Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Nr. 18 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 3. Mai 1901 Seite 3 Frankfurter Mundart aus Russland hört, so muss er seine tiefsten Sympathien bezeugen; vom Schreiber der betreffenden Notiz in der „Ostafrikanischen" erwarten wir nicht diese Sympathien; denn er setzt seine Besprechung mit einer Fälschung ein. In dem Liede, das er eitiert, beklagt eine Mutter die Abwesenheit ihres Gatten; er ist vorangeeilt, um für Frau und Kind ein warmes Nest in Amerika zu bereiten, da sie in Russland dem Hunger und der Verfolgung preisgegeben sind. Inzwischen unterstützt er seine Familie; er schickt seiner Frau sein Bild; sie spricht die Hoffnung aus, dass er bald seine Familie nach Amerika wird kommen lassen. Diese alltägliche Geschichte aus dem Leben der russischen Auswanderer verewigt das Lied. Was macht der alldeutsche Scribent daraus? „Der Tate ist durchgebrannt, ist in Amerika. Aber" — jetzt kommt die Hauptsache — „20 Dollar schickt er" , und diese Fälschung stellt er dreist und stolz gegenüber dem deutschen Volkslieds, in dem das Mädchen von— man höre und staune — einem Grafen verführt wird. Die deutsche Bedientenseele verleugnet sich nie. In dem zweiten angeführten Liede klagt das Judenmädchen, dass ihr Geliebter sie treulos verlassen habe. Gott wird ihm aber die falsche Liebe bezahlen. Was macht der teutsche, elende Scribent daraus? „Vom „Zahlen", wie könnt' es anders sein, ist halt immer die Rede." Er meint, man müsse zu den Liedern die entsprechenden typischen Gesten machen. Wer solchem Herzeleid gegenüber, wie es aus diesen Volksliedern spricht, so schreibenk ann, ist nicht nur kein ehrlicher Nationaler, sondern ein ganz gewöhnlicher Bube. Dies au die Adresse des Herrn —c h. Doch der Schüler ist wie der Meister. Von modernem Nationalismus versteht Herr K. H. Wolf nichts; aber Geschäftchen kann er mit dem Nationalismus machen. Das „Trautenaner Wochenblatt" schreibt in einer Polemik: „Geradezu köstlich wirkt die Naivetät, mit welcher die Unterstützung dentschböhmischrr Industrieller abgelengnet wird. Ist es dem Macher des alldeutschen Organes unbekannt, dass Director M e l h a r d t in Dux dem Abgeordneten Wolf im Jahre 1608 eine Cassette mit 6000 fl. ui Zwaozigmarkstücken (!) überreicht hat, oder ist es vielleicht unwahr, dass Fabrikanten von Asch, Kvmotau und Dux von Haus zu Haus schnorren (sie!) gicngen, um den „gottgesandten Streiter" fürs Patentdentschthum beschenken zu können" .. . Wir glauben, das genügt, um ein Urtheil über die Moral des Herrn Wolf zu gewinnen, und eine Erklärung dafür, dass er mit solch beispielloser Roheit als Nationaler die nationalen Empfindungen eines anderen Volkes beschimpfen lässt. Inland. Bielitz. (B o r t r a g.) In Bielitz hielt am Donnerstag den 28. d. M. Frau Dr. Henriette Weiß einen Vortrag über ..Moderne Krankenpflege und Krankenpflegerinnen", mit welchem sie die in Wien begonnen^ Agitation behufs Errichtung jüdischer Pflegerinnenschulen nunmehr auch in die Provinz trug. Eine große Anzahl hiesiger grauen traten dem in Wien zu gründenden Vereine bei. Kuttenberg. Gleich am Abend nach Herablangen des Unheiles des obersten Cassationsgerichtshofes im Polnaer Processe wurde die Justisication Hilsners hier vollzogen, und zwar fungierten als