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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 19. April 1901 Nr. 16 -.um ,‘V '.'.r; > v-i J' '■} , \; .5 '! /} halb des Judenthums und in vielfach noch höherem Maße wirksam sind, dass sie aber allzu sehr zersplittert sind im einzelnen und meist geradezu gegeneinander wirken, dass sie mit einem Worte sich nicht unter eine höhere, alle zusammenfassende Einheit fügen wollen. Capital ist eine Macht — und unter uns Juden gibt es viele, welche eine solche Macht repräsentieren; Intelligenz bedeutet ebenfalls eine, und auch daran leiden wir Juden keinen Mangel, aber weder das Capital noch die Intelligenz, die in uns sind, geben sich als jüdisch, sie gehören jenen Nationen an, in deren Mitte sie zufällig entstanden sind. Nur wenn es darauf ankommt, gegen sie den Bann, der gegen einzelne Berufe üblich geworden ist, zu schleudern, werden sie sorgfältig von den einzelnen Nationen ausgelesen und den Juden beigezählt. Immer wieder, so oft wir unsere Noth gewahren, finden wir, dass unser inneres Zerwürfnis einzig und allein die Schuld trägt, dass es bei uns nur an einer höheren Einheit, an eine zielbewusste Zusammenfassung und Einordnung aller vielfach zersplitterten und bunt durcheinander geworfenen Kräfte fehlt, die in uns lebendig sind. In allen Ländern des Erdballes macht sich dieselbe Erscheinung, welche die wahre „Judeunoth" ist, bemerkbar, und am schmerzlichsten kommt uns dies in Oe st erreich zum Bewusstsein. Dort, wo die Noth am höchsten ist, dort sollte die Einigung am nächsten sein. Nirgends ist der Boden so reif für eine Vereinigung aller zersplitterten jüdischen Kräfte zu einer Jüdischen Nation wie in Oesterreich. Auf diesem Boden müsste der erste Versuch gemacht werden, hier müsste die Probe auf das Exempel gezeigt werden, was vereinigte jüdische Kraft vermag. Die Stätte für eine solche Sammlung ist geschaffen. Die jüdische Volkspartei, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, dieser Idee praktische Gestalt zu verleihen, hat den Boden längst urbar gemacht, den Samen bereitet und Morgenthau und Sonnenschein gesammelt, um heilsame Früchte zum Gedeihen zu bringen. Auf, jüdisches Volk! Schart Euch um die jüdischnationale Fahne, die die Partei aufgerollt hat, und suchet das für Euch geschaffene jüdische Heim auf, zu Eurem Heile und zum Heile des ganzen jüdischen Volkes! NersMmlMgen jüdischer Bürger in Währing nnd Alsergrnud. Der Jüdische Volksverein berief für Montag den 15 .d. M. eine Versammlung jüdischer Bürger in das Währinger Brauhaus ein. Er wollte, getreu seiner Aufgabe, alle Juden auf eine Plattform zu bringen, auch diesen exponiert und vereinzelt wohnenden Juden, Gelegenheit geben, über jüdische Angelegenheiten zu verhandeln und den Anschluss an eine jüdische Organisation zu finden. In dieser Aufgabe wird sich der Jüdische Volksverein durch keine Zwischentreibereien beirren laffen, er wird sein Ziel erreichen, trotz aller Gegner. In der Währinger Versammlung führte Herr Plaschkes den Vorsitz. Es referierte für den durch Berufsgeschäfte verhinderten Doctor K o h n Herr Hof- und Gerichtsadvocat Dr. L i f c z i s. Der Referent verwies darauf, dass in dem Hirn der Antisemiten die Fabel von der jüdischen Solidarität, spuke. Leider sei dies aber bis jetzt nichts als eine Fabel. Diese* * Fabel in die Wirklichkeit umzusetzen sei eine der vernehmsten Ausgaben der Jüdischen Volkspartei. Der innere Grund der jüdischen Uneinigkeit sei darin zu suchen, dass damals, als die Völker sich nach Nationen zu scheiden begannen, in der Pflege ihrer N.ulonalität ihr Heil und ihr Ziel erblickten, die Juden es verabsäumten, ihre Nationalität zu proclamieren. Als im Kremsierer Reichstage der Dr. K a i s e r f e l d t für die Deutschen sprach, Ni eg er für die Freiheit der Czechen