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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. April 1901 Nr. 15 die Schicksale der Inden in Oesterreich betrifft, eine rejchströmende Quelle für den Historiker, wenn er dje Culturustd Sittengeschichte des Landes, vorzüglich aber Wiens schreibt." »Wien", sagt er dann, „ist eine an historischen und monumentalen Denkmälern reiche Stadt?' 1 i Zu diesen Denkmälern zählt er auch die Grabsteine, die von Zeiten und Personen Kunde geben, die der Vergangenheit und der Geschichte angehören. Es sind das Monumente, aus vielen Monumenten bestehend, von denen es nur zu, beklagen ist, dass sie nicht nach Würdigkeit und Wichtigkeit Beachtung finden. Wie in den meisten Fällen der Geschichte der verschiedenen Bolksstämme die beflügelte Phantasie mit Dichtungen, Sagen und Legenden allerlei Arten die beglaubigten Thatfachen eröffnet, denselben poranschreitet' und die Wege bahnt, auf denen der Leser dann in die Hallen der Geschichte gelangt, so ist es auch bei den Juden in Oesterreich wahrzunehmen. Nur hat hier die Phantasie ihre kräftigen Schwingen allzu sehr entfaltet und allzu hoch erhoben, von ihrer ungehemmten Freiheit eine allzu gewaltigen Gebrauch gemacht, so dass derselbe schon fast Missbrauch genannt werden kann. Die erfinderische Dichtung nimmt einen derartigen Raum ein. dass sie nicht nur die glaubwürdige Wahrheit wegdrängt, sondern auch selbst die Wahrscheinlichkeit weit hinausstößt. So entnehmen wir dem vorgenannten Büchlein, dass alte Chronisten, wie Haselbach, Hagen, Rasch und der spätere Paulanermöuch Fuhrmann, von einem alten Judenreiche im Lande unter der Enns erzählen, das bald nach der Sündflnt begründet worden sei. Könige, Herzoge und Markgrafen sollen dasselbe beherrscht haben. Sie hatten ihren Hof und Thronsitz bald in Tulln, bald in Stockerau, bald in Korneuburg. Im Jahre 2282 nach der Weltschöpfung, daher 624 Jahre nach der Sündflnt, 1700 Jahre vor Christi Geburt, soll sich der Jude Saunas und nach ihm der Jude Judai S a p t a in Oesterreich angesiedelt haben. Eine andere Tradition erzählt von einem Abraham, der sich 810 Jahre nach der Sündflut mit seinem Weibe S u s a n n a, mit seinen Söhnen Salim und Ataim in Stockerau niedergelassen habe, welcher Ort damals Judaisaptan hieß. Der Chronist zählt 72 Fürsten jüdischer Abkunft aus, von denen er einige sammt ihren Frauen namentlich benennt, die in Nnssdorf, Korneuburg, Greisenstein, Tulln, Stockerau, Neustadt ihre Grabesstätie gesunden hätten, nachdem sie bis 201 vor Christus in Oesterreich regierten. Auch soll ein Grab aufgefunden worden sein, in welches ein Jude Mordechai, aus dem Riesengeschlechte, 2560 Jahre nach der Weltschöpfung zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Gehen wir nun aus dem Reiche der Fabeln und der dichterischen Phantasie in das der Wirklichkeit und der beglaubigten historischen Thatsachen über, so lässt sich der Aufenthalt der Juden in beträchtlicher Anzahl in unserem Reiche erst von Karl dem Goßen an datieren. Wahrscheinlich dürften schon mit den Römern jüdische Familien nach Oesterreich gekommen sein. Ihre selbständige Rechtsbegründung in Oesterreich beginnt aber etst mit dem Herrscher Heinrich Jasomirgott 1156—1177. In der Nähe der Roßau, auf dem Stapelplatz der Donau, am oberen Werd, soll die allererste Ansiedlung der Juden in Wien stattgefundeu haben. Daselbst wurden bei einer Brunnengrabung in bedeutender Tiefe Baumstämme, irdenes