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Jüdisches Volksblatt · 1901-05-10 · 19 (10.5.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Die jüdisch-nationale Bewegung in Galizien. (Orig.-Bericht des „Jüdischer Volksblatt".) Lemberg, Anfang Mai 1901. Unsere Brüder hierzulande befinden sich unter dem Ein« drucke einer heraufziehenden großen Bewegung und Lemberg steht natürlich an der Spitze. Die Asiimilation Hot endgiltig abgewirtschaftet. Mögen auch die Herreu ü In Dr. Byk und Genossen verkünden, dass in Galizien kein Antisemitismus existiere, wer nur halbwegs die Verhältnisse kennt, würde zu diesem Dictum hinzufügen: „Er existiert nicht, weil er sich an nichts anklammern kann." Die Juden besitzen hier nichts, gegen das der Antisemitismus ankämpfen könnte! Hätten wir zumindest einen Schein welcher Rechte oder irgendwelche Besitzungen, befänden sich in unserer Mitte Großcapitalisten oder Großindustrielle oder höhere Beamte, dann könnte man mit Stolz der Welt verkünden, es gebe hier keinen Antisemitismus. Da aber von alldem sich keine blasse Spur findet, welche Arbeit kann es hier für einen Antisemiten geben? Als vor einigen Jahren der Wiener Mechaniker Schneider hier eintraf, um Propaganda für seine »Ideen" zu machen, konnten ihm die Polen mit Recht erwidern: „Hier benöthigen wir solche Sachen nicht, wir besitzen ganz andere Mittel, um die Juden zu drangsalieren. Hier haben wir einen A s e m i t i s m u s, welcher vollkommen genügt, um den Juden den Boden unter den Füßen zu entziehen! Und in der That! Er genügt! Man entzieht ihnen alle Lebensmittel; auf ganz gesetzlichem Wege sucht man den Juden alle Erwerbsquellen aus der Hand zu reißen, bis wir auf jenes unglückliche Niveau herabgedrückt sind, dass wir als die Aermsten der Armen dastehen. Und so wie wir alle jetzt von der Ueberzeugung durchdrungen sind, dass von der Assimilation keine Hilfe kommen wird und kann, so sind wir andererseits überzeugt, dass auch auswärtige Wohlthäler, Comites oder „Actionen" keinen gründlichen Nutzen bringen werden. Es sind in dieser Richtung gerade genug Versuche gemacht worden, und alle sind fehlgeschlagen. Unsere Hilfe muss von uns selbst kommen, und zwar auf jüdisch-nationaler Grundlage. Und mit Genugthuung können wir jetzt berichten, dass diese Idee in der letzten Zeit in allen Schichten der Bevölkerung sich als die einzig richtige befestigt hat, und in diesem Sinne macht sich eine große Bewegung bemerkbar. Diese Bewegung, welche vor einigen Jahren in den Händen weniger Studenten lag, wächst jetzt langsam zu einer Volksbewegung heran, und angesehene Männer aus dem Volke stellen sich an die Spitz-. Viele „ältere Mitglieder des Vereines .Schomer Israel' in Lemberg" haben einen Aufruf „Auf zur Arbeit!" herüusgegeben, von dem man Kenntnis nehmen muss. Es wäre nicht uninteressant, Ihre Leser ein wenig mit der Geschichte dieses Vereines bekannt zu machen. Er war der erste jüdisch-politische Verein im Lande und wurde gegründet in der Drang- und Clllturkampf-Epoche des Jahres 1868. Er nannte sich „Schomer Israel" und wollte thatsächlich als W ä ch t e r in allen jüdischen inneren und äußeren Angelegenheiten auftreten. In seinen ersten Statuten lautete ein Paragraph, dass kein Mitglied des Vereines, geschweige des Ausschusses ein Cultusvorsteher-Mandat annehmen dürfe, damit der Verein in seiner Kritik der Thaten des Vorstandes freie Hand behält. Bald jedoch bemächtigten sich des Vereines junge Doctoren, wie