Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18 Wien, Freitag und sociale Entwicklung aller Völker der Monarchie so empfindlich geschädigt haben, sie wirken verwirrend und zersetzend auch auf die österreichische Judenschaft ein, ja sie sind das Haupthindernis für eine moderne Volksorganisation aller österreichischen Juden. — Der erste dieser Jrrthümer besteht darin, dass man entiveder die Juden ausschließlich als Religion betrachtet, wie zum Beispiel .Katholiken und Protestanten, oder als eine Nationalität, wie zum Beispiel die Deutschen und Czechen, deren wesentlichstes Bindemittel die gemeinsame Sprache ist. Die Juden sind keines von beiden, es ist daher jede Politik, die sich auf diesen falschen Voraussetzungen aufbaut, falsch und ein Weiterarbeiten auf diesen Grundlagen verfehlt. Dass die Inden nicht ausschließlich eine Confession sind und dass der Antisemitismus nur zum allergeringsten Theile confessionetter Natur ist, sollte doch bereits jeder Jude wissen und den Muth haben, sich ititb anderen es einzugestehen. Diejenigen aber, die dies nicht wissen oder nicht wissen wollen, mögen doch gefälligst die Thatsache berücksichtigen, dass gerade die radical-natioualen - anticlcricalen Parteien bei Deutschen und Slaven, welche in confessioneller Richtung mehr oder weniger indisferenl sind, trotzdem — dem Rassen-Antisemitismus huldigen. Wenn selbst getaufte Inden auch von nichtantisemitischen Kreisen als Juden betrachtet, als deutsch- oder slavenfrenndliche Israeliten bezeichnet werden, wenn die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung aller Nationalitäten, die Inden nur als Inden ausieht, wenn sie schließlich in den verschiedenen nationalen Clubs überhaupt keine Aufnahme finden oder nur unter überaus schmachvollen Borausetzungen, so widerlegen diese Umstände allein bereits die falsche Auffassung, dass die Inden bloß eine Confession und der Antisemitismus bloß oder vorwiegend confessioneller Statur sei. Die Juden sind vielmehr ein eigener Stamm, eine eigene Rasse, eine selbständige Volksindividnalität, deren Kraft außer der gemeinsamen Confession ihre gemeinsame Geschichte in der Vergangenheit und ihre gemeinsanre Noch in der Gegenwart bildet, welche allerdings in erster Linie eine wirtschaftliche Roth ist. Der Versuch, den jüdischen Nationalismus auf derselben Grundlage aufzubauen, auf dem der Nationalismus anderer Völker basiert, die eine gemeinsame Sprache besitzen und einen Landstrich in compacten Massen bewohnen, würde nichts anderes bedeuten, als einen verunglückten Versuch, den Nationalismus anderer Völker nachzuahmen, nachdem der erste Ver. such, sich denselben zu assimilieren, gescheitert ist. Ein zweiter Jrrthum ist der, die bekannte Streitfrage, Nationalismus oder Internationalismus? dadurch als Zankapfel unter die Inden zu schleudern, dass man die Schlagworte Nurjuden oder Nurmenschen einander gegenüberstellt. „Nnrmenschen" gibt es nicht, weil der Begriff „Mensch" ein allgemeiner ist und die Menschheit bekanntlich der Inbegriff aller Nationalitäten ist. Der Jude kann somit kein Nurmensch fein wollen, sondern er muss einem Volksstamme angehören, und da ihn die Deutschen, Slaven rc. nicht als Angehörige ihres Volksstammes betrachten, so erübrigt ihm begreiflicherweise nichts anderes, als sich als Angehöriger des jüdischen Stammes, was viele so gerne vermeiden möchten, zu betrachten. * Die Cvnstatierung der Thctsache, dass man die Inden als nationale Individualität betrachtet und sich selbst als Angehörigen derselben