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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 11). April 1901 Nr. 16 Meran. (Tempelein weih ring.) In Untermais, einem idyllischen Fleck Erde, wurde vor Peßach eine neue kleine Synagoge eingeweiht, welches ein wahres Schmuckkästchen der Architektonik trotz seiner einfachen Einrichtung und Ausschmückung genannt werden darf. Es ist bezeichnend in ernster Zeit, wenn einige beherzte Männer den Muth und die Muße finden, einen jüdischen Tempel zn erbauen. Gewiss, es sind Männer von nicht gewöhnlicher Art, solche, welche ihr Leben dem Wohlthnn und der Menschenhilfe weihen. War es auch keine geringe Aufgabe, welche sich dieselben gestellt, im strenggläubigen Tirol einen Tempel zu erbauen, nun so steht, vom goldenen Sonnenschein umspielt, Tirols erster Tempel, und ein goldig »Mögen Dowid" glänzt als Wahrzeichen dem Andächtigen entgegen, wohin er seine Schritte zu lenken hat, um Gott dem Herrn zu danken und ihn anznrufen! Die Einweihung verlief solenn. Die liturgische Function besorgte Herr Cantor L ö w y, die Festpredigt der Hohenemser Rabbiner Herr Doctor Tänzer, welcher zum Thema, anlässlich des heiligen Lichtanzündens, eine Anrede über Licht und Aufklärung nahm. Ein zahlreiches interconfessionelles Curpublicnm, die behördlichen Vertreter Merans und Untermais', der Curcommission, der evangelischen Gemeinde, politischen und Gerichtsbehörden wohnten der erhebenden, seltenen Feier an. Dem Curatorium der Königswarter-Stiftung, Herrn Banquier Friedrich S t r a n s k y, Sanitätsrath Dr. Hausmann und Dr. Maximilian K o r e f, Cur- und Stiftungsarzt in Meran, gebürt das Hauptverdieust, Gott zur Ehre und sich zum Ruhme gehandelt zu haben. Anssee. (Ein v e r u r t h e i l t er Antisemit.) Im November v. I. sprang der als prononcierter Antisemit bekannte Fahrradhändler Adolf Graf in Aussee (Steiermark) auf den dort etablierten Holzbildhauer Josef Kohn zu mit dem Aufrufe: „Jud', auf nach Pisek." Josef Kohn klagte Graf wegen Ehrenbeleidigung bei dem hiesigen Bezirksgerichte, das aber den Geklagten Graf freifprach. Wegen des freisprechenden Urtheils des dortigen Bezirksgerichtes legte Kohn bei dem Kreisgerichte in Leoben Berufung ein. Das Kreisgericht in Leoben hob das freisprechende Urtheil des Bezirksgerichtes in Aussee auf und verurtheilte den Geklagten Adolf Graf zu 14 Tagen Arrest, verschärft mit 2 Fasttagen und zum Kostenersatze des Straf- und Berufungsverfahrens. Interessant ist die Urtheilsbegründung, in welcher es heißt: Der Gerichtshof konnte sich der Anschauung des ersten freisprechenden Richters nicht anschließen. Der Gerichtshof hat nämlich in erster Linie mit Rücksicht auf die Feststellung des ersten Richters, sowie auf die Feststellungen bei der Berufungsverhandlung, wobei der Privatankläger seine Aussagen unter Eid bestätigte, als volllommen erwiesen angenommen, dass von Seite des Angeklagten gegenüber dem Privatankläger, die volle, in der Anklage behauptete Aeußerung „Jud', auf nach Pisek" gefallen ist. Diese Aeußerung konnte in zweiter Linie ihrem Sinne nach nur in Beziehung zu dem damals vor dem k. k. Kreisgerichte Pisek geführten und in sämmtlichen Tagesblättern ausführlich besprochenen Processe gegen Hilsner ob des Verbrechens des Mordes gebraucht worden sein und konnte diese Aeußerung nur den Zweck haben, den Privatkläger durch Anspielung aus den