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Jüdisches Volksblatt · 1901-05-10 · 19 (10.5.1901) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19 Wk*v Freitag jMadtas Volublatt Seite 5 10. Mai 1901 Kr. 361.206.-. Hierauf wurde der Galanthaer Obetrabbi Moritz Feld mann zum Rabbinatsbeisitzer gewählt und der Hilfsseelsorger Dr. Julius Wrißburg in seiner Stellung definitiv bestätigt. Samuel D rutsch hat aus Anlass seiner 40jährigen Thätigkeit in der Gemeindevorstehung Kr. 10.600 als Spenden für arme Studierende gestiftet. Nach Vornahme der Wahlen wurde die Generalversammlung geschlossen. Budapest. (Eine angebliche Enthüllung über die Affaire von T i s z a - E s z l a r.) Aus B u d a p e st wird uns gemeldet: Die ehemalige Erzieherin Katharina D ü rr i s ch wurde kürzlich hier infolge einer Anzeige des früheren Neichstagsabgeordneten Geza O n o d y wegen Verbrechens gegen den Familienstand zu zwei Jahren und zwei Monaten Zuchthaus verurtheilt. Die Dürrisch hatte mit Onody durch Jahre ein Verhältnis unterhalten, gleichzeitig aber auch Beziehungen zu einem Regimentsarzte gehabt, dem sie die Vaterschaft eines Kindes zuschob, das sie von armen Eltern erworben. Nun hat die D ü r r i s ch aus dem Gefängnis an ihren Vertheidiger Carl Eötvös ein Schreiben gerichtet, in dem es unter anderem heißt: „Ich bin wie wahnsinnig. Seitdem man mir mein Kind genommen, fühle ich erst, eine wie schwere Strafe das Gefängnis ist. Ich bitte Sie, Herr Vertheidiger, um Ihren Nath. Ich möchte ein Geständnis ablegen; ich möchte gestehen, dass ich das Kind, das man mir abtrat, erwürgt habe. Das Kind, das man mir jetzt nahm, ist mein eigenes. Lieber soll man mich wegen Kindest'ödtung verurtheilen, doch soll man mir, wenn ich frei werde, mein Kind zurückgeben. Derselbe Onody, dem ich mein Unglück verdanke, wird übrigens noch der Held eines gerichtlichen Dramas sein. Ich werde weiters gestehen, dass Geza O n o d y .es war, der im Jahre 1883 die Esther Solymossi aus Tisza-Eszlar verschwinden ließ. Ich bitte Sie wiederholt um Ihren Rath." Man glaubt hier allgemein, dass dieser Brief ein Racheact der Dürrisch gegen Onody sei, sieht aber dem Fortgang der Affaire immerhin doch mit einer gewissen Spannung entgegen. Arrsirm-. Berlin. (Stipendiu m.) Der vom Senate der königlichen Akademie der Künste, Section für Musik, in Berlin für das laufende.Jahrausgeschriebene M i ch a e l B e er - P r e i s, bestehend in einem Stipendium, von 2250 Mark für eine einjährige .• Studienreise war hart umstritten. Sieben jüngere Musiker rangen um den Preis, die ihre Studien theils an Privatconservatorien, theils an Staatsanstalten begonnen und vollendet hatten. Als Sieger im Wettbewerb, für den „Eine viersätzige Symphonie in classischer Form" als Aufgabe gestellt worden war und zur Entscheidung gelangte, ist der Musiker Siegfried Fall hervorgegangen, des sich bereits rühmlich bekannt gemacht hat. Fall, am 30. November 1877 zu Olmütz als Sohn des Kapellmeisters Moritz Fall geboren, zeigte frühzeitig Talent und Neigung für Musik, deren Anfangsgründe ihm sein Vater beibrachte. Nach der Uebersiedlung nach Berlin setzte der junge Künstler seine Studien aus d.e^,Hpchschule.für Musik in Berlin (1895-^-1699) fort- -errang M der Zwischenzeit den Mendelssohn-Preis und fand besonders durch ein Trio für , Pianoforte, Violine und Violoncell die Anerkennung. aller