Geschirr und auch Leichensteine gefunden, deren Inschrift jedoch nimmer lesbar war. Die erste Urkunde über einen jüdischen Begräbnisort stammt aus der Zeit des letzten Babenbergers, Friedrich des Streitbaren, Herzog von Oesterreich 1230—1246, der den Juden Wohwollen erwres und Gesetze zu ihren Gunsten erließ. Vom Jahre 1385 findet sich folgender amtliche Bericht im Buche der Käufe Seite 159: „Ulrich Bader vor dem Kärntnerthor in Wien und seine Erben verkauften ihre Badestube in der Nähe des jüdischen Friedhofes" u. s. w. Aber im Jahre 1421 erhob sich ein Aufstand gegen die Juden. Da wurden ihre Häuser, die Synagoge und der Friedhof demoliert, die Grabsteine vandalisch zerstört oder zu Grundsteinen verwendet. Die gegenwärtig ältesten Urkunden über einen jüdischen Friedhof in Wien datieren vom Jahre 1629 und 1641. Am 10 Juli 1669 erschien vom Kaiser Leopold I. der Befehl, dass sämmtliche Juden Wien und Oesterreich verlassen müssen. Da kaufte der Magistrat den Stadttheil der Juden für 100.000 fl., der von da an Leopoldstadt nach dem Namen des Kaisers genannt wird. Zwei gottesfürchtige Brüder, Isaak und Israel, Söhne des Kopel Frankl, erlegten beim Magistrat, bevor sie den Wanderstab erfassten, um zu neuem Leid und frischen Kränkungen in die unbekannte Fremde hinwegzuziehen, die für damals und auch für heute noch nicht unbedeutende Summe von 4000 fl. in Silber dafür, dass der in der Seegasse befindliche Friedhof unangetastet mit allen Grabdenkmälern forterhalten bleibe, worüber der Magistrat und der Bürgermeister eine Gewähr, datiert am 12. Juli 1671, ansstellten und fertigten. Die edlen Brüder, die für die Erhaltung des Friedhofes in der Seegasse 4000 fl. ausgezahlt hatten, überließen 1686 mittelst einer hebräisch abgefassten Urkunde vom Monate Kislew 5456 denselben ihrem Oheim Israel, Sohn Kopel Frankls aus Wien, Rabbiner zu Brody, als Geschenk. Bon diesem erwarb den Friedhof daun durch Ankauf der Hof-Factor Kaiser Leopolds 1., Samuel Oppenheim, der sich als Mäcen uno Wohlthäter seiner Glaubensgenossen bei vielen Anlässen erwies. Als die Juden wieder bald hernach nach Wien zurückkehrcu durften, benützten sie den Friedhof in der Roßau als Beerdigungsstütte bis 1784. Im selben Jahre mussteu auf Befehl Kaiser Josefs alle Gottesäcker außerhalb der Linien Wiens verlegt werden. Die Juden kauften dann eilten neuen Begräbnisplatz vor der Währinger Linie an. Doch blieb der alte Friedhof mittelst höchster Genehmigilug verschont und erhalten, worüber eine Urkunde vom 17. Mai 1784 ausgestellt und vom Grafen von Berger und Hegelin unterzeichnet ward. Samuel Oppenheim verblieb der Besitzer des Friedhofes. Als die hölzerne Umfriedung während der türkischen Belagerung vom Feuer verzehrt wurde, ließ derselbe eine Mauer von Stein aufführen, die jedoch 1784 bei einer Ueberschwemmung von der Hochflut unterwaschen und zerstört wurde. Viele, und zwar die allerältesten Grabsteine fielen dem Gewässer damals zum Opfer. Auch das von Oppenheimer begründete Spital litt arge Beschädigungen. Der hochherzige Kaiser Josef erschien persönlich darin, sah die Verwüstung und ordnete den Wiederaufbau des Spitals an, das 1793 fertiggestellt war.! Um diese Zeit kaufte die Gemeinde der Israeliten Wiens den Friedhof und das Spital von den Erben Oppenheimers. Seitdem sind sie Eigeuthum der Cultusgemeiude. „D. Jsr. Z." MLttherLmrgen ans dem P,rkUcmrr. (Das dritte russische Dampfbad in Wien) werden gewiss die Leser dieser