Henkersknechte das Personal der C o l o n i a l w a r e n - E n g r o s - F i r m a A l o i s I o s e f t) i n K u tt e n b e r g, als Scharfrichter der „würdige Firmachef" unter Assistenz seiner „noch würdigeren Gemahlin". In einer der frequentesten Straßen Kultenbergs wurde eine Schnur von einem Candelaber zum anderen gezogen und auf dieser Hilsner in .effigie gehenkt. Uns würde die Gefühlsverrohung dieser Individuen nicht weiter genieren, denn wir sind schon daran gewöhnt, dass dieses Haus den Ausgangspunkt der unflätigsten Beschimpfungen und Verleumdungen des Judenthums bildet, doch nachdem ein großer Theil des Kundenkreises dieser Firma aus Juden besteht, erachten wir es als unsere heilige Pflicht, unsere Volksgenossen darauf aufmerksam zu machen, diesen Erzfeind des Judenthums nicht zu unterstützen. Dies haben selbe umsoweniger nöthig. als sich in dieser Branche noch andere sehr anständige christliche und, was Victualien anbelangt, sogar eine sehr solide jüdische Firma am Platze befindet. An unseren Cultusvorsteher Herrn B e r a n richten wtr hiermit den dringenden Appell, der Würde seines Amtes, als Präses d e r K ut t e n b e rge r I ud engem ein de eingedenk zu sein und die Weinstube dieses »Judenfreundes*, zu deren ständigen Gästen er gehört, gefälligst zu meiden.?. Drvhobycz. Samstag den 27. t>. M. hielt Rabbiner Dr. I u n g ans Ungarisch-Brody in der hiesigen Synagoge eine glänzende Predigt. Die ungeheuren Räume der Synagoge waren dicht gefüllt, alles drängte sich, den hochverehrten Rabbiner zu sehen und seine lehrreichen Worte zu hören. Die Rede übte auf das Auditorium eine mächtige Wirkung, man bewunderte seine Predigt, in der er in schwungvoller, überzeugender Weise und mit aller Wärme für die Erbauung eines jüdischen Gymnasiums einlrat. Am folgenden Tage trug er im Garte über g'schen Tempel, wohin viele aus den verschiedensten Kreisen und Schichten der Drohobyczer jüdischen Bevölkerung in Hellen Scharen pilgerten, den Anwesenden eine lehr- und sinnreiche Predigt vor. Hochentzückt und erfreut verließen die Anwesenden den Tempel und gaben dem Wunsche Ausdruck, den Herrn Dr. Jung baldigst als Rabbiner in ihrer Mitte begrüßen zu können. Dr. Jung ist ein von Liebe zu seinem Volke durchglühter Jude, dies beweist schon die Gründung eines jüdischen Gymnasiums, die er sich zur Aufgabe stellte, da die jüdischen Studenten als Juden verfolgt und unterdrückt werden, der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte grösttentheils unkundig sind, ja sie bewundern die Hetdenthaten fremder Nationen, sie preisen die Weisen und Dichter anderer Völker, die Helden, Weisen und Dichter des jüdrschen Volkes aber sind ihnen unbekannt. Daher muss der Gedanke ins Auge gefasst werden, ein jüdisches Gymnasium zu erbauen, wo sie die jüdische Geschichte und die hebräische Sprache lernen werden. Ein solches Gymnasium wird auch dazu beitragen, das unter dem Drucke der gegenwärtigen Verhältnisse gesunkene Selbstbewusstsein in unserer Jugend zu heben und zu kräftigen. Kascha«. (Der Bischof Sigmund Bubics) hat das Gratulationsschreiben der Kaschauer israelitischen Religionsgemeinde, welche ihn anlässlich seines achtzigsten Geburtstages beglückwünschte, mit einem verbindlichen Dankschreiben erwidert. Aus diesem in mehrfacher Hinsicht interessanten