Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. April 1901 Nr. 15 Theile der Monarchie schlingen, und es wird in immer weiteren Kreisen klar werden, dass sociale Wohlfahrtsinstitutionen, die den gemeinsamen Interessen der wirtschaftlich Schwachen aller Nationen und Länder zugute kommen, nur ein mächtiges, in sich einiges österreichisches Staatsgebilde fördern können. Es zeigt sich bereits gegenwärtig im österreichischen Parlamente, dass neben der nationalen Gruppierung sich gleichzeitig wirtschaftliche Verbände zur Förderung der einzelnen Standesinteressen aus Angehörigen aller Nationalitäten bilden, und wenn auch die nationale Parteigrupierung aus dem österreichischen Parlamente nicht verschwinden wird, so dürfte immer mehr innerhalb der einzelnen nationalen Gruppen des österreichischen Abgeordnetenhauses eine Differenzierung in den kulturellen Freiheitsnnd Wisienschaftsfragen eintreten. Das Hervortreten dieser Probleme wird aber nicht nur den nationalen Ausgleich fördern, die Gegensätze in der Nationalitätenfrage mildern, sondern auch die Gegensätze in der Judenfrage und den Antisemitismus in den Hintergrund drängen. Die christlich-sociale Partei, deren Positionen, so lange Lueger, ein Mann von unleugbarem Talente, an ihrer Spitze steht, schwer zu erschüttern sind, hat ja, um ihre Herrschaft in Wien zu behaupten, bereits viele Concessionen nach Verschiedenen Seiten machen müssen. Die Judenfrage, die allerdings ein Rassenproblem ist, erfordert in den verschiedenen Ländern eine verschiedene Behandlung; es gibt Juden, die sich, wenn man sich schon dieses Ausdruckes bedient, assimiliert haben, und solche, bei denen es nicht der Fall ist. Es lässt sich eben nichts generalisieren. Thatsache ist, dass Hauptförderer des Antisemitismus die wirtschaftliche Noth und ein Tbeil der Presse sind. Zur Steuerung dieser wirtschaftlichen Noth sind sociale Reformen im Interesse aller wirtschaftlich Leidenden unerlässlich. In dieser Richtung liegen die nächsten und dringendsten Aufgaben Oesterreichs. Auch der ungarische Ausgleich ist schon aus rein wirtschaftlichen Gründen dringend für die Monarchie geboten, das gemeinsame Zollgebiet ist allerdings für Ungarn noch uolhwendiger, wie für Westösterreich. Wenn nicht unerwartete Ereignisse eintreten und nicht Missgriffe begangen werden, so ist nach den parlamentarischen Stürmen der letzten Jahre unter socialen Auspicien eine Erstarkung Oesterreichs zu erwarten; der Bestand Oesterreichs ist ja für Europa und alle Völker der Monarchie eine Nothwendigkeit. Ein Interview mit dem Aüg. Dr. Stransky. Ein Mitarbeiter unseres Blattes hatte Gelegenheit, mit dem jungczechischen Führer, dem Abgeordneten Dr. Stransky, über die politische Situation zu conferieren. Seine Anschauungen über dieselbe gipfeln in Folgendem: Die politische Lage hat sich für den Moment gebessert, ob auf die Dauer, wird von dem Entgegenkommen der Regierung gegenüber der jungczechischen Partei abhängen. Löst die Regierung ihren Wechsel ein, dann ist kein weiteres Hindernis vorhanden, dass der parlamentarische Apparat ruhig fungiert. Die Alldeutschen allein können durch keinerlei Obstruction auf die Dauer die Arbeitsunfähigkeit des Parlamentes herbeiführen. Es kommt alles darauf an, ob die Obstruction vor oder nach Bewilligung der die sich aus persönlicher Unabhängigkeit entwickeln, einen starken Nationalcharakrer herausbilden sollten — ein Gemeinwesen, wo jedes Mitglied umschlungen war von Familienbanden, die besser als Stahl und Eisen die einzelne Theile zu einem lebenden Ganzen vereinigten. Nicht der Schutz des Eigenthums, sondern der Schutz