schwärmte, verwahrte sich der Rabbiner Mannheimer gegen das Wort „Jude", das in einem Gesetze vorkam. So nennen sich die Juden in Galizien Polen mosaischer Confession. Ein solcher Musterpole mosaischer Confession sei Dr. Byk. Anlässlich eines Besuches unseres Kaisers in Galizien fand ein großer Empfang statt. Da erkühnte sich der Graf Tarnowski in Gegenwart Sr. Majestät zu sagen, dass es der Schlachta gelungen sei, den Boden vor jüdischen Händen zu retten und zu bewahren. Dr. Byk, der dabei stand, fand kein Wort der Zurückweisung. Wie die Juden also in Galizien missbraucht werden, die Geschäfte der Schlachta zu besorgen, und die Schlachta dafür sie wirtschaftlich ruiniert, so besorgen die Juden in Mähren und Böhmen die Geschäfte der Deutschen respective der Czechen, und der Dank dafür ist, dass den Juden in Prag die Fenster eingeschlagen werden, weil sie in Eger Deutsche sind und in Eger den Juden die Fenster eingeworfen werden, weil sie in Prag Czechen sind. Aus diesem Wirrlvarr gebe es nur eine Rettung: das jüdische Volk müsse sich um die jüdisch-nationale Fahne sammeln. Diese Fahne habe in Wien der „Jüdische Volksverein" gehisst, und er forderte alle Juden auf, sich um diese Fahne zu ralliieren. Dann werden die Juden stark genug sein, selbst gegen die antisemitische Majorität den Kampf zu führen. Die Thätigkeit der Jüdischen Bolkspartei sei vielfältig. Sie habe in Sachen des Heimatsrechtes eine große Action eingeleitet, und biete allen Juden die Möglichkeit, ohne jedes Entgelt bei Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften sich die Zuständigkeit zu verschaffen. Der „Jüdische Volksverein" sei an die Errichtung der Creditanstalt für jüdische Gewerbetreibende und Beamte geschritten. Er errichtete Volkslesehallen und Volksbibliotheken; er biete in seinem Festsaale dem jüdischen Worte eine Freistätte. So verrichte er die mühsame, nationale Kleinarbeit. Ohne großen Wortschwall. Diese bescheidene, stetige Arbeit werde auch ihre Früchte tragen und schließlich die Anerkennung des ganzen jüdischen Volkes erringen. -i- Hierauf entspann sich eine lebhafte Debatte; die Jüdische Volkspartei schöpft aus dieser Versammlung die Ueberzeugung, dass die Sympathien der Währinger Bürger auf ihrer Seite stehen. * Die Alser-Versammlnng fand im Souterrainlocale des „Cafe City" am 18. d. M. statt. Der Saal war dicht gefüllt mit jüdische» Bürgern, ihren Frauen und Söhnen. Der Vorsitzende Herr Steiner eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache und ertheilte Dr. Jakob Kohn das Wort zu den Thema „Die Ziele und Zwecke der Organisation". Der Aufbau einer Organisation gleiche der Aufstellung eines Heeres. Man müsse sich daher fragen: Wer sind unsere Feinde und welches sind Hie besten Mittel und Waffen zu ihrer Bekämpfung. Das Jadenthum habe innere und äußere Feinde. I Der innere Feind ergebe-flch aus der Situation einer Minorität zu einer Majorität, es sei dies der Geist der Assimilation. Es hat sich dabei das merkwürdige Schauspiel abgespielt, dass die überstürzten und widernatürlichen Assimilations-Bestrebungen nicht nur den Widerstand der Jüdisch-nationalen hervorriefen, sondern auch vor allem eine Reaction des Wirtsvolkes, den Antisem itismus. Das beste Heilmittel dagegen sei der jüdische Nationalismus. Dieser könne aber nicht bestehen ohne eine nationale Cultur. Diese zu wecken und zu hegen sei eine unserer vornehmsten Aufgaben. Wir haben mehrere Corporationen, die den Ruf Organisation ausstoßen. Eine repräsentiere die Union. Diese erschöpfe sich aber in bloßer Abwehr der Angriffe. Sie könne dem Judenthum nicht neues Leben einflößen, denn ihr Programm sei ein negatives. Es stehe und falle mit den antisemitischen Angriffen. Hierauf präcisierte der Referent die Stellung der Jüdisch-Nationalen gegenüber dem Zionismus. In der