Fachgenossen. Gegenwärtig setzt der Componist, der auch als ausübender Künstler thälig ist, seine Compositionsstudien in der akademischen Meisterschule für musikalische Com- Position unter Professor Max Bruch fort. Parts. (Franzosen üb er d en Polnaer M ord.) Das UrtheildesösterreichischenCassatio n s h o f e s in Sachen d e s P o l n a er M o r d f all e s wird auch von der französischen Hetzpresse weidlich ausgeschlachtet, allen voran von Drum onts „Libre Parole", welche an leitender Stelle ein wahres Triumphgeheul anstimmt. Den Gipfel der Niedertracht leistete R o ch e s o r t in seinem . „Jntransigeant", indem er die Thatsache, dass in einem bretagnischen Dorfe fünf Kinder abgeschlachtet wurden, mit der Riesenaufschrift vermeldete: „Fünf Ritualmorde". Mittlerweile ist festgestellt worden, dass der eigene Vater die Kinder, vie ihm beim Eingehen einer zweiten Ehe hinderlich waren, ermordet hat! Angesichts dieses Treibens der antisemitischen Presspiraten wirkt es doppelt wohlthuend, einer gerechten Beurtheilung von Juden und Judenthum, einer Warnung zu Frieden und Eintracht zn begegnen. Die in St. Etienne erscheinende „Tribüne Röpublicaine", welche weder einen jüdischen Besitzer, noch einen einzigen jüdischen Redacteur hat, veröffentlicht in ihrer vorgestrigen Nummer unter der lieber - schrist „Israel" einen Artikel, in welchem zunächst gegen die Rachegier, dir noch heute den Juden „das Verbrechen von Golgatha" aufbürdet, protestiert und dann fortgefahren wird: „Es steht denen, die kein Mitleid entwaffnen, keine Gerechtigkeit aufklären kann, schlecht an, den Juden „die Verehrung des goldenen Kalbes" vorzuwerfen. Was hätten sie selbst dann an der Stelle der Juden gethan? Kein Amt, kein Handwerk gab es für sie : weder Soldat, noch Kaufmann, noch Handwerker, noch Beamter durften sie sein; kein Schuhbreit Landes wurde ihnen gegönnt in einer Welt, in der Borgia einen Thron hatte. Die Menschheit warf ihnen ihre Brosamen hin und forderte, dass sie dieselben titiS drin Koche anflesen. Das Ghetto, dessen Wiedererrichtung vielen noch heute erwünscht wäre, war ein verfluchter Winkel, an dem man nur mit einer Bekreuzigung vorbrigieng;.. Von der Außenwelt zurückgestoßen, ganz auf sich selbst angewiesenwurde die Familie die Pflegestäcte des eig en artig en,herrlich e n G l a u b e n s der Juden. Und aus Liebe und Achtung vor diesem Glauben haben sie, gekrästigt durch die Hoffnung auf ihre einstige Erlösung, den Bgnnstrahlen aller Culturen und Un« culturen mit heroischer Ergebung getrotzt. Die zärtliche Liebe der Gattin und der Kinder, rvelche die Männer, wenn sie morgens das Haus verließen, bei ihrer Heimkehr wiederzusehen nicht hoffen durften, war der Altar, an dem sich das durch die stete Bedrückung erkältete Herz wieder erwärmte ... Ist dieses gehasste, geächtete Volk wirklich verflucht bis zu seinem letzten Athemzuge? In Frankreich, sozusagen im Herzen des Weltalls, ist der unvergessliche Rns erschollen, der das menschliche Gewissen, das ein Jahrtausend hindurch geschlafen, ausrüttelre. Huuderl Jahre sind verstrichen, seitdem die Juden zu gleichen Rechten und gleichen Pflichten zugelassen wurden, und sie haben bewiesen,, dass neunzehn Jahrhunderte der Verfolgung weder ihr Gewissen, noch ihre Intelligenz, noch ihr« Willenskraft adzustumpserr vermochten. In der Wissenschaft, der Kunst, der Industrie, überall, wo