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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■0 .Ärdarlion: V1H/1, SüftShelgaffs 11. TPrfchst«»den: An Wochentagen von i bis 6 Uhr nachmittags, pofiadrefl«: Bübisches WotkSblatt, Wien, Vl»I1. VrfryNrierden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mannsertvte werden nicht znruekgrstellt. Rostsparcafien-Conto S-70K7. In daS Abonnement kann man täglich eintrcten. mtex Mirwirkmng der Vvm zwischen Volks- Verein erwätzlien PrLfVromnrisston.?f«!fsrate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. TuleS, Haasenfteln & Bögler, Rudolf Mosse, K. Oppclil, M. Pozsonyl, A. Schale! in Wien, ferner alle AnnoncemExpeditionen im AuSlande. Wrrzel-Nnrremer i» Wieu I6 Heller. »mm um uttnmmi wvnBnmmmnmBr* agom ^rffWiWATjfWJQiJwinMBr/AftJwgiaaatii tneammammtumma « Ur. 16 tien, 19. April 1901, Administration: VIII/1, SchlötzelgEe 11. Abonnementspreis: Iür Wien «. Oesterreich-Ungarn fammt Francozustellung. ährig . . Kr. 8.— ihrig . ierteljährig. . 4- 2.- Fiir bas gesummte AnSland sammt Fraiicozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. „ 4.80 225 111. Jahrgang. Organisation. Von Dr. S. R. Landau. „Juden — organisiert Euch!.* Dieser Ruf wird manchen! vielleicht wie ein schriller Ton in den Ohren klingen. Ist doch die Uneinigkeit der Juden zn einem Beispiel und ihre Zwietracht zu einer Tradition geworden — und gar die socialistischen Superklugen, die mit der Verleugnung ihres Volksthums die politische Laufbahn beginnen, werden höhnisch darüber lachen, dass wir den Baron Rotschild mit dem „polischen" Hausierer zusammen vor den schwerbeladenen Karren des Judenthums spannen wollen. Der Ruf nach einer jüdischen Organisation ist ja neu. Die jüdische Intelligenz war bisher gewöhnt, auf fremden Altären zu opfern und ihre Fahnenflucht mit liberalen, kosmopolistischen Fetzen zu bemänteln; die religiösen Heuchler stellten ihre Kahals und Chewras als jüdische Centren hin; während die mit dem socialistischen Jargon Vertrauten voll Selbstüberhebung der vielschichtigen jüdischen Bevölkerung mit ihren mehrfachen Classen und ihrem zahlreichen Lumpenproletariat überhaupt die Fähigkeit zur Organisation abstritten. Die thatsächlichen Verhältnisse entheben uns der Nothwendigkeit, mit diesen Leuten zu polemisieren. Die liberalen Parteien haben abgewirtschaftet, und mit Ausnahme weniger Streber und Mandatsjäger, hat sich die jüdische Intelligenz von ihnen losgesagt; in den jüdischen Kahals herrscht der Geist Taussigs, der Geist — sit venia verbo — des Protzenthums und der Bevormundung, der den angestaunten jüdischen Grundsätzen der Gleichheit ins Gesicht schlägt und die breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung mit gerechter Verbitterung erfüllt — und trotz der socialistischen Kathederweisheit, die den Mittelstand auf den Aussterbeetat setzt nnd lediglich eine Orgamsation des A r b e i t e r st a n d es für möglich hält, macht sich in der jüdischen Bevölkerung, ob Intelligenz, ob Gewerbe-, ob Arbeiterstand immer mehr das Bestreben geltend, sich zum gemeinsamen Kampfe gegen die politischen und wirtschaftlichen Unterdrückung zu vereinigen. Dass sich Herr von T a u s s i g und Herr von G u t t m a n n mit den jüdischen Arbeitern nnd Kleingewerbetreibenden in einer Organisation zusammentreffen könnten, ist vorläufig nicht zu befürchten. Denn diese Herren haben Adel, Geld und Macht, und sie leiden weder unter dem Hass der Völker gegen das Jndeilthum, noch unter dem wirtschaftlichen Druck unseres Zeitalters auf Mittelstand und Proletariat. Politisch und wirtschaftlich gewürgt und gedrosselt werden aber der jüdische Mittelstand und das jüdische Proletariat, nnd darum entringt sich ihrer Brust der erlösende Aufschrei: „Organisation". Das jüdische Volk ist heute weiter denn je von dem Glauben au eine baldige vollständige Erlösung entfernt. Es geschehen heute keine Wunder mehr. ,Die unserem Volke wohl- Judas