der Menschlichkeit — das ist der Endzweck des mosaischen Gesetzes. Seine Vorschriften wollen nictfl den Starken helfen, Neichthümer za erwerben, sie wollen die schwachen vor Ausbeutung und Unterdrückung schützen. Ueberall stellen sie Schranken auf gegen Selbstsucht und Habsucht, die, wenn sie ihren Lauf Hütten, die Menschheit scheiden würden in Grundbesitzer und Sclaven, Capitalisten und Arbeiter, Millionäre und Landstreicher, Herrscher und Unterdrückte. Sein «abbathtag und Sabbathjahr sichern selbst deni Niedrigsten Ruhe und Muße. Wenn die Posaunen das Jubeljahr ankündigen, geht der Sclave frei aus, die Schuld, die nicht gezahlt werden kann, ist getilgt, und die Wiedervertheilung des Landes sichert auch dem Aerrnsten seinen Autheil an Gottes Erde. Der Aehrenbinder muss etwas übrig lassen für die Nachlese, und dem Ochsen, der da drischt, darf man das Maul nicht zubinden. Ueberall und in allem herrscht das Prineip unseres vielgebrauchten Sprichwortes : „Leben und leben lassen." Und die Religion, mit der diese Lebensregeln so eng verknüpft sind, trägt ähnliche Züge. Der Idee von der Brüderschaft der Menschen entspringt die von der Vaterschaft Gottes. Wenn auch die Fornren denen Aegyptens ähneln, der Geist ist es, was Aegypten verloren hatte. Wenn auch eine erbliche Priesterschaft beibehalten wird, so wird doch das Gesetz — und das ganze Gesetz — verkündigt allem Volke. Wenn auch der ägyptische Ritus der Beschneioung beibehalten wird und ägyptische Symbole in allen Aeusierlichkeiten des Gottesdienstes sich zeigen, so ist doch die Tendenz, die Form für den Inhalt zu nehmen, aufs strengste verbannt. Erst wenn wir an die Apis und Eulen, an die heiligen Katzen und Ichneumons Aegyptens denken, offenbart sich uns die ganze Bedeutung des GeboteS: „Du sollst Dir kein Abbild machen." Und wenn wir — unter Form, Symbol und Gebot ~ den Gedanken suchen, von dem jene nur der Ausdruck sind, so finden wir den Grundzug der jüdischen Lehre, ihren Hauptunterschied von den Religionen, in deren Milte sie sich bildete, in ihrem Nützlichkeitsprlncip, in ihrer Anlvendung des göttlichen Gesetzes aus das tägliche Leben. Das höchste Wesen Mosis ist nicht eine Gottheit der grauen Urzeit und der fernen Zukunft, die weit außerhalb unseres Bereiches droben in den Wolken thront — Investitionen eintritt. Eine vorhergehende Obstruction müsste zum Sturze des Ministeriums K o e r b e r führen, eine nachherige Obstruction würde das Ministerium mit dem — § 14 beantworten. — Der österreichisch-ungarische Ausgleich wird erst dann vor das cisleithanische Parlament kommen, wenn die Regierung einer Majorität für den Ausgleich mit Ungarn sicher ist, sonst überhaupt nicht. Die Regierung rechnet auf die „Rechte" und auf Theile der „Linken", speciell auf die — „Deutsche Volkspartei". Die „Deutsche Volkspartei" kommt sowohl für die Regierung als für die czechischen Abgeordneten eher in Betracht, als die „Deutsche Fortschrittspartei", welche in allen wichtigen Fragen gespalten ist, siehe Fall S e i tz, Wahl der Delegationen. Bei einer Wahl in einen Ausschuss standen sich sogar zwei Candidaten der „Deutschen Fortschrittspartei" gegenüber. Diese Zerfahrenheit, die programmatische Unklarheit, der geringe Halt der „Deutschen Fortschrittspartei" in der deutschen Bevölkerung erschwert sehr einen deutschczechischen Ausgleich, speciell in Mähren. Der Frage eines deutsch-czechischen Ausgleiches wird man näher treten können, wenn die „Deutsche Fortschrittspartei" durch die „Deutsche Volkspartei" abgelöst sein wird. Die „Deutsche Volkspartei" wird aber auch in der Zukunft, soweit man davon