die Per, nunsl sich mit dem Schönen und Guten verbindet, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, haben sie Beneidenswertes geleistet. >Md' ihre Wöhlthätigkeit ist,,geradezu legendenhaft. Heute, wo sie ihre, durch die Martern der Jahrtausende gestählten Stammestügenden bethätigen, macht man ihnen eben diesen erfolgreichen Wetteifer zum Vorwurfe und bezeichnet sie als eine nationale oder internationale Gefahr, die es auf den Bestand deS Vaterlandes abgesehen hat. Nun, Spanien hat die Juden vertrieben, Deutschland hat sie ausgenommen: welches der beiden Länder ist daS mächtigere? Man vergisst so leicht oder erkennt zu spät, dass in dem wunderbaren Kampfe der Mächte nur der Tüchtigste Sieger bleibt. Wenn die Juden in Wahrheit auf allen Gebieten eine derartige Ueberlegenheit zeigen, so möge man sich in dieselbe versenken, um selbst zu steigen, statt die Juden angleichen zu wollen, um zu sinken ... Die jüdische Seele gleicht derjenigen von Menschen, deren Jugend eine schmerzensreiche gewesen, die wegen eines moralischen Gebrechens, einer physischen Unvollkommenheit oder eines lächerlichen Namens die Schimpfworte und die unverdienten Sticheleien herzloser Kameraden über sich haben ergehen lassen müssen, oder die von verkommenen Eltern keine Liebe gesehen. Das reifere Alter zeigt immer die Spuren dieser ersten Bitternisse. Völker und Gemeinschaften tragen diesen Stempel des Duldens, der das Misstrauen der Glücklichen erweckt 5 sie leben abgesondert, stets gerüstet zur Verlheidigung gegen einen möglichen oder eingebildeten Angriff. Aber, möge ein edles Herz den verschlossenen sich nähern, möge ein fühlendes Geschlecht seine Rechte dem Handschlag derer öffnen, die eine Umarmung noch nie gekannt; mög n alle diejenigen, die nach Gerechtigkeit schmachten, das Bild dieses schmerzensreichen Volkes vor Augen halten, das die Jahrhunderte mit dem geheiligten Schatze seines Glaubens und seiner Unschuld durchwandert, und plötzlich wird alsdann der Wall der Ungerechtigkeit und des Haffes, den der Fanatismus errichtet, zusammenbrechen unter dem Anstürme brüderlich geeinter Kräfte. Denn die Natur macht keinen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Muselmanen, Buddhisten und Juden. Nur Menschen kennt sie mit gleichem Elend und gleichen Schwächen." London. (Em p f a n g). König Eduard empfieng am 2. d. M. eine Deputation der englischen Juden, die dem Könige gelegentlich seiner Thronbesteigung eine Begriißungs- Adreffe überreichten. Die Deputation bestand aus den Herren M 0 n t e f i 0 r e, Lord Rothschild und Rabbiner Dr. A d l e r. Bukarest. (Antisemitische Moral.) In der rumänischen Antisemitenliga scheint der „mammonistische Geist" geradezu verheerende Verwüstungen angerichtet zu haben. Das Organ des Jassyer Antisemiten „Ecoul Moldowei" berichtet, dass der Bureauchef im rumänischen! Unterrichtsministerium R. S. Dumitreseu in gleichzeitiger Eigenschaft als Präsident, Cassierer und Secretär des geheimen Bukarester Antisemitenvereines 150.000 Francs eincassiert habe, von denen er für sich 1000 Francs monatlich als Redacteur der „Apararea Nationale", 800 Francs als Gehalt für feinen Bruder als Administrator der Druckerei und noch verschieden^ andere Gehälter für eine Anzahl seiner Verwandten ausgesetzt habe. Das antisemitische Blatt berichtet ferner, dass aus den Monatsbeiträgeu der Mitglieder, sowie aus dem Jahres-Abönnement der „Apararea Nationale" im Lause von drei Jahren tztrva 250.600 Francs eincassiiert worden seien, und schließt mitten Worten, dass die Bukarester Liga eine Geschäftsclique: darstelle, welche den Antisemitismus ausbeute, um sich fette Monatsgehälter zu verschaffen, ohne rWrißMväs-',zu'i'eWn.