Frühling Der Frühling kommt, ein jeder Baum Erwacht aus langem, dumpfen, schweren Wintertraum, Die Blätter und die Blüten drängen sich hervor, Rasch breitet sich ein Teppich, gewirkt aus Blumenflor, Die Knospe sprengt die Fesseln, die sie lang umschlossen, Nnd sieht ein gold'nes Licht allüberall ergossen. Auch Dich, o Inda, hat erfasst ein Frühlingsweh'n, Zu lang ersehntem Glanze sollst Du aufersteh'n, Nnd Blüten treibt Dein Stamm, der alte, Den lang umbrausten Wintersstürme, feindlich kalte. Vor Frühlingshauch, da fallen Deine Ketten Nnd Frühlingssturm auch Dich, mein armes Volk, wird retten. Leo S o f e r. „Moses." Von Henry George. (Schluss.) In der vollen Glorie des neunzehnten Jahrhunderts, wo jedem Schulkinde Dinge geläufig sind, von denen die ägyptischen Weisen niemals auch nur träumten, wo die Erde genau bekannt und die Gestirne gewogen worden sind, wo Dampf und Elektricität in unseren Dienst gezwungen werden und die Wissenschaft der Natur ein Geheimnis nach dem anderen abringt — da ist es nur natürlich, znrückzublicken auf die Weisheit der vergangenen Jahrtausende, wie der Mann znrückblickt aus sein Kind es alter. Und doch, bei allem Fortschritte der Wissenschaft, bei all dem enormen Gewinn an Productionsmittetn, wo ist das Land in der civilisierten Welt, wo nicht heute noch Mangel und Unterdrückung wäre, wo die Massen nicht verdammt wären zu Arbeit ohne wollen, werden sich wohl hüten, es durch gleißende Verheißungen zn ködern oder auf die Gunst der Völker und die Gnade der Souveräne zu vertrösten. Das jüdische Volk benöthigt eine Selbstzucht und sine S e l b st e r z i e h u n g, um sich selbst ans diesem Morast, in das es durch indolente Führer gestürzt wurde, emporzuheben; es benöthigt eine politische Schulung, neue wirtschaftliche Kräfte, und ach! leider auch eine moralische Wiedergeburt. Das alles ist aber nur innerhalb einer festen Organisation möglich, die sowohl politisch als auch wirtschaftlich sein müsste. In den politischen Vereinen soll die Bevölkerung aufgeklärt und für das politische Leben erzogen werden. Der Jude, und auch der ärmste, soll hier lernen, seine politischen Rechte zu kennen und zu vertheidigen; sein Bewusssein soll hier geläutert nnd gekräftigt werden — der Jude soll hier sein Rüstzeug zum politischen Kampfe erhalten, damit er ihn auch selbst und im Vereine mit seinesgleichen führen könne, ohne in seinem orientalischen Fatalismus erst warten zu müssen, bis sich ungebetene Protektoren seiner „annehmen". Die wirtschaftlichen Organisationen — Genossenschaften und Vorschusscassen, Gewerkschaften und Fachvcreine — sollen den breiten Schichten durch Zuführung von neuen Ressonreen den wirtschaftlichen Kampf erleichtern, um sie vor dem vollständigen Zusammenbruche zu schützen. Der Arbeiter soll die Möglichkeit haben, sich zum Kampfe gegen das Großcapital zu schulen, der Gewerbetreibende, sich trotz der großcapitalistischen Concurrenz zn behaupten, und der Kaufmannn, billigen Credit zu erhalten. Denn die Politik einer jüdisch-nationalen Partei muss in erster Linie eine Gegenwartspolitik sein. Der größte Feind des jüdischen Volkes ist, der ihm sagt, dass ihm hierzulande überhaupt nicht mehr zu helfen ist. Auch die socialistischen Führer haben vor dem Erfurter Parteitage die Möglichkeit, dass innerhalb dieser Staatsordnung dem Proletariat geholfen werden könnte, geleugnet und mit prophetischer Verzückung den nahe bevorstehenden „Kladderaddatsch" verkündet. In Erfurt wurde trotzdem über Drängen der Arbeiterschaft das Programm geändert oder eigentlich erweitert, indem neben den Zukunftsträumen eine Reihe von realen Forderungen an die jetzige Staatsordnung ausgestellt wurden, die „vorerst" zu verwirklichen wären. Und es bat sich gezeigt, dass die socialdemokratische Partei ihre größten Erfolge diesem Gegenwartsprogramm zn verdanken hat, ja dass sie durch dieses Programm erst aus einer S e c t e zu einer Partei wurde. Analog liegen auch die Verhältnisse beim jüdischen Volke. So lange wir kein neues Haus haben, müssen wir trachten, uns wenigstens im alten wohnlich einzurichten, d. h. uns sittlich und geistig zu heben, durch Aufgebot aller Mittel die Proletarisierung unseres Mittelstandes einzndämmen, unser Lumpenproletariat vor der vollständigen Verrohung zu schützen Unterlass, und wo nicht alle Classen verfolgt sind von einer Gewinnsucht, die das Leben zu einem gemeinen Kampfe macht, um zu erjagen und festzuhalten! 