überhaupt sprechen kann, der einzige Damm gegen die —Alldeutschen sein, unter deren Einfluss, auch im Punkte des Antisemitismus, die ganze deutsche Linke mit Ausnahme des liberalen Großgrundbesitzes steht. Der Antisemitismus hat seinen Sitz auf der „Linken" des Abgeordnetenhauses; sein Schwerpunkt liegt in den deutschen Theilen der Monarchie. In den slavischen Theilen ist der Antisemitismus, auch soweit er wirtschaftlicher Natur ist, nur darauf zurückzuführen, dass die Juden sich als „Deutsche" declarieren und deutschhegemonistische Bestrebungen fördern. Der Antisemitismus unter der czechischen Bevölkerung ist also anderer Natur als der deutsche Rassenantisemitismus. Es beweist dies auch der Umstand, dass speciell B a x a kein Reichsraths-Mandat erlangen konnte. Gibt es Juden in der österreichisch-ungarischen Armee? Dem allgemein bekannt gewordenen „Spass", den sich neulich Herr Lucian Brunner bei der Ausfüllung der Volkszühluugslisten gestattet , hat, indem er in die Rubrik „Umgangssprache" das Wort „h e b r ü i s ch" eintrug, liegt eigentlich ein tiefer Ernst' zugrunde. Wir haben seinerzeit in einer Reihe von Artikeln darauf hingewiesen, dass es den Juden, um ihre Nationalität öffentlich zu documentieren und sie den Behörden mit dem gehörigen Nachdrucke einzuprägen, nichts übrig bleibt, als in den Volkzählungslisten ihre Nationalität ausdrücklich als jüdisch zu bezeichnen. Nun ist aber in den zuletzt ausgegebenen Listen die Rubrik „Nationalität" durch die nicht sehr deutliche Bezeichnung „Umgangssprache" ersetzt worden, es.hätten also die Juden consequenterweise das Wort „hebräisch" unter dieselbe setzen müssen, welches natürlicherweise nicht die Bedeutung Hütte, dass die Juden hebräisch zu sprechen angefangen haben, sondern dass sie damit ihre jüdische Nationalität bezeichnen wollen. Den moralischen und den ökonomischen Effect einer solchen sein höchstes Wesen ist vielmehr Unser Gott, unser, die wir h e§u t e leben, ebensowohl als der Gott unserer Urväter, und seine ewigen Gebote bringen Glück denen, die sie befolgen, und Unglück denen, die sie vergessen — in diesem Leben. Unter den täglichen Beispielen» wie eine vordem große Religion bis zur Versteinerung erstarrt war — inmitten einer Gesellschaftsordnung, in der die göttliche Gerechtigkeit zu schlafen schien, gieng Moses das große Prineip auf, das in dem Worte liegt: „I ch bin!" Und während er in schweigender Wüste nachdachte über das ewige Weben in der Natur, über die Grenze des Lebens — den Tod, und über den Tod als Quelle immer neuen Lebens, da war es dieses „Ich bin", das wie eine erlösende Botschaft an sein inneres Ohr drang. Das Fehlen auch nur der Erwähnung eines künftigen Lebens in den Mosaischen Büchern ist nur verständlich durch die Vorzugsstellung, welche jene Wahrheit annimmt. Nichts kann den Juden des Exodus bekannter gewesen sein als die Unsterblichkeitslehre. Die Fortdauer der Seele, das Todtengericht, Lohn und Strafe in einer künftigen Welt waren das Hauptthema der ägyptischen Philosophie und Kunst. Aber die eine Wahrheit kann verdeckt oder beiseite geschoben werden durch die Intensität, mit der eine andere ergriffen wird. Und die Lehre von der Unsterblichkeit, so sehr sie auch in den tiefsten Tiefen der Menschenbrust begründet ist, kann so vermengt werden mit niederem Aberglauben und kann von Schlauheit und Selbstsucht zu einem so mächtigen Werkzeuge der Unterdrückung gemacht und so missbraucht werden, dass sie dem ernsten Geiste des Gesetzgebers als ein Mittel zur Unterdrückung, als eine Fessel des Geistes, als ein Hindernis für jeden wahren Fortschritt erscheinen muss — ein Lügengewebe, mit dem die Schlauen die Leichtgläubigkeit umstricken. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ivar offenbar iu ausgesprochener Weise vorherrschend unter den Massen des jüdischen Volkes. Aber die Lehre, die Moses in den Vordergruild stellte, und auf die er all sein Können eoncentrierte, ist oft beiseite geschoben worden von der Unsterblichkeitslehre und mag sich — bei Gelegenheit — vielleicht ähnlich dieser gegenüber verhalten. Er lehrt, dass die Handlungen der Menschen ihren Lohn findeit in dieser Welt und dass eine Nemesis existiert, die mit nimmermüdem Fuß und ntit erbarmungsloser Hand jedes nationale Verbrechen verfolgt u n d die S ü n d e n der Väter heim s u ch t an de n .Kindern — wenn es auch dem einzelnen in seiner beschränkten Einsicht oft scheinen mag, dass das Unrecht belohnt wird und die Bösen straflos ausgehen. Er lehrt den engen Zusammenhang zwischen den Individuen und der Gemeinschaft, von der er einen Theil bildet, er zeigt, wie in elnem gewissen Grade alle leiden unter der Sünde des einzelnen, und das Lebert eines jeden beherrscht ist von Bedingungen, tvelche die Gesammtheit ihm anferlegt. Es ist gerade die Bevorzugung Vorgangsweise haben wir in den erwähnten Artikeln zur Genüge dargethan. Leider war Herr Lucian Brunner der einzige, der den Muth hierzu besessen hat, und auch er hat die Sache mehr von der heiteren Seite aufgefasst. Diesen Gedankengang erweckten in uns die kürzlich veröffentlichten statistischen Daten über die österreichischungarische Armee in der „Bndapester Correspondenz". Die österreichisch - ungarische Armee wird hier nach Nationen eingetheilt und der Antheil jeder einzelnen Nationalität an derselben dargethan, wobei rein Natiönchen vergessen wird, an die Slooenen mit 2°9 Percent ebensowenig wie an die Italiener mit 1*5 Pereent. Nur die Juden fehlen in dieser Reihe. Gibt es also keine Juden in der österreichisch-ungarischen Armee? Allerdings, die kommen an die Reihe, wenn die Armee nach Confessionen dargestellt wird. Aber auch ihren confessionellen Bedürfnissen wird, da dieselben aus der Reihe der Nationalitäten ausgeschaltet sind, nicht genügend Rechnung getragen. Die Anforderungen der mohammedanischen Religion, so weit dieselbe in den bosnisch-herzegowinischen Regimentern den Behörden entgegentritt, werden in vollstem Maße berücksichtigt. Hätten wir Juden die Nothwendigkeit begriffen, unseren nationalen Standpunkt den Behörden gegenüber hervorzukehren und denselben von dieser Seite zur Anerkennung zu bringen, dann hätte derselbe, und damit auch unsere confessionellen Ansprüche, die nöthige Berücksichtigung gefunden. Der „Spass", den sich Herr Lucian Brunner geleistet hat, wäre, wenn alle Juden die Nothwendigkeit des nationalen Standpunktes begriffen und den Muth bis zur letzten Consequenz besessen hätten, zu einem für uns alle heilsamen Ernste geworden. Vom Tage. Miiller-Girttenbrurrn als Erzieher. Nach Rembrandt und nach so vielen weniger wertvollen germanischen Pinseln kommt nun der Schüler Laubes, der geniale Fortsetzer des Hauses Fourchambault, als ein Erzieher des deutschen Volkes von den entersten Gründen. Er verkündet im „Deutschen Volksblatt", dass er ein russisches Theaterstück: „Die Schleichhändler" in Oesterreich einführen wollte, aber die Behörde hätte es nicht gestattet, weil das Stück jüdische Eigenschaften charakterisiere. Der kleine „knorrige Knabe" vom Währinger Gürtel hat damit den Weg zum Herzen Verganis wiedergefunden, was ja eigentlich die Hauptsache war, und kann nun ruhig in der Freimaurerloge bleiben, aus der ihn sein Bruder Ressel, beinahe