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Jüdisches Volksblatt · 1901-05-03 · 18 (3.5.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite \ Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 3. Mai 1901 Nr. .18 mal tauft. In den jüngsten Tagen bat der Abg. Stein — ein Alldeutscher — im österreichischen Abgeordnetenlianse die beachtenswerte Bemerkung gemacht, dass selbst Taufe und höhere Weihen den Olnniher Kirchenfürsten Dr. K oh n zn^ nichts anderem gemacht haben, als zu dem, was er seiner Rasse nach ist, zu einein Inden, eine Bemerkung, die sich unsere Neuchristen hinter die Ohren schreiben mögen. Da fällt mir ein hübsches, beißendes Epigramm auf einen getauften Juden ein. der bei jeder Gelegenheit sein Protestantenthum betonte: „„Ich biil ein Protestant" — das sagst Dil mit Emphase, Dagegen protestiert emphatisch Deine Nase." Dieses Epigramm, das ich vor Jahren irgendwo gelesen habe, kann von einem Rassen-Antisemiten over sogar von einem jüdischen Satiriker herrühren, weil die Schwächen des „modernen" Judenthums es einem schwer machen, satiram non scribare. weshalb ich auch — der Leser möge mir verzeihen — vom Thema etwas abgekommen bin. Der deutsche Racenantisemitismus hat der uralten Judenfrage ein eigenartiges Colvrit gegeben. In den Ländern, wo rohe Judencxcesse zwischen den Bajonnetten der Wehrmacht nicht recht blühen können, ändert sich die verhaltene Wuth in der Behandlung der wirtschaftlichen Fragen. In Deutschland, wo der Jude wirtschaftlich nicht ttmzubringen ist, gedeiht eine neue Specialitnt des Antisemitismus der — Asemitismus, die Verneinung alles Jüdischen; die Juden werden dort — nach H. v. Gerlach — mit Bewusssein nicht geliebt .... In wechselnder Gestalt, aber mit wesentlich gleichem Inhalte tritt — wie ich sie nenne — die äußere Iudenfrage an die Führer unseres Volkes heran. Der ossiciellen Cultusgemeinde — ich meine ihrer Repräsentanz — ist bisher das Verständnis für die allgemeinen Fragen abgegangen. Man hielt sich streng an den Wortlaut des Statuts, das in seinem § 2 nur religiöse Aufgaben kennt. Wer aber soll die ethischen und c u l t u r e lle n Aufgaben pflegen? Wer soll die politische Führung haben? Wer soll zu den großen Fragen der ganzen Judenheit Stellung nehmen? Es gibt eine jüdische Solidarität und es gibt doch keine jüdische Solidarität. Es schmerzt uns alle — sogar die getauften Juden — wenn ein Jude wegen seines Judenlhumes leidet (Dreyfus), wenn Juden gevlündert und geschlagen werden (Excesse in Galizien) oder zum Wanderstabe greifen m ü s s e n (Rumänien) — aber über Schmerzensruse und Proteste kommen wir nicht hinaus. Statt Weltactionen zur Unterstützung unserer Brüder einzuleiten oder zu fördern — entnervender Fatalismus, kleinmüthige Passivität. Statt sich in Ländern — wo die Juden durch ihre Zahl, Intelligenz und Steuerkraft (Oesterreich) ein politisch beachtenwerlher Factor sind, politisch als s e l b st ä n d i g e P a r t e t zu organisiren, um für die m ö g l i ch st e W a h r u n g u n sere r Volks rechte zu arbeiten, duldet es die ofsicielle Cultusgemeinde, dass die jüdischen Wähler für die Absichten fremdnationaler Politiker mißbraucht und dann zum Ueberflusse gehöhnt werden. Statt für die Pflege eines jüdisch-nationalen Geistes zu sorgen, duldet es die ofsicielle Eultusgemeinde, dass sich „czechische" und „deutsche" Juden in derselben Gemeinde dem böhmischen Ätaatsrechle zu Liebe oder zu Leide bis auf's Messer bekriegen. Statt unsere Volksgenossen aufzuklären, dass unser Heil nicht im deutschen und nicht im czechischen und auch nicht im polnischen Lager liegt, sondern einzig und allein in uns selbst, in der eigenen Kraft und Stärke, geben sich die Cultusgewaltigen der allermeisten Gemeinden zu politischen Lakeiendiensten für fremde Aspirationen her, so dass wir es zu unserer Schande im Parlamente noch hören müssen, wie tief sich der Alldeutsche gekränkt fühlt, wenn ihm „vorgeworfen" wird, er sei vott Juden gewählt worden. All diese Schmach und Schande haben die Führer unseres Volkes aus uus geladen. Sie, die ossiciellen Vertreter, die Großjuden der Cultusgemeinden, haben — ich sage nicht den Hass — aber die gründliche Verachtung seitens unserer Feinde uns eingetragen. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass wir im Parlamente schwächer sind, als wir nach der factischen Zahl jüdischer Abgeordneter im Hause sein sollen. Der ossiciellen Cultusgemeinde haben wir es zu verdanken, dass wir uns dort an die Wand drücken lassen, wo uns ein Platz in Ehren gebürt. Hiefür ein kleines Beispiel, das in einem Artikel der „Bukowinaer Post" vom 28. März lbOl „Die Schulverhältnisse in Czernowitz" genügend beleuchtet worden ist. Die Judengemeinde in Czernowitz bildet ein starkes Drittel der Gelammtbevölkerung der Stadt. Die Mehrzahl der Schulen der inneren Stadt wird zur Hälfte oder sogar in der Majorität von jüdischen Kindern besucht. Trotzdem sind von 71 definitiv angestellten Lehrkräften nur vier jüdisch. Das Missverhältnis wird aber noch crasser, wenn man die Zahl der int Provisorium schmachtenden Lehrerinnen beachtet. Von 4-5 provisorisch angestellten Lehrkräften entfallen 17 aus die jüdische Consession, welche 17 zehn bis sechzehn Jahre auf eine desitlitive Anstellung vielleicht auch vergeblich warten. Und wir haben Vertreter im Gemeinderathe und im Stadl- und Landesschulrathe! Der Präsident unserer Gemeinde hat Sitz und Stimme in den obersten Schulbehörden und vor seinen Augen wird s y st e nt a t i s ch e Zurücksetzung seiner Stammes- und G l a u & e tt sgenossen geübt, ohne dass er seine Stimme gegen das Unrecht erhebt. Wir lassen die christlich-deutsche Organisation, deren Existenzberechtigung ich nicht bestreite, deren „wirtschaftliche" Tendenzen ich aber geziemend verstehe, uns über den Kops wachsen, (siehe Lehrera'nstellung im Falle Geib-Fischer). Während die anderen planmäßigem, gesundem Egoismus huldigen, sind wir närrische Altruisten und verdienen billigerweise ausgelacht zu werden. So sieht bei Lichte besehen, die jüdische Gemeinde und ihre ofsicielle Vertretung aus. Faul im Innern und schwach nach Außen, blind gegen unsere Fehler und blöde, dass wir den Weg zu unserem Heile nicht erkennen. Man will Reformen einführen, Aber es ist charakteristisch für die Reformer, wo sie mit den Dteformeu beginnen wollen — mit der Aufhebung des jüdischen Spitals und der jüdischen Schule, der besten Institute in unserer Gemeinde! Die Schule wollen sie aufheben, die Schule, die anerkannt die beste in der Stadt ist, die Schule, die einzige Stätte, ivo ein Theil der jüdischen Jugend noch jüdisch erzogen werden kann! Soll ich da noch viel Worte verlieren? Im Uebrigen hat das Wort Reform im Jndenthnme keinen guten Klang. Nicht dass ich ein Reformfeind wäre. Im Gegentheile. Ich will eine Erneuerung unseres Volkes, eine Regeneration desselben aus ganzem Herzen. Aber die landläufige Reformerei hat in der jüdischen Geschichte eine traurige Berühmtheit erlangt. Man denke nur an die jüdischen Reformgemeinden im Westen: Abschaffung der hebräischen Liturgie, Orgel, Messgewand, Aufhebung des Bundeszeichens — allgemach fortschreitende Entjndung — Taufe und wieder verdorrt ein Zweig unseres Stammes. Quosque tandem? Ich bin mit meinen Ausführungen zu Ende. Erschöpft habe ich das Thema nicht, aber ich habe vielleicht zum Nachdenken angeregt. Da ich auf der Höhe meiner Aufgabe bleiben wollte, bin ich in die Niederungen des persönlichen Momentes nicht hinabgestiegen. Die Wahlen in den Cultusrath sind freie Wahlen, es steht redermann frei, die Männer seines Geschmackes zu wählen. Dass die „Reformpartei" so rasch verschwinden wird, wie rasch sie