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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-26 · 17 (26.4.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
17 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 26. April 1901 Nr. 17 Seite 2 in Anspruch nehmen, hier nicht in Rechnung zu ziehen sind. Den Gründern der Genossenschaft schwebt vor und dem Wesen des Institutes soll es entsprechen, jenem kleinen, wenig bemittelten, aber doch kreditwürdigen Geschäftsmanne, der gegenwärtig seine oft sehr guten Außenstände gar nicht oder nur zu unverhältnismäßig hohen Zinsen verwerten kann, jenem kleinen Beamten, der in vorübergehender Bedrängnis zu bisher, wenn schon nicht wucherischen, so doch allzu empfindlichen Bedingungen Darlehen ausnahm, hilfreich beizuspringen und zu mäßigem Zinsfüße Crcdite zu bewilligen. Möge es den Persönlichkeiten, die in selbstloser, hingebender Weise sich dieser Mühe unterzogen haben nnd ein Amt übernahmen, das reicher an Mühen und Anfeindungen, denn an Anerkennung und Vergnügen sein wird, vergönnt sein, zum Wohle der hartbedrängten jüdischen Bevölkerung zu wirken, mögen sie aber auch die Unterstützung finden, derer sie bedürfen, um dem angestrebten Ziele voll und ganz zu entsprechen, deren aber der angestrebte Zweck sicherlich in vollem Maße würdig ist. Judenthum und Socialismus. Von Dr. Paul Weiserrgrün. Gar manche national gesinnte Juden sind der Ansicht, dass jeder Socialismus sich in directcm Gegensatz zu ihren Wünschen und Aspirationen, zu ihren Interessen und intimsten Neigungen befinde. Jüdisch-national und socialistisch — so meinen sie — sind Begriffe, die in einen inneren, unüberbrückbaren Widerspruche zueinander stehen. Die Haltung mancher socialistischer Führer, die mit mehr oder minder gelungenen Witzen der nationalen Bewegung unter den Juden beizukommen suchen, genau wie die Liberalen von anno dazumal den Socialisten beizukommen trachteten, trägt gerade nicht dazu bei, klärend und beruhigend zu wirken. So wird denn, glaube ich, die folgende, kurzgedrängte Analyse all denen willkommen sein, die in dieser überaus complicierten Frage nach weiteren Ausblicken suchen und nach einer befriedigenden Lösung ringen. Was heißt, national sein? National sein heißt, sich der Jnstincte, Empfindungen, Wertungen und Gedankennüancen bewusst werden, die man mit den meisten Stammesgenossen gemein hat, heißt sich auf die guten und schlechten, vornehmen und unvornehmen Rasseneigenthümlichkeiten besinnen. National ist also derjenige, welcher sich bestrebt, die Rasseneigenthümlichkeiten, die er für gut und wertvoll hält, zu erhalten, zu verbessern, auszubauen und zu erhöhen. Die Pflege des nationalen Selbstbewusstseins braucht aber durchaus nicht in nationale Arroganz, nationale Ueberhebung umzuschlagen. Auch der national empfindende und denkende Mensch steht in einer lebendigen und unmittelbaren Beziehung zur gesammten Menschheit, zu Wertungen und Culturfermenten, die, aus den höchsten Empfindungen und Gedankenprodncten anderer Nationalitäten fließend, einen allgemein menschlichen Stempel aufgedrückt bekommen haben. In der Literatur sieht man dies am deutlichsten. Führt die Dichtung eines Gottfried Keller, der im wahrsten Sinne des Wortes eine Heimatskuust geschaffen hat, aus dessen kleinsten Erzählungen die Last der Schmelzer Seen und Berge weht, nicht auch auf ihren Höhepunkten zu einer allgemein menschlichen Erfassung der Dinge, so dass auch der vom alemannischen Geiste nicht angehauchte Nord- und Süddeutsche, ja auch der Nichtgermane, hier mitgenießen kann? Eine nationale Cultur braucht nicht borniert zu sein, sie muss nur specifisch bleiben. Daher darf das nationale Selbstbewusstsein nimmermehr in einer Selbstanbetung erstarren, der Chauvinismus erstickt auch die Nationalcultur, tobtet alle Heimatkunst, bringt einem jeden wahren Bolksewpfinden Verderben. So ist denn eine nationale Cultur umso höher zu werten, als sie auf unmittelbareren