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Jüdisches Volksblatt · 1901-05-10 · 19 (10.5.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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«rdsrlivn: VIH/i, Schlk?jeLssM 11, EpreHftu»b««r Sn WoHemagen von 4 bis 6 Uhr nachmtttag». psfiovr.ff»: Jübtfcher fOoimittU, «sie», vili|i. Vrschtnrrdku wegen verspüteter oder gar nicht erfolgter Zustkllung erbitten wir uns 'ortngmd. — »tmniscrldlc werde« Vicht zurvtkgeftellt« Postfparc,iffeNl>Conto k47087. In dar Abonnement kann man täglich eintreteii. Erslheivt jedeu fteitag unter AUNrckrKung der dom jüdischen Volks- Verein erwätztten Prvlsmmnnisston. Nvserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duker, Haasen» Sein L Bögler, Rudolf Masse, S. Opprlik, M. Pozsonyi, S. Schale! in Wien, ferrier alle Vnnoncen-Lrpedittonen im kiirSlande. EinzeL.Nrrmmer iu Wie« IS Heller. Rdmirnitrntton: VIII/1, Schlötzelgnste N. AbonueureittSpreiS: Für Wie« «. Orsterreich.Uugnr« sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8- " Für daS gesammte stlnSlaud jamntt Francozustellung. »unzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. 9.- „ 4.50 ", »LS >pm<n tiniii tsMMk i Ur. 10 Wien. 10. Mai 1901. III. Jahrgang. Ilödi ein Mmt;nr GMnug des Ered'ltinßtuteg für jüdische Gemerbetreibeude und §ea«te. Die nationale Bedrängnis der Juden äußert sich in erster Linie in ihrer wirtschaftlichen Noth; darum muss eine jüdisch-nationale Gegenwartspolitik vor allem eine nationalsociale sein. Die sociale Structur der Juden ist anders geartet als die anderer Völker. Das jüdische Volk setzt sich zusammen aus einer kleinen reichen Bourgeosie, einem Mittelstände, der sich in einen Intelligenz- und einen Kaufmannsstand spaltet, und aus einer Armenclasse mit verschiedenen Schichten arbeitender und nichtarbeitender Proletarier. Ein jüdisches Wirtschaftsprogramm muss so viel als möglich dieser socialen Structur Rechnung tragen. Dieser entsprechend, müssen sich auch die verschiedenen Berufsstände wirtschaftlich organisieren. Bei dem Umstande, dass das jüdische Proletariat nur zum geringsten Theile aus industriellen Arbeitern besteht, dagegen zum größten Theile ans Kleinhändlern, Hausierern, Agenten, Handelsangestellten, ist auch naturgemäß, dass diese Bernfsarten und der gelverbliche Mittelstand diejenigen sind, welchen wir in erster Linie unsere Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Betrachten wir zuerst die wirtschaftliche Lage der jüdischen Gewerbetreibenden. Diese leiden nicht nur, wie alle Gewerbetreibenden, unter dem Concurrenzkampfe mit dem Großbetriebe, sondern auch unter dem antisemitischen Boycott. Diese wirtschaftliche Nothlage der Kleingewerbetreibenden kann keineswegs durch Rückgreifen auf mittelalterliche Zunftbestrebungen gebessert werden, sondern daz» bedarf es radiealerer Socialreformen, deren Wesen bereits im § 114 der Gewerbe- Ordnung angedeutet sind. Derselbe lautet : „Der Zweck der Genossenschaften besteht in der Förderung der gemeinsamen Gewerbeinteressen ihrer Mitglieder und Angehörigen, durch Errichtung von VorschusScassen, von Rohstofflagern, Verkaufshallen, durch Einführung der gemeinschaftlichen Maschinen und anderer Erzengungsmethoden." Leiderhaben die bisherigen gewerblichen Genossenschaften diese ihre wirtschaftlichen Aufgaben nicht nur nicht erfüllt, sondern größtentheils auch nicht verstanden. Die Genossenschaften waren vielmehr bisher der Mittelpunkt nationaler und antisemitische r Hetzereien, anstatt der wirtschaftlichen Organisation haben sie der politischen Demagogie gedient; statt der Einigkeit haben sie die Zwietracht gefördert, und zwar nicht etwa nur rmter den Gewerbetreibenden, sondern auch znr Verschärfung des Gegensatzes zwischen Meister und Gehilfen beigetragen. Meine Erlösung von der Teufelsinsel. Von Alfred DreyfnS.