bekennt, bedeutet aber nicht, wie immer und immer wieder behauptet wird, eine Isolierung von den übrigen Völkern oder einen Gegensatz zum Staatsbürgerthum. Ebensowenig, als der Deutsche, Czeche, Pole re., wenn er für Wahrung seiner Individualität eintritt, sich in ein „Ghetto" sperrt, ans sein österreichisches Staatsbürgerrecht verzichtet, sondern unbeschadet des Umstandes, dass er mit anderen Nationalitäten in einem gemeinschaftlichen Staatsverbande lebt und mit demselben viele gemeinschaftliche politische und ökonomische Interessen hat, diesen gegenüber seine specifisch nativnalell Interessen vertritt, ebenso ist die Sonderorgänisation der Juden keineswegs ein Hindernis für diese, sondern vielmehr das einzige Mittel, einerseits ihre staatsbürgerlichen Rechte mit Erfolg geltend z» machen und andererseits, jener Soeialpolitik im Interesse der productiven Volksstämme einen greifbaren Erfolg zu verschaffen, welche den wesentlichsten Bestandtheil, nicht etwa nur einer jüdischen Realpolitik, sondern für lange Zeit hinaus auch der österreichischen Reichspvlitik im allgemeinen bilden muss. * Die Frage, ob socialpolitische Reformen für die Allgemeinheit und somit auch für die Juden ans parlamentarischem Bvden, oder auch auf dem Wege der Selbsthilfe durch wirtschaftliche Organisation zu erlangen sind, ist nur theilmeise eine principiette Frage, weit mehr eine Frage der Taktik, bedingt in erster Linie durch die politische Situation. Es kann parlamentarische Verhältnisse geben, wo auf Grundlage eines national-socialen Programmes gewählte jüdische Abgeordnete als „Zünglein an der Wage" gerade im österreichischen Parlamente vieles erreichen können, allerdings bei der derzeitigen Arbeitsunfähigkeit des Parlamentes und bei der vollständigen Desorganisation der österreichischen Juden muss eine jüdischsociale Realpolitik vor allem anderen, ehe an eine wirksame politische Vertretung der Juden im österreichischen Parlamente gedacht werden kann, bestrebt sein, eine national-soeiale Volks- Organisation aller österreichischen Juden zu schaffen, deren Ziele einerseits die Hebung des Bildungs-Niveaus und andererseits die Förderung der ökonomischen Wohlfahrt der jüdischen Bolksmaffen bilden müffen. Die diesbezüglichen wichtigsten social-reformatorischen Forderungen werden wir in dem nächsten Artikel erörtern. .Jüdisches Volksblatt Bncher-Eirüauf. Von der „Neuen Zeit" (Stuttgart, D i e tz' Verlag) ist soeben das 30. Heft ded XIX. Jahrganges erschienen. Ans dem Inhalte heben wir hervor: Neues Elend, neue Hoffnung. - Die Freihandelsbewegnng vor der Aera der Visinarck'schen Wirtschaftspolitik. Von Heinrich Cnnow. — Der Eintritt Millerands ins Ministerium. Von Jean Jaurüs. — Moderne Evangelien- Kritik. Von Franz Mehring, ll. — Die neue Bewegung in Nussland. — Literarische Rundschau: A. N i c e f o r o, italiani del Nord e Italiani del Sud. F. S. Nitt i, Nord e Sud. Jeder National)nde wird das Wert des bekannten Schriftstellers Dr. Adolf K o h u t: „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Crrltnrgeschichte der Menschheit" (Leipzig, A. H. P a y n e) mit Freuden begrüßen. Der Verfasser beabsichtigt darin zu zeigen, wie groß die Kulturarbeit war, welche die Inden und die dem jüdischen Stainme entsprossenen Männer bereits vollbracht haben. In den uns vorliegenden ersten vier Heften dieses Werkes werden in populär fesselnder Weise die bedeutendsten Tonküttstler und Virtuosen dargestellt, lieber ausführliche Biographien und Charakteristiken von