fraglichen Process herabzusetzen. Das ist, ohne Anführung bestimmter Thatsachen, ihn verächtlicher Eigenschaften oder Gesinnungen zu zeihen und dem öffentlichen Spotte auszusetzen. Dass der Angeklagte die Absicht hatte, durch die als erwiesen angenommene, öffentlich gebrauchte und oben mehrfach citierte Aeußerung die Ehre des Privatklägers anzugreifen, geht sowohl schon aus der auch vom ersten Richter angenommenen antisemitischen Gesinnung des Angeklagten hervor, al§ auch aus der Art und Weise, wie die Beleidigung gefallen ist, und endlich auch aus dem beleidigenden Benehmen des Angeklagten, welches derselbe schon seit längerer Zeit gegen den Privatkläger laut dessen bestiminter Aussage an den Tag gelegt hat. Nach dem Gesagten ist daher gegenüber dem Angeklagten der Thatbestand der Uebertrerung nach § 401 St.-G. sowohl in objeetiver als auch subjeetiver Hinsicht vollkommen begründet und erwiesen, und war derselbe daher diesbezüglich schuldig zn sprechen". Diese den Antisemitismus in strenger Weise verurtheilende Sentenz dürste wohl nicht ermangeln, auf die Ausseer Antisemiten abkühlend und ernüchternd zu wirken. Aussee ist internationaler Luftcurort, der in erster Linie und hauptsächlich von Juden frequentiert wird und da sind antisemitische Ausschreitungen und Judenhetzen wohl nicht am Platze. Tlumacz. (Störung von Leichenbegängnisse n.) Im Monat März laufenden Jahres, als man mit dem Leichenbegängnisse des greisen und ehrwürdigen Tlumaczer Insassen Josel Meier M a n h a r t bei der Zuckerfabrik vorbeizog, erkühnten sich einige christliche Fabriksarbeiter zu der böswilligen That, mit einer Glocke zn läuten und den Leichenzug mit Steinen zu bewerfen. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Isaak Z iff belangte als Repräsentant der israelitischen Eultusgemeinde die Missethäter vor dem k. k. Bezirksgerichte. Nach gepflogener Amtsverhandlung am 0. d. M. erkannte auch das k. k. Kreisgericht in Stanislau nach Eidesablegnng zweier Zeugen, der Herren Eheskel Schloss und Isaak Wolf F e u e r, drei Missethäter für schuldig und verurtheilte dieselben zu je vierzehn Tagen Arrest. — Am 14. d. M., als man wiederum mit dem Leichenbegängnisse der Frau des Herrn Dr. Max L e tz, Landesadvocat, an welchem sich sämmtliche Gerichtsbeamren betheiligten, um der Verstorbenen das letzte Geleite zu geben, vor dem Gebäude der Zuckerfabrik vorbeizog. erdreisteten sich nochmals einige Fabriksarbeiter zu der böswilligen That, ein Bombardement mit Steinen aus den Leichenzug zu eröffnen, und diesmal verfehlten dieselben auch nicht ihr Ziel, indem ein Stein das Haupt des k. k. Gerichtsofficials Herrn Haas traf, der glücklicherweise nur leicht verletzt wurde. — Am 14. d. M. endlich, als man wiederum mit einer Leiche das Gebäude der Zuckerfabrik passieren musste, wobei auch ein Polizeimann zum Schutze gegen weitere eventuelle Vorkommnisse sich befand, erdreistete sich wiederum das antisemitische Gesindel, darunter ein Knecht des Herrn Dr. Hovurki, Steine und Ziegel auf den Leichenzug zu schleudern. Der Polizeimann nahm fünf der Beschuldigten fest und überstellte sie dem Polizeiamte, darunter auch den Knecht des genannten Doctors. Drei wurden dem Strafgerichte übergeben. — Es ist ein Scandal, dass sich solche gewaltthätige antisemitische Thaten in einem Orte zutragen, wo ein Gericht, eine Bezirkshauptmannschaft und eine Gemeinde-Obrigkeit