Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. April 1901 Seite 5 kamen. Darauf weist das Weilen der Juden (Handelsvermittler zwischen Europa und Asien) in den chagarischen und slavisch-ruthenischen Städten hin. Mehr oder weniger um diese Zeit begannen auf das Los europäischer Juden derartige Verhältnisse Einfluss zu haben, die sie immer mehr in die slavischen Länder hinausdrängten. Das päpstliche Rom zog allmählich das europäische Leben in die Sphäre der kirchlichen Interessen; infolge dessen wurden die Juden aus dem Antheil in diesem Leben ausgeschlossen. Anfangs bestrebte sich das Christenthum, die Juden auf friedlichem Wege zur Taufe zu bewegen. Als in dieser Richtung keine Erfolge erzielt wurden, begann man immer mehr die bürgerlichen Rechte der Juden zu beschränken. Ueberhaupt wurden sie von den Herrscher-Aposteln unterdrückt. Justinian verschärfte noch die Sondergesetze für Juden des Constantin und Theodosius. Im westlichen Imperium waren schon zuzeiten Karls des Großen die Beschäftigungen der Juden auf Handel, Gewerbe und Wucher reduciert. In jene Zeit fallen auch die ersten Judenverfolgungen. Als das Reich Karls des Großen auseiuandergieng, überließeu die Herrscher Frankreichs, Germaniens und der einzelnen Theile Italiens der Kirche die vollste Freiheit in Bezug auf Juden. Schon im Jahre 855 wollte Ludwig II. alle Juden aus Italien vertreiben. Vom X. Jahrhundert angefangen war die Osterwoche für Juden eine Zeit schrecklicher Verfolgungen. Während des ersten Kreuzzuges (1096) wurden große Mengen Juden in Trier, Speier, Worms, Mainz und Köln unter schrecklichen Martern gemordet, weil sie das Christenthum nicht annehmen wollten. Während des zweiten Kreuzzuges litten die Juden viel in Frankreich. Der habsüchtige Philipp II. August (1180—1223) vertrieb oder berief die Juden, je nachdem es seine Casse erforderte. Die Vorkehrungen zum dritten Kreuzzuge fühlten schmerzlich die englischen Juden, deren Verfolgungen so lange währten, bis sie im Jahre 1240 gänzlich aus England vertrieben wurden. Die verfolgten Juden flüchteten sich nach Osten in die neuen slavischen Staaten, wo Religionstoleranz herrschte, brachten mit sich ihre antisocialen Eigenschaften, wie den Wucher, Frucht jahrhundertlanger Verfolgung. Die westliche Kirche trat zu jener Zeit strenge gegen Zinsgeschäfte auf und erlaubte ihren Anhängern nur, bei „Ungläubigen" Geldgeschäfte zu besorgen. Dadurch kamen die Juden zu großem Einflüsse einerseits, andererseits aber wurden sie Sündenböcke aller Nebel. Es kann angenommen werden, dass sich in den südlich ruthenischen Landen um diese Zeit außer Bibeljuden auch Talmudjuden anzusiedeln begannen. Letztere waren — dank den Bedingungen, unter welchen sie in Westeuropa lebten — Specialisten in Handel und Wucher. Es muss gesagt werden, dass die socialökonomischen Eigenschaften der damaligen südlichruthenischen Lande, welche keinen organisierten Handelsstamm besaßen und den Ueberfällen von Nachbarn häufig ausgesetzt waren, den westlichen Juden gute Bedingungen für ihre Thätigkeit boten. Dieselben Merkmale, die die Juden bis auf unsere Zeit charakterisieren, hafteten schon ihren Ahnen zu Zeiten Swiatopolks II. und Wolodymirs Monomach an. Zuzeiten dieser beiden Herrscher wurden die Juden von den Einwohnern und Fürsten, ob der Concurrenz dem einheimischen Handelsstande gegenüber, gemaßregelt, obzwar sie ständig, nicht provisorisch jene Lande bewohnten, was aus Chroniken festgestellt wurde. So heißt