Notiz, welche im neunten Bezirke und der angrenzenden Brigittenau, sowie am Franz Josephs-Quai wohnen, mit Freuden begrüßen. Das Bad, welches vom Herrn Georg Legat erbaut wird, dürfte anfangs Mai der Oeffentlichkeit übergeben werden. Ein Dampfbad I. El. inclusive Wäsche, Hühneraugenschneiden und Frottieren kostet nur 1 Krone, im Abonnement sogar nur 80 Heller. Wenn man bedenkt, dass das Bad mit allem Comfort ausgestattet ist und dass der Betriebsleiter desselben, Herr Z u sag, durch 18 Jahre in Wien als Bademeister thätig war, somit die Anforderungen, namentlich der Israeliten, an ein j russisches Bad genau kennt, so kann dieses Bad unserer Cultusgemeinde auf das beste empfohlen werden. Der Tag der Eröffnung wird durch Placate rechtzeitig bckanntgegeben werden. (Der moderne Zug in der Kunst.) durch das Handwerk sich dem Volke mitzutheilen, wirkt auf das Handwerk ungemein belebend und erhebend ein. Man kann sich in dem Atelier Therese B u x b a u m, II., Leopoldsgasse 30, überzeugen, mit welcher künstlerischen Feinheit die Monogramme und Stickereien auf den Brautausstattungen und Tapisserien ansgeführt sind. Wir laden alle Damen ein, sich selbst durch einen Besuch im Atelier von der Schönheit und Neuheit der Muster zu überzeugen. (Im Hcrrcnrnodc-Geschäft Aohann Hockt), I., Herrengasse 4, ist die reichste Auswahl in sämmtlichen Fotons von Cravatten zu finden. Herrenwäsche wird solidest ausgeführt. Passender Schnitt garantiert. Briefkasten. Zionistentag tu Olmiitz. Es ist sonderbar, von uns einen Bericht über den Parteitag in Olmütz zu fordern, nachdem unserem Vertreter vollständige Discrction auserlegt wurde. Wenn die Veranstalter des Zionistentages dies fordern, so werden sie ihre Gründe dafür haben, dass der Parteitag nicht allzu viel vom Lichte der Oeffentlichkeit beschienen wird. Wir ersuchen alle auswärtigen Leser unseres Blattes, uuS Nachrichten ans dem Gemeinde- und Vereiuslebcu der dortigen Judenschaft zu geben. Besonders erwünscht ist die Einsendung antisemitischer Localblätter, welche Angriffe gegen die Inden enthalten. Die Sprechstunden des Heirnatsrechts- Bureaus des „Jüdischen Bolksvereirres" sind jeden Dienstag, Donnerstag nnd Samstag von Vo.7 bis 8 Uhr abends. Auskünfte in Heimatsrechts - Angelegenheiten ertheilt weiters die Redaction dieses Blattes. Die Frei-Lesehalle ist an Wochentagen von 12 bis 3 Uhr mittags und von O bis 10 Uhr abends, an Sonntagen von 0 bis 2 Uhr, an Samstagen und jüdischen Feiertagen von 10 bis 4 Uhr mittags geöffnet. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Knlke. (Fortsetzung.) Ich muss gestehen, dass mich dies verletzt hat, wie wenig ich sonst mich daran gewöhnt haltd, derartige Aenßerungen mädchenhafter Launen als Beleidigung attzusehen: denn ich war der Meinung, dass ich irgendwelche Ungeschicklichkeit begangen und dass Aurelie es bemerkt habe. Ich hielt mich daher, da alles auf die Angekommenen zuströmte, um sie mit Höflichkeiten zu überschwemmen, in etwas bescheidener Entfernung. Sie wurde förmlich belagert und mit Fragen überschüttet. Wann sie angekommen sei und wie es ihr in der fremden Stadt gefalle, und ob es sie freue, nun hier zu bleiben, und ob sie schon einige Merkwürdigkeiten der Stadt besichtigt, und ob sie eine Freundin vom Theater sei, und ob sie Kunstgenüsse der Natur vorziehe, und dass sie wahrscheinlich musikalisch sei und vortrefflich Clavier spiele, und ob sie gerne Gemäldegalerien besuche, und noch anderes