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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-26 · 17 (26.4.1901) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
17 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. t7 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 26. April 1901 Seite 5 der Achtung der Leute. Man demonstriert mit einer Freisinnigkeit, die so viel heißen soll, dass man an der Charakterlosigkeit keinen Anstoß nimmt. Da die christliche Gesellschaft sich im allgemeinen von der jüdischen fernhält, ist man froh, wenn man auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu einem „christlichen" Verkehr kommt. Die guten Freunde des getauften Herrn in der x. Rangsclasse sind königlich zufrieden, wenn der neue Christ sie nicht von seinen Rockschößen abschüttelt, wenn er es großmüthig über sich bringt, sein Christenthum mit diesem Superfluum an Judenthum zu belasten. Der Vater legt sein Festkleid an, wenn er den Sohn zur Taufe führt. Es wird in den sogenannten vornehmen Kreisen zur Mode, sich nicht den Luxus wenigstens eines Täuflings in der Familie zu versagen. Unter dem Vorwände, die Zukunft der Kinder zu sichern, huldigt man diesem Sport. Die Thoren! Sie nähren die Schlange an der eigener Brust, denn dereinst werden Kinder und Kindeskinder erröthen, wenn sie an die jüdischen Eltern werden errinnert werden. Vielen Familien fehlt der Muth — auch dazu gehört ein (allerdings trauriger) Muth — offen mit der Vergangenheit zu brechen. Geschäfts- und andere Rücksichten halten von diesem letzten Schritte ab. Aber man trifft Vorbereitungen, damit der zweiten Generation der AbfaU leichter wird. Die jüdischen Feste lässt man im Kalender in der Ecke liegen, aber zu Weihnachten am heiligen Abend — da erstrahlt die gute Stube in Hellem Lichterglänz, und um den Christbaum herum tanzen die jüdischen Kinder! Praktische Vorübungen zur Einführung ins Christenthum! So wächst unsere Jugend heran! Die Stelle im Herzen, die bei Kindern anderer Confessionen von stillem, frommem Glauben erfüllt ist, ist leer. Glaubenslos wächst das jüdische Kind aus „guter" Familie heran. Was soll es dereinst am Judenthum festhalten? Der Glaube ist ihm fremd geblieben, jüdisches Empfinden kennt es nicht, zum nationalen Juden fehlen ihm Kenntnis der jüdischen Literatur und der jüdischen Geschichte. Wer soll es dann einer Generation verübeln, dass sie massenhaft vom Judenthume abfällt? Das ist die Gefahr, das ist die innere Judenfrage. Hier haben die „Reformen" einzusetzen, und zwar Reformen an Haupt und Gliedern. Ich sage es offen und unumwunden heraus: Werdirecten oder indirecten Abfall in seiner Familie g efördert oder nur geguldet, wer fremde Fest'e im jüdischen Hause gefeiert und die eigenen missachtet, wer nicht voll und ganz bei der Sache unseres Volkes ist, der dränge sich nicht zu EhrenstelleninderjüdischenGemeinde. Der Cultusrath der jüdischen Gemeinde in Czernowitz hat ganz besonders hohe Aufgaben zu erfüllen. Denn zu unserer Schande fei es gesagt: Es gibt keine Gemeinde in der ganzen Juden heit, wo relativ so viele Taufen Vorkommen, wie i n C z e r n o w i tz. In der Gemeinde sucht man ein Geheimnis daraus zu machen, aber mit Unrecht. Jeder Religionswechsel soll in den Zeitungen als Personalnachricht genau so verzeichnet werden, wie Geburt und Tod, Verlobung! und Trauung oder Ereignisse des privaten Lebens. Wir wollen wenigstens wissen, wer nicht mehr mit uns ist, damit wir unseren persönlichen