Briefe reprodncieren wir die folgenden Sätze: Nachdem der greise Bischof seinem Danke für die freundlichen Glückwünsche Ausdruck gegeben, schreibt er: „ ... Und ich habe wahrlich nichts anderes gethan, als dass ich, sofern es in meiner Macht war, mich getreu bestrebt habe, meine Mission zu erfüllen. Dazu gehört die Pflege der Liebe und Toleranz auch denjenigen gegenüber, welche Gott, unser aller gemeinsamer Vater und Betreuer, in anderer Weise verehren. Daher achte ich Ihre religiöse Uebcrzengung, denn es ist nicht nur nothwendig, zu sagen, dass der mosaische Glaube, welcher sich durch seine Reinheit vor allen Religionen des Alterthums auszeichnete, als der von Gott und feinen Propheten verkündete Glaube, das Vorbild und der Vorbereiter des unserigen war, welchen Gott durch seinen heiligen Sohn lehrte und verkündete. Die Heiligen des Alten Testaments sind ja auch die unserigen, und die Propheten des Alten Testaments sind auch unsere Propheten. Und wenn auch mit dem Abschlüsse des alten Bundes unsere Wege anseinandergehen, so mag uns dies nicht daran hindern, dass die brüderliche Liebe, die Liebe der Kinder Gottes uns gegenseitig beseele . . Budapest. Die Universität war am 20. v. M. der Schauplatz jcandalöser antisemitischer Ausschreitungen. Gegen den Universitäts-Professor Dr. P i k l e r, den bekannten Rechtsphilosophen, wurden wegen seiner antielericalen Vorlesungen von Seiten der clericalen Studenten große Demonstrationen veranstaltet. Schon vor Beginn der Vorlesung des Professors Pikier hatten sich im Hörsaale 000 bis 700 Studenten versammelt, welche zumeist nicht Hörer des Dr. Pikier waren. Noch bevor Professor Pikler den Hörsaal betrat, begannen die Exceste, indem die e l e r i c a l e n 'S t u d e n t e n über ihre liberalen und j ü d i s ch en Collegen h e r f i e l e.n und sie thätlich attaquierten. Die Streitigkeiten arteten in eine große Schlägerei aus. Die Clericalen schrieen: „Hoch der Antisemitismus!" „Hoch das Kreil,;!" „Nieder mit Pikler!" Nieder mit den Liberalen!" „Nieder Wlassics!" „Abzug Juden!" Professor Pikler wurde von den Krawallen verständigt und davor gewarnt, den Hörsaal zu betreten. Als er dennoch in den Hörsaat kam, ward der Lärm und Krawall noch größer. Professor Pikler konnte seine Vorlesungen nicht beginnen und musste flüchten, da er Gefahr lief, geprügelt ju werben. Eine Stnd enten-Deputation begab sich schlennigst zum Rector, der aber erklärte, das gehe ihn nichts an, sondern sei Sache d e S D e c a n S. Da der Decan nicht in der Universität weilte, begab sich die Deputation ins Abgeordnetenhaus, um den Unterrichts minister vou den Vorfällen zu verständigen. Minister Wlassics war aber gerade beim Kaiser in Audienz. Er wurde telephonisch von den Ausschreitungen in .Kenntnis gesetzt und erklärte, dass er gegen die K r a w a l l m a ch e r aufs st r e n g st e d i s c i p l i ii a r i s ch Vorgehen w e r d e. Indessen dauerte die Schlägerei in der Universität fort. Zahlreiche S t u d e il t e ii wurden b u t i g geschlagen, unter ihnen der Sohn des Directors der Credilbarü Kornfeld. Erst nach circa einer Viertelstunde nahmen die Krawalle mit dem Abzüge der clericalen Studenten ihr Ende. Budapest. (Ein israelitischer M ä d ch e n v e r e i ii). Unsere Leser werden sich noch gewiss daran erinnern, dass