ähnliches albernes Geschwätz, das alles sollte Aurelie in dem Zeiträume von fünf Minuten beantwortet haben. Die jungen Leute boten ihr ihre Dienste an und versicherten, sie möge über ihre Zeit disponiren, sie würden ihr immer bereitwillig zur Verfügung sein; man schlug ihr sofort allerlei Arten städtischer Vergnügungen vor. Die Frau Geheimräthin erbot sich, Aurelien, wenn sie ihr das Vergnügen machen wolle, ihre Handschriften-Sammlung berühmter Männer zu zeigen; die magere Hofrät hin lud sie für den nächsten Tag zu sich, wo sie Gelegenheit haben werde, einen geistreichen Professor über das „Ich und Nicht-Jch" einen Vortrag halten zu hören; die dritte machte ihr eine Einladung zu der demnächst in ihrem Hause stattfindenden Kindertheater-Vorstellung, und so ging es in einem fort. An Aurelien glaubte ich zu bemerken, dass dies alles auf sie einen Eindruck hervorbringe, als ob sie in einem Bienenschwarm hineingerathen wäre. Ihre Augen schienen etwas zu suchen, sie trafen mich und sachten in meinen Herzen eine Glut an, wie ich sie früher nie empfunden hatte. Da fuhr mir plötzlich der Uebermuthsteusel durch den Kopf, ich hatte eine tolle Laune, und augenblicklich erhob ich mich, dieselbe auszuführen. Entschlossen trat ich ■ auf die Gruppe zu und sagte: „Mein Fräulein, Sie sind unwohl! Sie werden gut' thun, den Salon zu verlassen und sich in eins der Seitenzimmer zu verfügen." Ich sagte dies mit solchem Ernst, dass alle ringsumher sprachlos dastanden. Aurelie erröthete lieblich und war im Erröthen noch schöner als zuvor. Die Frau des Hauses und der Vater Aureliens begleiteten das Mädchen in ein Seitengemach, in welches sie so willig gieng, als ob sie sich wirklich unwohl gefühlt hätte. Der Vater kam rasch zurück und fragte mich besorgt, was seiner Tochter fehle, und woran ich ihr Unwohlsein erkannt habe. „Die Diagnose", antwortete ich laut, dass man es im ganzen Salon vernehmen konnte, „ist das Geheimnis des Arztes; aber beruhigen Sie sich, mein Herr!" fügte ich leise und nur ihm allein vernehmbar hinzu, „ich hoffe, Ihr Fräulein Tochter wird mir für das ihr angedichtete Unwohlsein dankbar sein/ Der alte Herr sah mich mit einem durchdringenden Blicke an, der sagen zu wollen schien, mit welchem Rechte ich mir einen solchen Scherz habe erlauben können. Darauf stürzt er rasch in das Seitengemach, wo sich Aurelie befand, kehrt aber nach wenigen Minutm zurück, ruft mich beiseite und sagt mir : „Meine Tochter lässt Ihnen sagen, dass Sie ein Schalk sind, und lässt den Herrn Doctor fragen, ob sie noch länger in Haft bleiben oder zur Gesellschaft zurückkehren soll." „Ich habe Fräulein Aurelien nur einen Ausweg verschafft," erwiderte ich, „alles Uebrige hängt jetzt selbstverständlich von ihrem eigenen Willen ab. Meine Ordination ist nicht mehr nöthig. „Sie sind ein merkwürdiger Mensch, Herr Doctor!" sagte der Alte hierauf zu mir, indem er mir kräftig die Hand schüttelte, „und wir werden uns freuen, wenn wir Sie heute nicht zum letztenmale gesehen haben. Wollen Sie uns morgen das Vergnügen machen?" Hierbei nahm er eine schöngestickte Brieftasche heraus, öffnere dieselbe, überreichte mir seine Karte, und kurz darauf erschien Aurelie an seiner Hand wieder im Salon. Nasch war sie wieder von einer ganzen Schar umringt; natürlich hielt es jeder für seine Pflicht, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, den unangenehmen Zwischenfall zu bedauern und das Glück zu preisen, dass zufällig ein Arzt