Verkehr einzurichten und den Grad der Achtung, den wir dem Täufling entgegenbringen sollen, richtig zu taxieren wissen. Aber auch die äußere Judenfrage soll den Cultusrath beschäftigen. Die Zeiten sind heule schlimmer! denn früher. Grimmiger Hass umgibt uns. Der Antisemitismus ist keine Wiener f-rage mehr, er ist zur modernen Welt- und Zeitfrage avanciert. endenlahme Abwehrvereine helfen nicht mehr. Zum gesellschaftlichen ist auch der wirtschaftliche Boykott getreten, zur sittlichen Judennoth — nach Nord au — auch die leibliche Judennoth. In diesen traurigen Zeiten werden alle Mann an Bord gerufen. Wir müssen nns zusammenthun, damit wir fest und stark sind in der Gefahr. Was aber hat die Cultusgemeinde bisher gethan, damit wir fest und stark werden? Darüber das nächstemal. Die ökonomische Lage der galizischen Juden. Ein Wort über die „Hilföaction für die nothleidcnden Inden Galiziend" (Orig.-Bericht des „Jüdischen Volksblattes".) Lemberg, April 1901. Es ist eine missliche Sache, eine Diagnose „per Distanz" stelle» zu wollen, misslich nicht nur bei einzellten Personen, sondern auch bei ganzen Völkern und Ländern, welche an einer Krankheit darniederliegen. Der Arzt, welcher einzelnen Menschen, und der Politiker, welcher einem ganzen Volke helfen will, leben daselbst 60 Bauern, während in Deutschland bloß 37, in Frankreich 32 und in England nur 27, und es wäre bei derartigen Berhältniffen eist sehr fragwürdiges Unternehmen, die Zahl der hungernden Landarbeiter durch Zuführung von Juden zu vergrößern. Der Landarbeiterlohn ist bis auf ein Minimum reduciert, und es hieße geradezu eine Katastrophe herbeiführen, wollte man noch jüdische Proletarier der Erdarbeit zuführen. Die Armut der galizischen Inden rührt nicht zum wenigsten daher, dass das Land selbst arm ist, dass nahezu gar keine Industrie und Gewerbe besteht. Es ist charakteristisch für die industrielle Rückständigkeit dieses Landes, dass es bei der großen Ueberproduction an Getreide von Ungarn — Mehl bezieht. Tausende von Centnern Mehl kommen aus Ungarn, weil unsere eigenen Mühlen an Concurrenzfähigkeit hinter den ungarischen Zurückbleiben. Dieses Beispiel sagt alles. Es fehlt an jeder modernen Gewerbethätigkeit, von ausgebildeter Industrie gar nicht zu reden, und die Juden, die sich vom Handel ernähren, fühlen immer mehr den Boden unter ihren Füßen schwinden. Allerdings ist die Zahl unserer jüdischen Handwerker keine geringe, aber sie betreiben das Handwerk es mit denselben primitiven Mitteln, wie ihre Väter und Urväter. Von modernen Hilfsmitteln und allen jenen Einrichtungen, welche dem gegenwärtigen Stand der Technik entsprechen, ist niemandem etwas bekannt, und so kann es nicht wundernehmen, wenn sie von der westlich-m Production, namentlich in der Schuh- und Kleider-Branche, gänzlich erdrückt werden. Nicht geistige, nicht cultnrelle Hilfe thnt unseren Brüdern hier noth, weder Schulen noch Colouien werden der Armut Derselben beikommen, es bedarf materieller, ökonomischer Hilfeleistung. Es müssten Fabriken errichtet, Hausindustrien geschaffen und dabei müsste nach den neuesten Methoden gearbeitet werden. Es musste für billigen Bankcredit gesorgt sein, damit die Unterstützung der Gewerbe- und Handeltreibenden in bankmäßiger, kaufmännischer Weise, nicht aber in Form von Almosen geschehe. Der verstorbene Baron Hirsch, bat seinerzeit größere Summen in Lemberg für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. Die Absicht war gut, aber die Art, wie