Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Seite 3 26. April 1901 mit dem Großbetriebe bestehen könne und selbstständig bleibe, das ist die wahre Wohlthat. Eine nur auf Nutzen berechnete Creditgewährunc muss in zu große Vorsicht ausarten, da sie nur die absolute Sicherheit im Auge hat, ohne den Fleiß und die Tüchtigkeit der Borger in Anschlag zu bringen. Eine rein philanthrophische Anstalt wird nur nahezu creditunwürdige Elemente berücksichtigen, weil sie den Creditwürdigen für zu gut hält. Raiffeisen und Schultze- Delitzsch haben, jeder in seiner Art, das persönliche Moment als wichtigen Factor der Creditbemessung in die Creditgewährung einbezogen und hierdurch den schwächeren Erwerbskreisen eine ungeheure Wohlthat erwiesen. Durch das System der begrenzten Solidarhaftung ist zudem das Risico dermaßen vertheilt, dass es gleich Null wird. In Deutschland hat die Zahl der Creditvereine einen riesigen Aufschwung genommen, bei uns in Oesterreich ist die Entwickelung noch eine langsame. Speciell der jüdische kleinere Mittelstand hat wenig Geld- und Creditquellen, und da er unter den verschiedensten Arten von Boycott und Vorurtheilen zu leiden hat, ist ihm der Kampf ums Dasein unendlich erschwert. Den Absatz des jüdischen Kauf- und Gewerbsmannes zumindest bei Glaubensgenossen zu fördern, ist Sache einer stetigen, aber leider langsamen Propaganda. Wir müssen denselben vorerst die Mittel bieten, concurrenzfähig zu sein, und dazu soll das „Creditinstitut für jüdische Gewerbetreibende und Beamte" dienen. Mit der nöthigen Vorsicht wohl, aber mit unbegrenztem Wohlwollen soll das „Creditinstitut" jede schätzenswerte Existenz erhalten helfen; verhüten, das Juden, die schaffen können, infolge Capitalmangels zugrunde gehen und die ohnedies leider so große Zahl unserer Armen vermehren. Die Erwerbsverhältnisse in Wien sind im allgemeinen schwer, für den kleinen Mann schwerer, am schwersten für den jüdischen kleinen Mann. Wir sehen oft die fähigsten, fleißigsten Leute zugrunde gehen, nur weil ihnen die Geldsorgen, die Sorgen um wenige Hunderte Kronen die Zeit rauben und ihre Gedanken beschäftigen, weil sie ihr Capital nicht zur Zeit und nicht an der richtigen Quelle beschaffen können. Der Mann kann ein für seine Verhältnisse bedeutendes Warenlager und gute Ausstände besitzen, also vollkommen „mscher" sein und zugrunde gehen, weil er sich auch kleine Beträge nicht verschaffen kann. Dieser tägliche Kampf erdrückt schließlich den fähigsten Menschen. Diesen Leuten materielle Hilfe bieten, sie dem Wohlstände entgegenführen und zn hervorragend nützlichen Mitgliedern der menschlichen und speciell der jüdischen Gesellschaft heranzubilden, ist Zweck unseres Creditinstitutes. Der „Jüdische Volksverein" verfolgt ideale Zwecke; aber für ideale Bestrebungen ist die große Masse nur zu begeistern, wenn sie nicht mit des Lebens Nothdurft zu ringen hat. Wenn wir den Wohlstand der jüdischen Massen fördern, errichten wir uns eine Phalanx jüdisch-, d. h. edeldenkender Mitstreiter für die jüdischen Ideale. Erhaltung und Stärkung des kleineren Mittelstandes und damit Erhaltung der Judenschaft überhaupt ist unser Ziel. Und dazu bedürfen wir der Mitarbeit aller, die für Juden und Judenthum fühlen. Durch U n t e r st ü tz u n g u n s e r e s Institutes als Mitglieder, Einleger oder Förderer leisten Sie wirklich fruchtbringende, sociale und jüdisch-humanitäre Arbeit. An creditbedürftigen, aber auch durchaus creditwürdigen Elementen fehlt es in unserer Mitte nicht. Das Creditinstitut wird mit der denkbarsten Vorsicht geleitet sein und den Einlegern durch den Garantiefonds, durch die A n t h e i l e und die Haftung der Mitglieder und nicht zum wenigsten durch die Leitung vollste Garantie bieten, dass ihr Capital bei bürgerlicher Verzinsung absolut sicher angelegt und gut verwaltet wird. Wir ersuchen um zahlreiche Einlagen. nur unserem Institute größtmögliche Ausdehnung geben zu können. Die