es, dass im Jahre 1124 das Judenviertel im nordöstlichen Theile Kiews abgebrannt wurde. Auch in anderen Handelsstädten, wie Lubetsch, Tschernyhiw, wohnten Juden. Wenig jüdische Ansiedlungen gab's aber in nördlichen Gegenden ruthenischer Lande. Sv beweinten sie in Wolodymir an der Klasma den Fürsten Andrij Boholubski 1175. Den Wolyner Annalen zufolge, wurden die Juden ob ihres Handelsgeistes und ihrer dynastischen Treue sehr geschätzt (sie beweinten im XIll. Jahrhundert den Fürsten Wasylko). (Fortsetzung folgt.) Joseph Reinachs Geschichte der Dreyfus-Affaire. Von Gmil Ney. (Schluss.) Ein ganzes Capitel des Buches ist der „Libre Parole“ gewidmet und dem jesuitischen System Drumonts, der die Geheimnisse des Nachrichtenbureaus von H e n r y entgegennahm, um den Judenhass der Menge aufzustacheln und mit diesem Hasse wieder diejenigen Elemente zu terrorisieren, welche in der Regierung, dem Generalstab und der Presse dem widerrechtlichen Verfahren Widerstand entgegenzusehenMiene machten.Erbarmungslos ruft uns R e i n a ch ins Gedächtnis zurück, wie selbst Männer, wieC asimir P e r i e r, I a u r e §, Clömenceau diesem Terrorismus unterlagen und selbst in den Hassausbrnch mit einstimmten. Und dennoch glaubt der Verfasser wieder in einem anderen Capitel das Vertrauen auf die Jnstincte der Masse anssprechen zu sollen. Reinachs persönliche Bemühungen beim Präsidenten der Republik und beim Ministerpräsidenten Dupuy für die Oeffentlichkeit der Verhandlungen des ersten Kriegsgerichtes waren erfolglos geblieben; der Vertheidiger Dreyfus', D e m a n g e, war zu loyal, um den Gewaltact M e r c i e r s mit einer Veröffentlichung der Anklageschrift zu beantworten, die das Gesetz bei einer geringfügigen Geldstrafe verbot. Aber Mathieu Dreyfns hätte dieses Vergehen auf sich laden können, um die öffentliche Meinung über die Jnhaltlosigkeit und Nichtigkeit der gegen seinen Bruder erhobenen Anklage aufzuklären. Der Proeess in Rennes dementiert diese optimistische Meinung Reinachs nur zu bitter. Das Buch von Neinach umfasst nur die Ereignisse von 1891- und 1895 bis zum Augenblick, wo Dreyfns die Insel Re verließ, um die Trauerfahrt nach der Teuselsinsel anzutreteu. In diesen: Zeitrahmen ist aber alles gruppiert, was die späteren Offenbarungen ans Licht gebracht haben, und so stellt das Buch eine Reconstruction der Dreyfus-Affaire dar, die uns unwillkürlich in die lebendige Entwicklung jener Tage zurückversetzt) seinen besonderen Reiz aber erhält es durch die abschließenden Charakterzeichnungen. die den Hauptpersonen des Dramas gewidmet sind. Casimier P e r i e r und Charles Dnpuy sind mit ebensoviel Freimuth porträtiert, wie die M e r c i e r. Henry, D r u m o n t und ihre Genossen; in ungemein packenden Parallelen sind diese Personen unter sich und mit Dreyfns verbunden, so dass dieser selbst unmerkbar zum Mittelpunkt des Ganzen und zur Hauptperson wird. Diese Porträts auch nur in Strichen wiederzugeben, würde den Rahmen dieser Besprechung, die nur eine Empfehlung sein soll, überschreiten; wir begnügen uns, das Bild von Alfred D r e y f u s selbst zu skizzieren. Als junger Hauptmann kam Dreyfus aus Grund seiner hervorragenden Qualificationen in den Generalstab; er fand sich hier in einer Umgebung, der er fremd war, und die ihn abzustoßen trachtete. Der Generalstab ergänzt sich nicht ausschließlich aus den tüchtigsten Elementen der Armee, sondern auch aus den Reihen derer, die die höchste Protection genießen) für manchen ist