anwesend sei, der dem Uebel sogleich im Entstehen Einhalt gebieten und dadurch ein größeres Uebel verhindern konnte. Die Scene hatte etwas unendlich Komisches. Fragte sie einer: „Nun, mein Fräulein, wie fühlen Sie sich jetzt?" so lächelte Aurelie schelmisch: „Darüber müssen Sie den Herrn Doctor fragen!" Wandte sich einer an sie mit der Frage, was ihr denn eigentlich gefehlt habe, so lächelte sie noch schelmischer und erwiderte: „Das kann Ihnen am besten der Hetr Doctor sagen!" Kurz, ich war der Ableiter aller belästigenden Fragen; denn diese Antwort wurde so sterotyp, dass die Gäste einerseits darüber von weiteren Fragen abließen, andererseits aber sämmtlich in dem Urtheil übereinstimmten, Aurelie müsse ein echtes Gänschen sein, eine Art Landpomeranze, die nicht einmal über ihr eigenes Befinden Bescheid zu geben wisse und hierzu erst der Hilfe eines Arztes bedarf. Als man sich trennte, begleitete ich Aurelien und ihren Vater bis zum Wagen. „Sie halten mich doch für einen Charakter?" sagte Aurelie, als sie bereits tm Wagen saß, während ihr Vater mit Herrn Schauensteiu, der ebenfalls mit herabgekommen war, noch die letzten Höflichkeitsredensarten wechselte. „Hätte ich dies im emgegengesetzten Fall, gewagt, mein Fräulein? erwiderte ich. „Darf ich Sie fragen," fuhr sie fort, „ob Sie mein Vater für morgen zu uns gebeten hat?" Hierbei reichte sie mir die Hand, und ich fühlte einen Druck, der mir durch das ganze Leben fuhr. „Ich werde kommen", sagte ich und hals dem Vater in den Wagen, welcher rasch dahinrollte und bald meinen nachspähenden Blicken entschwunden war. Ich hatte den schönsten Abend nteines Lebens gelebt. Es gibt im Leben eine Art von Glück, das keiner Steigerung fähig ist. Nach einem solchen den Tod zu finden, ist das einzige, das noch ein größeres Glück ist. Ich befand mich in einem Zustande der Aufregung, wie ich mich nie befunden hatte. Es war mir unmöglich, nachhause zu gehen und mich zwischen vier Pfählen einzusperren. Ich machte in später, ungewohnter Nachtstunde noch einen Spaziergang und sog die lindwehende Nachtluft ein, ein Labsal für ein von Wein und Liebe erhitztes Gehirn. Ein neuer Himmel that sich mir auf, der mir viel schöner dünkte als der dunkelblaue da oben, an welchem der Mond majestätisch dahinzog und unzählige Sterne in wunderbarem Glanze strahlten. Spät, sehr spät suchte ich endlich ermüdet mein Lager auf und träumte dem morgenden Glück entgegen." Die sehnlich erwartete Stunde kam, und ich lernte in Aurelie einen Geist kennen, von dem ich mich ebenso gebannt fühlte, wie mich die Schönheit und Anmuth ihrer Erscheinung bezauberte. Mit kindlicher Offenheit entfaltete sie mir die herrlichen Eigenschaften ihres reichen Gemüthes, und es bedurfte nur kurzer Zeit, dass wir uns völlig verstanden. Aureliens Vater war viel zu klug und erfahren, als dass er uns nicht hätte durchschauen sollen; er war mir sehr gewogen, und unserm Glück stand nichts im Wege als die Verschiedenheit der Religion. Anfänglich wurde hieran gar nicht gedacht, ich befand mich im ersten Rausch der Liebe. Was kümmerte mich, dass Aurelie eine Christin sei, was lag ihr daran, dass ich ein Jude bin; genug, wir liebten uns. Was fragt die Liebe nach dem Bekenntnis! So vergiengen Wochen, Monate. Allmählich stellte sich uns beiden aber der Ernst der Situation immer klarer heraus, und wir litten die fürchterlichsten Qualen. (Fortsetzung folgt.)

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