sie zur Ausführung gelangte, ließ die ganze Action als verfehlt erscheinen. Keiner dachte daran, die Summe, hie er „erhielt", zurückzuerstatten, keiner sah es als Anleihe an, weil es der Form nach als Gabe, als Almosen verabreicht wurde, deshalb konnte es keinen Nutzen stiften. Mit her Verabreichung von Almosen hat man noch niemals die Lage eines Volkes verbeffert. Fabriken, Hausindustrien und billiger Credit für Kauflente und Kleingewerbetreibende, das sind die einzigen Mittel, welche Rettung bringen könnten. Aber das alles müsste im Volke und mit dem Volke gethan werden. Die Rettung darf nicht als „von ,der Höhe gespendete Wohlthat", als „Geschenk der BarmherMeit" empfunden werden. Die ganze Action müsste sich durchgehends in den Formen des üblichen kaufmännischen Verkehrs bewegen, die Gelder müssten bankmäßig verliehen und nach Möglichkeit eincassiert werden. Im Volke müsste der Ehrgeiz des Kaufmannes geweckt werden, dass es von seiner ehrlichen Arbeit, nicht aber von „Gaben" und „Unterstützungen", heißen sie wie immer, zu leben habe. Das Actions-Comite müsste im Lande seinen Sitz haben,.!i'.nd Männer ans dem Volke müssten zur Mitarbeiterschaft! herangezogen werden, denn die Hilfe darf nicht von draußen, von oben hereingetragen werden. Die Ursache der galizischen Judennoth ist eine ökonomische, und nur durch ökonomische Mittel kann sie beseitigt weiden und auch die Anwendung derselben darf nur in den üblichen ökonomischen Formen vor sich gehen. N. S. Sociales aus Könitz. „Excellenz" Lewy steht jetzt nachmittags manchmal wieder ein Viertelstündchen vor der Thür seines Hauses. So hat der Konitzer , Witz das kleine, schwächliche und verschüchterte graue Männchen muss die Krankheit persönlich kennen lernen, er muss selbst die getauft, weil er einen Posten vor der Thür stehen hat und nur unter Ursachen der Noth prüfen und die entsprechenden Heilmittel: militärischem Schutze ausgehen und über Land fahren darf. Er hat an sch affen, und er darf seine Meinung sich nicht vom bloßenGewerbe aufgeben müssen und will nach Berlin übersiedeln, I sobald er sein Häuschen verkauft hat. Dorlhm wird ihn auch der Hören,agen bilden nnü darnach Vorgehen. j Proeess führen/ den er gegen die „Staatsbürger-Zeitung" wegen Und doch geschah es mrt unseren armen galizischen Beleidigung durch Abdruck der sogenannten Schutzfchrift des Brüdern seit jeher so. Zn der unglücklichen Lage, in der sie! Schlächters Hoffmann angestrengt hat. sich befiadcn, gesellt sich noch der Umstand, dass alle, welches ™ abcn £nb*rrcn^W«« bnng-n,wM-°, aebevmit d.n Landesverhaltnissen noch mit dem eigentlichen Wesen lener; in die Ortschaften uad Dörfer vertheilt worden. Die Jahrmärkte Judennoth genügend vertraut waren.! werden verboten, um das Zusammenstrvmen der Landbevölkerung zu Bon der Ferne, sozusagen von oben herab, wurden verMen.Diese Maßregel istaber äußerst bedenklich tmd kann nnr Mecevte verschrieben allerlei Reit.,na«»,irtel vernrdnei ,,„d Del ins Feuer gießen. Die Biehmärkte, die Mit den Jahrmärkten Äiecepre verichrieven, auerlel Relturigsmtttel verordnet, und verbunden sind, bedeuten für viele Bauern und kleine Besitzer die diverse „Hilssactionen" eingeleitei, ohne dass man es für einzige Möglichkeit, bares Geld ins Haus zu bekommen. Sie müssen nöthig befunden hat, sich ins Land selbst zu begeben, die Ber- Hypothekenzinsen und Steuern bezahlen, sie müssen die Warenhältniffe an Olt. und Stelle, von Grund aus kennen zu lernen, schulden bezahlen, die^ sie bei den Krämernl haben, und so rechnen h,. on:.,.,. sie Mit dem Verkaufe ihres Kleinviehs, das sie jetzt Nicht los werden, vermeinte einst die Wiener „Jsraelitilche Allianz > Da in der ganzen Gegend eine Missernte zu erwarten steht, luid nachher B.aron Hirsch, dass der Kern der Frage im! so sehen manche polnische, ■ kastubische und deutsche Kleinbauern Mangel an Cultur liege und verlegten demnach die ganze ' ihren Ruin vor Augen. Der Gerichtsvollzieher, der der Send- Thätigkeit ans die Gründung von Volksschulen. So wenig bote deutscher Cultur in den Kassubendörsern und Pußtowien gl gnet werden darf, dass die von Baron Hirsch sagen die Kastuben. Das ist eins der wenigen deutschen Worte, Leben gerufenen Elementarschulen m beit weltverlorenen die in ihre Sprache gedrungen sind. Das Verbot der Jahrmärkte galizischen Städtchen viel Nutzen gebracht haben, so darf aber wird den Juden ans Rechnung gestellt, andere»ie>ts nicht verschwiegen werden, dass sie die Judennoth I ..Die nationalen Gegensätze spielen auch ihre Rolle in den ' v Vorgängen der letzten Zeit. Gerade nn Kreise Komtz-Tuchel liegt der nicht um ein Haar gemildert haben. Und in der That hat eS den galizischen Juden an Intelligenz nicht gefehlt. Pflegte sich ja doch die polnische Presse stetdarüber zu beklagen, dass die Juden zu viel Aerzle, Advokaten und andere gebildete Elemente besitzen. ES ist auch sehr viel davon die Rede gewesen, jüdische Colonien und Landarbeiten in Galizien ins mit dem Crnlrum verbündete Polonismus mit den Hakatisten in hartem Kumpfe. Der Reichstags-Wahlkreis befindet sich m polnischen Händen- Bei der Landtagswahl aber ist der nationalliberale Gutsbesitzer Osiander mit einer Stimme Mehrheit über den polnischen Gegencandidaten Sieger geblieben. Ten Ausschlag gaben die liberalen Wahlmänner, zum größte« Theile Juden, von denen ' In der ganzen Gegend ist der gesellschaftliche und wirt* schaftliche Boykott über die Juden verhängt. Die christlichen Kaufleute erzählen einem mit schmunzelndem Gesichte, dass ihre jüdischen Concurrenten sich auf die Dauer nicht würden halten können. Kommt ein Käufer in den Laden, so erkundigt er sich vorsorglich, ob er auch in einem christlichen Geschäfte sei. Das Urtheil nach der Nasengestaltung ist doch zu trügerisch. Träger von Paketen, deren Umhüllung den Namen einer jüdischen Firma aufweist, werden entrüstet gefragt: „Vom Juden? Vom Juden?" Die jüdischen Schlächter, die vom Rindfleisch die Vorderviertel an ihre jüdische Kundschaft verkaufen, werden die Hinterviertel nicht mehr los und bieten das Pfund Ochsenfleisch jetzt schon mit 35 Pf. aus. Die jüdischen Geschäftsinhaber erhalten anonyme Briefe. Ich las folgenden: „Ich warne ihnen, das sie gehen, sanft pasiert was, rath ihnen, den es geth lass". Die christlichen Viehhändler entlassen ihre jüdischen Angestellten. So stehr seit einigen Tagen im „Konitzer Tageblatt" folgende Annonce: „Der Vorkäufer (der das Vieh auswähll und Sandgeld gibt) I. Heymann ist nicht mehr bei mir in Stellung. mil Weydert." Kein Wunder, dass solche Maßregelungen erfolgen, wenn in den Dörfern Zettel angeklebt werden, wie folgender, der in Gostoczin angeschlagen war: „Die Juden sind Mörder der Christen. Hepp! Hepp! Hepp! Raus mit dem jüdischen Ungeziefer nach Palästina." So wird die sociale Unzufriedenheit der hungernden Käthner, Jnstleute und Knechte auf die Juden abgelenkt. Die wohlhabenden Juden können sich den Drohungen und dem Boykott immer noch entziehen. Sie geben