*) Montag, den 5. Juni 1899, um halb ein Uhr mittags, stürzte der Oberwärter in meine Zelle und überbrachte mir folgendes Schreiben: „Benachrichtigen Sie sofort den Hauptmann Dreyfus von dem Beschluss des Cassationshofes, der folgendermaßen lautet: Der Cassatioushof annulliert das am 22. Decewber 1894 durch das erste Kriegsgericht der Commandanlur von Paris über Alfred Dreyfus verhängte Urtheil und verweist deu Angeklagten vor das Kriegsgericht von Rennes rc. rc. Es ist verfügt worden, dass der gegenwärtige Beschluss gedruckt und in den Acten des ersten Kriegsgerichtes ans den Rand des annullierten Beschluffes übertragen werden soll; kraft dieses Beschlusses hört Hauptmann Dreyfus auf, den Deportations-Verordnungen unterstellt zu sein, er ist einfach sistiert, erlangt seinen Grad wieder und darf Uniform tragen. Bewirken Sie Entlassung aus der Strafhaft durch die Verwaltung der Strasevlonie und ziehen Sie die militärische Bewachung von der Teufelsiusel zurück; der Truppencommandant hat den Sistierten in Haft zu übernehmen und die Wärter durch eine Polizeibrigade zn ersetzen, welche in der reglementären Position der Militärgefängniffe den Wachtdienst auf der Teufelsiusel zu besorgen hat. Der Kreuzer „Sfax" geht heute von Fort-de-France ab und hat Ordre, den Sistierten von der Teufelsinsel abzuholen und nach Frankreich zu bringen. *) Wir entnehmen dem an anderer Stelle gewürdigten, überaus interessanten Buche „Fünf Jahre meines Lebens" (von Alfred Dreyfus, Berlin 1901, Verlag Dr. Edelheim) die Schilderung der lang herbeigesehnten Rückkehr des Ex--Capttäns Dreyfus nach Frankreich. Indem der jüdische Gewerbestand eine Umgestaltung der Genossenschaften zu w i r t s ch a f t l i ch neutralen Körperschaften als eine der wichtigsten Aufgaben erstrebt, erfüllt er nicht nur eine Pflicht gegen sich selbst, sondern er nützt dadurch auch dem ganzen übrigen Gewerbestande Oesterreichs. Zur Verbesserung der Lage des jüdischen Kleingewerbetreibenden sind nothweudig: Rohstofflager und Verkaufshallen, um seine Bewucherung beim Einkauf und Verkauf zu beseitigen, um ihm zu ermöglichen, ans Vorrath zu producieren und die Conjuncturen des Weltmarktes anszunützen. Durch Gründung von Productiv-Genossenschasten und die Benützung der Hilfsmittel der modernen Technik können die jüdischen Kleingewerbetreibenden in die Lage versetzt werden, auch auf dem Wege des Exportes und der Lieferungen größere Bestellungen zu effectuieren. Alles dies ist aber dem jüdischen Kleingewerbetreibenden unmöglich, so lange er nicht über die nothwendigen Geldmittel, respective über Credit verfügt. In Erwägung dieses Umstandes und in weiterer Erwägung, dass auf Staatshilfe in absehbarer Zeit der jüdische Kleingewerbestand nicht rechnen kann, halber „Jüdische Volks verein" sich veranlasst gesehen, ein jüdisches Ered itin stitut ins Leben zu rufen. Die Bedeutung dieseß Kreditinstitutes für den jüdischen Gewerbestand ist bereits in diesen Blättern gewürdigt worden, und nur das eine wollen wir an dieser Stelle betonen, dass ohne Zugänglichmachung billigen Credites keinerlei Hilfe für den Kleingewerbestand möglichc ist und er ohne denselben vielmehr dann unerbittlich der Proletarisierung, dem Pauperismus verfällt. >. Wir sind nun allerdings von jener nationalen Engherzigkeit weit entfernt, zu glauben, dass nicht auch der übrige österreichische Gewerbestand ohine Unterschied der Nation ebenso wie der jüdische in einer äußerst bedrängten Lage sicy befindet, wir wissen, dass dasjenige, was wir als Interesse des jüdischen Gewerbestandes betrachten, der gesammte österreichische Gewerbestand