nufere verfolgten rumänischen Brüder im verflossenen Sommer Schutz und Zuflucht bei uns suchten und fanden. Da zeigte sich die jüdische Barmherzigkeit und Mildthätigkeit in ihrer ganzen Größe. Besonders haben sich zwei junge Mädchen, Rosa und Gisa K o h n. durch ihren edlen Wohlthätigkeitssinn und ihre unermüdliche Opferwilligkeit hervorgethan, wovon auch sämmtliche Tagesblätter voll Lobes Erwähnung lhaten. Diese zwei vorzüglichen Mädchen regten nun die Idee zur Gründung eines Verbandes ungarischer israelitischer Mädchen an zum Zwecke der intensiven Pflege jüdischer Religion und Sitten, nach dem Muster der im Auslande bestehenden jüdischen Mädchenvereine. Zur constituiereuden Sitzung wurde auch der in den hauptstädtischen Kreisen rühmlichst bekannte Pädagog und Schriftsteller Dr. Sigmund G o n d a eingeladen, der seit einigen Jahren mit seltener Hingebung und nachahmungswürdiger Begeisterung seines Amtes als Neligionslehrer in den Mittelschulen hier walret. Der junge Professor, dessen Vater Simon Goldberger schon beinahe 40 Jahre sich der besonderen Achtung seiner Glaubensbrüder als Talmudprofessor und Rabbiner des Chinuch Nevrim-Bereines erfreut, der schon während der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit hier in Wort und Schrift Staunenswertes geleistet, wurde mit der Organisation betraut. An leitender Stelle bringen wir den schönen Aufruf an unsere jüdischen Mädchen. Neutra. (N e u b a tt.) In aller Stille und ohne jedwedes festliche Gepränge ist an die Aufführung eines Baues gegangen worden, welcher späteren Generationen als Wahrzeichen jüdischer Opferwilligkeit dienen soll, der jedoch auch im Leben der hiesigen jüdischen Gemeinde einen bedeutenden Wendepunkt zu fixiren berufen ist. Die diesige T a l m u d - T d v r a S ch n l e erhall zufolge der Mnnifizenz und auf Kosten des Herren Josef Engel ein neues Heim und wie die Pläne zeigen, wird der Bau würdig sein des geläuterten Geschmackes des Spenders und würdig der Ziele, welche die Anstalt verfolgt: die Pflege jüdischreligiöser Studien im Vereine mit moderner Bildung; Pflege patriotischer Tendenzen und Heranbildung einer Generation, die sich dessen bewußt sein soll, daß jüdisches Wissen, strenggläubige Observanz nebst moderner Bildung in nationalem Gewände sehr gut vereinbar sind. Dem Jndenthum ist eben das Thorastudium mehr als Pflege einer wissenschaftlichen Disziplin, — es ist ihm sein Lebenselement, cs ist ihm Sonne, Lust und Licht; es lehrt ihn Bürger- und Menscbenpflicht in harmonischen Zusammenhang bringen, es lehrt ihn seine Individualität sich bewahren, deren Aufgeben für das Jndenthum uub seine Bekenner die Selbstvernichtung bedeutet, ohne daß der Gesammtheit hieraus irgend welcher Bvrtheil erwüchse. Es war nach einer Feßpredigr, welche der Herr Oberrabbiner hielt und in welcher er mit zündenden Worten des verfallenen Gelasses gedachte, tu welchem das Thorastudium obdachlos steht und die vom Herzen kommende Klage fand mächtigen Widerhall in dem Herzen des Gemeindepräses Herren Josef Engel, der unter dem Eindruck der Rede sofort erklärte, ein Gebäude für die Talmud-Thora- Schnle auf eigene Kosten errichten zu wollen und als vb das Wort jenes großen jüdischen Königs: „Ich wohne in reichem Palaste, währenddem die Gotteslehre in schlissigem Gezelte sich