Byk, Mansch, Gottlieb und andere, welche gerade durch den Verein die Ehrenstellen der Vorsteher zu erreichen suchten, und strichen diesen Paragraphen ans dem Bewegung des Fahrzeuges, dass der »Sfax" Anker lichtete und sich in Gang setzte. Meine Behandlung an Bord des „Sfax" war diejenige eines Officiers in Arrest, morgens und abends durfte ich eine Stunde auf der Cvmmandvbrücke auf- und abgehen. Die übrige Zeit blieb ich in meiner Cabine eingeschlossen. Auch an Bord des „Sfax" hielt ich die Haltung bei, die ich von Anfang an aus dem Gefühle meiner persönlichen Würde und der Gleichberechtigung mit allen angenommen: außer über Fragen des Dienstes sprach ich mit niemand. Sonntag, 18. Juni, liefen wir die Cap-Verde'schen Inseln an, wo der »Sfax" hielt und Kohle aufnahm; wir fuhren Dienstag den 20. wieder weiter. DaS Schiff hatte eine geringe Fahrgeschwindigkeit, 8—9 Knoten die Stunde. Am 30. Juni erblickten wir die französische Küste. Nach fünf Jahren des Martyriums kehrte ich zurück, um Gerechtigkeit zu suchen. Der entsetzliche Traum war zu Ende. Ich glaubte, dass die Menschen nun ihren Jrrthum erkannt haben, ich erwartete, dass ich die Meinigen wieder finden werde und hinter meiner Familie die Kameraden, die mich mit Thränen in den Augen, mit offenen Armen empfangen würden. Am selben Tage erlebte ich die erste Enttäuschung, den ersten traurigen und schmerzlichen Eindruck. Am Morgen des 30. hielt der „Sfax" an. Man informierte mich, dass ein Boot mich abholen würde, um urich an Land zu bringen, aber man wollte mir nicht sagen, wo das geschehen sollte. Ein erstes Boot kam, es brachte einfach die Ordre, dass ans offener See manövriert werden sollte. Die Ausbootung war verschoben. Alle diese Vorsichtsmaßregeln, dieses geheimnisvolle Kommen und Gehen erweckren in mir eine unangenehme Empfindung. Ich hatte eine Art unbestimmter Ahnung der Ereign sse, die da kommen sollten. Mittags nahm der »Sfax" langsam die Fahrt wieder auf und hielt Curs an der Küste entlang. Gegen sieben Uhr abends hielt der Kreuzer wieder an. Die Nacht war dunkel, die Luft feucht und der Regen goss in Strömen. Man benachrichtigte mich, dass der Dampfer mich am spätere» Abend abholen werde. Jüdisches Volksblatt Statut. Der Verein hat auch ein Organ in deutscher Sprache gegründet (im ersten Jahre sogar mit jüdischer Schrift) mit der Tendenz, Aufklärnng in das Volk zu tragen und Controle und freie Kritik an Vorstand, Schulwesen rc. in liberalem Sinne zu üben. Später gelangte das Organ in politisch-assimilatorisches Fahrwasser und erschien sogar einige Zeit in polnischer Sprache. Das Volk jedoch verlor das Vertrauen zum Verein wie zu seinem Organ. Der Verein ward zur Vorstufe der Vorsteher-Mandate, und das Blatt magerte., zum nichtigen Localblatte ab und verlor alles Interesse. Jetzt haben sich „25 ältere Mitglieder" dieses Vereines zusammengethan, um den Verein neu zu beleben und ihm jüdisch-nationalen Geist einzublasen. Ohne Chauvinismus von einer Seite und ohne Kriecherei andererseits wollen sie jetzt den Verein zu dem machen, was die neue Zeit und die neuen Verhältnisse erfordern: eine jüdischnationale Politik im Lande. Es verlohnt sich, einige Absätze aus diesem Aufrufe zu citieren: Die trostlose Situation, in welcher unsere Brüder in Galizien noch vor mehr als drei Decennien sich befanden, verschlimmert sich mit jedem Jahre: Verkürzung der gewährleisteten staatlichen Rechte, Entziehung aller Quellen, welche dem jüdischen Bürger Lebensunterhalt