mit acht Mann Polizei, unter Leitung des Herrn Polizei-Jnspectors Wujtkierviez, sich befinden. Budapest. Das nun endgiltig abgeschlossene Resultat der Volkszählung ergibt für Budapest eine Seeleuzahl von 703.448. Zur Zeit der Zählung befanden sich hier 9935 Durchreisende und Gäste. Bon den Bewohnern der ungarischen Hauptstadt waren Katholiken: 427.112. ((i0*7°/(/.) Zunahme im letzten Decenninm 112.277 — 35'6%; Evangehsche: 37.170 (5*3%) + 9946 30-9%; Reformierte: 02.837 (8*9%) -j- 26.725 74%; Israeliten: 166.198 (23.6%) -|- 63.821 62-3%; Andersgläubige 10.131(1-5%) -j- 4008 65*4%. Gotteshäuser befinden sich in Budapest außer einigen kleinen Localen 50, und zwar für Katholiken 27, Reformierte 6, Lutheraner 3, Unitarier 1, Griechisch-Katholische 1, Griechischorieutalische 4, Israeliten 7, Baptisten 1. Der Gottesdienst wird, in zwölf verschiedenen Sprachen eelebriert, darunter in deutscher Sprache in 32 Gotteshäusern und zwar in 31 neben anderen Sprachen, in einem ausschließlich. Ausland. Augsburg. (Handel! Handel!) Der bereits in den früheren Jahrhunderten schwunghaft betriebene Handel mit dem Religionswechsel wird in dem eben hereingebrochenen 20. Jahrhundert auf dem ganz ungewöhnlichen Wege des Inserates kundgegeben. Die „Augsburger Neuesten Nachrichten" bringen in ihrem Jnseratentheile fotgende Annonce: „Ein Israelit, 40 Jahre alt, wünscht zum Christenthmn ttberzulreten. Gefällige Offerten bitte zu richten unter „B. 49* au die Expedition des Blattes." Von welchem christlichen Bekenntnisse, ob von protestantischer oder katholischer Seite, der »Israelit" die vortheilhaftere Offerte erhalten hat, ist leider nicht bekannt geworden. Frankfurt a. M. Den letzten Vortrag dieser Saison im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hielt Herr Sigmund Frankel ans München über „Zangwill und die englische GhettoMovelle". In den Jahren 1890 und 189$, als die großen Austreibungen aus Russland stattfanden, nahm ein Theil der Auswanderer seinen Weg nach New-Iork, ein anderer nach London, wo plötzlich Judenviertel entstanden, die zufolge ihrer Eigenthümlichkeit bei Journalisten, Schriftstellern und anderen gebildeten Kreisen Interesse erweckten. Selbstverständlich hat die Eivilisation manche Absonderlichkeiten abgeschliffen; aber das Bild jener, fernen Zonen entstammenden Judenquartiere mit der englischen Architektur im Hintergründe war eigenartig genug, um Aehnliches, wie die alten Ghetti Bernsteins und Franzos', so in England einer ganzen Reihe von Schriftstellern Stoff zu einer ganz neuen Ghetto-Literatur zu bilden. An ihrer Spitze steht Zangwill, geboren 1864 in London als Sohn eingewanderter Russen. Schon in seiner Jugend schrieb er für ein kleineres Blatt, ..Tire Jewirh Standard“, das bald eingieng, und entwickelte sich später zu einem hervorragenden Romanschriftsteller, dessen Themen nicht allein das Ghetto und seine Bewohner, sondern auch eine Anzahl weitergehender Stoffe bilden. Berühmt wurde Zangwill auch außerhalb Englands durch seine „Tragödien des Ghettos", „Kinder des Ghettos" und „Träumer des Ghettos", aus welchen der Bortragende einzelne typische Charaktere, Stimmungen und Situationen herausgriff, um an ihnen die Art des Dichters zu schildern. Der Vortrag fand allgemeinen Anklang bei den zahlreich erschienenen Mitgliedern.' Stettin. Der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hatte am