Creditwerber werden in unserem Institute Entgegenkommen und echt kaufmännisches Gebaren finden und fordern wir sie zum Beitritt als Mitglieder auf. Diejenigen, welche unsere Unternehmung durch Beiträge zum Sicherheitsfonds fördern, leisten durch Erhaltung und Stärkung des „kleinen Mannes" mehr, als sich durch noch so ausgedehnte Armenunterstützung erreichen lässt. Der Platz zur jüdischen Arbeit ist geschaffen; wir werden sehen, wer mitthut und wer sich ausschließt. Mittheilungen des Crrditinstitntes für jüdische Gewerbetreibende und Beamte. II., Leopoldsgafse 49. Am 23. März constituierte sich die Leitung des Institutes. In den A u f s i ch t s r a t h wurden gewählt: I. Kareis, k. k. Hofrath. Richard Rappaport. Hermann E l t b o g e n, Cultusvorstand. Emanuel Pollak, Oberbuchhalter. Dr. phil. Paul Wersengrün. Heinrich K o r n me h l, Fleischhauer. Jakob R e i ch m a n n, Buchdrucker. Adolf R a k o w s k i, Kaufmann. Zahnarzt Leon D r u b l o w i tz. Das Directorium besteht aus folgenden Herren: Josef Pollak, Firma Pollak & Neuron, Obmann. SaloKl a u s n e r, Kaufmann, Obmann-Stellvertreter. Max Pappen heim, leitender Director. Moriz P o z s o n y i, Schriftführer. Heinrich Weiner. Gottlieb H e r r m a n n. Nationales. Vortrag des Dr. R Rappaport in der Lesennd Redehalle jüdischer Studenten. Im Hörsaale Nr. 33 der Wiener Universität fand am 23. d. M. der Vortrag des Dr. Richard Rappap ort über das Thema „Nationales" statt. Der Hörsaal, der größte der Universität, war dicht gefüllt mit jungen und alten akademischen Bürgern, zwischen denen zahlreiche Damen in bunter Abwechslung saßen. Der Vortragende wurde vom Publicum sehr sympathisch begrüßt; bald aber trat, als er begann, lautlose Stille ein. Wir müssen leider verzichten, diesmal die bedeutenden Ausführungen des Dr. Rappaport ausführlich zu bringen, .versprechen aber, es in nächster Zeit zu thun, und bringen diesmal nur ein kurzes Referat. Der Vortragende entwickelte vor allem die philosophischen Grundlagen der Politik im vorigen Jahrhundert und ihren Wandel im Laufe der Zeit. Nun entrollte der Vortragende in lebhaften Farben ein Bild des Werdeganges der drei großen Culturnationen, der Römer, Griechen und Juden. Ganz scharf weist er in ihrer Geschichte die Gleichheit der Ursachen ihres Aufstieges und die Gleichheit der Ursachen ihres Verfalles. Das jüdische Volk hat infolge der Weisheit der mosaischen Gesetze die größte nationale Kraft unter den lebenden Nationen. Es ist die reinste der lebenden Rassen in Europa, vermehrt sich infolge dessen am stärksten und behauptet auch im culturellen Wettkampfe der Völker die erste Reihe. Von der jetzigen Generation hängt es ab, ob das Erbe der Ahnen in ungeschmälerter Weise den Nachfahren überantwortet werde, ob wir auch in Zukunft unsere Position behaupten und stärken können, oder ob wir degenerieren. Das Publicum folgte in gespannter Aufmerksamkeit den beredten Ausführungen des Vortragenden. Wir beglückwünschen auch' die Lese- und Nedehalle jüdischer Studenten, dass sie Dr. Richard Rappaport Gelegenheit gab, auf akademischem Boden ein Thema zu besprechen, das das Thema der Zukunft ist. Czechische Antisemiten. Die kleine czechische Nation sollte sich vor allzu hitziger Concurrenz mit den Juden hüten. Der Luxus, den die Deutschen sich zu ihrem Schaden gestatten, kann kleineren und jüngeren Nationen direct zum Verderben gereichen. Zudem betreiben die Czechen immer den Antisemitismus ordinärster Sorte. Dr. Auredniczek wurde z. B. wegen seiner aufopferungsvollen Vertheidigung H i l s n e rs boycottiert, seine Clientel wurde ihm abspenstig gemacht; als er in einem kleineren Orte zur Tagfahrt erschien, bedrohten >ihn die Bauern am Leben. So hoch schätzt die czechische Nation die Würde des Vertheidigerstandes. Dr. Auredniczek musste auch Böhmen verlassen und lässt sich in Wien nieder. Wir erinnern ferner an die blutrünstige Interpellation des geprügelten Herrn