bedarf: Aneignung - moderner Productionsformen und Organisierung des kleingewerblichen Credites; aber wir betrachten es als unsere spccifisch nationale Pflicht, dem, außer durch seine wirtschaftliche Nothlage, auch durch den Antisemitismus schwer geschädigten und selbst von einem großen Theile seiner jüdischen Volksgenossen im Stiche gelassenen jüdischen Kleingewerbestande mit Rath und That beizustehen. Indem wir dies als unsere Aufgabe betrachten, wollen wir denselben keineswegs von seinen Standesgenossen der übrigen Nationalitäten wirtschaftlich isolieren, sondern wir wollen im Gegentheile damit den Weg zeigen, der für das gesammte Kleingewerbe betreten werden muss. Ein großer Theil des Gesagten gilt auch für den K l e i n- Handel. Auch dieser, leidet ebenso wie der übrige gewerbliche Theilen Sie Hauptmann Dreyfus den Beschluss und den Abgang des „Sfax" mit." Meine Freude war unsäglich, unaussprechlich. Endlich wurde ich von der Folterbank befreit, auf der ich fünf Jahre lang festgebunden gewesen, wo ich um der Meinigen, um meiner Kinder willen, ein ebenso großes Martyrium erlitt, wie um meiner selbst willen. Das Glück folgte auf die unaussprechlichen Qualen, das Morgenroth der Gerechtigkeit erhob sich endlich auch für mich. Nach der Verfügung des Gerichtshofes schloss ich, dass alles zu Ende sei, und dass es sich nur noch um eine einfache Formalität handle. Bon meiner eigentlichen , Geschichte" wusste ich nichts. Ich steckte noch im Jahre 1894 bei dem Boreereau, dem einzigen Schriftstücke des Dossier, beim Kriegsgerichte, bei der grauenhaften Executionsparade, bei dem Wuthgeheul einer missleitet« Menge; ich glaubte an die Loyalität des Generals Boisdeffre, ich glaubte an das Staatsoberhaupt, Felix Faure, da ich mir alle voll Eifers und Begeisterung für Wahrheit und Recht vorstellte. Nachher hatte sich ein Schleier über meine Augen gesenktder täglich undurchdringlicher wurde, die verernzelten Thatsachen. die ich seit einigen Monaten erfahren, waren mir unverständlich geblieben.. Ich hatte den Namen Esterhazy gehört, vernahm die Fälschung und den Selbstmord Henrys; ich hatte nur dienstliche Beziehung zn dem heldenhaften Oberstlientenant Picqnart gehabt. Der großartige Kampf, den einzelne hervorragende Geister, denen Aufklärung und Wahrheit über alles gieng, eingeleitet, war mir vollkommen unbekannt. Ans der Verfügung des Gerichtshofes hatte ich herausgelesen, dass meine Unschuld erkannt worden sei, und dem Kriegsgerichte, an welches man mich verwies, nur noch die Ehre Vorbehalten sein sollte, einen furchtbaren Rechtsirrthum wieder gutzumachen. Am selben Nachmittage, ü. Juni, ließ ich folgende Depesche an meine Frau abschicken: Mittelstand, von dem er sich nur dadurch unterscheidet, dass er nicht erzeugt. Der jüdische Kleinhändler kauft theuer ein und soll billig verkaufen. Er leidet an Mangel an Credit, soll aber seinen Kunden creditieren. Dazu kommt noch der auf allen arbeitenden Bernsen lastende directe und indirecte Steuerdruck, der Mangel an billigen Wohnungen und vor allem der Mangel an consnmfähigen, kaufkräftigen Massen. Die nothwendige Hebung der Consumfähigkeit der Massen, eine Vorbedingung auch für die Verbesserung der Lage der Kleinhändler und Gewerbetreibenden, erhält eine eigenartig traurige Illustrierung durch die Thatsache, dass man durch die §§ 59 und 60 der Gewerbeordnung tausende van Hausierern und Agenten brotlos machen will: angeblich zum Schutze des Kleingewerbes. Ohne hier auf die Details aller für und gegen den Hausierhandel erhobenen Argumente einzugehen, wollen wir hier nur anführen, dass im Jahre 1887 auf die Anfrage der Wiener Handelskammer, inwieweit der Hausierhandel das Gewerbe schädige, von 71 Genoffenschaften 