der Generalstab lediglich ein Mittel, in Paris leben zu können, anstatt in einer langweiligen Garnison des Ostens. Die Officiere des Generalstabes beobachteten eine gewisse Exelusivität; eine Gruppe unter ihnen las mit Eifer die „Libre Parole“ und unterstützte deren seit zwei Jahren gegen die jüdischen Officiere geführte Campagne) die heftigsten unter ihnen waren der Major Berlin, der seine Abstammung aus jüdischer Familie durch fanatischen Judenhass verwischen zu müssen glaubte, und der Chef des Nachrichtenbureaus Oberst Sandherr, ein Elsässer, der den Antisemitismus als eine Art Sport pflegte. Als Dreyfus von der Kriegsschule zum Generalstab commandiert wurde, suchte Sandherr den General v. Miribel auf und beschwor ihn, diesen Sohn der verfluchten Rasse doch nicht in den geheiligten Ort eindringen zu lassen. Picquart, der damals die jungen Officiere zu placieren hatte, kannte diesen Geisteszustand im Generalstab so gut, dass er Dreyfus der Manöoerseetiou zutheilte, wo es keine Geheimnisse gab, und die unter dem Befehle eines vorurtheilslosen Officiers Mercier-Milon stand. Dreyfus befand sich also im Generalstab in einem ihm absolut feindlichen Milieu und und er fühlte das ohne Zweifel selbst. Selbstbewusst und stolz auf sein Wissen und Können, zog er sich in sich selbst zurück; sein Ehrgeiz war der militärische Beruf, dem er alle Bequemlichkeiten opferte, die das Leben dem Reichen hätte bieten können; außer dem Berufe lebte er nur seinerFamilie, in der die glücklichste Harmonie herrschte. Die Kluft zwischen Dreyfus und seinen Kameraden erweiterte sich natürlich immer mehr, je sicherer er sich den Anforderungen des Dienstes gewachsen zeigte. Während einer Uebungsreise des Generalstabs unter Führung Boisdeffres selbst kamen die Officiere eines Abends beim Essen in Charmes an der Mosel auf technische Fragen zu sprechen) Dreyfus beherrschte mit seiner Sachkenntnis das Gespräch dermaßen, dass Boisdeffre ihn nach Tisch am Arme nahm und über eine Stunde mit ihm aus der Moselbrücke hin- und herpromenierte. „Von dieser Unterhaltung/' sagt Reinach, „bewahrt Dreyfus das Gefühl der Dankbarkeit für Boisdeffre, das ihn später in seiner Leidenszeit so oft überkommt. Aber man hätte auch die Bemerkung hören sollen, welche die dem Generalstabschef und Dreyfus in einiger Entfernung folgenden jungen Officiere in ihrem Aerger austauschten.- In diese Umgebung des Dreyfus, deren Neid in Hass ausgeht, weil er Jude ist, fällt das Borderau) man sucht durch Schnftvergleichungen den Verfasser zu entdecken, der im Generalstab sitzen soll) ohne weiteren Verdacht auf bestimmte Personen findet man natürlich nichts, denn der wirkliche Verfasser dient bei einem Regimente in Rouen. Da kommt einer der Officiere auf den Gedanken, das Borderau müsse von einem „Stagiaire" herrühren, weil diese Zutritt zu allen Abtheilungen des Generalstabes haben) und nun fällt ein anderer auf den Namen Dreyfus. Sandherr springt auf, schlägt sich vor den Kopf und ruft: „Dass ich das nicht gleich gefunden habe!" Das Wort ist gefallen wie eine Erlösung) es gibt keine Untersuchung, keine Beweise mehr, nur noch die eine Ueberzeugung, dass der Jude der Berräther ist, weil er Jude ist. „Einigen drängt sich diese Erkenntnis vielleicht gegen ihren Willen auf, was umso schrecklicher ist. Aber von diesem Augenblick an wird alles, wie durch eine plötzliche Krystallisation, zum Beweis gegen den Unglücklichen; die Beweise ergeben sich aus dem Schluss) was jeden