F r e s l. Nicht einmal die Weinlaune, in der diese Interpellation im Wiener Nathhauskeller geboren wurde, kann eine 'olche blutgierige Gesinnung entschuldigen. Fürwahr, die Prügelstrafe, der Herr F r e s l auch im Parlamente verfiel, hatte die geeignete Person getroffen. Nach einer solchen Behandlung scheint sich auch der famose Brzeznovsky zu sehnen. Wann werden die Juden Prags sich von diesem Individuum befreien? * Die Wirtschaft in den christlich-soeralen Genossenschaften. Noch ist die Gerichtsverhandlung in frischer Erinnerung, in der die unglaublichen Zustände in der Schneidergenossenschast, die unter Leitung des famosen F e n z l steht, aufgedeckt wurden. Und schon werden wieder ans zwei Genossenschaften, die unter christlich-socialer Führung stehen, Defraudationen gemeldet; erstens aus der Selchereigenoffenschaft. wo ein gewisser S u ch a n e k das Amt des Defraudanten versah (denn das scheint in diesen Genossenschaften eine stehende Institution zu sein). Charakteristisch ist, das der Vorstand erklärte, es könne bis jetzt nicht festgestellt werden, wie hoch die Defraudation sei; so musterhaft sind die Bücher geführt. Die zweite Defraudation wird ans der Tischlergenossenschaft gemeldet, die der würdige I e d l i o k a leitet; dort veruntreute ein gewisser M ü h l b a u e r einen größeren Betrag. Fan Jedliäka fand es nicht einmal nothwendig, davon den Mitgliedern Mittheilung zu machen oder eine gerichtliche Anzeige zu erstatten. Schließlich hat er recht. In den christlich-socialen Genossenschaften stehen die Defraudationen von selbst auf jeder Tagesordnung. Chronik des Judenthums. Inland. Wien. („C'h ewra Kadifch a.") Einer mehrseitigen Anregung folgend, hat der Verein „Chewra Kadischa" eine Neueinrichtung getroffen, die überall sympathisch ausgenommen werden dürfte. Es wurde in den letzten Jahren die bedauerliche Wahrnehmung gemacht, dass auch bei jüdischen Leichenbegäugniffen, entgegen den Traditionen, welche die einfache prunklose Bestattung gebieten, die Widmungen von Kranz- und Blumenspeuden überhandnehmen. Die „Chewra Kadischa" hat nun veranlasst, dass — ohne der freien Entschließung jedes Einzelnen vergreifen zu wollen — in jedem Trauerhause ein würdig ausgestattetes Buch aufgelegt wird, worin die Freunde der Familie an Stelle der Kranz- und Blumenspenden den äquivalenten Betrag für wohlthätige Zwecke einschreiben können. Noch vor 30 Jahren hat man in Wien, auch bei christlichen Leichenbegängnissen es abgelehnt, diese aus Frankreich importierte Sitte, besser Unsitte des Krauzspeudens eiuzubürgern. Als vor Jahren sich eine Agitation entwickelte, lieber die nothleidenden Vereine zu unterstützen, als die kaum den Tag überdauernden Blmnen zu gebrauchen, da war es nur die Genossenschaft der Ziergärtner, die mit aller Macht dagegen demonstrierte. Allen human gesinnten Glaubensbrüdern und -Schwestern bleibt es überlassen, dieser Anregung im gegebenen Falle zu entsprechen, und für dieselbe Propaganda zu machen. Wien. (Der Process Hülsner vor dem Cassationshose.) Der Caffationshof hat die Nichtigkeitsbeschwerde H ü l s n e r s verworfen. Der Öfterste Gerichtshof hat die Frage, ob im Processe formale Verstöße gegen die Paragraphen des Gesetzbuches stattgefunden hätten, verneint. Aber nicht beantwortet hat er die Frage, wieso jemand der Mitschuld an einem Morde für überwiesen erachtet wird, ohne dass der geringste Anhaltspunkt, oder die geringsten Spuren für Mitschuldige vorhanden wären; er hat nicht die Frage beantwortet, wieso es möglich sei, dass die Geschwornen sich von Motiven leiten ließen, die der Cassationshof entschieden verwirft, und wieso trotz dieses klaffenden Widerspruches ein Urtheil rechtskräftig sei? Diese Fragen werden sich den Unbefangenen immer wieder auf die Lippen drängen. So wie der Process D r e y f u s nicht mit der Verurtheilung des Capitäns zu Ende war, so ist auch der Process Hülsner mit der Verwerfung der Nichtigkeitsbeschwerde