Abend des 21. März Herrn Dr. Ernst Tuch aus Berlin zu einem Vortrage gewonnen, der znm Thema hatte: „Die Juden in der Landivirtschaft." Von den fesselnden Ausführungen des Vortragenden geben wir kurz Folgendes wieder: Die '.Lösung der socialen Frage liege einzig' und allein in der gleichmäßigen Vertheilung des Grundes und Bodens unter den Menschen, in dem Aufhören des Zuzuges in die großen Städte und der Wiederbevölkerung des platten Landes. Hierzu Stellung zu nehmen, haben die Juden bisher versäumt, es sei jetzt aber die höchste Zeit, sich diesem Problein zu nähern und an seiner Lösung mitzuarbeiten. Der Kaufmannsstand, dem die Juden bisher zumeist angehörten, nehme nach der Verbilligung der Verkehrsmittel, Gründung von Eonsumvereinen und Entstehung von Warenhäusern nicht mehr die frühere Stellung ein rmd gewähre nicht mehr die ehemalige sichere Existenz. Welchem Erwerbszweige sollen sich die Juden nun zuwenden? Der Gelehrten stand sei von vorneherein auszuschließen, der Beruf der Juristen und Aerzte wäre bereits überfüllt, sich der Industrie zuzuivenden, dazu gehöre größeres Capital, es bleibe also nur das Handwerk übrig, das aber Infolge der heutigen Maschinenarbeit vielfach immer noch ein Reparaturhandwerk sei, und die Landivirtschaft. Redner suchte nun zu beweisen, dass die allgemein vertretene Ansicht, der Jude tauge nicht zum Landwirt, eine irrige sei; schon betrieben 3300 Juden in Deutschland mit Erfolg Landwirtschaft. Er verspricht sich einen großen Segen davon, wenn das Judenthum der Bodencultur zugeführt rvürde, das jüdische Baurrnthmn, das mit seinem Stückchen Erde dann gleichsam verwachsen wäre, rvürde einen fester: Wall bildeir gegen alle Angriffe gegen das Judenthum. Irr Berlin habe sich ein Vereins gebildet, der auf selbstgekaustern Grund und Boden für jüdische Knaben Gärtner- und Landwirtschastsschulen errichten und die hieraus Hervorgegangenen ansiedeln wolle. Mit einem warmen Apell, diesem Vereine beizutreten, schloss der etwa einstündige Vortrag. Belgrad. Die wichtigsten Bestimmungen der neuen Verfassung find nmrrnehr bekannt: Sie gewährt vollkommene Rechtsgleichheit, Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, verbietet Ausnahme- und Standgerichte und gibt die Presse frei. Wahlfreiheit wird ebenfalls garantiert. Der neue Senat besteht aus 5l Mitgliedern, in welcher Zahl der jeweilige großjährige Thronfolger, der Metropolit von Serbien und der Bischof von Risch einbegriffen sind. 30 rveitere Mitglieder ernennt der König arrf Lebenszeit. 18 werden in geheimer Abstirnrnurrg gewählt, in jeden: Kreise einer, in der Stadt Belgrad zwei. Der Census beträgt bei den Senatswahlen 45 Frcs. für das aetive, 400 Fres. für das passive Wahlrecht. Nizza. Bei der Vorstellung des israelischen Cousistoriums erklärte der Rabbiner, dass alle seine Glanbensgenoffen von glühendem Patriotismus erfüllt seien. Präsident Loubet erwiderte, die Demokratie mache keinen Unterschied unter guten Franzosen, was auch ihr religiöscs Bekenntnis fetti möge. „Die Religion, welcher Sie angehören, verlangt nichts als Freiheit. In unserem herrlicheil Frankreich wird Ihnen diese Freiheit immer gesichert sein/' Athen. Durch königliches Deere! vom 30. April 1890 und 26. März 1900 wurde die hiesige jüdische Gemeinde anerkannt. In der General-Versammlung wurde beschlossen, ein unverzinsliches rückzahlbares Anlehen von 35.000 