Halvvy, Goldmark, Mendelssohn- Bartholdp, Meperbeer, Offenbach, von Ernst, Grün, Hauser, Joachim, von Snlzer nnd Leivandoivski nnd anderen lernen wir eine große Anzahl weniger bekannte Geiger, Pianisten, Kapellmeister, Cantoren, Opern- und Eoncertsänger kennen. Dieses ebenso belehrende wie unterhaltende Werk, das mit den Porträts und Facsimiles der Künstler versehen und ganz vorzüglich ansgestattet ist, wird allen, welche sich für Kunst- und Cnltnrgeschichte interessieren, besonders aber unseren Scammesgenossen, aufs wärmste empfohlen. Das Heft des UI. Jahrganges der „Dokumente der Frauen", herausgegeben von M. Lang, befasst sich in einem Artikel „Oesterreichische Mädchenlyeeen" von Siegmnnd Kraus in höchst umfassender Weise mit der uns so nahegehenden Frage des österreichischen Mädchennnterrichtes. Ein neuer, nicht sehrtröstlicher Beitrag zu dem Eapitel Schule und Franenbildnng! lieber sehr erfreuliche Thalsachen unterrichtet uns W. Spohr in einem Berichts über die in den letzten Tagen in Berlin stattgehabte Ausstellung „Die Kunst im Leben des Kindes". Wertvolle Beiträge berühmter Künstler ans allen Ländern an Kinderbildern und .Kinderbüchern und an eigenen kindlichen Knnsterzeugnissen zeugeil von dein erheblichen Aufschwünge, deir die künstlerische Erziehung der Jllgend in den letzten Jahren genommen hat. Wir werden in nächster Zeit Gelegenheit haben, uns in Wien selbst von dem Werte dieser Ausstellung zu überzeugen. Die Nummer enthält außerdem den Schluss des vorzüglichen Aufsatzes „Freie Ehe" von Jacques Mesnil. — Die „Documente der Frauen" siild znin Preise von 3 Kronen vierteljährlich, die einzelne Nummer für 6) Heller in allen Buchhandlungen und in der Administration, Wien, Magdalenenstraße >1, zu haben. Philosophisches in der Kabbala. Von Dr. H. E. K a u fm a n n, Rabbiner in Virovitica, Slavonien. „Jüdische Turazeitung", herausgegeben vom jüdischen Turnvereine „Bar Kochba", Berlin, Schönhauser Allee 18:2 a. Inhalt: Tnrnlied. Bon I. Auerbach. — Der hygienische Wert des Turnens. Bon Dr. med. F. M eye r. — Vom Wandern. (Schluss.) Von M. Zirkes. — Turnerische Rundschau. — Ans der jüdischen Turnwelt. — Tllrnliteratnr. — Tnrnfahrren. — Fürs praktische Turnen. Wien. (Humanitärer Ges elligkeits - Verein „Heitere Brüder"). Das am Samstag den 20. v. M. veranstaltete Wohlthätigkeitsfest im Saale „znin goldenen Widder", 11. Taborstraße 36, erzielte nach jeder Richtung einen vollen Erfolg, der Reinertrag wurde einer armen Braut im Clubeafö Josef Blau, II. Rothe Sterngasse 17, durch den Obmann Herrn M. Reis mann und im Beisein des Gesammtailsschusses übermittelt. Wien. (Theologischer Verein der Hörer an der israelitisch-theologischen L e h r a n st a l t. Die Wahl für das Sommersemester ergab folgendes Resultat: Präses: Dr. M. H uss, Vieepräses: M. G. Mehrer, Cassier: A. Beck, I. Schriftführer; I. Stössler, II. Schriftführer: B. K u r r e i n, Ausschussmitglieder: L. B r n u n e r, B. H aus n e r, A. Schwa r z. Wien. (Musik- und G e s a n g s ch n l e M o r i n i, ll., Taborstraße 52.) Sonntag den 12. Mai, abends 7 Uhr, findet im großen Festsaale des Wiener kaufmännischen Vereines, 1, Johannesgasse 4, ein Schnlerconeert statt. Eltern, deren Kinder in der Musik Ausbildung genießen) werden höflich eingeladen, zu diesem Coneerte zu erscheinen, um sich die Ueberzengnng zu verschaffen,'tzrach welcher ausgezeichneter Methode der Unterricht in diesem Institute geleitet wird. Es wirken hiebei Anfänger und Fortgeschrittene mit. Der Sommercnrs beginnt am 5. Mai. Einschreibungen täglich. .Karten für