ihre Geschäfte auf und ziehen fort. In vielen Orten des Kreises und in Könitz selber sind die Ausverkäufe schon im Gange. In Tuchel ist ein Rabatt- Sparverein in der Bildung begriffen, der den jüdischen Geschäften die Kunden entziehen will. In anderen Städtchen und großen Dörfern werden von polnischer Seite Consumvereine gegründet oder Zweigniederlassungen bestehender Consumvereine geschaffen, die ausschließlich Manufacturwaren führen. Am schlimmsten aber sind die jüdischen Proletarier getroffen. Die Hausierer wagen sich mit ihren Packen nicht mehr aufs Land, obwohl sie doch von altersher daran gewöhnt sind, als Parias behandelt zu werden. Das Glaserhandwerk liegt fast ganz in den Händen von*Juden. Auch sie trauen sich nicht mehr hinaus. Bon christlicher Seite erhalten sie keine Aufträge mehr. In Czersk, einem großen Fabriksdorf in der Umgegend von Könitz, war ich in der Wohnung eines jüdischen Glasers. Welches Elend! Die hagere, braune Frau saß, mil einem Säugling an der Brust und sechs weiteren Kindern, in der finsteren, schmutzigen Küche um eine Schüssel Kartoffeln, die das Mittagbrot bildeten. Der Mann war nicht zuhause. Ich wurde in die Vorderstube geführt, wo ein paar Betten, ein Tisch, ein paar Stühle und ein Schrank standen. Das war all-s. Ein paar alte Taffen und eine emaillierte Blechkanne standen als Schmuck auf dem Schrank. An der Wand hie»gen in einer Ecke ein paar zerfetzte Kleidungsstücke. Kein Bild im Zimmer, keine Gardine am Fenster, nur kahle Armut. Dass man ber Juden war, zeigte nur ein Stückchen Mazzes, das oben an die Kaltwand genagelt war, „Ja, es geht nicht gut," sagte die Frau in singendem Ton, während in der Küche die Kinder schrieen. „Wenn der Mann in der Woche 6 Mark verdient, muss man schon zufrieden sein. Jetzt bringt er aber gar nichts mehr nachhause." Sie erzählte von Abweisungen, die er bei früheren Kunden erfahren habe. „Sie wollen vom Juden keine Arbeit mehr haben". Und dann kam die unerschöpfliche Klage, die man überall hört, über die täglichen Beschimpfungen, in denen sich die christlichen Nachbarn gefallen. „Judenstänker" ist noch der harmloseste Ausdruck. Das nimmt man weiter nicht übel. Besonders beliebt ist jetzt die Geberde des Halsabschneidens. Dabei ist es in Czersk im Vergleiche zu anderen Orten noch am ruhigsten zugegangen. Kaum dass ein paar Fensterscheiben eingeworfen worden sind. In Czersk hat sich die Großindustrie angesiedelt, die ein Dorado der Ausbeutung dort gefunden hat. Große Holzbearbeitungs-Fabriken sind in den letzten Jahren gegründet worden und die Einwohnerzahl des Dorfes, das an der Ostbahn liegt, ist seit 1894 von 3000 auf 6000 gestiegen. Eine Cylinderfass-Fabrik, mehrere Sägemühlen, ein paar Goldleistensabriken sind entstanden. Holz liefert die Tucheler Heide und Menschenmaterial die Heimat der Sachsengänger. Fast 2000 Arbeiter, Männer und Frauen, frohnden dort im Dienste des Capitals. Die Arbeitszeit in oen Fabriken dauert mit den Pausen 13 Stunden, die Löhne betragen 12 13 Pfg. pro Stunde im Winter, 14—15, Pfg. im Sommer für die Arbeiter. Die Arbeiterinnen gehen mit 80-90 Pfennigen täglich nachhause. Wie da dieLebenshallung beschaffen ist, brauch^ nicht erst gesagt zu werden. Hering und Kartoffel und Fusel sind die Volksnahrung. Der Arbeiter liest nicht und denkt nicht, er ist der gehorsame Sohn der Kirche. Von dein selbstbewussten Ringen der Arbeiterclaffe hat er nie etwas gehört. DerStumm'scheZukunftsstaat ist hier schon verwirklicht. Gelegentlich