Pfaden trotz ihres specifischen Gehaltes zu einer Weltcultur führt. Zur allgemeinen, zur Welteultur, gehört aber auch der f o c i a l e G e d a n k e. („Prizem") keine Fremdlinge waren, und die Wünsche ihrer Töchter, dort eingeführt 'zu werden, kannten. Doch fehlt es auch nicht an traurigen Liedern armer, unglücklicher Mütter, welche weinend und jammernd ihre Kinder in den Schlaf lullen: „Das Kind liegt in Wiegele mit ausgeweinte Augen, Die Mame liegt auf der Erd', die Füß' ausgezogen, Nit Du kein Mame, Nit Du kein Nechame, Das Kind tiegs in Wiegele üu chalescht saugen, Die Mame liegt in Kewer mit Scherben auf die Augen." (Nr. 79.) u. s. w. Oder: »Neben der elender Wiegele Sitz ich. Dein Mutter ün klug, Ich klug, wos ich hob Dich gevoiren, Auf ZoreS, auf Unglück, auf Schmerz, Wenn ich hob Dein Voter verloiren, Bist Dü gewen bei mir untern Herz. Kein Voter, mein Kind, hvst Du nit, Er Hot Dich nit erlebt zu seh'n. . ." Und das Lied tönt in die bittere Klage aus: „Horewen wirst Du Dein ganz Leben, Mit Noith wird Dir ankümmen Dein Broit, Blüt wird vün Deine Augen rinnen, Weil Dein Voter ist toidt". (Nr. 81.) u. s. w. Ein anderes Lied weiß bereits von der Emigration nach Amerika. Eine Mutter singt: Der moderne Socialismus ist ein Product langer und allmählicher historischer Entwicklung. Wenn man die Theoreme, die uns als Resultat socialistischen Denkens geboten werden, betrachtet, so spürt man kaum etwas von all den historischen Traditionen, von der verschiedenen Einwirkung der Volkspsyche, die hier mitgearbeitet haben. Sociale Nivellierung, Weltherrschaft des Proletariats, Hervorhebung der sich überall gleichbleibendeu technischen Ueberlegenheit des Großbetriebes, das sind die uns vertrautesten socialistischen Postulate. Dass hinter diesen Resultaten des socialistischen Denkens große, stille Einwirkungen liegen, die man vor Decennien noch nicht vermuthete, steht heute außer jeden Zweifel. Die deutsche idealistische Philosophie, der antinatioualistische Zug im modernen Denken des neunzehnten Jahrhunderts sind einige Factoren, die in der innersten Werkstätte der socialpolitischen Gedankenwelt mitgearbeitet haben. Auch der jüdische Geist, die specifische in jabrhundertlangem Sinnen und Anstrengungen erworbene Eigenschaft des scharfsinnigen Durchdringens der zu betrachtenden Materie, haben mitgewirkt. Es ist kein Zufall, dass Carl Marx der directe Abkömmling einer jahrhundertealten Rabbinen-Familie war, und dass auf dem jüdischen Friedhofe zu Breslau derjenige Mann ruht, der den Arbeitern ihre Waffen geschmiedet. Ebenso wie der Socialismus mit der Volkspsyche verknüpft ist, so ist heutzutage eine jede moderne, wurzelechte nationale Bewegung mit dem socialen Gedanken aufs innigste verbunden. Diejenigen Juden, welche gelernt haben, national zu denken und zu empfinden, können sich deshalb dieses Zusammenhanges mit dem innersten Nerv der Epoche nicht erwehren. Ebensowenig, wie die socialistische Bewegung von ihrem völkerpsychologischen Gehalte losgelöst betrachtet werden kann, ebensowenig kann die nationale Politik sich in bewussten Gegensatz zum Socialismus stellen. Ja, aber welche Form des Socialismus ist die berechtigte? Leben wir heute nicht in einer Zeit, wo man von verschiedenen Seiten bestrebt ist, selbst die Grundlagen des Socialismus zu revidieren? Ist denn der innerste Gedankeninhalt der heute herrschenden socialistischen Richtung, der marxistischen Socialdemokratie, durch verschiedene Untersuchungen nicht ins Innerste getroffen werden? Das sind Bedenken, denen ich sicherlich am allerwenigsten fremd gegenüberstehe. Aber die Betonung und Hervorhebung dieser Bedenken darf keineswegs den innersten Zusammenhang zwischen nationaler und socialer Cultur treffen. Es ist wahr, der Marxismus ist aufs tiefste erschüttert worden, und der theoretische Gehalt des gesammten Socialismus bedarf dringend einer Ueberprüfung, aber weder das collectivistische Endziel als Culturelement, noch