anderen entlastet hätte, belastet ihn: der Patriotismus des Elsässers ist Komödie, sein Lernbegier die Neugier des Spions." In wenigen Tagen ergreift die Wildheit, die an grausame Lust grenzt, den ganzen Generalstab, die Armee, das Land. Henry findet sich schnell mit der neuen Wendung ab: er mischt sich ist die Untersuchung, um diese zu fälschen, und da er keine Kritik findet, wird er immer dreister. „Bei aller Vorsicht ist Henry ein Mann der That. Er kennt die Gewalt eines Wrgstückes über Zögernde. Plebejer nach seiner Bildung, kennt er die geistige Leere aristokratischer Literaten und falscher Gelehrten. Er kennt ihren Judenhass und ihren Herzenswunsch, den Inden schuldig zu sehen. Er weiß, dass sie von jetzt, an alle seine gröbsten Erfindungen ohne Bedenken annehmen, wenn sie nur ihrer Sache dienen sollen. Entweder bemerken sie seine Schurkerei nicht, oder sie durchschauen ihn) dann wird er so thun, als ob er das nicht bemerkte. — Du Paty sucht mit wildem Inquisitor-Eifer Beweise — Henry, in Ruhe, schmiedet sie." Von Dryfus entwirft Neinach eine Schilderung, welche vieles berichtigt, was bisher in Umlauf war; wir geben sie so ausführlich wieder, wie sie und ihr Gegenstand es verdienen: „Dreyfus hatte nichts von einem Bühnenhelden. Er war von mittlerem Wuchs, hohen Schultern und etwas gewölbtem Rücken. Sein Gesicht, von zartem Oval, zeigte rauhe Züge, sein matter Teint färbte sich bei jeder erregteren Blutwallung roth; sein Auge unter dem unwandelbaren Zwicker, hatte den starren Blick des Kurzsichtigen, die kurz geschorenen blonden Haare schillerten ins Graue) die ganze Physiognomie hatte etwas Strenges ohne jede Feinheit; die Stimme war eintönig, in den tiefen Noten wie in der Höhe; sie verrieth ein glühendes, aber durchaus inneres Leben. Ich habe Dreyfus zum erstenmale erst fünf Jahre später gesehen, in Villemaries bei Carpentras, einen Monat nach seiner zweiten Verurtheilung, und dann in Cologny am Ufer des Genfer Sees während langer Tage. Vielleicht habe ich unter der gealterten Hülle den Manu geahnt, vielleicht hat sich auch sein Wesen versteinert unter dem Druck des Schmerzes, und vielleicht hat er die Fehler der Vorzeit auf dem Grunde seines Leidensbechers zurückgelaffen) jedenfalls gieng ein großer Zauber von ihm aus. Das macht aber nicht seine äußere Erscheinung, die in Haltung und Bewegung nichts Tragisches aufweist, wie mau es bei dem Opfer eines Justizirrthumes suchen möchte. Ec ist ein Unglückicher, der gegen das Geschick kämvst, ein Held, der sich nicht an die Brust schlägt, ein Märtyrer, der den Stolz hat, seine Leiden zu verbergen, ein Mensch von tiefster Empfindung, die aber nur im Innern zittert, ein Soldat vor allem, der steif unter der Waffe steht, bereit, ohne Klage zn sterben, aber aufrecht." Mit gleichem Zartgefühl führt uns Neinach die Gattin des Unglücklichen nahe; er schildert, wie du Paty nach der Verhaftung Dreyfus' sich in dessen Wohnung vorstellte. „Madame, ich habe eine traurige Sendung zu erfüllen." — „Mein Mann ist tobt!" schreit sie. — „Nein, schlimmer als dies," fährt du Paty fort. Sie begreift nicht mehr, und beginnt zu fragen: „Ist er vom Pferd gestürzt?" — „Nein Madame, er ist rm Gefängnis." Frau Dreyfus drängt in ihren Peiniger; sie will den Aufenthalt ihres Mannes wissen und den Grund seiner Verhaftung, um seine Brüder zu verständigen. Du Paty antwortet kalt: Ein Wort, ein einziges Wort von Ihnen wäre sein sicheres Verderben; das einzige Mittel, ihn zu retten, ist