stellt der Fabrikherr durch Accordarbeit fest, wie viel bei äußerster Anstrengung geschafft werden kann. Dann verdienen die beneideten Auserwählten 3—4? Mk. täglich. Aber diese Ueppigkeit dauert nur. kurze Zeit, dann werden die Aecordleistungen zum alten Tageslohne verlangt, und die Intensität der Arbeit wird allgemein erhöht. Im Gasthof zu Czersk klagten ein paar Gutsbesitzer der Nachbarschaft über die Leutenoth. Knechte seien kaum noch zu erhalten, selbst iveml man dem verheirateten Knechte außer Wohnung und Feuerung 500 Mk. jährlich böte. Die Sachsengängerei führte die jungen Burschen und Mädchen nach dem Westen. „Wie die Gräfinnen kleiden sich die Madel, wenn sie zurückkommen mit 2—300 Mk. in der Tasche," ries ein alter Sägeinühlenbesitzer. „Fürs Fressen wird nichts ausgegeben, höchstens für Schnaps, aber Hure müssen die Frauenzimmer tragen und Bänder und Schleiskas." Die Klage über Arbeitermangel hörte ich auch von Konitzer Handwerksmeistern. „Alle wollen nach Berlin," klagte ein Tischlermeister. „Sieben Geiellen könnte ich beschäftigen, aber drei habe ich nur. Von Kost und Logis wollen sie auch nichts wissen." „Was zahlen Sie denn?" „Na, 6 Mk. die Woche, wenn der Geselle bei mir wohnt und isst. Da spart er noch. Und 16 Mk. sonst." In ganz Könitz werden 5—600 Arbeiter, gelernte und ungelernte, vorhanden sein. Die Löhne sind etwas höher, als in Czersk. So verdienen die Maurer bei einer Arbeitszeit von morgens 6 bis 7 Uhr abends 3'25—3'50 Mk. täglich, während die Bauarbeiter 2 Mk. erhalten. Dieser Satz ist die Regel für ungelernte Arbeiter, für das „gewöhnliche Volk", wie man in Könitz sagt. Es haust in den „Hohen Höfen", einer krummen Straße, die sich über einen Hügel, etwas entfernt von der eigentlichen Stadt, hinzieht. Die Arbeiterfamilien wohnen in einer einzigen Stube, die als Wohn-, Schlaf- und Kochrauin dient. Dafür müssen sie 28—30 Thlr. jährlich zahlen. Die Kindersterblichkeit ist groß. Ein einjähriges Kind sah ich an einem schwarzen, in den Schmutz gefallenen Kartoffelkloß saugen. Die Familien, die noch über einen Stall für eine Ziege verfügen, sind zu zählen. Wasserleitung hat die Stadt nach den Hohen Höfen nicht Ä. An dem einen Brunnen standen scharenweise Frauen und r mit Eimern und Kannen und warteten, bis die Reihe an sie kam. Master ist überhaupt ein rarer Artikel In Könitz. Das Wasser aus dem verschlammten und verwachsenen Mönchsee ist unbrauchbar, und der große Müskendorser See mit seinem klaren Sandgrunde liegt mehrere Kilometer ab. Wer in Könitz em Bad nehmen will, muss ins Krankenhaus gehen. Aber die Erkrankung am Reinlichkeitsbedürsnis kommt bei manche bei den Wahlmännerwahlen mit Hilfe der Polenstimmen Leben zu rufen. ÄlS'od nicht ohnehin daS Land in dieser gewählt worden waren. Das hat große Erbitterung erregt, und Beziehung an Ueberprvduenon leiden würde. Galizien ist ein die polnischen Blätter der Prypinz, die „Gazetta Gdanska" in Christen wie Juden nur selten dort vor, . v t t rwn* on«/ Danzig und das „Thorner Blatt", suchen seitdem im Vereine Mit! Noch immer liegt das Mtlitär m unvermmderter Starkeg iculturland pur exellence, 80 /, der ©cOoUeruiig gegören ^em ultramontanen „Wvstpr. Vylktzblatt" die Antisemitenblätter in der Stadt. Aber es almalgamiert sich mil der Bevölkerung dem Bauernstände an, ans jedem Quadratkilometer Boden im Hetzen zu übrrbieten. 'Es gibt am Äbrnb kaum eine Hauethür, an der und hinter der

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