Fres. in Gold in 3500 Stück ä 10 Frcs. aufzunehmen, um ein Bethaus ulld eine Schule zu erbauen. A. G. Smyrna. Am 26. März verbreitete sich hier das Gerücht, dass ein 16jähriger Grieche, der im Handelshause Aenophas & Comp, angestellt und bereits seit mehreren Tagen abgängig war, von den Inden zu rituellen Zwecken gemordet worden sei. Tags darauf begannen überall Mafsenattsarnnilurigerr, und vorr mehreren Seiten wurden an armen Luden verübte Thätlichkeiten gemeldet. Dank dem energischen Eingreifen des General- Gouverneurs 5kiamil Pa ch a und des Polizei-Präsidenten wurde ein Ueberfall des Judenviertels seitens der griechischen Elemente verhindert. Das griechische und das Judenviertel wurden militärisch besetzt, starke Militär- Patrouillen unter Anführung von Polizeicommissären, durchstreiften alle Straßen der Stadt, und alle Geschäfte mussten schon nachmittags geschloffen werden. Am 28. stieg die Aufregung, und die Griechen erstürmten die griechische St. Photinee-Kirche, erkletterten den Glockenthurm und begannen Sturm zu läuten. Infolge dessen strömte von allen Seiten bewaffnetes Volk zusammen und das türkische Militär, welches die ganze Zeit hindurch eine musterhafte Haltung eingenommen hatte, schritt mit aufgepflanztem Bajonnett ein, bei welcher Gelegenheit 15 Griechen verwundet wurden, von denen einer gestorben ist. Die erregte Menge begann gegen den griechischen Erzbischof Drohungen und Schimpfworte auszustoßen, weil er nicht genug energisch gegen die Juden vorgegangen sei, und zwangen ihn, den jungen Mann beim General- Gouverneur zu reklamieren. Bei vielen jüdischen Notabel», welche im Frankenviertel und am Quai wohnen, wurden die Fenster eingeschlagen. Die Polizei hat viele Verhaftungen vorgenommen, zumeist Fleischhauergesellen und sonst verdächtige Burschen. Da gelang es mittags der Polizei, den Jungen in Gesellschaft eines seiner Freunde in einem Vororte ausfindig zn machen. Er gab an, nach einem Streite mit seinem Bruder den Entschluss gefasst zu haben, sich einige vergnügte Tage zu bereiten. Die Mutter, die davon Kenntnis hatte, verschwieg dies und streute das Gerücht aus, die Inden hätten ihr Kind umgebracht. Man schätzte die Zahl der angesammelt gewesenen Menge, welche beschlossen hatte, das Judenviertel zu stürmen, auf 10.000. New-AorV. (Auswandernngs sta tisti k.) Laut Bericht des Commissionsmitgliedes General Powderly sind in den zwölf Monaten vom 30. November 1899—1900 nicht weniger als 515.000 Emigranten nach den Äereilligten Staaten eingewandert. Davon waren 108.000 Slaven, 100.000 Italiener, 03.000 Inden und 30.000 Deutsche. Die Juden, welche im vorhergehenden Jahre nur 37.000 Emigranten nach den Vereinigten Staaten geliefert haben, weisen in diesem Jahre die bedeutende Zunahme von 70 Percent auf und nehmen unter den auswandernde» Völkern den dritten Rang ein. In der starken Zunahme der jüdischen Auswanderer spiegelt sich die große materielle Noth des jüdischen Volkes wieder, welche ttt Südrussland, Galizien rmd Rumänien erschreckende Dirnensionen angenommen hat. Ans den genannten drei Ländern recrutiert sich auch der allergrößte Theil der jüdischen Emigranten. Unter den 90.787 ans Russland herübergekommenen Auswanderern befanden sich nur 1165 christliche, rechtgläubige Moskowiter, dagegen 5349 Stnndisten, 12.515 Finnländer, 32.717 Polen und 37.011 Juden. Noch deutlicher drückt sich dieses Verhältnis bei den Auswanderern ans Rumänien aus, wo unter den 6459 Emigranten nur 276 Christen und 6183 Juden waren. Galizien hat 16.920 Amerika-Auswanderer geliefert, bei einer Gesammtzahl der Auswanderer aus Oesterreich-llngarn in der Höhe von 114.887. Dagegen lieferte Deutschland nur 337, Frankreich 17 und Italien gar nur zwei jüdische Emigranten. 