3000 Jahre des Fortschrittes, und noch geht der Schrei zum Himmel: Sie haben unser Leben bitter gemacht mit harter Arbeit m Mörtel und Backstein und mit allen Arten von Frohndienst. 3000 Jahre Fortschritt, und die klagenden Stimmen der kleinen Kinder steigen mit auf in dem Schrei: Wir schreilen vorwärts und vorwärts, wir umgürten die Continente mit Eisenbahnen nnd verbinden die Städte mit Netzen von Telegraphendrähten. — Jeder Tag bringt irgendeine neue Erfindung, jedes Jahr einen weiteren Fortschritt, vergrößerte Produetionskraft und weitere Absatzgebiete. Und die Klage über „harte Zeiten' ist lauter und lauter, und überall sind die Menschen bedrückt von Sorge und verfolgt von Furcht vor dem Mangel. Mit schnellen, stetigen Schritten nnd wundervollen Sprüngen lvächst die Fähigkeit der Menschenhand, die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Und doch ist der Kampf um die bloße Existenz intensiver denn je, und die menschliche Arbeitskraft wird immer mehr zum billigsten Prodnctionsmittel. Neben überfüllleu Warenmagazinen fallen Menschen zusammen vor Hunger und beben vor Kälte: und im Schatten der Kirche haust das Laster, das aus dem Mangel geboren ist. Elend inmitten des Ueberflnsfes, Unwissenheit inmitten der Cultur, Schwäche inmitten gewaltiger Kraft — — und suchen wir die erste Ursache von all dein, das unserer Civilisation eine schiefe und ungleiche Entwicklung giebt, so finden wir etwas, was dieser jüdische Staatsmann schon vor 3000 Jahren erkannte und zu verhindern suchte. Moses sah, dass die wahre Ursache der Bersclavung der Massen in Aegypten dieselbe war wie die, welche überall den gleichen Zustand zur Folge hatte: Das Eigenthumsrecht einiger weniger auf das Land, aus dem und von dem das ganze Volk leben musste. Wo immer das unbedingte Besitzrecht, das nach natürlichem Siechte sich bei Arbeitsprodueten von selbst versteht, auch auf das Land ausgedehnt wird, da theilr sich unbedingt das Volk in zwei ,Classen, der sehr Neichen und der sehr Armen — da wird die Arbeit versklavt — da werden die wenigen die Herren der vielen, aleichgiltig, unter welcher politischen Form — da entsteht Laster und Niedrigkeit, gleichgiltig, unter welcher Religion. Und mit der Voraussicht des philosophischen Staatsmannes, der nicht für die Bedürfnisse deS Tages, sondern für alle Zukunft und zu productiver Arbeit herarlzuzieheu, um, kommt einmal vielleicht der Augenblick, wo das jüdische Volk in der Geschichte noch eine Nolle spielen kann, unserer Aufgabe gewachsen zu sein. Das klingt allerdings nicht so verheißungsvoll wie Schlagworte von baldiger „Erlösung" — aber es ist das Programm ehrlicher Volksarbeit und das Ziel jüdischer Volksorganisation. Wir wollen nicht die Hände apathisch in den Schoß legen und auf Wunder warten, bis uns inzwischen das Dach über dem Kopfe zusammenbricht — das überlassen wir Narren und Träumern. Das jüdische Volk braucht gegen seine inneren und äußeren Feinde rasche Hilfe. Und die Noth zwingt nicht nur zum Gebet, sondern auch zur Einigkeit, zur Vereinigung. Wenn die Pflichten gegenüber dem eigenen Volke zu den ersten und heiligsten gehören, so gibt es für die österreichischen Juden keine heiligere Pflicht als — sich zu organisieren. Ein Hort jüdischer Einigkeit. „Fruchtbarer Boden ist hier, und trefflicher Samen, auch Sonnenstrahl und Morgenthau, nur die Kraft fehlt, sie alle zu vereinigen. (M. A. Günzburg.) Der Satz, dass Einigkeit Kraft bedeutet, bezieht sich