-'' '7 Wilna (C a s s a t c om d e s U r t h e i l e s g e gen Blo n des.) Gegen das nach^siebentägiger Verhandlung gegen den Perrückenmacher Bl!oiip!eZ.,am 1. Jänner d. I. gefällte Urtheil wurde bekanntlich sowohl von Seiten der Staatsanwaltschaft, als namentlich auch von der Vertheidigung beim Senate Berufung eingelegt. Der Senat, welcher diese Angelegenheit nunmehr beratheu! hat, beschloss, das Urtheil zu verwerfen und die Angelegenheit zur nochmaligen Verhandlung .an den Gerichtshof von Wilna zu verweisen. Die Aufhebung des Urtheiles erfolgte hauptsächlich in Rücksicht auf .die von der Vertheidigung vorgebrachten Gründe. Die nähere Begründung der. Senatsentscheidung wird in den nächsten Tagen bekanntgemacht. Smyrna. (Iüdenkr a w a l l e.) Es wird berichtet: Am 26. März verbreitete sich hier das Gerücht, dass ein 16jähriger Grieche, der im Handelshause Tenophonäs & Comp, an gestellt und bereits seit mehreren Tagen yb'gängig war, von den Juden zu rituellen Zwecken gemordet worden sei. Tags darauf begannen überall Massenansammhungen, und von mehreren Seiten wurden an armen Juden verübte Thätlichkeiten gemeldet. Dank dem energischen Eingreifen . 1>es Generalgouverneurs K i a m i l Pascha und des Polizeipräsidenten wurde ein Ueberfall des Judenviertels seitens der griechischen Elemente verhindert. Das griechische und das Judenviertel wurden militärisch besetzt, starke Militär-Patrouillen unter Anführung von Polizeicommissären durchstreiften alle Straßen der Stadt, und alle Geschäfte mussten schon nachmittags geschlossen werden. Am 28. stieg die Aufregung, und die Griechen erstürmten die griechische St. Photineekirche, erkletterten den. Glockenthurm und begannen Sturm zu läuten. Infolge dessen strömte von allen Seiten bewaffnetes Volk zusammen, und das türkische Militär, welches die ganze Zeit hindurch eine musterhafte Haltung eingenommen hatte, schritt mit aufgepflanztem Bajonnett energisch ein, bei welcher Gelegenheit fünfzehn Griechen verwundet wurden, von denen "einer gestorben ist. Die errgte Menge begann gegen den griechischen Erzbischof Drohungen und Schimpfworte auszustoßen, weil er nicht energisch genug gegen die Juden vorgegangen sei, und zwangen ihn. den jungen Mann beim Generalgonverneur zu reclanrieren. Bei vielen jüdischen Notabeln, welche im Frankenviertel und am Quai wohnen, wurden die Fenster eingeschlagen, Die. Polizei hat viele Verhaftungen vorgenommen, zumeist Fl.eischhquergesellen und sonst verdächtige Bursche. Da gelang es mittags der Polizei, den Jungen m Gesellschaft eines seiner Freunde in einem Vororte ausfindig zu machen. Er gab an, nach einem Streite mit seinem Bruder den Entschluss gefasst zu haben, sich einige vergnügte Tage zu bereiten. Die Mutter, die davon Kenntnis hatte, verschwieg dies und streute das Gerücht, aus, die Juden hätten ihr Kind umgebracht. Man schätzte die Zahl der angesammelt gewesenen Menge, welche beschlossen hatte, das Judenviertel zu stürmen, auf 10,000. Odessa. (D eputativ n.) Wie wir berichtet haben, wurde auf der Versammlung