die socialistisch angehauchte Gegenwartspolitik sind dadurch außer Cours gesetzt, und ich möchte gerade hieran folgende Betrachtung anknüpfen: Die Aufstellung des collectivistischen Endzieles hat auf jeden Fall eine große Culturbedeutung, denn wäre dasselbe nicht aufgestellt worden, so hätten die verschiedenen gemäßigten iocialpolitischen Richtungen nicht jene kritisch-aufklärende Arbeit verrichten können, durch die der manchesterliche Liberalismus ins Herz getroffen wurde. Der Collectivismus hat aber noch eine social-ethische Bedeutung. Durch die Aufstellung dieses Principes wird die Denkmöglichkeit eines social gerechten Zntandes wesentlich gefördert. In unserem Bewusstsein keimt und reist der Gedanke, dass es einst möglich sein könnte, ja möglich sein werde, aus dem beschränkten Egoismus des wirtschaftlichen C o n c u r r e n z k a m p f e s, ans der düsteren und engen Welt des capitalistischen Eigennutzes herauszukommen und vollausathmend den Anblick einer iocial ganz gesunden Menschheit zu genießen. Das collectivistische Endziel ist ein unbestimmtes, dämmerndes Voransahnen socialpsychischer Entwicklungsmöglichkeiten, die in scharfen Umrissen uns der sociale Denker des XX. Jahrhunderts erst aufzeichnen wird. Ebenso wie eingestandenermaßen die radicalen Kathederocialisten, Adolf Wagner an der Spitze, durch den collectivistischeri Grundgedanken in ihrer kritischen Arbeit gefördert wurden, wird die ganze Menschheit durch das collectivistische Endziel, »Bei Dein Wiegel sitzt Dein Mama Ütt singt a Lied ün weint, Dü wirst amol versteh'n mißame, Wos sie Hot gemeint. In Amerika ist der Tate, Deiner, liu, liu, liu! Dü bist noch a Kind laeß athe, Schlosse Suhneniu. Er wird schicken zwanzig Dollar, Sein Poträt darzü, Ün wird nehmen —■ leben soll er — Uns ahinzezu." (Nr. 82.) Dieses Lied scheint jüngeren Datums zu sein. Wir sehen, wie die jüdische Mutter ihr Kind mit allem vertraut macht, was sie fühlt und denkt. Selbst die Untreue und betrogene Liebe, aus dem das Kind entsprossen ist, hält sie ihm nicht vor: »Er Hot mir zugesogt, Er Hot mir zugesogt zü nehmen. Er geht aweg zu ein ander Mädel, Thut mein Herz klemmen. Schlof, niein Kind, schloß In Dein theueren Schlof. Wenn Gott wird ihm bezohlen Für die falsche Liebe, Das wird schon sein sein Strof." (Nr. 80.) So rollt sich vor uns ein großes Stück Volksleben in diesen Liedern auf, die Wünsche der reichen und der armen Mütter, die Sehnfilcht verschiedener Classen und verschiedener Zeiten. Aber aus allen tönt die heiße Liebe zu den Kindern, sehen wir das enge Band, das die altjüdische Familie umschließt. Kein Wunder daher, dass der Ukas Nikolaus' I., den wenn sich auch inzwischen herausgestellt hat, dass es unklar und einseitig ausgestellt wurde, culturell gefördert werden. Die socialistisch angehauchte Uebergangspolitik, die Maßnahmen, welche schon getroffen worden oder erst zu treffen sind, haben gleichfalls eine nicht zu verkennende Bedeutung für eine jede richtig aufgefasste nationale Cultur. Die Alters- und Invaliditäts- Versicherung, die erst durchzuführende Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, die bestehende Arbeiterschutz'Gesetzgebung der einzelnen Länder, der bis auf die australischen und einige wenige andere Gebiete erst zu verwirklichende Achtstundentag, die einstweilen in weite Ferne gerückte internationale Arbeitcrschutz-Gesetzgebuug, die von mir vorgeschlagene internationale Regelung des Coalitionsrechtes, die Ausbildung der Consumvereine nach englischem und Schweizer Muster, die Verstärkung der Gewerkschaften durch die Ersparnisse der Consumvereine u. s. w. u. s. w., das sind die wesentlichen, bedeutendsten, mehr oder minder socialistisch angehauchten Gegenwarts-Errungenschaften und Forderungen. Sie müssen auch auf jede nationale Cultur belebend und erfrischend wirken. Die feinere nationale Ausbildung, die Erhöhung und Erstarkung nationaler Culturwerte ist nur möglich, wenn man den physischen De g e