7 gar keine Antwort gaben, ein Theil erklärte, dass der Hausierhandel sie nicht schädige, und ein anderer erklärte, dass zahlreiche ihrer Waren durch Hausierer abgesetzt werden. Nun kann allerdings nicht geleugnet werden, dass ein mächtiger Zug durch die gesammte sociale Bewegung dahin geht, eine directe Verbindung zwischen Producenten und Consumenten herzustellen um den Zwischenhandel in jeder Form zn beseitigen. Gerade darin besteht das tragische Los eines Theiles des jüdischen Proletariats, dass es sich mit einem anderen Theile unseres Proletariats, welches eben diesem Zuge folgt, darum entgegenstemmen muss, weil es durch die geschichtliche Entwicklung zu dem Berufe des Zwischenhandels und Hausierens gedrängt wurde und mit der Ausschaltung dieser wirtschaftlichen Function ihre wirtschaftliche Existenz verliert; denn der Uebertritt in den Beruf der industriellen Arbeiter oder Handelsangestellten ist für den größten Theil von ihnen unmöglich. Die Inangriffnahme einer durchgreifenden, socialen Reform für diese proletarischen Kreise, die Proletarier im engeren Sinne, ist schon darum mit nicht s» großen Schwierigkeiten verbunden, erstens weil wenigstens Ansätze zu einer wirtschaftlichen Organisation der jüdischen Handelsangestellten und Arbeiter vorhanden sind, zweitens weil auch parallel bei den anderen österreichischen Nationalitäten mächtige sociale Strömungen vorhanden sind, die auf einen Ärbeiterschutz hinzielen, und weil man drittens immerhin in der Lage ist, concrete Vorschläge zur Verbesserung der Lage der Handelsangestellten und Arbeiter zn machen und deren Realisirung vorzubereiten. Die wesentlichsten sind: Verkürzung der Arbeitszeit, Minimalarbeitslohn, Stellenvermittlung, Arbeitslosen-, Kranken- und Jnvaliditätsversicherung, Sonntagseventuell Samstagsrnhe. (Schluss folgt.) Bin von ganzem Herzen bei Dir und den Kindern, allen. Reise Freitag. Erwarte mit ungeheurer Freude den Augenblick höchsten Glückes, Dich in meine Arme zu schließen. Tausend Küsse. Am Abend kam eine Brigade der Gendarmerie von Cayenne herüber, um mich bis zu meiner Abreise zu bewachen. Ich sah die Wärter abziehen, mir war, als wandle ich nach einem langen furchtbaren Alpdrücken im Traume. Ich erwartete aufgeregt die Ankunft des „Sfax". Donnerstag abends sah ich in der Ferne eine Rauchwolke auftauchen und erkannte bald darauf ein Kriegsschiff. Es war aber zn spät, als dass ich noch hätte eingeschisft werden können. Dank der Zuvorkommenheit des Bürgermeisters von Cayenne hatte ich einen Anzug, einen Hut, etwas Wäsche, kurz, das Nothwendigste, um nach Frankreich zurückkehreu zu können, erhalten. Freitag, 9. Juni, früh um 7 Uhr, holte man mich in der Schaluppe der Strasevlonie von der Teufelsinsel ab. Endlich verließ ich diese unselige Insel, auf der ich so viel gelitten hatte. Der „Sfax" war wegen seines Tiefganges sehr weit draußen stationiert. Die Schaluppe brachte mich bis an die Stelle, wo das Schiff vor Anker lag, aber da musste ich zwei Stunden lang warten, bis man mich aufnahm. Die See gieng hoch, und die Schaluppe, eine wahre Nussschale, tanzte auf den hohen Wogen des Atlantischen Oceans. Ich wurde seekrank, wie alle, die sich an Bord befanden. Um zehn Uhr kam die Ordre, dass wir anbvoten sollten; ich stieg an Bord des „Sfax" und wurde vom ersten Schiffsofficier empfangen und in die Unterofficierscabine geführt, die extra für mich hergerichtet worden war. Das Fenster der Cabine war vergittert worden (ich glaube, diese Vorbereitung war der Grund gewesen, tvarum man mich so lange hatte warten lassen); die Thüre mit Glasfenster wurde durch eine Schildwache in Waffen bewacht. Abends erkannte ich aus der

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