emporgetaucht ist, kann ich ohne Prophetengabe Vorhersagen. Die Körner von Wahrheit aber, die da und dort in diesem Programme liegen, werden nicht verschwinden, sie werden Früchte tragen. Am Ende hat jeder Parteikampf sein Gutes — hoffen wir — auch dieser. Vielleicht habe ich jemandem wehe gethan — Unrecht that ich keinem. Die Wahrheit muss rücksichtslos sein. Illdeu in -k« Wilh-rnthkuWen Fanden. (Fortsetzung.) Die deutschen Juden fattben in den slavischeu Ländern eine leidliche Stellung, überhaupt in Polen, Lithauen und den südlich - ruthenischen Landen. Micha lon schreibt in der Hälfte des XVI. Jahrhiruderts: „In unserem fruchtbaren Lande hat sich von allen Weltgegendeu das jüdische Volk angesammelt, welches listig und schädlich ist, unsere Waren verdirbt, auf den Märkten, durch Coucurrenz, den Christen ihren Unterhalt raubt." Analog wurde über Juden anl Lubliuer Landtage gesprochen, wo lithauische Abeeordnete sich beklagten, dass man Juden Mühlen, Markttaxen, Maut und Wirtshaus verpachtet, dass sie den Hang der Slaven zum Brantwein ansnützen und sie dadurch demoralisieren. Obwohl die Juden in ihrer neuen Heimat nicht gleichberechtigte Bürger waren, bildeten sie dennoch einen ansehnlichen Theil der Städtebevölkerung, lvo sie sich amtlich bewilligter Begünstigungen erfreuten. Die glückliche Lage der Juden war Interesse des Fiscus und noch mehr polnischer Könige. Die Könige brauchten reiche und sichere Gläubiger, und solche fanden sie in den Juden, deren Treue erprobt war. Es soll bemerkt werden, dass die Könige damals noch Macht und wirkliche Bedeutung im Laude hatten. Die Indolenz des Bauernstandes und Mangel eines organisierten und entwickelten Handels- und Gcwerbestandes gaben den Juden Anlass zur Entwicklung einer Thätigkeit, und die „Fremdlinge, Answürfe des gesammteuropäischen Civilisation", verursachten durch ihr Schaffen in kurzer Zeit und in allen Orten, in welchen sie sich niederließen, die Unzufriedenheit der Einheimischen. Dieser letztere Umstand hatte Einfluss ans die Lage der Inden. Allmählich wird ihre juridische Stellung unbequemer und unbestimmter: die polnisch-lithauische Gesetzgebung führte, überhaupt im XVI. Jahrhundert, Beschränkungen ein. Durch den königlichen Beschluss vom Jahre 1619 verloren die Juden das Recht der Ansiedlung und des Handels in Kiew, wo ihnen nur einen Tag und in einer speciellen Herberge zu weilen erlaubt war, noch mehr verschärft war ein Verbot der Ansiedlung in Kamence, wo ihnen nicht gestattet war, im Umfange von 3 Meilen sich niederzulassen. Mittelst Erlasses des Prinzen Ladislaus, 1523, waren die Juden aus den Bezirken Czernyhiw und Siwer verdrängt. Außer diesen localen Beschränkungen wurde die Gesammtjudenschaft durch den Landtag gedrückt: es wurden ihnen doppelte Steuern anferlegt, sie waren überdies zur Entrichtung von Kopfsteuern angehalten, es wurde ihnen untersagt, mit Pferden zu handeln, ihr Silber ward für Münzen zu sehr niedrigen Preisen ihnen genommen. In der damaligen Geschichte Südruthenenlands ist auch der Fall der Vertreibung aller Juden notiert; bald kehrten sie aber in ihre alten Wohnsitze zurück und nahmen ihr unbewegliches Eigenthnm wieder in Besitz. In der Zeit nach ihrer Vertreibung bis zur Rückkehr benützteit die christlichen Einheimischen jüdische Häuser und Felder. Die angeführten Ereingnisse waren einerseits Folgen des Bestrebens — seitens der Könige und Landtage — den Einfluss der Inden ans die ökonomischen Verhältnisse des Landes, lvo es Juden zum Monopol in Handel und Gewerbe brachten, zu paralysieren, andererseits Geschäft des privilegierten Adels. Dieser Adel erblickte im Beherrschen des Geldmarltes durch die Inden eine Schädigung seiner Geschäfte, und da er die Macht in Händen hatte, bestrebte er sich, die Bereicherung der Inden zu verhindern. Die Einschränkungen seitens des