nicht allein auf physische Dinge, mehr noch gilt dies von moralischen Kräften, die «»gekannt und brach liegen, wenn sie zerstreut und abgesondert wirken, und sogleich zur gebietenden Macht werden, wenn das ins Tausendfache Zersplitterte zu einer höheren Einheit verbunden wird. Wir Juden haben in vergangenen Zeiten mehr als einmal den Beweis hierfür erbracht. Unsere Gegner waren uns in physischer Beziehung überlegen, und wenn wir dennoch immer wieder als Sieger Hervorgiengen, wenn wir dennoch unsere Existenz gegen die übermächtige Gewalt von Bosheit und Tücke gerettet haben, so war es einzig nur allein die moralische Kraft, die in uns war und die sich stärker als physische Uebermacht erwiesen hat. Die ethische Einheit, welche im Schoße des Judenthums war, hat dieses Wunder zustande gebracht. Aber gerade, was das Stärkste in uns war, ,'ist uns in letzter Zeit vielfach abhanden gekommen. Während unsere Feinde sich immer wieder trotz erbitterter Fehde der Einzelnen zusammeiiflndell und in Reih und Glied gegen uns aufmarschieren, ist unsere vielfach gepriesene Einigkeit, die uns bis jetzt über alle Gefahren hinweghalf, geschwunden und zerbröckelt. Gibt es also keine Kräfte mehr in uns, können wir uns nicht mehr zn einer Macht anfraffen? Doch, wir könnten es! Wenn wir Umschau halten über alle jene Factoren, welche einen menschlichen Gesellschaft zn Macht und Ansehen verhelfen, so finden wir, dass all diese Factoren auch inner- Gesetze schafft, suchte er, mit Mitteln, die seiner Zeit und den Verhältnissen entsprachen, diesem Jrrthmn vorzubeugen. Ueberau in den rnosaischen Gesetzen wird das Land behandelt als ein Geschenk des Schöpfers au alle seine Geschöpfe — keiner hat ein Recht, es zn monopolisieren. Ueberall ist es „nicht Dein Eigenthnm, nicht das Land, welches du gekauft, oder das Land, das Du erobert hast, sondern das Land, welches der Herr, Dein Gott, Dir c\ibt" — „das Land, welches der Herr Dir verleiht". Und mittelst praktischer Gesetzgebung, durch Bestimmungen, die er mit einen: heiligen Charakter umgab, suchte er dem Unrecht vorznbeugen, das die alten Cnltnren in Despotismus verwandelte — das Unrecht, das in späteren Jahrhunderten Rom zn Falle brachte, das schuld war an der polnischen Leibeigenschaft nnd dem Elend Irlands, das Unrecht, das ganze Familien in einzelne Zimmer zwängt hier in dieser Stadt und die neuen Staaten jenseits des Atlantischen Oceans mit Landstreichern füllt. Er sorgte nicht nur für die gleichmäßige Bertheilung des Landes unter das Volk nnd für die Schonung des Landes durch das Brachjahr, sondern auch durch die Institution des Jubeljahres für die Noneintheilnng des Landes nach jedem fünfzigsten Jahre — auf diese Weise die Möglichkeit der Monopolisierung verhindernd. Ich will nicht 'sagen, dass diese Bestimmungen das unbedingt Beste zur Erreichung dieses Zieles waren, was damals ersonnen werden konnte; denn Moses hatte, wie alle großen constructiven Staatsmänner, mit den Werkzeugen zn arbeiten, die ihm zur Hand waren, und mit dem Materiale, das er vorfand. Noch weniger will ich behaupten, dass Formen, die für jene Zeit nnd jenes Volk passten, aus jede Zeit mrd' ans jedes Volk anwendbar wären. Ich will nicht d:e Verehrung der Form, sondern die Anerkennung des Geistes. Und doch, wie alltäglich ist es, die Form zn verehren und den Geist zll verleugnen. Es sind viele, die da glauben, dass tue mosaischen Gesetze buchstäblich vom Allmächtigen diktiert wurden, und die doch jede Anwendung ihres Geistes auf die heutigen Verhältnisse als irreligiös und coimnunistisch denuneieren würden. Und doch, wie viel schulden wir bis ans den heutigen Tag diesen Institutionen! Das einzige bis auf diesen Tag, was zwischen unseren arbeitenden Classen und Frohndienst ohne Unterlass steht, ist eines dieser mosaischen Gesetze. In der politischen Oekonoinie ist nichts klarer erwiesen, als dass unter den heutigen

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