distinguiertes Publicum! sind unentgeltlich zu haben bei der Direction dieser Schule, ll., Taborstraße 52. Czortköw. Sonntag, den 28. v. M. veranstaltetete die Baron Hirsch-Schule in Jagieliea, erneut von Czortköw unweit gelegenen Städtchen eine Gedenkfeier zur Erinnerung an den edlen Wohlthäter, den großen Philanthropen Baron Hirsch ges, Andenkens. Stach einer an die zahlreich versammelten Gäste von Herrn Baar gerichteten kurzen Begrüßungsrede, stimmte ein von Schulkindern gebildeter Chor den Psalm „Joschew bsether eljon“ an. Hierauf ergriff der Leiter der Anstalt Herr Blau das Wort. In warmer und zu Herzen gehender Rede schilderte er das Leben des großen Mannes, tvelchetn so viele Tausende uod Abertausende ihre Existenz verdanken, welcher das Dasein so vieler jüdischer Kinder zum Segensreichen, Guten umgestaltete und keine Kosten scheute, vor keiner Mühe zurnckschreckte, tun dies zu bewerkstelligen. Enthusiastischer Beifall folgte dieser Rede. Bon dem oben genannten Chore wurde hieraus unter der vorzüglichen Leitung des Herrn Blau „El moie raohmim“ gesungen, woein Schüler ein begeistert aufgenommeues hebräisches Gedicht vortrug. Das Schlusswort hatte Herr Gottesfeld. Auch er hob in flammenden Worten die Tugenden des sel. Baron Hirsch hervor, rühmte in glänzender Weise die Leistungen der Baron Hirsch-Schulen, die trotz der aüseitigen Anfeindungen von blindem, fanatischem, eitlem und egoistischem Wahne ergriffener Menschentnaffen groß und erhaben sind. Ein Kndtseh-Gebet, vorgetragen von einem Schüler, schloß die Feier. Mai 1901 Seite 5 Der Schlüssel. Erzählung v o u Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Ich bin fein Christ geworden, obwohl ich aufgehört habe, Jude zu sein, mtb wenn in ich auch der Verlust des geliebtesten Wesens schmerzt, so fühle ich doch eine innere Befriedigung und ein unaussprechliches Glück in dem Gedanken, kein anderes Glaubensbekenntnis, wenn auch nur äußerlich, angenommen zu haben. Ein Mensch wie ich, das fühle ich nun klar, darf die Religion nicht wechseln, ja er kann dies nicht, weil er eigentlich keiner von den bestehenden angehört. Ec hat von jeder Religion das Beste in sich ausgenommen und die Formen aller abgestreift und schwebt in erhabener Religionslosigkeit, welche seine wahre Religion ist, über allen Religionen. Dies aber fühle ich, dass meine Religion nicht Anspruch machen darf, eine allgemeine zn werden; die Religion, die ich habe, ist nur für einzelne Menschen, und zwar immer nur für den, der selbst ihr Stifter und ihre ganze Gemeitlde in einer Person ist. Wer den Tempel der Tugend und Sittlichkeit in seinem eigenen Herzen aufgerichtet und das Gute will und thut, weil es das Gute ist, der braucht keinen äußeren Zwang und keine fesselnde Form. Die große Misse aber bedarf dieser fesselnden Form gar sehr, und dies ist auch der Sinn, den alle Religionen haben. Alle Religionsstifter, Moses und Christus wie Buddha, haben dasselbe Ziel vor Augen gehabt, das Ziel, den Menschen sittlich und gut zu machen. Da ans die Masse nur durch große Effecte gewirkt werden kann, so bedienten sie sich der Zeichen und Wunder, jeder in seiner Weise. Der sittliche Mensch, der die Höhe ersteigt, von welcher ans dies übersehen werden kann, darf darum umsoweniger aus einer Form in die andere übertreten. Ich kann mir eher denken, dass ein frommer/ rechtgläubiger Jude ein Christ, oder umgekehrt ein rechtgläubiger Christ plötzlich Jude wird; denn es kommt hierbei nur ans den einen Punkt an, dass ihm das eitie einleuchtender als