darauffolgenden Debatte, an der sich Doctor L i f c z i s und Dr. Weisengrün unter lebhaftem Beifalle der Versammelten betheiligten, fanden auch Vertreter der socialdemokratischen Partei und der politischen Zionisten Gelegenheit, ihre Anschauungen zu entwickeln. Der Vorsitzende schloss in vorgerückter Stunde die Versammlung, nachdem mehrere ihren Beitritt in den Alser-Bezirksverein anmeldeten. General-Versammlung des Vereines jüdischerFleischhauer. Der Verein jüdischer Fleischhauer veranstaltete Sonntag den 14. d. M. seine diesjährige General-Versammlung im Festsaale des Jüdischen Volksvereines. Diese Versammlung, welche von circa 200 Fleischhauern besucht war, gestaltete sich zu einer imposanten Demonstration der jüdischen Fleischhauer gegen das ungerechte Vorgehen des Rabbinates. Auf den Mienen aller dieser braven Gewerbetreibenden lag der Ausdruck einer tiefen Entrüstun; rnd mancher Redner wurde durch Ausbrüche einer spontanen Erregung gegen das Rabbinat unterbrochen, die der Vorsitzende nur schwer beschwichtigen konnte. Herr G. Herrmann eröffnete als Obmann die Versammlung und erstattete den Rechenschaftsbericht; die Versammlung ertheilte durch Acclamation das Absolutorium. Herr M o r g e n st e r n beantragt hierauf Wiederwahl der ausscheidenden Vereins-Ausschüsse. Es werden die Herren I. Mittler, L. W e i n w u r m, E. Winkler, G. H e r r m a n n, I. Neugebauer und M. Winter wiedergewählt. Hierauf wird zu Punkt 2 der Tagesordnung, Koscher f l e i s ch - F r a g e, übergegangen. Der Obmann Herr G. H e r r m a n n erstattet das Referat. Von den drei durch Rabbiner Meyersohn erfolgten Schächtverboten sei eines aufgehoben worden; zwei aber bestehen aufrecht; die Koscherfleisch-Frage sei eine Trefefleisch-Frage geworden. Die Fleischer wollen den Juden koscheres Fleisch verkaufen, werden aber daran durch das Rabbinat gehindert. Das sei Gewerbestörung. (Beifall.) Der Vorstand der Cultusgemeinde habe die Angelegenheit aus der Hand gegeben und die jüdischen Fleischhauer dem jüdischen Clerus ausgeliefert. Wir protestieren dagegen, dass man uns zwingen will, Trefcfleisch zu verkaufen. Es handle sich nicht um den Schutz ritueller Einrichtungen, sondern um neue Einnahmen. (Sehr richtig.) Man habe zu diesem Zwecke die Schächter organisiert, und diese thun Polizeidienste, anstatt ihre Arbeit zu verrichten. Man habe in dieser Frage Gesuche an den Cultusvorstand abgeschickt, aber umsonst. Trotz gegentheiliger Versprechungen komme nun der Erlass, von jedem Ochsen 80 kr. Schchite zu bezahlen. Die Kundschaft nehme Koschersten ch, aber nur dann, wenn es besser und billiger sei, als das Trefefleisch Daher wären die Fleischer nicht in der Lage, besondere Abgaben zu zahlen. (Beifall.) Hierauf begann die Debatte, die wir auszugsweise beringen. Fried lieb beschwert sich darüber, dass ein Fleischhauer L. vom Rabbiner Meyersohn protegiert wird; es hängen in einigen Tempeln Tafeln beim Omed, dass nur der Fleischer L. in Wien koscheres Fleisch habe. In solcher Weise werde das Gewerbe geschädigt und die Existenz vieler untergraben, statt, dass sie Unterstützung finden sollte. S. Kornmehl bringt die Beweise, dass es der Cultusgemeinde unmöglich darum handelt, die Koscherfleisch-Frage zu regulieren, sondern es sei ihre Absicht, materielle Bortheile zu ziehen. Denn sonst könnte man.den ärmsten der jüdischen Fleischhauer unmöglich das rituelle Schlachten nur des Geldes wegen verbieten, wie es in einigen Fällen geschehen ist, die der Redner mit Namen anführt. Die Cultusgemeinde sei nicht gewerbefreundlich. Redner war stets für Unterhandlungen und nicht radicales Vorgehen; aber ein solches Vorgehen mache selbst die Gemäßigtesten radical. Es darf der Cultusgemeinde nicht gleichgiltig sein, ob aus 200 ehrlichen Gewerbetreibenden durch ihr Vorgehen Hausierer würden, die