Landtages zeigten, auf welche Seite die wirkliche Macht im polnischen Königreiche übergieng. Die Juden eröffrteteu infolgedessen dem Adel Credit und wurden seine Diener, im Sinne des Talmudanssprnches: „Wenn auch der Fuchs herrscht — soll ihm gedient werden." Im Leben und in der Gesetzgebung kam dieses sociale Ereignis auf diese Weise zum Vorschein, dass die Juden ans den königlichen Besitzthümern, wo siebis nun als königliche Unterthanen wohnten, immer mehr in die Besitzungen der Magnaten übersiedelten. Die schwächste Seite der damaligen südlich-ruthenischen socialen Verfassung war die Kluft unter Herrschaft und Bauer und die grenzenloseste Macht dieser Herrschaft. Inden füllten die Lücke ans und wurden znm Factotum der Herren. Diese Annäherung fand sowohl in der Wirklichkeit, als auch socialjuridisch statt. Ihren Gesetzen nach standen die Inden des polnisch-lithauischen Reiches im allgemeinen dem Adel näher, als dem gemeinen Volke und sogar den Städtern: das Gesetz schützte Leben, Ehre und Freiheit der Juden gleich denen des Adels; Juden hatten — auf Grund des ihnen gewährten jus gladii — das Recht, einen Säbel zu tragen; in den Städten waren sie vom Jahre 1578 an vom Magdeburger Gerichtsverfahren befreit; als herrschaftliche Pächter hatten sie das Recht den Bauer zu richten und zu strafen; sie bekamen eine besondere Verfassung, welche sie juridisch unabhängig und selbständig machte. Schon am Ende des XV. Jahrhunderts hat die Hauptstadt einer jeden Wojlvodschaft eine jüdische Cultusgemeinde, die — den Nelchsbehörden gegenüber — alle Inden des betreffenden administrativen Kreises repräsentierte. Der Jude geht allmählich in dieser Repräsentanz auf und wird als Individuum hilflos uno schwach. Auf ihre Privilegien gestützt, bildeten die Juden am Ende des XVI. Jahrhunderts folgende Organisation: Die ganze jüdische Bevölkerung des Reiches war — der Eiutheilung in vier Provinzen sich anpassend — in vier Sprengel mit vollkommen selbständiger Verwaltung getheilt (Großpolen, Kleinpolen, Nuthenenland und Wolhynien.) Die Juden einer jeden dieser vier Provinzen bildeten eine „Synagoge". Jede Provinz oder Synagoge theilte sich in Kreise, „Kahal" genannt, und das Territorium eines jeden Kahals umfasste noch „Beikahals". An der Spitze eines jeden Kahals oder Beikahals standen — von Juden für einen gewissen Zeitraum gewählte — Rabbiner und Obmänner; sie richteten und besorgten die administrativen Functionen der Juden ihres Kreises. Dem Talmud und jüdischen Sitten nach schlichteten sie Streitigkeiten unter Juden. Ein Kahal war das gesetzlich anerkannte Organ, an den sich die Behörden mit ihren Wünschen und Vorschriften wendeten. Die jüdischen Provinz-Landtage bestanden ans Obmännern der Cultusgemeinden und aus drei von Inden gewählten Abgeordneten. In Angelegenheiten aller polnischen Inden versammelten sich die Obmänner und Abgeordneten aller vier Synagogen im galizischen Jaroslau oder Lublin und bildeten dort den allgemeinen Landtag polnischer Juden, in der Geschichte „Synode der vier Länder" benannt. (Fortsetzung, folgt.) im zwanzigsten Jahrhundert Das bekannte französische Tagblatt „Le Temps" hat eine Umfrage veranstaltet über die Mission des zwanzigsten Jahrhunderts. Unter den Befragten befindet sich auch Leon Mari'llier, einer der angesehensten philosophischen Schriftsteller und Lehrer Frankreichs. Marillier verbreitet sich zuerst liber die Aufgaben des Katholicismns und Protestantismus, und geht dann znm Jndenthum über, das er folgendermaßen bespricht: Ich frage mich, ob wir nicht bald die unbewusste und langsame Schöpfung einer Art von Laienreligion sehen werden, die. weder katholisch, noch protestantisch ist, und deren Kern in einer Krystallisation jüdischer Ideen bestehen würde. Der Jude hegt die bemerkenswerte Anschauung, dass, ganz im Gegensatz zu dem Worte