bescheiden muß" sich neuerdings wiederholt hätte, — ward der Gedanke ersonnen und jetzt in die That nmgesetzt. — Ausland. Jerusalem Herr Samuel Galant, Oberrabbiner der Aschkenasim-Gemeinde gibt öffentlich bekannt, dass er infolge Altersschwäche seinen schweren, verantwortungsvollen Obliegenbeiten — derselbe versieht sein hohes und wichtiges Amt seit 60 Jahren in überaus segensreicher Weise — nicht in ehr allein Nachkommen könne und habe sich in Ilebereinstimmimg mit den großen Nabbinen des Auslandes, Herrn Rabbiner E! i j a h u D a w i d T ' n m i m R a b b i n v w i z, einen Mann von großer Talmnd-Gelehrsaiiikeit und aller edlen Eigenschaften, die dieses Amt erfordert, zu seinem Substituten erwählt. Derselbe hat am 26. Adar sein Amt angetrcten. Jerusalem. «Ein jüdisches P o st a m t.) Die kaiserlich ottomanische Post- und Telegraphen-Direction in Jerusalem verlautbart, wie „Ehabazelelh" berichtet, dass sie im Judenviertel zu Jerusalem eine Filiale des ottomanischen Hauptpostamtes eröffnet habe, in dem jüdische Beamte den Dienst versehen werden. Der Vostdienst wird ganz nach europäischem Muster organisiert werden. Alltäglich, mit Ausnahme von Samstag und den jüdischen Feiertagen, werden angekommene Briefschaften ausgefolgt und abgehende befördert. Auch: werden im Jndenviertel zahlreiche Postkästchen angebracht werden zur Aushebung der Briefe, die mit kaiserlich ottomanischen Francozeichen versehen sind, und zwar 4 Kästchen im eigentlichen Judenviertel, in den Siedelungen Mea Sch'arim, Beth Israel, Machneh Jehudah, Mazkereth-Moscheh und Nachlath- Schiw'ah, endlich ein Kästchen auf dem Bahnhofe. — In einem Aufrufe des Chacham Baschi wird die jüdische Bevölkerung ermahnt, sich in ihrem Briefverkehre ausschließlich der ottomanischen Post zu bedienen. Odessa. Auf Antrag der Herren Rechtsanwalt M o r g u l i s, Hinkelstein und Barbasch hat das Stadtoberhauvt von Odessa, Graf S ch u w a l o w, die Errichtung eines Comilas z u v Unterstützung der not h leiden den I u d e n des Gouvernements Cherson unter der Bedingung gestattet, dass dasselbe über seine Thätigkeit keine Berichte veröffentlicht. In Kischinerv wurde in einer Sitzung des provisorischen Hilfscomitös für Bessarabien mitgetheilt, dass im Kreise Saroka 983 jüdische Familien mit 6000 Seelen im vollen Sinne des Wortes Hunger leiden. In den jüdischen Kolonien Dombrowen,Marknleschti und Kapreschti wüthet der H u n g e r t y p h u s und hat bereits zahlreiche Opfer gefordert. Schlimm sieht es auch im Kreise Orgjejew aus, wo über 300 Familien, am ärgsten im Kreise Bjelzy, wo allein in der Kreisstadt Bjelzy 1000 jüdische Familien mit 5000 Seelen vom Hnugertode bedroht sind. Das Comita lässt in Bjelzy bis auf Weiteres monatlich 30 Pfund Mehl pro Kops vertheilen und hat dorthin 1800, nach Saroka 2000 Rubel, nach Orgjejew 500 und Attaki 250 Rubel gesendet. Auf der Eisenbahnstation Schmerinka wurde in einem Waggon dritter Elaste unter der Bank die Leiche eines Juden gefunden, an welcher nicht die geringste Spur einer äußeren Verletzung zu entdecken war. Die ärztliche Untersuchung ergab, dass der Unglückliche emes „natürlichen" Todes durch V e r h u n g e r n g e st o r b e n i st. Durch weitere Nachforschungen wurde festgestellt, dass derselbe aus der mitten im Nothstandsgebiete gelegenen