uns in Gast- und Kaffeehaus belästigen. In der letzten Genossenschafts-Versammlung haben die Cristlichsocialen beschlossen, den Gemeinderath aufzusordern, das Schächten zu verbieten. Der Zweck des Antrages ist ganz durchsichUg der, die jüdische Concurrenz zu schädigen. Nun greift das ehrwürdige Rabbinat diesen Antrag auf und verbietet den jüdischen Fleischhauern das Schächten. Wir werden es uns nicht ruhig verbieten lassen, aber wenn dieses Verbot nicht ausgehoben werden wird, dann: alle für einen und einer für alle. Dr. Jakob Kohn, mit Beifall begrüßt, führt aus, dass er seinerzeit den Stein ins Rollen gebracht habe anlässlich der Verhältnissen die Arbeiterklasse für eine siebentägige Arbeit nicht mehr Lohn bekommen würde, als sie jetzt für die 'sechstägige bekommt, und es würde ihr gerade so schwer fallen, die Zahl der täglichen Arbeitsstunden zu reducieren, wie jetzt. Wer da eher glaubt, dass der Mensch des Sabbaths wegen da ist, als der Sabbath des Menschen wegen, der mag es weiter glauben; aber, dass da ein Tag in der Woche ist, den der Arbeiter für sich beanspruchen darf — ein Tag in der Woche, an dem der Hammer schweigt und der Webstuhl stille steht, das ist — durch das Chrrstenthum — dem Judenthum zu verdanken, dem Gesetze, das in der sinaitischen Wildnis entstand. Und wer, der die Verschwendung an Productivkraft betrachtet, kann zweifeln, dass die moderne Gesellschaft nicht nur glücklicher, sondern auch reicher wäre, hätten wir — wie den Sabbathtag — auch die wundervolle Idee des Sabbath-Jahres übernommen, oder, seinen Geist unseren veränderten Verhältnissen anpassend, auf eine andere Weise eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit eingeführt. Dies sind die charakteristischen Züge, aus denen wir, wie aus den Fragmenten eines Kolosses, die Größe des Geistes ermessen können, dessen Stempel sie tragen — eines Geistes, weit voraus seiner Umgebung und seiner Zeit — eine jener Slernenseelen, die nicht undeutlich werden durch die Entfernung, sondern glühend in den Strahlen ewiger Wahrheit ihr Licht behalten, während Gesetze und Sprachen und Religionen wechseln und untergeben. Wer kann zweifeln, dass der Gedanke größer war als sein bleibender Ausdruck? Und doch ist dieser Ausdruck in der Welt bis auf den heutigen Tag eine gewaltige Macht. Aus dem freiheitlichen Charakter der mosaischen Lehre entsprang jenes enge Familienleben, das durch alle Zerstreuungen und Verfolgungen hindurch dieJndividualität der jüdischen Rasse bewahrte, jene Freiheitsliebe, die unter den verzweifeltesten Umständen den Juden charakterisiert, jene heiße Vaterlandsliebe, die da aufflammt in den Makkabäern, und die die jüdischen Bauern sich stiirzen ließ auf die Lanzenreihen der griechischen Phalanx und der römischen Legionen, jene hartnäckige Ausdauer, und die in Verbannung und Kolter den Juden festhalten ließ an seinem Glauben. Die Lehre Mosis entflammte die großen jüdischen Seher und Dichter, die für uns in Worte fassten das Höchste und Schönste, w a s M e n s ch e n g e i st j e e r d a ch t; der Lehre Mosis entsprang jene Geistesstärke, die immer und immer wieder den dürren Stab knospen und blühen machte. Und hinausgehend über den engen Rahmen einer kleinen Rasse, hat sie ihre Gewalt ausgeübt überall, wohin der Einfluss der heiligen Schrift reichte. Der Geist der Bibel hat Throne gestürzt und Priesterherrschaft niedergeworfen. Er stärkte den schottischen Covenanter in schweren Stunden und hieß den Puritaner ausharren in Schnee und Eis eines fremden Landes. Er führte bei Naseby das Volk zum Kampfe — er stand hinter den niedrigen Schanzen von Bunker Hill. Durch ihre Lehren, wie durch ihre Thaten helfen soche Charaktere die Menschheit vorwärts bringen. Das Leben Mosis, ebenso wie seine Gesetze sind ein Protest gegen jene lästerliche Lehre, die