das andere erscheint, und so etwas, so ein plötzlicher Sprung ist möglich. Der freie Mensch auf geistiger Höhe darf aber kein religiöser Mälenzeiger werden, der einem im nächtlichen Dunkel dahinziehenden Wanderer den Weg zeigt. Deshalb gefällt mir von allen Sprüchen der Altrabbinen keiner so gut als der, welcher lautet: „Chachomim hisuharu bediwrechem!" (Ihr Weisen, gebet acht aus Eure Worte!) In diesem Spruche liegt die tiefste Weisheit. Darum, was ich Ihnen gesagt habe, habe ich Ihnen als meinem Lehrer und Freunde gesagt, doch wünschte ich nicht, dass ein anderer mich gehört hätte. Denn was inan denkt und thut, das hat man mit seinem Gewissen abzumachen; was man aber durch das Beispiel auf andere wirkt, die dann, ohne die genannten Kämpfe innerlich durchgemacht zu haben, aus Bequemlichkeit sich der fesselnden Formen entledigen, das liegt außer aller Berechnung. Und dies sagte ich mir instinctio in jenem Traume, der für. mich so entscheideild war. Nehmen Sie, wenn zum Beispiel ein Mensch wie mein Freund Gumpel mir folgen wollte, der Schwindel würde ihn ergreifen, und er wäre unrettbar vertoren; denn er müsste von der Höhe hinabstürzen, tief in den untersten Abgrund, und ich vermöchte nicht, ihn zu halten." So endigte Felix die Geschichte seiner Liebe. Reb Sawel, der mit größter Spannung und Theilnahme zugehört hatte, reichte ihm die Hand und sagte: „Nun, Felix, bist Du auch mein Lehrer, ich Hab' heute von Dir mehr gelernt als bisher in meinem ganzen Leben. Ich kann mich zwar zu Deiner religionslosen Religion nicht bekennen, aber ich habe eine große Achtung vor Dir und muss Dich künftig wie meinen „Rebbe" (Lehrer) verehren. Gelobt sei Gott, der alles so gefügt hat; denn Du weißt gar nicht, was ich mir um Dich für Sorgen nnd was ich mir für Vorwürfe gemacht habe. Gelobt ist Gott, der auch heut' noch Wunder wirkt." Felix erhob sich und wollte gehen; nachdem; er bereits die Thürklinke ergriffen hatte, sagte Reb Sawel: „Noch auf eine Frage musst Du mir Antwort geben, wenn ich mir Deine Ansichten mit dem, was ich anderweitig gehört habe, soll zusammenreimen können." - „Fragen Sie immerzu," sagte Felix, der zurückkehrte und sich nochmals niedersetzte. „Woher weiß Bärl Lederer," fragte Reb Sawel. „dass Du Dich mit dem Schermesser barbierst (rasierst), oder ob Du Schabbes rauchst? Wenn es Deine Maxime ist, keinen anderen durch Dein Beispiel zu verleiten, io kann ich mir nicht denken, dass Du solche Dinge „befreßjeh" (frei) thust, und dass er Dich gesehen hat." „Das weiß ich nicht," antwortete Felix, „es ist auch möglich, dass einer spioniert, und wenn einer spioniert, so kann man sich vor ihm nicht leicht verstecken, wenn man auch der Meinung ist, von niemand bemerkt zu werden. Es ist aber auch möglich, dass Bärl Lederer sich dies denkt, und weil er es bei sich für ausgemacht hält, auch so davon spricht, als ob er es mit eigenen Augen gesehen hätte. Sie kennen ihn ja, wie er ist." „Weißt Du, Felix," sagte Reb Sawel hierauf, „es ist mir nur um den „Schemra" (bösen Ruf), und ich will nicht haben, dass man Dir auch nur das Geringste soll nachsagen können. Meine Meinung ist diese': Du bist einmal, wie Du bist, und es wird Dir niemand einen anderen Kopf aufsetzen. Aber nicht jeder Mensch möchte Dich verstehen, so wie ich Dich verstehe, und man muss sich vor den Leuten noch mehr fürchten als vor Gott „lehawdil" (eine Redensart, die den großen Unterschied gebärend ausdrückt; wörtlich: zur Absonderung). Deswegen hat es mich sehr gefreut, aus deinem Munde zu vernehmen