zu bieten in der Lage wären, Nichtzulassung der Intelligenz zu den Berufen, die sie im Schweiße ihres Angesichtes und nach jahrelangen schweren Studien sich erschlossen. Hunderttausende unserer Brüder, versunken in tiefstem Elende, können den Kampf um ihr Dasein nickt mehr wie einst kämpfen, den Kampf gegen ihre Feinde in oen höheren und niedrigen Sphären. Unsere Kinder genießen einen Unterricht, welcher sie dem Judenthum entfremdet und sie reif für den Abfall und die Fahnenflucht macht. Ist unsere materielle und ökonomische Lage eine tiefernste, eine tief bedauernswerte, macht sich der Mangel an Solidarität auf Schritt und Tritt fühlbar. Liebe Brüder! Wir stehen heute im Zeichen der nationaljüdischen Einigungs-Bewegung. Diese gebietet uns stramme Organisation, Einigung der Zerstreuten, Sammlung der Kräfte ju gemeinschaftlicher Wehr. Wir wollen in diesem Zeichen alle jene legalen Mittel ergreifen, die es ermöglichen, die drei Hauptbedingungen unseres volklichen Daseins zu kräftigen, die drei Elemente, sie heißen: die Nähr-, die Lehr-und die Wehrkraft zu erhalten und zu concentrieren. Wir wollen im „Schomer Israel" keine Stätte für unehrliche Streber und Stellenjäger errichten, hingegen eine Stätte für ehrliches jüdisches Streben und edle jüdische Thaten schaffen. Man muss wünschen, dass der Aufruf in den Herzen unserer Stammesgenosien in Galizien Anklaug finde und die jüdisch-nationale Idee Wurzel schlägt, denn eine jüdisch-nationale Politik ist noch dar einzige Rettungsmittel für unsere Brüder in Oesterreich im allgemeinen und in Galizien im besonderen. Man hat es nun gerade satt, dem polnischen Adel die Hand zu küssen oder dem Anhang der röthen socialdemokratischen Fahne nachzulaufen. Es ist genug /des Dienens fremden Parteien, um sich bald bei dieser, bald bei jener Vertretung beliebt zu machen. Auf eigenen Füßen muss Israel stehen, eigene Politik müssen wir treiben und allein unsere Interessen vermittelst einer starken jüdischen Volkspartei in die Hand nehmen, denn nur eine solche kann uns Hilfe bringen. Dr. Z. Nachschrift der Redaktion. Auch von Krakau erhalten wir Berichte von ähnlichen Erscheinungen, wie sie sich in Lemberg bemerkbar machen. Wir begrüßen diese Anzeichen einer neuen jüdischen Volksbewegung und wünschen, dass alle Juden Galiziens sich dieser Strömung auschließen, zu ihrem eigenen Wohle wie zum Wohle aller Juden in Oesterreich. Um neun Uhr sagte man mir, dass eine Jolle an der Falltreppe des „Sfax" liege, die mich zum Dampfer bringen solle, der zwar angekommen war, sich aber wegen des schlechten Wetters nicht nähern konnte. Die See gieng hoch, es herrschte ein wüthender Sturm und es regnete in Strömen. Die Jolle tanzte auf den Wellen vor der Falltreppe des »Sfax" ganz entsetzlich und konnte sich kaum dort halten. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich hineinzustürzen, und ich verwundete mich dabei ernstlich. Die Jolle fuhr dann unter heftigsten Regengüssen ab. Durch die Aufregung, die diese Ausbootung mir verursachte, durch die Kälte und die durchdringende Nässe zog ich mir einen Fieberanfall zu, so dass mir die Zähne klapperten. Dank meiner Willensanstrengung und Energie vermochte ich dennoch, mich zu ^herrschen. Nach einer tollen Fahrt auf den schäumenden Wogen langten wir bei dem Dampfer an; ich hatte große Mühe, die Treppen biuanzusteigen, denn die Wunde am Beine, die ich mir beim Sprunge in die Jolle gestoßen, schmerzte sehr. Ich beobachtete immer dasselbe