vertrieben hätte. Was das Stück selbst anbelangt,, glauben wir zwar nicht, dass die Behörde gerade an ihm ihre besondere Vorliebe für das Judenthum bekunden wollte; das fLheater des permanenten Freikartenverschleißes ist wohl das letzte, das mit seinen künstlerischen Heldenthaten irgendeine Gefahr für irgendeine Katz bedeuten könnte. Aber gewiss ist mit dem Verbot den Juden kein Gefallen geschehen. Seit dem Shylock sind schon so viel schlechte und niederträchtige Juden über die Bühne gewandelt, dass es auf einen mehr oder weniger nicht ankommt und dem Antisemitismus wird mit solch einem Verbote mehr genützt als geschadet. Das sieht man an diesem Beispiele. Nun schreitet der Herr Müller aus Guttenbrunn einher, wie der Hahn auf dem .... berge und predigt der Welt vor, was er für ein Culturträger ist und macht so Reclame für sein Theater, in das sonst dieser Wahrheiten, die den Gesetzen Mosis einen so eminent praktischen Charakter verleiht. — Er lässt die abstracten Speculationen beiseite, in denen der Gedanke sich so leicht verliert, oder^ seinen Ausdruck nur findet in Symbolen, die wieder zu einer Grundlage des Aberglaubens werden, er beschränkt sich vielmehr auf die Gesetze, von denen der Menschen Glück und Elend auf dieser Welt abhängt. Seine Lehren haben nie zu jener ihrem Wesen nach selbstsüchtigen Askese geführt, die ein so hervortretender Zug der brnhmanischen und buddhistischen Religionen ist, und von der auch Christenthum und Islam nicht sreigeblieben sind. Seine Lehre gipfelte nicht in dem Satze: „Ueberlasse die Welt sich selbst, damit Deine Seele gerettet werde", sondern in den Worten : „Thue Deine Pflicht iu der Welt, damit Du selbst glücklicher seiest und die Welt besser." Er verschmäht auch die gesundheitlichen Vorschriften nicht, die zum Wohle des Leibes dienen konnten. Was.., er in Aussicht stellte, war Friede und Ueberfluss und langes Leben und kräftige Söhne und Töchter. Es mag sein, dass Mosis Stellung zum künftigen Leben der des Stoikers entsprach, der da sagt: „Es ist Jupiters Sache, nicht die meine." Es ist auch möglich, dass sich bei ihm schon damals die Reaction zeigt, die wir in der Gegenwart beobachten können, nämlich, dass ein tiefreligiöser Geist sich gegen die Formen der Religion wendet, weil diese Formen^zn Waffen und Bollwerken der Tyrannei gemacht wurden. Sind doch selbst Name und Lehren des Zimmermannssohnes umgewandelt worden in Stützpfeiler der socialen Ungerechtigkeit. Wie sehr aber auch solche Gedanken Moses beeinflusst haben mögen, so kann ich unmöglich glauben, dass ein Mann von seinem Wandel, vou seiner Gemüthstiefe nicht weiter gedacht haben soll als nur bis zu den Grenzen des irdischen Lebens, dass er seine Festigkeit und seine Stärke nicht aus dem Vertrauen geschöpft haben soll, dass der körperliche Tod nur die Befreiung der Seele ist, dass er nicht überzeugt gewesen sein soll von der Exustenz einer Macht im All, auf die er bauen konnte, über die Zerstörung des Stoffes nnd den Untergang der Welten hinaus . . . Aber Moses sah seine Pflicht in der Ausgabe, die deutlich vor ihm lag. Er wollte den Grundstein legen zu einer Gesellschaftsordnung, in der Armut und entehrender Mangel unbekannte Dinge seien — wo der Mensch, frei von den niederen Sorgen, tvelche seine Energie zwecklos aufbrauchen, Gelegenheit hätte zu geistiger und sittlicher Vervollkommnung. Hier ragt die Größe des Mannes empor. Welche Weishett und Voraussicht dazu gehört, schon in der Wüste aus Schutzmaßregeln zu sinnen gegen die künftigen Gefahren eines geeinten Staates, davon soll die Gegenwart Zeugnis ablegen. (Schluss folgt.)