nicht beendet. Lemberg. (C u l t u s w a h l e n.) Am 18. Mai findet hier die Wahl von 15 Cultusräthen statt. Der Vorstand seinerseits hat schon ein Wahl-Comite unter dem Vorsitze der Herren v. Horowitz und v. Mieses gebildet, um Canditaten ihrer Partei zu nominieren. Der jüdisch-politische Verein „Schomer Israel", der in jüngster Zeit sich zu neuem Leben aufgerafft hat, hat am 21. April eine große Wähler- Versammlung abgehalten, um Volksmänner in den Vorstand zu delegieren. Der Kampf ist auf das heftigste entbrannt. Neutra. (DasDramazuTatrafüred) ist in ein unerwartetes neues Stadium getreten. Bekanntlich hat der Staatsanwalt die Anklage wegen fahrlässiger Tödtung erhoben, währenddem der als Subsidiarkläger aufgetretene Bruder des Verblichenen Alfred F l e s ch, Fabrikant in Brünn, ebenfalls eine Anklageschrift erstattete, und daselbst gegen Füzessery die Anklage wegen vorsätzlicher Tödtung erhob. Der Anklagesenat des Gerichtshofes in Löcse hat gelegentlich der am Samstag abgehaltenen Verhandlung eine Ergänzung der Untersuchung angeordnet, in deren Verlaufe bezüglich der durch den Ängeschuloigten geltend gemachten Vertheidigung Sachverständige in Jagd- und in Forstsachen angehört werden, gleichzeitig wird der Honvedminister ersucht, dass die im Ministerium bestehende Commission ein Gutachten abgeben möge darüber, ob der Schuss zielend abgedrückt wurde, welcher Flesch ums Leben brachte. Erst nach Einlangen dieser Gutachten wird der Anklagesenat über die Anklageschriften meritorisch entscheiden.. N. Z. Berlin. Aus Odessa geht der „Jüd. Pr." nachstehendes Telegramm zu, dessen erschütternde Sprache jedes den Hilferuf bekräftigende Begleitwort überflüssig macht: „Fünfundzwanzigtausend Juden im Gouv e r n e m e n t Cherson und in Bessarabien leiden unter furchtbarer Hungersnoth und erflehen schleunige Hilfe. Präsident des Comites: Rechtsanwalt M o r g u l i s Rischiliewskastraße." Der Jammer, den die nun im dritten Jahre sich wiederholende Missernte über die Beklagenswerten gebracht har, ist in voriger Nummer eingehend geschildert worden: Der schrecklichste der Schrecken, der Hungertyphus, wüthet in breiten Strichen und fordert immer zahlreichere Opfer. Angesichts dieser furchtbaren Größe und Bedrohlichkeit des Nothstandes darf die jüdische Wohlthätigkeit, so mannigfache Anforderungen auch die Gegenwart an dieselbe stellt, nicht versagen. Wie wir erfahren, hat das hiesige russische Hilsscomitö beschlossen, aus seinen Nestbeständen einen namhaften Betrag dem Nerrungswerke zuzuführen. Das Gleiche ollte von allen verwandten Organisationen, welche noch über Mittel verfügen, mit größter Beschleunigung geschehen. Aber damit ist nicht genug gethan; es müssen allüberall ' p e e i e l l e Sammlungen v e r a n st a l t e t werden, und der Appell an den Opfersinn wird nirgends ungehört bleiben. Handelt es sich ja in des Wortes buchstäblichster Bedeutung um die Rettung von Menschenleben! Wir sind gerne bereit, die Vermittlung hochherziger Gaben zu übernehmen. Frankfurt a. M. (Der Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit nbw]) versendet soeben einen zweiten Rechenschaftsbericht (1. Jänner bis 31. Deeember 1900). Wir entnehmen demselben folgende Angaben: Unsere Versicherungseasse zählte Ende 1899 208 Mitglieder, Ende 1900 271 Mitglieder, mithin ein Zugang von 03. Dieser Zugang würde ein wesentlich höherer sein, wenn nicht den zahlreichen Neuanmeldungen eine große Zahl von Austrittserklärungen gegenüber- 'tände. Leider wird unser Verein in den meisten Fällen nur als Durchgangsstation betrachtet, man die aussucht, wenn Stellenlosigkeit droht oder wenn man sich nach einer anderen Stelle umzusehen wünscht, die man aber ebenso schnell wieder verlässt, wenn der gewünschte Zweck erreicht ist. Von der Erkenntnis, dass die Zugehörigkeit zu einer Berufsorganisation wie die unserige, auch abgesehen von ZiveckuiäßigkeitSgründen, eine Ehrenpflicht für jeden