Schweigen." Die Arme glaubte dem Schurken, und du Paty hatte die Beruhigung, dass ein Eingreifen des Bruders Mathieu Dreyfus nicht zu befürchten war. Die List war keineswegs von du Paty improvisiert, sie war abends zuvor in einer Berathung bei Mereier, der Boisdeffre anwohnte, beschlossen worden. Frau Dreyfus erlangte die Herrschaft über sich selbst rasch wieder; Frau eines Soldaten, wollte sie sich ihres Mannes würdig zeigen; mit lauter Stimmue gab sie der Ueberzeugung Ausdruck, dass ein abscheulicher Jrrthum vorliege, und üolz geleitete sie du Paty, welcher zurWaussuchung schritt. Unverdientes Unglück hat einen Segen; es erhebt den Menschen, den es trifft, über sich selbst zu ungeahnter Heldengröße. In dem stillen Glück ihres Familienlebens zeigte Frau Dreyfus eine bescheidene, einfache, eiwas passive Seele, mit kurzen Flügeln. Das Unglück erhebt sie; sie erkennt ihre Pflicht, an ihren Mann zu glauben und ihn am Leben zu erhalten durch ihren Glauben." Die Schilderung, wie Frau Dreyfus ihren Mann vom Selbstmorde abhielt, gehört zu den erschütterndsten Capiteln des Buches. Dem Buche Reinachs wird in wenigen Wochen das Tagebuch Alfred Dreyfus' selbst folgen; es konnte nicht besser eingeleitet werden, als durch diese meisterhafte Geschichte der Dreyfus-Affaire. Dereiilsitttfa Vesimlulllltgsberichte. Wien. (Literarischer Geselligkeit sverein jüdischer Mädchen „M o r i a") Sonntag den 14. April um 3 Uhr nachmittags wird im Vereinslocale, Berggasse 20, Fräulein Camilla Wagner einen Bortrag über das Thema „Was ist Zionismus?" halten. Nachher wird Herr cand. jur. Bela M Felsen bürg das Wort ergreifen und über den „Olmützer Zionistentag und die Mädchenvereine" sprechen. Gäste (Damen) sind herzlichst willkommen. Wien. (Israelitischer Wohlthätigkeits- und Kranken unterstützungs-Verein „M a z m i a ch I es ch u a h" f„H i l f e und Hei l"j, II., Leopoldsgasse 29.) Der eben zur Versendung gelangte Jahresbericht dieses Vereines sagt: Das Bilanz-Conto per 31. December 1900 weist zuzüglich der angeschafften 500 fl. Mai-Rente und nach Abschreibung der Coursdifferenzen bei den dem Vereine gehörigen Wertpapieren im Betrage von 54-48 Kr. ein Vereins vermögen von 27.864-40 Kr. aus und hat sich im Vergleiche zu dem Jahre 1899 per 27.084-82 Kr. um 779 58 Kr. vergrößert. Naturgemäß ist diese Kräftigung des Vereinsverm'ögens in der Gebarung der Caffr zu suchen. Wir hatten eine ordentliche Einnahme von 4976-78 Kr., eine außerordentliche von 1147 Kr., zusammen 6123-78 Kr. Hingegen betragen die ordentlichen Ausgaben 3183-64 Kr., die außerordentlichen 2215-04 Kr., zusammen 5398-68 Kr., wir erzielten also eine Mehreinnahme von 725-10 Kr. Dem Cassastande, welcher 1899 1156.72 Kr. betrug, im abgelaufenen Jahre bloß 893-50 Kr. ausweist, haben wir 263-22 Kr. entnommen, für den Betrag von 988-32 Kr. 500 fl. Mai-Rente sammt laufenden Zinsen angeschafft und dem Vereinsvermögen einverleibt. Wenn wir nun die der Cassa entnommenen 263-22 Kr. Minus oberwähnter Coursdifferenz per 54-48 Kr., zusammen 208-74 Kr., abziehen, so erscheint obiger Vermögenszuwachs von 779-58 Kr. als vollkommen mit dem Conto übereinstimmend. Wir haben also Veranlassung, mit dem erzielten Resultate vollkommen zufrieden zu sein. Die Mitgliederzahl, welche im Jahre 1899 213 betrug, hat sich um 6 verringert und beträgt Heuer bloß 207. Neu aufgenommene Mitglieder sind die Herren Emanuel Gans und Sigmund Tischler, die wir herzlichst begrüßen, und hoffen und wünschen, dass