3?. ZA den CAltusrathswahlen?) Von Dr. Mayer Ebner. C z e r rr o rv i tz, anfangs April. Vor etwas mehr als einem Decerurium entbehrten die Wahlen in den Cultusrath der jüdischen Gemeinde in Czernorvitz jeglichen Interesses. Eine angesehene, weitverzweigte Familie copierte das Oligarcherrsystem der alten griechischen Gemeinden. Alle Ehrenstellen rvurden brüderlich in der Familie getheilt. Die große Masse ließ sich dankbaren Herzens regieren. Während es in jenen idyllischen Zeiten oft an Candidaten für den Cultusrath gebrach — der Vorrath an großjährigen Prinzen der Familie reichte inanchinal nicht ans — drängt sich derzeit geradezu eine Stnrmflrrt von Candidaten vor die Wähler. Ein halbes Hundert rnehr oder minder ehrenwerter Männer will der jüdischen Gemeirrde dienen. Man fragt sich verblüfft, wie es dem: gekommen ist, dass so viele Candidareri auf den Plan getreten sind. Es ist nicht zn leugnen, dass in den letzten Jahren das Interesse am Jndenthurn lebhafter gervvrden rst als daznriral. Es weht ein jüdischer Geist durch Israel. Je mehr Jndifferenkismus und Taufe von unserem Volksthum abbröckeln, desto stärker schließen sich die übrigen Theile zusarnrneu. Das rvar ztr allen Zeiten so gewesen. Die'stammestreuen Inden schöpfen aus der jüdischen Geschichte beruhigenden Trost. Ich bilde mir aber keineswegs ein, dass eitle Liebe zurr: Jttdenrhurn nahezu fünfzig Männer zil einer Caudidatnr in den Cultusrath der Gemeinde begeistert hat. Die Candidaten lassen sich in zwei Gruppen theilen. Die größere Gruppe betrachtet den Cultusrath als die erste Etappe zn einer politischen Carrivre. Den meisten geht der Sinrr nach „Höherem". Bei dem einen werden die Wünsche im Gemeinderalhe ersterben, der arrdere aber lechzt nach einem Landtags- oder Handelekarnrner-Mandate, und wer rvZß, ob rricht den einen oder der: anderen die Lorbeerrr des Dr. Strauch er nicht schlafen lassen. Caesar Czornovicionsis har den Weg gezeigt. Zuerst Cultusrath — Aedil, dann im Sturme hinaus zur Qnästnr, Prätur und — evoci — zürn Corrsulat. So flicht man sich den Lorbeer um die Stirne. Diese Streber und Streberlein sehen in derrt Mandate eines Cultusrnthes ein Mittel zum Zwecke. Wie hoch diese Candidaten zu taxieren sirrd, bedarf teurer Erläuterung. Diese Wanzen müssen abgeschüttelt werden. Die zweite, viel kleinere Gruppe verdient Beachtung. Es sind Leute, die Ehrgeiz haben — alle Achtung davor — denn dieser Ehrgeiz sieht irr dem Cultusrathsmandate Zweck und nicht Mittel. Es zeugt von gut jüdischem Empfinderr, wenn man eine Ehrenstelle irr der jüdischen Gerneirrde anstrebt. Der Gemeinde zu dienen nrtd unter den Ersten dienen zu wollen, wer sollte das tadeln! Neben dieser Gruppe gibt es noch einige wenige Männer, die ohne jeden Ehrgeiz das Bodürfriis empfinden, sich in bedrängter Zeit dem Judenthum und der jüdischen Gemeinde nach besten Kräften zu widmen. Das sind die Perlen im Sande. *) Auf besonderem Wunsch des Verfassers aus der „Bukowirraer Post".

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