der „C h o w e w e Z i 0 n" dahier beschlossen, eine Deputation wegen der jüdischen Colonisten und Taglöhner in Palästina an die „Jewish Colonization Asso* ciation“ und au Baron Edmund v. R 0 t h s ch i l d in Paris zu senden. Diese Deputation besteht aus den Herren: Gründe r g. B a r a s ch, Dr. C v h an - B ern sie i n, G ü n z b ur g, Uss.ischkin, Dr. C o h n (Kischinew), Dr. Tschlen 0 w und Gluskiru In Paris wird sich ihnen Dr. Gastet, Rabbiner der portugiesischen Gemeinde in London, anschließen. Es ist zu wünschen, dass die Deputation gute Erfolge erzielt. Athen. (Jüdische Gemeinde.) Mit kgl. Decret vom 30. April 1890 und 26. März 1900 wurde die hiesige jüdische Gemeinde als solche gesetzlich anerkannt. Im Rathe vom 15. Oktober 1900 wurde nun beschlossen, ein binnen 7 Jahren rückzahlbares Anlehen von Gold-FrcS. 3 5.000 in 3500 Stück Schuldscheinen ä 10 Frcs. anfzunehmen, um ein BethauS und eine Schule zu erbauen. Ein antisemitischer Versuch in Bulgarien. Sofia, anfangs Mai. Dem „B. T." wird aus Sofia geschrieben: Am Soüntag den 28. April fanden in der an der türkischen Grenze gelegenen bulgarischen Kreisstadt Küstendil sehr ernste antisemitische Ausschreitungen statt. Das jüdische Bethaus wurde verwüstet, sehr viele Juden wurden arg misshandelt, fünf schwer verwundet. Einer ist bereits den Verletzungen erlegen. Sehr viele von Juden bewohnte Häuser wurden geplündert. Den ganzen Tag verhielt sich die Polizei sehr nach- und fahrlässig. Erst um 10 Uhr nachts wandte sich der Bezirkshauptmann an das in Küstendil in Garnison liegende Militär, welches sofort Und ohne Blutvergießen Ruhe und Ordnung wieder herstellte. Derartige judenfeindliche Ausschreitungen fanden unlängst, wenn auch in kleinerem Maßstabe, in den Städten der nordbulgarischen Donauebene Vratza und Plewna statt. Auch dort ließ die Polizei alles ruhig geschehen. Die Küstendiler Ausschreitungen riefen erfreulicherweise in der gesammten bulgarischen Presse einen Entrüstungssturm hervor. Die Regierungsblätter, sowie die Organe sämmtlicher Parteischattierungen fordern die strengste. Untersuchung und schonungslose Bestrafung der Schuldigen. Auch die Regierung sah, wenn auch etwas zu spät, das „gefährliche Treiben einiger politischer Hitzköpfe" ein. Die Regierung setzte eine Special- Commission ein, die aus zwei Staatsbeamten, dem Bürgermeister von Küstendil und einem Vertreter der Küstendiler jüdischen Gemeinde besteht, lieber zwanzig Personen wurden verhaftet, und eine sehr strenge Untersuchung ist gegen die Polizeiorgane und den sehr compromittierten Bezirkshauptmann eingeleitet. Die Hauptursache soll die politische Hetze sein, die „extrem-russophile" Regierungsparteigänger gegen die jüdischen Gemeindewähler seit lange inscenierten. Den Anlass zu den Ausschreitungen gab eine Rauferei zwischen jüdischen und christlichen Kindern. In böswilliger Absicht wurde das Gerücht verbreitet, die „Juden hätten ein christliches Kind entführt, um es am Abend in der Synagoge abzuschlachten" . . . Ländlich — sittlich! Von der Gesammtbevölkerung des Fürstenthums, die über 3'/, Millionen zählt, beläuft sich die Zahl der jüdischen Einwohner auf etwa 35.000. Die Juden sind zum größten Theile Kleinhändler, Taglöhner, Handwerker und Lastträger. In Küstendil gibt es etwa 12.000 Einwohner, worunter nur einige. hundert Juden. Einen beträchtlichen Theil der