Schweigen. Der Dampfer bewegte sich und hielt dann an. Ich war vollkominen im Unklaren darüber, wo wir uns befanbeu und wo wir hinfuhren, mau hatte nicht ein Wort an mich gerichtet. Nach einer oder zwei Stunden wurde ich gebeten, das herabgelassene Boot zu besteigen. Die Nacht war immer gleich dunkel, der Regen siel immer noch in Strömen, doch die See war ruhiger. Ich wurde mir klar darüber, dass wir uns in einem Hafen befinden müssen. Um 21/* Uhr morgens landeten wir an einer Stelle, die, wie ich später erfuhr, Port- Houliguen war. Dort wurde ich mit einem Polizeihauptmanne und zwei Polizisten in einen Wagen gebracht, und dieser Wagen führte mich zwischen zwei Reihen von Polizisten hindurch au einen Bahnhof. Am Bahnhöfe stieg ich mit denselben Begleitern, ohne dass ein Wort gewechselt wurde, in einen Eisenbahnzug, der mich nach zwei oder drei Stunden Fahrt wieder zu einem anderen Bahnhöfe brachte, wo ich ausstieg. Ich fand da einen weiteren Wagen vor, der mich im raschelt Laufe irr eine Stadt und dann in einen Hof führte. Ich stieg aus, uub merkte an dem Personcle, das mich umgab, dass ich mich im Militär¬ 10. Mai 1901 Nr. 19 Die jüdischen Unterlehrer in Wien. Der „Radicale", ein Nebenblatt der „Freien Lehrerstimmen", flegelt in seiner letzten Nummer die jüdischen Unterlehrer und Unterlehrerinnen, wie folgt, an: „Jene jüdischen U n t e r l e h r e r, die nicht zu unserer Partei gehören, haben jüngst beschlosien, an Dr. Lueger und die anderen de- Stadtrathes eine Deputation zu senden, um ihr Avancement zu betreiben. Die Naivetät dieser Herren wird die Herren Stadträthe gewiss in Erstaunen setzen, Herrn Lueger aber gewiss nicht, denn dieser ist es von Jugend ans gewohnt,, als.Judenfrennd angesehen zu werden, und ist diesen Ruf auch als' Führer der Antisemiten nie recht los geworden. Schon daraus, öM die jüdischen Unterlehrer nicht znm Handschlag eingeladen wurden, hätten sie entnehmen können, dass sich Dr. Lueger noch immer vor dem Gregorig und Schneider fürchtet. Die jüdischen Lehrkräfte thäten wahrlich besser, als politische Käuipfer und nicht als lächerliche Bittsteller ihre Avancementrechte geltend zu machen." ' Nun die jüdischen Unterlehrer und -Lehrerinnen waren und sind wahrlich nicht die letzten, wenn es gilt, für die Freiheit der Schule und Lehrerschaft einzutreten; die jüdischen Unterlehrer haben jederzeit ihren Mann gestellt, wenn es galt, gegenüber den frechen Angriffen der Schulverderber Stellung zu nehmen, und gar manche haben mit Hintansetzung ihrer eigenen und der Interessen der Familie gegen Dr. Lueger und die Seinen Stellung genommen, haben gekämpft — bis sie einsahen, dass ihnen specielf der Kampf nichts nützt. Denn wenn auch die Lehrerschaft all ihre Forderungen inbezug auf materielle Besserstellung durchsetzt, wenn auch eine noch so ergiebige Gehaltsregulierung platzgreifen würde; — hätten damit die jüdischen Unterlehrer und -Lehrerinnen etwas erreicht? Nichts! Gar nichts! Eine Regulierung kommt oder käme immer nur den definitiven Lehrern und Lehrerinnen zugute. , Sei es eine Erhöhung des GrundgehaltesHoder des Quartiergeldes, sei eS die Verleihung von Triennien anstatt der jetzt verliehenen Quinquennien; fei es welche Gehaltsregulierung immer, die Unterlehrer haben davon nichts. Ja, wird der »Radicale" sagen, dann brauchten ja auch die arischen Unterlehrer nicht zu kämpfen, wie sie es thun? Ja, Michel, das ist etwas anderes! Die arischen Unterlehrer haben die volle Gewissheit, dass sie