sie Förderer unseres Vereines werden. Zu unserem Leidwesen müssen wir berichten, dass der unerbittliche Tod seine Hand nach einigen unserer Mitglieder ausgeftreckt und sich seine Opfer geholt hat. Es sind dies die ordentlichen Mitglieder: Herren Simon Rech es, Adolf Gold stein, Hermann Hahn, Samuel H olzb au er, Carl Klein, Adolf Poll ak und H. B. W e i n t r a u b und das außerordentliche Mitglied Frau Julie Fei gl. Es ist unsere Pflicht, dem erstgenannten Herrn, Simon Rech es seligen Angedenkens, welcher der Stifter unseres Vereines war, hier einige warme Worte des Nachrufes zu widmen. Der Hrimgegangene war sozusagen der Vater unseres Vereines; seinen humanen Ideen, sowie seinem Wohlthätigkeitssinne hat unser Verein sein Entstehen zu verdanken, er schuf und stiftete ihn. Der Verstorbene griff werkthätig ein, förderte den Verein nach allen Kräften und warb Mitglieder für ihn, damit er sich in weiteren Schichten des jüdischen Volkes verbreite. Der Selige hatte auch die Genugthuung und die Freude, zu sehen, dass seine Schöpfung wuchs und gedieh, und mit Stolz durste er sagen: „Das ist mein Werk! Es verdient seinen Namen „Mazmiach Jeschua", denn es bringt Hilfe und Heil!" Wir schließen diesen Bericht, indem wir unserem Veremsmitgliede Herrn Ignaz L ö w y wegen seiner besonderen Verdienste durch Anwerbung von neuen Vereins Mitgliedern hiermit öffentlich unseren Dank und unsere Anerkennung aussprechen. Möge diese seine Thätigkeit Nachahmung finden, damit unser Verein noch mehr erstarke und gedeihe! JaroSlau. (Verein „B n e i Z i o n".) Am 7. d. M. hielt der hiesige Verein seine General-Versammlung ab. Nach dem Berichte des Sseretärs Herrn S. Rauch, welcher mit Beifall ausgenommen wurde, schritt man zur Wahl, wobei folgende Herren gewählt wurden: Dr. Blumenfeld, Präsident; K o r m a n n, Bicepräsisent) Hange, Schuß heim, Goldschmidt, L u r i Ausschüff e; Brand wein, Nappaport, Vertreter) Lion, S. Rauch, Vogel, Controlore; cand. jur. Sternhell, deutscher Schriftführer; S o n n e n s ch e i n, hebräischer Schriftführer; Strammen, Cassier. Die Wiener Jndenschast in Sage und Geschichte. Im Jahre 1853 erschien in Wien eine Broschüre, gedruckt bei I. P. Sollingers Witwe, ans der Feder des als lyrischer Dichter rühmlichst bekannten Dr. Ludwig August Frankl, der sich bei der Errichtung des Israelitischen Blinden-Jnstitutes auf der „Hohen Warte", sowie durch die Herstellung des „Schiller'schen Monumentes" derartige Verdienste erwarb, dass ihm Seine Majestät Kaiser Franz Joseph als Zeichen allerhöchster Anerkennung den erblichen Adel verlieh mit dem Prädicate „Ritter von Hochwart". Im Jahre 1838 hatte der vielbefähigte Dichter und Schriftsteller das Amt eines Secretärs der Cultusgemeinde in Wien angetreten, und seine erste Sorge war, die Verwirrung und Unordnung in den Gemeindeacten zu beheben, dieselben zu sichten, zu ordnen, sach- und fachgemäß zu verzeichnen und einzureihen. Die Arbeit erforderte einige Jahre zu ihrer Ueberwättigung. Später, nach 15 Jahren, trat er mit dem Büchlein „Zur Geschichte der Juden in Wien" in die Oeffentlichkeit, das er den damaligen Vertretern der Cultusgemeinde, den Herren Leopold Edler von Wertheimst e i n, Josef Wertheimer, Heinrich S i ch r o w s k y, Moritz G o l d s ch m i d, Josef Biedermann, gewidmet hatte. „Als Archivar", sagt er in der Einleitung, „liegt mir der Wunsch nahe, dass hier, wenigstens in Abschrift, alles gesammelt wäre, was das sociale und das religiöse Leben und