," sagte Bärl Lederer. „Ihr müsst es ja einmal wissen, Reb Bär," erwiderte Gumpel jetzt, indem er sich ein Herz fasste, „ich kann es ja doch so nicht länger verborgen halten. Mit eiuem Wort: Gebt mir Rösele; ich nehm' keine andere, und sie nimmt keinen anderen." „Hoide Kusch, Zworechsack!" sagte Bär Lederer lachend, „weiter ist Dir in Deiner Krankheit nichts eingefallen? Wie kommst Du zu ihr? Wie passen die Rüben in den Sack hinein?" „Meint Ihr, dass ich zu wenig Geld Hab', Reb Bär?" fragte Gumpel verletzt, „oder dass ich mich auf mein Geschäft nicht genug versteh'? Ich kann Euch sagen, mein Geschäft versteh' ich, und ein paar Groschen Hab" ich mir.auch erspart, „chodsche" (obgleich) ich mit der leeren Hand angefangen Hab', und wenn uns Gott will „Masel" (Glück) geben, kann ich einmal noch auch ein „Oischer" (reicher Mann) werden, wie Reb Löb Fstank!" „Und Du meinst, ich weiß das alles nicht selbst dass Du mir es „vordarschenen" (vorpredigen) thust?" fragte Bärl Lederer dagegen; „Wem willst Du das alle" sagen? War ich denn nicht der erste, der gedrungen has dass man Dich ins Dorf hinausschicken soll? Von desweget, möcht' ich Dir mein Rösele nicht verweigern, lieber Din wie dem ersten „Oischerskind" (Sohn eines Reichen)r nur" — „Was für ein,Nur?'" fragte Gumpel bestürzt. „Wenn Du nicht wärst wie er!" sagte Bärl Lederer. „Wie was für ein ,Er?'" fragte Gumpel erschrocken. „Wie was für ein „Er'? Wie „meschuge" Feiwele! Meinst Du, ich weiß nicht, was alle Jungen sich erzählen,, dass Du alleweil ihm nachmachst alle Gaffenjungereien, die Du von ihm gelernt hast. Als Kind hast Du mit ihm den „Gallech" (Geistlichen) mit'n Glöckel gegrüßt ich bin „muwtech" (sicher), Du wirst Dich bald mit'n Schormesser balbieren und wirst Schabbes rauchen wie er; denn warum nit? „Meschugeh" Feiwele thut's, und warum sollst Du's nit thun? All Dein Lebetag hast Du Dich bestrebt, alles nachzumachen, was er macht. Ich Hab" das damals schon gesehen, wie Du noch nicht Barmizweh warst; Du wirst Dich besinnen, dass ich Dich nicht gern mit ihm beisammen gesehen Hab'. Denkst Du noch, wie Du einmal als Jüngel in Schul geklopft hast? Jetzt siehst Du. dass ich damals recht gehabt Hab'; mein Rösele kriegst Du nicht!" Keines Wortes mächtig, stürzte Gumpel fort. Er wusste gar nicht, wie er hinausgekommen war. Es schwindelte ihm, und alles erschien ihm grün und gelb vor den Augen, die Häuser drehten sich um ihn herum, wie wenn er zu viel getrunken hätte. In diesem Zustande traf ihn Rösele, die, eben im Begriff, nachhause zu gehen, dem Davoneilenden begeanete. „Was hast Du, Gumpel?" fragte sie ihn, „und warum siehst Du so verstört aus?" Leidenschaftlich ergriff Gumpel ihre Hand. Er wollte sprechen, aber er vermochte es nicht, der Athem versetzte ihm die Stimme. Ein Thränenstrom war der Ausbruch seines heftigen Leidens. Rösele führte ihn zurück in^ das Haus, doch von der rückwärtigen Seite, so dass sie in die hintere Kammer gelangen konnten, ohne das vordere Zimmer, wo Bärl Lederer war, zu passieren. „Beruhige Dich, Gumpel/ sagte Rösele, „es thut mir weh, Dich so verändert zu sehen. Du bist ja immer ein verständiger Mensch gewesen. Wie kann man sich so hingeben, sich selbst so fallen lassen? Richte Dich auf, mein Freund!" „Du!" war das einzige Wort, welches sich hierauf aus Gumpel's geängstigter Brust entrang, „Ich?" sagte Rösele. „soll ich Dich aufrichten, das Weib den Mann? Komm zu Dir und sprich, ich weiß ja gar nicht, was vorgegangen ist." Gumpel erlangte nun allmählich seine Sprache wieder. „Ich lass Dich jetzt nicht fort, Rösele," sagte er, „jetzt muss es sich entscheiden, ich muss wissen, wie ich daran bin. Bist Du mir noch, was Du mir gewesen bist?" „Gewiss!" sagte das Mädchen. „Und hast mich nicht aufgegeben?" fragte er weiter. „Nein! Wie kommt Dir dieser Einfall?" fragte Rösele. „So schwör' mir, Rösele/ drängte Gumpel, „bei allem, was Dir heilig ist. bei Gott, nein, bei Deiner verstorbenen Mutter, dass Du von mir nicht lassen, dass Du mit mir unter die „Chuppe" (Trauhimmel) gehen willst." Erschrocken ließ Rösele seine Hand fahren. „Du schweigst", sagte er, „Du kannst mir also nicht schwören?" „Aber wer hat denn daran gedacht?" sprach das Mädchen tonlos. „Wer daran gedacht hat?" sagte er. „Frag' lieber, wer daran nicht gedacht hat. Hat man nicht mit Fingern auf uns gezeigt?" „Das ist ein unglückliches Missverständnis," sagte Rösele.