des Evangelinms, das Reich Gottes von dieser Welt ist. Dem Göttlichen dienen, das heißt die Gerechtigkeit hienieden verwirklichen. Uub das beste Mittel, das zu erreichen, besteht darin, dass man sich Rechenschnft darüber ablegt, in welcher Umgebung man lebt. Die Gerechtigkeit verwirklicht durch die Wisseuschafl und durch den Mcnschheitsdienst, das ist die Quintessenz der jüdisch-liberalen Anschauungen. Lassen Sie mich Ihnen eine prachtvolle und oft citierte Stelle von James Darmsteter ins Gedächtnis rufen, wo dieser die Propheten Israels heraufbeschwört, deren Geist lvieder aufersteht und sich durch das neue Jahrhundert verbreiten wird. „Es ist nur ein geringer Unterschied, dass die Propheten im Namen Gottes gesprochen haben und dass die moderne Zeit im Namen des menschlichen Gedankens spricht. Ihr Gott war ihr eigenes, zum Himmel erhobenes Gewissen. Sie haben all das geliebt, was wir lieben, und ihr Ideal war mit keinem Opfer der Vernunft oder des Gewissens verbunden. Ihr Gott wollte weder Altäre, noch Opfer, noch Gesänge, sondern nur, dass das Recht wie Wasser hervorsprudle und die Gerechtigkeit wie ein unversiegbarer Strom. Dadurch, dass sie au die Gerechtigkeit mir aller Inbrunst glaubten, haben sie sie in der Geschichte in Gang gebracht. Sie hatten einen Schrei des Mitleids für alle Unglücklichen, der Rache für alle Unterdrücker, des Friedens und der Eintracht für alle Völker. Sie haben nicht zu den Menschen gesagt: Diese Welt taugt nichts. Sie haben ihm vielmehr gesagt: Die Welt ist gnr, so sei auch Du gut, gerecht, rein. Sie haben zum Reichen gesagt: Du sollst nicht den Lohn ■ des Arbeiters znrückhalten; zum Richter: Du sollst treffen, ohne zu demüthigen; zum Weisen: Dir bist verantwortlich für die Seele des Volkes. Und sie haben mehr als einen gelehrt, für das Recht zu leben und zu sterben. Kurz, sie haben auf die Zukunft/ mitten durch alle Stürme der Gegenwart, den Friedensbogen einer unermesslichen Hoffnung geworfen: die strahlende Vision einer besseren Menschheit, die besser geschützt ist gegen Tod und liebet, die weder Kriege noch ungerechte Richter kennen wird, wo das göttliche Wissen die Erde erfüllen wird, lvie die Wasser den Grund des Oceans bedecken und wo Mütter nicht mehr für einen plötzlichen Tod gebären werde». Träume der Seher, heutzutage Träume der Forscher." Dieser prophetische und praktische Positivismus wird tvabrscheinlich in nächster Zukunft eine bedeutsame Rolle spielen. Ans dem alten Jndenthum entspross schon das Christenthum und der Islam; wir werden vielleicht einen neuen, grünenden und kraftvollen Ast erscheiueil sehen. Das Jltdenthum strebt jetzt nach dieser Richtung. Alle anderen Religionen bewahren einen dogmatischen Rest: Das Jndenthlun will nur die Bejahung des Göttlichen und der Gerechtigkeit sein. Die Menschheit wird deshalb nicht jüdisch werden, aber das Jndenthum wird in der Zukunft ein wichtiger Factor sein." Soweit Marillier. Seine hier entwickelten Ideen decken sich übrigens mit dem, was schon vor einem Menschenalter Ad. Jellinek ausgesprochen hat, dass nämlich die Zukunft der Menschheit dem alten klassischen Mosaismns gehöre, und dass dieser, die besten Geister der Zeit um seine Fahne scharend, im Kampfgewühl der religiösen Wett- und Lebensanschauungen den Sieg davontragen werde. Ein Beitrag zur Klärung in der Judensrage. Der zunehmende Zersetzungsprocess, der innerhalb aller politischen, socialen und nationalen Parteien der verschiedenen Volksstämme der österreichischen Gesammtmonarchie sich immer rapider bemerkbar macht, hat auch innerhalb der österreichischen Juden sehr traurige Resultate gezeitigt. Alle die Einseitigkeiten und alle die Jrrthümer, die verheerend und vergiftend so viel Unheil in Oesterreich angerichtet und bereits die culturelle

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