heute so wie vor 8000 Jahren im Umlaufe ist, jene Lehre, die oft auch von christlichen Kanzeln verkündet wird, dass das Elend und die Leiden der Menschen ihren Ursprung haben in einer geheimnisvollen Unthätigkeit der Vorsehung, die wir wohl beklagen, nicht aber ändern können, und gegen die wir uns nicht auflehnen sollen. Wer dieser Ansicht ist, wer da glaubt, dass der Jammer und die Brutalität, von der gerade die Centren unserer Civilisation überfließen, ihn nichts angehen, der nehme sich hier ein Beispiel. Für den, der da sehen will, brennt heute noch der Dornbusch, und dem, der da hören will, tönt w i e d e r u m die Stimme: „D a s V o l k l e i d e t; wer wird es h e r a u f f ü h r e n?" * * * In die unmittelbare Familie des höchsten Monarchen und irdischen Gottes ausgenommen, an der Spitze der Classen-Pyramide, deren Basis die arbeitenden Millionen bildeten, Priester And Prinz in einen: Lande, wo Fürst und Priester schwelgen 'konnten in allen Genüssen — stand ihm alles offen, was das Leben bieten konnte, die Sinne zu befriedigen oder den Geist zu beschäftigen. Was war ihm das Wehgeschrei jener, die unter sengender Sonne arbeiteten, unter der Peitsche erbarmungsloser Vögte. Bis die Klagerufe in die Säulenreihen oder zu den kühlen Leinenzelten drangen, hatte die Entfernung sie zu eintöniger Musik gesümpft. Warum sollte er die Schicksals-Sphinx befragen oder gegen die Ordnung streiten, die die hohen Götter bestimmten? So war es stets gewesen zu allen Zeiten, so muss es weiter bleiben. Die Wespe zerreißt den Wurm, der Vogel späht auf die Wespe — das Leben entsteht aus Tod und Zerfleischung und höhere Genüsse aus niederen Schmerzen. Soll der Mensch besser sein als die Natur? Sanft und ruhig fließt der Nil, trotzdeu: unter seiner glatten Oberfläche schuppige Geschlechter grausamen Krieg führen und die Stärkeren die Schwachen fressen. Soll der Weise, der die Geheimnisse der Sterne lesen kann, zurückweicheu, wenn unter seinen Füßen ein Wurm sich krümmt? Jene hatten Ziegel zu machen ohne Stroh — fern Platz war an der Spitze der langen Proeession, die mit farbenprächtigen Bannern und glitzernden Einblemen unter dem Klange der Musik und mit feierlichen Gesängen dahinwallt, um das unvergängliche Bauwerk einzuweihen, das der Schweiß jener errichtet hatte. Warum sollte er 'Anstoß nehmen an der Plage des Frohndienstes — er, für den die Wagen bereitstanden, den die Nilbotv trugen, wohin er wollte, mit Nuderschlägen, zu denen Gesang den Taet abgab. Fühlte er das Bedürfnis nach Thätigkeit — da war die Wüstenjagd mit Nossen schneller als die Antilove, und mit Löwen, die wie Hunde abgerichtet. Sehnte er sich nach Ruhe und Genuss, so war da für ihn der sauste Ton langgezogener Melodien und der anmuthige Reigen der Tänzerinnen. Drängte es ihn zu dem Ernste des Geisteslebens, in den Hallen der Tempel stand ihm das Studium aller Wissenschaften offen; er hatte Zutritt zu den erlesenen Kreisen, in denen die höchsten Probleme erörtert wurden, konnte theilnehmen an dem geistigen Stolze, der Jahrhunderte später die griechische Philosophie mit dem Stammeln der Kinder verglich. Es war keine plötzliche Aufwallung der Leidenschaft, die Moses veranlasste, all diesem den Rücken zu kehren und die Stärke und Kenntnis, die er in einer herrschenden Kaste erworben, in den lebenslänglichen Dienst der Geknechteten zu stellen. Die Selbstvergessenheit, die sich im Erschlagen des AegypterS offenbarte, strahlte durch sein ganzes Leben. In Gesetzen, die den Charakter eines Volkes bestimmten, in Gesetzen, die bis auf diesen Tag das Los der arbeitenden Millionen erleichtern, können wir die hehre Absicht erkennen. Durch alles, was die Tradition uns von seinem Leben berichtet, zieht sich die eine — gleiche — große Leiden-

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