n er a ti vn s- P r o ce ss aufhält, dem so viele Volksgenossen anbeimgefallen sind. Da muss man schon das Nebel bei der tiefsten Wurzel fassen, da muss man sich schon dazu bequemen, vor allem in der aufrichtigsten Weise das Leben der untersten Volksschichten zumindest erträglich zu gestalten. Eine m o d e r n e, n a t i onale Cultur ohne Hervorhebung des socialen Gedankens ist ein Unding. Was von allen national denkenden und fühlenden Gruppen gilt, das gilt in erster Linie von uns Juden. Wir müssen doppelt bestrebt sein, den modernen socialen Forderungen gerecht zu werden. Wir müssen darnach trachten, diese Forderungen für unsere Volksgenossen zu verwerten. Wirft man doch gerade uns vor, dass wir ausschließlich auf Seite der social Starken, der allmächtigen Capitalisten-Classe und -Kaste stehen, und ist doch dieser allgemein eingewurzelte Glaube mit eine der Ursachen der Erstarkung des modernen Antisemitismus. Noblesse oblige. Das älteste Culturvvlk der Welt hat die Pflicht, auf die körperliche und geistige Pflege der untersten Volksschichten ganz besonders bedacht zu sein. Hierzu gesellt sich noch ein besonderer Umstand. Mit der Anlehnung an die modernen socialen und socialistischen Forderungen befinden sich die national gesinnten Juden auf der Verlängerungslinie ihrer echtesten und ältesten Traditionen. Drei große Völker kennt das Alterthum: Juda, Hellas und Rom. Hellas hat der Menschheit die ästhetische Cultur gebracht, Rom zuerst die Formen militärischer und politischer Organisation großen Stils geprägt. Juda setzte das Priucch der socialen Gerechtigkeit in die Welt. Man hat mit Recht unsere großen Propheten die ersten Socialisten genannt. Es gilt, dies uralte Princip des Judenthums modern umzuformen, es mit dem neuen socialen Geiste zu durchsetzen und zu durchtränken. Ein jüdisches Kreditinstitut. Von M. Pappenheim. Wenn Dein Bruder im Niedergänge ist und zn ermatten droht, so stütze ihn. (Lev. 25, 38.) Nicht U n t e r st ü tz u n g der schwachen Stammesgenossen wird hier geboten, sondern eine Stütze derselben. Das Almosen ist die ultima ratio, die letzte und unvollkommenste Form der Hilfe, da sie nicht nachhaltig, sondern nur momentan wirkt. , Stützen, die Existenz ermöglichen, auf eigene Füße stellen den Schwachen, diess ist die vollendetste, nützlichste — weil dauernde Art der Hilfe. Dem kleineren Kaufmann und Gewerbsmanne die Mittel bieten, sein Material, seine Ware zu den besten Bedingungen einzukaufen, damit er den Concurrenzkampf jüdischen Eltern ihre Kinder mit Gewalt wegzuuehmeu und für das Militär zu erziehen, Lieder bitterster Trauer im Volke erweckt hat, Lieder, die, wenn sie auch nicht immer hohe Poesie verrathen, doch herzzerreißend klingen. Diese Lieder sind unter der Ueberschrift „Geschichtliches" gesammelt. (Nr. 42—59.) Sie geben ein treues Abbild jener schrecklichen Epoche: „Der erste Ukas ist gekümmen auf jüdische Seluer, Senen sich alle zulofen in die püste Wälder, Oi weh, oi weh! In alle Piste Wälder senen mir zulofen, In Piste Grüber senen mir forlofen, Oi weh, oi weh! Ich bin gelegen in Grüb drei Meeß Leß, Bin ich geworen toidt wie a Meß." n. s. w. In einem anderen Liede heißt es: „Thränen gießen sich in die Gassen, In kinderisch Blüt kenn man sich waschen. Gewalt, woS ist das for a Klog, Zü denn wird kein Mol nit weren Tog? Kleine Oifelech reißt mau vün Cheder, Meu thüt sei üu jewunische Kleider.. u. s. w. Man müsste sie alle citieren, wollte man zeigeu, welch ein starkes Echo jenes unglückseligen Gesetz in den jüdischen Herzen erweckt hat. In längeren erzählenden Gedichten wird das Elend der ihren Eltern entrissenen Kleinen in den düstersten Farben geschildert. Sie bleiben als beredtes Doeumeut für die Volksempfiudungen jener Zeit, sie spiegeln genau wieder, wie jener Ukas auf das Gemüth des Volkes eingewirkt hat und in welchem Schrecken die Juden Russlands damals gelebt haben. Fl. A. B.

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