in dieser und dieser Zeit definitiv werden; denn das wissen die Herren vom »Radicalen" ganz gut, dass seit den zwei Jahren, da Dr. Lueger erklärte: »Socialdemokrateu und Schönerianer werden nicht angestellt!" — trotzdem gar mancher „Soci" und „Nazi" definitiv geworden ist. Wir wollen nicht denuncieren, sonst könnten wir mit einer ganzen Reihe von Namen dienen. Und wenn es wirklich durchgeführt werden könnte, dass man Socialdemokraten und Schötteriauer nicht befördert, so ein Socialdemokrat oder Alldeutscher heuchelt dann ein bisserl, spielt einige Zeit den „Streber", und — er ist gerettet. Sie kennen doch solche Fälle, nicht wahr, meine Herren vom „Radicalen?" Definitiv werden also alle nichtjüdischen Lehrpersonen, die einen früher, die anderen etwas später. Wer aber nicht und unter keiner Bedingung avancieren kann, wer hoffnungslos mit Weib und Kind darbt und noch dazu einer trostlosen Zukunft sntgegensieht, wer ohne alle und jede Aussicht auf eine Besserung seiner materiellen Lage dasteht — das ist der jüdische Unterlehrer, der nun in seiner Verzweiflung den einzigen Weg, der s p e c i e l l ihm übrig bleibt, einschlägt. Die jüdischen Unterlehrer haben es versucht oder wollen eS versuchen, auf gütlichem Wege das zu erreichen, was sie gefängnisse vou Rennes befand. Es war ungefähr sechs Uhr morgens. Man kann sich leicht vorstellen, wie groß in mir Ueberraschung, Erstaunen, Betrübnis und Schmerz über eine derartige Rückkehr in die Heimat waren. Da, wo ich geglaubt, Menschen anzutresfen, die von einem gemeinsamen Zuge der Gcrechtigkeits- und Wahrheitsliebe erfüllt und von dem Wunsche beseelt waren, mich alle Schrecken des Rechtsirrthums vergessen zu machen, fand ich nur ängstliche Gesichter, kleinliche Vorsichtsmaßregeln, eine verrückte Ausschiffung auf wüthender See mitten in der Nacht und körperliche Schmerzen, die sich mit meinen seelischen vereinigten. Glücklicherweise hatte ich während der langen Jahre meiner Gefangenschaft gelernt, meinem Gemüthe, meinen Nerven, meinem Körper eine ungeheure Widerstandskraft zu verleihen. Es war der erste Juli. Um 9 Uhr morgens wurde mir mitgetheilt, dass ich in wenigen Augenblicken in dem anstoßenden Zimmer meine Frau würde sehen können. Dieser Raum war, wie der meinige, durch ein dichtes Holzgitter geschlossen, so dass mau nicht in den Hof sehen konnte, man hatte einen Tisch und Stühle hineingestellt. Alle meine Zusammenkünfte mit den Meinigen, mit meinen Vertheidigern fanden dort statt. Wie stark ich auch war, es ergriff mich doch ein heftiges Beben, die Thränen strömten nur aus den Augen, die Thränen, die ich schon seit so langer Zeit nicht mehr kannte, aber ich vermochte bald tv ieder, mich zu beherrschen. Die Erschütterung, die wir beide, meine Frau und ich, bei diesem Wiedersehen empfanden, war zu stark, als dass man ihre Intensität durch Worte wiedergebeu könnte. Es mischte sich alles durcheinander, Fieude und Schmerz, wir suchten gegenseitig in unseren Mienen die Spuren unserer Leiden zu lesen, wir hätten uns gleich alles sagen mögen, was wir auf dem Herzen hatten, alle Empfiudungen, die wir in so langen Jahren unterdrückt und erstickt hatten, aber die Worte erstorben uns auf den Lippen. Wir gaben uns damit zufrieden, uns zu betrachten, und erkauuten durch den Austausch unserer Blicke die ganze Macht unserer Liebe und unseres Willens. Die Gegenwart eines Infanterie-Lieutenants, der beauftragt worden war^

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