Küstendiler Einwohner machen bulgarische Einwohner aus Makedonien aus, unter denen es nicht wenige gibt, die alle Jahre auf ein paar Monate über die Berge ziehen, um in der Türkei einen „antitürkischen Raubzug" zu unternehmen. Die antisemitische B e w e g u n g ist ein bulgarischer Importartikel. Bis jetzt sind sämmtliche Versuche antisemitischer Zeitungsunternehmungen kläglich gescheitert, wenn ,es den Antisemiten auch gewissermaßen gelungen ist, unter der ungebildeten Bevölkerung den „Glauben an das Blutrnärchen" zu verbreiten. * * Sofia, 7. Mai. Vorgestern Nacht veranstalteten mehrere tausende protestierende Studenten einen Fackelzug, wobei sie Freiheitslieder sangen und russenfreundliche aber czarenfeindliche Reden vor den Consulaten hielten. Heute fand ein Straßen-Meeting statt, an dem sich einige tausend Studenten, ferner Macedonier und sonstiges Publicum betheiligten. Die Redner, darunter der Redacteur des jetzigen Hauptorganes des maeedonischen Comitss, hoben die schreckliche Lage des Volkes und der Intelligenz in Russland hervor und brachten für sie eine Sympathie-Resolution aus. Schließlich fand eine feindliche Demonstration vor dem russischen und dem türkischen Consulate statt. — Die Polizei verhaftete einen - Studenten und drei Macedonier wegen des Anschlagerrs aufrührerischer Aufrufe. Sofia, 6. Mai. Bei der heurigen Grundsteinlegung des Denkmals für den Czarbefreier wies Fürst Ferdinand in seiner Rede auf die schweren Wolken hin, die den Horizont des Balkans verdunkelten. Der diplomatische Agent Russlands B a ch m e t j e w hielt eine Anrede, worin er erllärte, dass der heutige Tag ein bulgarisch-russisches Band geschaffen habe, das niemand zerreißen könne. Bücher-Emlaus. Von der ..Nene« Zeit" (Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 31. Heft des 19. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalte heben wir hervor: Militarismus und Soeialdemvkratie. — Russland und Frankreich. Von P a r v u s. — Der Eintritt Millerands ins Ministerium. >Von Ed. Vaillant. .— Der jüngste Parteilag der niederländischen Socialdemokratie. Von W. H. V liegen. — Die dänischen Wahlen. Von H. Bang. — Notizen: Ein Kritiker des Marxismus. — Feuilleton: In der Schlucht. Pon Anton T s ck r ch 0 w. Aus dem Russischen übersetzt von Eugenie K l i 0 r i n. (Fortsetzung.) P 0 l 0 n i u s, S. Jericho: China ans der Balkan- Halbinsel oder: Rumänische Judcufrage. Mittheilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde. Unter Mitwirkung hervorragender Gelehrter herausgegeben von M. Grnnwald. Heft VII. Hamburg. Jahrgang 1901, Nr. 1. Inhalt: I s a y e L., Einiges ans den Memoiren der Gläckel von Hameln. — Landau A., Die Sprache der Mempirrn Glückels von Hamelii. — Bacher 38., Ein hebräisches Lied zu Simchath- Thora aus Buchara und Jemen. — Krauß Sam., Engelnamen. — Fried M., Sabbathlieder. — Landau 3l., Reime bei der Bereitung deS „Kigl". Volkslied. Kinderräthsel. — Kohn S., Farwü’s ba Jidn senen niätu ka Gntiuwu. — Der Jude im schlesischen Weihnachtsspirle. — Fragekasten. — Eingänge und Erwerbungen. — Inhaltsverzeichnis zu Heft I—VI. — Nachrichten. — Caffenbericht. ' Jüdisches Gefühl. Zeitschrift für die Jugend. Erscheint alle 14 Tage. Bezugspreise: Mit Postzusendung 4 Kr. jährlich, 2 Kr. halbjährlich. Deutschland 4Mk. jährlich, 2 Mk. halbjährlich

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