Stadt Veudry stammt, wo er eine vielköpfige Familie hinterlassen hat. Da gegenwärtig in seiner Heiinat absolute Arbeitslosigkeit herrscht, so verließ er dieselbe, um in der Fremde Brot za suchen. Er hatte während der jüngsten Schneestürme im Gebiete der Südwestbahnen Beschäftigung als Schneeschausler gefunden, war aber nach dem Aufhören dieser Arbeit sofort m bittere Noth gerathen, weil er seinen Verdienst bis ans die letzte Kopeke seiner in der Heimat hungernden Familie geschickt, ohne 'sich selbst das Allernothwendigste zurückzubehalten. Um anderswo Arbeit suchen zu können, schlich er in einen Eisenbahnwagen und versteckte sich unter der Bank, um sv als blmöcr Passagier weiterzukommen, und dort wurde der Bejammernswerte,, der seit mehreren Tagen nichts genossen hatte, vom Tode ereilt. — Trotzdem die „I. E. A.' anfangs März in sämmtlichen russischjüdischen Blättern eine nachdrückliche Warnung vor der Auswanderung nach Argentinien ertasten hat, wird sie namentlich aus dem südrnssichen Nothftandsgebrete mit dahingehenden Anträgen und Birten bestürmt. Die Zahl der Gesucheist so groß, dass der Vertreter der „I. C. A." in Akkermami, Gouvernement Bessarabien, Herr I. Trachtmann, sich zu der Bekanntmachung veranlasst sah, dass in Argentinien für absehbare Zeit nur sehr wenig Colonisten ausgenommen werden können, dass gegenwärtig gar keine Plätze v a e a n t und dass für jede einzelne Stelle, die eventuell künftig einmal etwa frei werden sollte, schon jetzt hunderte von Vormeldnngen vorliegen. Alle Bemühungen, von der „I. C. A." nach Argentinien geschickt zu werden, seien daher erfolglos, und wer es daher wagen sollte, auf eigene Faust anszuwandern, dürfe bei seiner Ankunft in Argentinien eine jüdische Cvlonie nichl einmal betreten. — Aus Antrag des Verwalters der kaiserlichen Domänen in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw, Herrn Somow, dem auch die in diesen Gouvernements telegenen jüdischen Kolonien unterstellt sind, hat das landwirtschaftliche Ministerium denselben eine Unterstützung von 12.000 Rubeln als eine in sechs Jahren amortisier-, bare Anleihe bewilligt. Aus Czernowitz. Zn de« Cultusraths-Wahle«. Von Dr. Mayer Ebner. III. Der Jahrtausende alte Judenhass ist von den Deutschen zun; wissenschaftlichen Nassen-Antisemitismus vertieft worden. Was der Jude glaubt, ist einerlei, das ist heute schon so ziemlich Gemeingut aller aufrichtigen Antisemiten. Der Religionshass hat viel von seiner zündenden Kraft verloren Der moderne Antisemitismus geht der Sache tiefer auf den Grund. Er sieht in uns eine andere, der seinigen in manchen Beziehungen überlegene Raste, er sieht, dass wir für den Kampf ums Dasein gerüsteter dastehen, dass wir selbst in den schlimmsten Situationen nicht zum Selbstmord greifen, dass uns ein glückliches Naturell über Klippen hinweghilst, an denen andere zugrunde geben. Diese Kluft, die sich zwischen der morgen- und abendländichen Rasse ansspannt, wurde durch künstliche Mittel gewissenloser Hetzer erweitert, es erstanden Agitatoren des Rassenhasses und — o deutsche Gründlichkeit! — eine Wissenschaft des Anlis e m i t i s m u s. (Dühring.) Logische Consequenz der Rassenthevrie war, dass der Taufe jede Einwirkung ans das menschliche Zellgewebe ab gesprochen wurde. Jude bleibt Jude, auch wenn er sich zwanz:^-